Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1913)
- Date
- 1913-05-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. XIV./II Jahrg. BeUage zur,Wiener Md. Volksstimme'. 15. Mai 1913 Seite 9 Keine Schule ohne Haus.! Äon Dr. Josef Hoff. Rabbiner in Bisenz. Seitdem das vielköpfige Ungeheuer, der Antisemitismus, in den verschiedenen Ländern unter den verschicdenjicn Vorwänden und in den verschiedensten Gestaltcn bald als Rasscnanlipathie, bald als gewissenloses Pärteimanöver, bald heimlich, bald offen die Zähne fletschend» sein Unwesen treibt, wird viel dagegen ge schrieben und gesprochen, aber wcggeschrieben und weggesprochen kann es einmal nicht werden. Schon durch den Namen charakterisiert sich der Antisemitismus als eine nach dem Blute fremder Rasse lechzende Bestie, wir müssen ihr also die Nahrung, die sic immer von neuem aufwühlt, entziehen. Es ist jedoch leider eine nicht wcgzuleugnende Tatsache, daß zu den destruktiven Elementen, welche neben den Antisemitcnhäuptlinge» an der Verrohung und Verwilderung unseres Geschlech-1 tcs nntyrbciten, auch Las Judentum ein. wenn auch geringes Kontingent stellt. Und!nutz nicht eben dieses Judentum die Ausbrüche solcher Verwilderung zu allererst empfindend Sind nicht die Juden immer die ersten Hpfer politischer, religiöser und sozialer Notstände? Sind sie nicht auch jetzt die Sündcnböckc. die Prügelknabcn für die allgemeine Unzufriedenheit und Mißjtimniung unserer Zeit? Wenn wir aber selbst an der Zerstörung des religiös-moralischen Fundaments der Welt Mitarbeiten, selbst das Beil schmieden Helsen, das zuerst unseren Stamm bedroht, wo bleibt da die ehrenvolle, biblische Bezeichnung Israels als ״eines versländigcn und weisen Volkes"? Es ist hier keineswegs meine Absicht, eine Strafpredigt zu halten, die ja nicht gerne gehört wird, aber wie denkt man sich allen Ernstes eine Religion ohne Andacht im Hause, ohne Fest- und Feiertage, ohne Ideale und Hoffnungen! Was fehlt nicht unseren Kindein von den heilsamen Anregungen. Grundsätzen, Le׳.tstccnen und Ankern, die uns in unserer Jugendzeit auf den Lebensweg mitgegeben wurden? Ein jüdisches Kind früherer Tage atmete überall, wo es ging rnd stand, den erquickenden Hauch der Religiosität ein. Fräb erwachte es und bevor es noch den ersten Bissen zu sich nahm, dankte es seinem Gotte für den süßen Schlaf und den lächelnden Sonncnblick. der es zu einem neuen fröhlichen Tage erweckt hat, mittags gedachte cs in Dankbarkeit dessen, der da speiset die ganze Welt in Güte und Barmherzigkeit, und der für jedes Wesen die passende Nahrung schuf und abends erhob es wieder den Blick zum Hüter der Menschheit, der nicht schläft und nicht schlummert. War es sodann nicht eine Lust zu schauen, wie freudig gestimmt so ein kindliches Herz war, wenn ein religiöses Fest mit dem üblichen Lichterglanz anbrach und cs mit heiligen Schauern und süß» Empfindungen erfüllte? Und heute!? Womit ersetzen wir jene von so vielen abgetane alte Methode, jene bcwährten Mittel der Erziehung zu Gottesfurcht. Littlichkeit und Pietät, zu Liebe und Rechtschaffenheit? Doch da höre ich so manchen rasch einwerien. ״Nur nicht wieder die alten Methoden! Wir bedürfen eines zeitgemäßen Gottesdienstes, müssen in der Muttcrsprachc beten, unsere Andacht durch Ehorgesang in2! verständliche, ansprechende Formen heben und in nn-1 seren Häusern keine Heuchelei, sondern wahre H: ־- zensfrömmigkcit befördern." Nun. mau beschwichtigt 0׳ gern das Gewissen, wenn auch nur durch eine Selbsttänschung. Um die Form handelt es sich hier nicht. Unsere Väter haben hebräisch gebetet, unsere Mütter ״tcchina-deutsch", wer will entscheiden, wessen Gebet dem Himmel genehmer erklang? Aber unserem Geschlechte sind größtenteils hebräische oder deutsche Gebete, Bar-Mizwah oder Konfirmation, Trop wie Melodie, Religion und Glaube, alles gleichgültig, dieser Jndiffcrentismus gegen das Heiligste und Erhabenste erzeugt ein zuchtloses, frivoles Geschlecht, das den Aut׳- scmitismns in die Hände gearbeitet und ihm die Waffe liefert, uns mit einem Scheine von Recht zu bekäinpsen. Es ist bequem, alle Fehler und Sünden von sich abzuwälzcn und auf einen geduldigen Sündenbock zu laden; in Wahrheit ist cs aber weder der Schwäche des Lehrers, noch der Unlust der Schüler, noch auch dein Mangel an geeigneten Lehrbüchern zuzuschreiben, daß der Religionsunterricht so wenig erquickende Früchte zeitigt, sondern einzig und allein den Eltern, welche die Leistungen und Fortschritte ihrer Kinder in allen anderen.Gegenständen oft mit fieberhafter Aengstlichkcit kontrollieren, sic durch Drohungen, Ermunterungen und Verwarnungen antreibcn. aber für den Fortgang im Rcligionsfache kein ermunterndes Wort haben, ja zuweilen — dafür vorhandene Sympathien im Gemüte der Kinder noch ersticken. Dringt eine Klage seitens des Rcltgionslehrers ins Elternhaus, so wird zwar manchmal eine gelinde Rüge erteilt, welcher aber das feine Kindcrauge sofort den Mangel an Ernst ansieht. Hinc illae lacrimae. Es fehlt in unseren und gerade am meisten in den gebildeten Familien quasi der .Ilefonanzbodcn, der die heiligen Tone unserer Religion, in den zartbesaiteten Gemütern und Seelen der Kinder fortwirten und widerhallen läßt. Ta ist der Herd der Krankheit, wo der Schmerz sitzt, da müssen die Wundärzte Israels, die allen Ernstes an die Heilung unserer Gebrechen denken, beginnen, zunächst die im Innern sitzende, ansteckende Materie entfernen, dann das passende Heilmittel sacken und sorgsam den Per band anlegen, und unsere Wunden iverdcn nicht bloß äußerlich vernarben, sondern sich auch völlig scktießeii. Ja. das Grundübel des heutigen Judentums ist nicht in der Synagoge, nicht in der Schule, sondern nur im Hause zu suchen, ziehen ja Synagoge und Schule ihre edeljien Säfte ans der häuslichen Religiofität. Es kann nicht nachdrücklich genug beroiil werden, wie sehr besonders der RcligionSunterrichk seine kräftigsien Lebensnerveii im religiösen Zamilienlebeit Hai. Es ilrt daher, wer die Schäden desselben zu beseitigen hofft, ohne daß er zugleich auf Haus und Familie bessernd eiuzuwirke» bestrebt ist. Viele ivohlgesiiuitr Männer in Israel wenden in gegenwärtiger Zeit ibre volle Aufmerksamkeit der gedeihlichen Eiitivicklnng des Religionsunterrichtes zu, in ihren Häusern aver in jede Spur von jüdischem Wesen ängstlich verwischt: solange jedoch Schule und Haus getrennt behandelt und nicht als eng zusammengehörende Glieder ein und desselben Rumpfes angesehen werden, ist jeder Heilversuch erfolglos. Ein rabbinisches Gleichnis erzählt von einem Sohne niit zivei Köpfen der bezüglich des väterlichen Erbes als zivei Personen gelten ivollte. Darüber entbrannte unter den Brüder ein heftiger Streit, der umt keinem Richter geschlichtet werden konnte. Ter Fall, welcher großes Aussehen erregte, war so schwierig, daß man sich cutschloß, die Weisheit Salomos anzurufen. Ter zweiköpfige Kläger erschien nun vor dem Könige, dieser ließ kochendes Wasser bringen und besprengte damit den eine» der zwei Köpfe, doch in demselben Momente zuckte auch der andere aus. ״Wie." fragte verwundert der .König. ״!ve»n der eine Kops Schmerzcn empfindet, verspürt es auch der andere?" ״Gewiß," antlvortcte jener, ״was dem einen ividerfährt. Woblbehagen oder Schmerz, das fühlt auch der andere." ״Wenn dem so ist. lautete die Entscheidung, dann bist du bloß eine Person!" — Religionsunterricht und das jüdische Haus sind solche zwei Köpfe eines und desselben Körpers. Ten einen pflegen und de» andern vernachlässigen, das wäre ividersinnig. K c ine 2 ch n l e ohne Haus! Ter Schwerpunkt der religiöse» Erziehung liegt unstreitig im Elternhause. Die Prayis lehrt, daß die besten Religionsschüler in ihrem Eifer erlahmen und daß die beim Religionsunterrichte gewoniiene Begeisterung für die Lehre» und Ideen nn scres Glaubnes bei ihnen erkalten muß, wenn sie daheim schon frühzeitig von der Bläffe des JndisferenriSinus angekränkelt werden. Ter beste Wille des Lehrers muß erschlaffen, wenn er gewahr wird, seine Mühe und Arbeit sei eitles Haschen nach Wind, und; die beste Ilnterrichtsmetdode kann ohne Mitwirkung I des Hauses, ohne Ermunterung der Kinder seitens der! Eltern nie und niininer Ersprießliches leiiten. lind so möge das Los unserer religiös verwahrlostcn Kinder die Eltern ausrütteln, daß jenen lebendigcs Beispiel und sittliche Anregnng im Hanse nicht fehle; möge die Not der Zeit unsere Bannerführer entstammen, in ihren Häusern die Pfeiler n»d Stützen unserer Religion wieder aufrichten, damit das Hans fürderhin nicht der Hemmschuh, ja geradezu der Wider- Part der religiösen Erziehung sei. möge die traurige Gegenwart sie ansporneii. nicht bloß die alte Fahne zu entrollen, sondern wieder selbst voranzilgehen mit dem Losungswort: ״Gott ist mein Panier!" Salamon Dembitzer. Bon Leo Jung. (Schluß.) Woher dieses Weh. das alle Freude lötet, alle, jede Hoffnung im Keime erstickt, das alle, die von ihm befallen, um des Lebens Helle betrügt? Warum vermag das Schöne, herrlich leuchtend im Unglück, warum dermag die Weihe des Schabbos. das traute Glück des Familienlebens keinen Trost zu bieten ini äußeren Unglück? ״Unsere Söhne haben so viel Jammer gesehen, daß sie blind worden find für das Schöne und Frohe," sagt man. Und dennoch hat Tembitzer Verse aus feiner Seele 1 geholt, die, traumhaft und verträumt, so ernst glück-1 selig versonnen und verfracht jenes stille Wohnen bc-! singen. Er hat seines Städtchens ״Jomtob" in kurzen, stillen Strichen gezeichnet und einen Teil der sterbenden Ghettonlusik mitgebannt auf seine Züge... Wa- > rum sind es Ausnahmsstimmungen, warum sind sie! jo seilen ni!d sowenig nachbauig, daß sie seinen Einv'indungeic lein zuknnflsfroyes Lickt bringen können? ieie Frage, reck» eigentlich sie Frage, an!iiiuutc uu S jüngere M!!lsenföhne. , bat uns Bio! Lit 11׳ feinen .. 2 :cknrei Hazoam" beantwortet. W!e ltee1:׳.־ unfei־ ' VeU zli sehr, fc: e!:u׳ neu! 11־ Wer: :» gn 1. aU* dnf; 11׳; 1־ ai!nelnnen fi>1u :te». ein tziol: der umreit und l׳C 1' X.׳ ieve, e,u Win: 's י:־ iiiei י;־, tonnte >o viel H'WiU) nuji.u obii :■׳; e!»liend iliiier den c dtuien feii-e■:* ies Snide!!. Ml oaven Gru 'MUK zu grollen. 1:; .:■׳,! nictu :*t ein. nein, enc - en, 1 11 fitU .... iHur nicht luci* 11 u; •»»t iponn 1::׳ werde.!. 3«. ־nu de ■;־ j ii ה : üiic II tv eifeo i.u'jfv 1er fcdns. was>־. ilun den!!nbergäugliche 11 3:e uwel der Größe und der ein seriväbilbeil a! ifgedrncki. : iegr in den vir! len und!; nun:׳. Hieu; h! ׳innden fei! liaiöien Leben: Wir ieh! u in;'!dtwe : und leider;;::du unde »:!ich iig, daß Sa-.- ׳cbei ili.HU' viuiV'i :e Unheil einem iebr liefen und ichiveriviegeiiden inneren Notnaiid nck> v.׳:•- gewachst»!;-11. Uno dceies :nneren :,oliiandes Bedeutung woge ein Wort »ezeickmen. scheinbar an freies. Freibe!! ichnnendes. n>1e die Leille!neinen. die es im Munde f üb reu. in Wabrbeil e!i! Tina. dos 11 i 1cdie >e»e Sing.׳ ranbl und obne einen Hali zu geivabren. uns hin uiO hertanmeln laßt. zweifelnd und ziellos, zwischen den Lagern nwderner Well0n>chann1.׳g. Unglaube bei׳» dieses Ding. Eder Mangel aii Ewnverlronen: im ־.'lnnnige seines rückschrittlichen Fortschrittes. Tnß kaufend Feuer geiilei. herrliche jnöisthe Genies iicl) abilninpfe!! in! grauen Ta>e!1>Lka!,1v>e. daß all die raufende jngend frischer, neu sich regender Kräfte abiierben. be!makio- und obne Erfolg, das macht euch unglänvig. Und der Eestb!ck»e Jenguis gil: euch gar intus" Janiiuerickiade um euch, die ihr noch immer nicht!lag und lebensuichkig genug leid, um die in der!»eickuckne die Regel» und Tännchen zu finden, die für euer Vo,l gellen. Hai die Geich,ckne euch nickns zu ve!vei>en ver inockn? Setzer euch m»! nieder znm Buche unseres Vo: kes, zu feiner Geichichie und versenkt euch tu ihre Wnnder. :liuckrvärtsfchanend werde! ibr <v>mt erkennen und begreifen, daß nur niedriger Glaube an fortwährende, j imincrdar ohne lliuerlaß nackt zutage krerende ־!Um;, de! gebunden in, daß der Glaube einsickilsvoller. geiil-g Heber nebender Menschen in iick ielbik seinen fenen Hall findet. Vergesset nick! daran: Es ivar!!iiü bleibt immer nur der tzewei. der ״Panem et rireenst's" ruft. Ter Geöße ׳eben, am eigene» Leibe spüren ivill. iveil!bin das feine Enipfindnngsuermögen avgebi und die in;• liche Kraft, au etlvaS feitzuhalte». was ein Mal als unwiderleglich fest und!vabr sich bewiesen, es ist das Zeichen ge,Niger Große, nid» stets nach plumpen Reckienbeweifen zu suchen oder einen Unerkannten, selb» nur Vermuteten zuliebe die Flinte ins Korn zu iverst׳». Das ist ein sehr bedeutender, geistig ältlicher Tefett bei unseren Jüngilen. Und es zerrt oft auch das 'Niveau des GefübtSnnsdrnckeS ziemlich tief hinab. Doch von Tcinbiver <011 die Rede sein. Ein kleines, grau bewölktes, sehr feines Gedick» ivill ich noch bringen, ebe ich abicklließe. Und es ii! schwer zu enischeiden, ob hierin seine Stärke liegt oder in den tief ergreife »den Golnthknwth. .Ter Weg!ii einsam und King. Tort fleht eine Blum' Verträumt.... Traurig und bang. Still ringsherum. Es scheint, verschlossen hat Gott Sie hier allein Bis ihre Seel', ihr Hier, In Stille wird vergeh'». Tie Blätetr raubt der Wind Trägt sie fort behend Sie sühlt's nicht, wie geschwind Ihr droht ihr End. Wir wollen nicht streiten darüber, welche Gattung feiner Dichtung innerstem, eigenstem Wesen entspricht. Ehne kleinliche Pedanterie ivolleii wir genießen, seiner reichen Seele uns freuen. Er iit ein Tichter. Tas fühlen wir. Und er schöpft aus dein Volke. Das sehe» wir. Reines Menschentuin sieht ihm höher als billiger Reim und wir dürfen hoffen, daß er uns immer köstlichere und tiefere Gaben spenden wird. Daß seines Innern Gegensätze die Zeichen des Sturmes und Tranges, sich ausgleichen mögen, wollen ivir ihm wünschen und aus fester Anschauung sollen dann die Verse quellen, die uns freuen und bcioegen...