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Jüdische Volksstimme · 1913-05-08 · Heft 19 (8.5.1913) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 19 (8.5.1913)
Date
1913-05-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Wiener,Wd. 8 «**1918«-9 Rr. 19. XIV. Jahrg. M Die Sefirahtrauer. Von Tr. M. Fricdländer. Tie Zeit zwischen dem Peffach- und Schabuotfesle wurde und wird heute noch als eine Trancrzeit betrachtet, weil vor ungefähr achtzehnhundert Jahren im Monate Jjar eine furchtbar grassierende Epidemie zahlreiche Schüler des Märtyrers :)i. Slfiba hinweggerasst haben sott. Es müssen daher vom ziveiten Jjar bis zum ersten Silvan — mit Ausnahme des dreinndzwanzigften Omcrtagcs ״Lag voomcr", weil an diesem die Epidcmie abgenommen haben soll — alle Festlichkeiten und! Unterhaltungen unterbleiben. Ter Uinstand jedoch, daß die deutschen Juden im Mittelalter während der Kreuzzüge, gerade in den Sesirahtagen, ein schreckliches Martyrium durchmachen mußten, dürfte dazu beigeirageu haben, daß die auf die Sefirahtrauer bczughabenden Verordnungen und Bräuche bis auf die moderne Zeit streng beobachtet wurden. Jene Vorgänge mögen hier in .stürze geschildert werden: Als Peter von Amiens sich bei seiner Anwesenhcit in Jerusalem von den Mißhandlungen, denen die Pilger dort ausgcsctzt waren, überzeugt hatte, eilte er sofort nach Europa zurück und forderte die Völker und deren Fürsten aus, die den Ehristew widerfahrene Schmach ritterlich mit den Waffen an den Türken zu räche». Barfuß und entblößten Hauptes ritt er auf einem Esel von Tors zu Torf, von Stadt zu Stadt und predigte den streuzzug. In der stirchenversammlung zu Clermont in Frankreich schilderte Peter in Gegenwart Tausender und abermals Tausender von Menschen in sehr ergreifender Weise das Elend der Christen im heiligen Lande. Auch der Papst Urban hielt bei dieser Gelegenheit eine die Menge zum streuzzug aneifcrndc und anfeuernve Ansprache. Und die ganze Versammlung rief einstimmig aus: .,Gott will es! Gott will cs!" Im Frühjahre 1095 rüstete sich alles zur Wallsahrr nach Jerusalem. Von gewisser Seite war man auch bemüht, den Eifer der streuzfahrer durch allerlei fabelhafte Erzählungen von Zeichen und Wundern wach- Zurufen und rege zu erhalten. Bei Hellem Tageslichte wollte man am Himmel zwei Männer auf bäumenden Rossen in heißem stampfe miteinander gesehen haben, von denen der eine mit einem leuchtenden streuze bcwasfnct, nach mehreren Stunden den Haldmond überwand. Das wollte wohl sagen, daß daS streuz den Halbniond überwinden werde. Hirten gaben wieder vor, daß sie in der Nacht die Stadt Jerusalem im Strnhlenglanze des Sieges am Himmel gesehen haben usw. Diese und ähnliche Erzählungen von Wundern, die man verbreitet hatte, waren danach angetan, das rohe, ungebildete Volk zu fanatisieren und zu verhetzen. Wie einst die Israeliten bei ihrem Auszuge aus Aegypten, schloß sich auch den Kreuzfahrern ein schamloses, raubsüchtiges, lasterhaftes, tief entsittlichtes Gesindel iErcw raw> an, das nichts geringeres im Schilde führte, als die Vernichtung und vollständige Entwurzelung des Stammes Juda. Das Lofungslvort dieser gelveihten Brüder lautete: ״Tic Inden 'haben unseren 'Heiland gekreuzigt, sie müffen sich daher jetzt zu ihm bekehren oder sterben." In Frankreich, Ivo die Fürsten und die Geistlichen von humaner Gesinnung waren, konnte die Mordsucht und Raubgier der frommen Wallbrüder weniger Befried!- gung finden als in deutschen und slawischen Gegenden. Angst, Furcht, Bangen und Grauen bemächtigten sich der deutschen Juden, als jene entfesselten Furien den deutschen Boden betreten hatten. Wohin die entmenschtcn Ungetüme ihren Fuß setzten, floß jüdische, unschuldigcs Blut in Strömen. Das größte Martyrium erlitten die Juden in den Gemeinden am Rhein und an der Mosel. In Trier haben viele Juden sich selbst entleibt, nachdem sie zuvor ihre Kinder umgebracht hatten, um nur nicht in die Hände der Blutmenschcn geraten zu muffen. Man sah, wie Frauen und Mädchen sich mit Steinen beschwerten und in die Mosel stürzten, da sie lieber in den Wellen des Flusses ihre Gräber finden wollten, als von den blutgierigen Bestien zur Taufe gezwungen oder geschändet und ermordet zu werden. Viele flüchteten sich in die Burg des Bischofs Engilbert, dieser war jedoch hartherzig genug, um die verzweifelte Lage der so schwergeprüften Juden zu mißbrauchen und sic zur Annahme der Taufe zu zwingen. Es sollen auch tatsächlich viele auf Vcranlaffung eines ihrer gelehrten Mitglieder, Micha, die Taufe zum Scheine angenommen haben, damit sie das nackte Leben retten konnten. Von Trier zog die Horde nach (am 3. Mai 1090) Speier und schleppte bei ihrer Ankunft viele Juden in die Kirche, um sic dort gewaltsamcrweise zu taufen. Ta aber jene die Annahme der Taufe entschieden verwcigerten, so wurden sie schonungslos niedergemetzelr. Viele Juden wandten sich an den Bischof Johannsen um Beistand, bei dem sie auch tatsächlich eine Zufluchtsstätte gesunden haben. Dieser edle stirchenfürsl, dessen Name mit Hochachtung genannt zu werden verdien!, nahm sich ihrer liebevoll an und ließ sogar gegen die geweihten Mörder einschreiien und viele derselben' strengstens bestrafen. Vierzehn Tage später kam diele Horde nach WormS, »111 hier das heilige. Werk der Menschenschlächtere! aufs nene zu beginnen. Tie armen Juden sevten sich wohl anfangs zur Wehr, mußten aber bald der allzugroßen Uebermachr unterliegen. Nur sehr Wenige nahmen zum Taufbecken ihre Zuflucht, die meisten entleibren sich selbst, ehe noch die Blutmenschen an sie herankame:!. Viele Inden haben im Patajie des' Bischofs Allebrandus eine Zufluchtsstätte gesunden, allein u!s dieser ihnen beim Herannahen der Wallbrüder bedeutete, daß er sie!!ich! länger schützen könne, eS sei denn, sie entschließen sich zur ׳Annahme der Taufe,! erbaten sie sich eine kurze Bedenkzeit. ,staun! verließ sie! der Bischof, als sie sich im Palaste entleibten. Als d:e! geweihten Kreuzfahrer bald erfuhren, daß die Juden ן sich selbst den Tod gegeben, ,vurden sie rasender denn zuvor und raubten und mordeten nachher nach Her zenslust. In ihrer besliaüschei Wm haben sie selbst die heiligen Schritten, die sie in de» Synagogen, lvie in Privathüusern gefunden, zertreten und geschändet. Von Worms zog die geweihte Mvrdbnnde nach Mainz. - Auch diese fromme Gemeinde, in deren Milte einige Dezennien zuvor der berühnue. hochverdiente :U. (derschon ״Maor hagola" segensreich geivirk!, mußte den Kelch der Leiden bis zur '?leige leeren. Bischof Ruthard forderte die Inden auf, in seinem Palajte es sich lvohnlich einznrichten und daselbst zu Venveilen, bis die Wallbrüder dir Stadl verlassen habei! werde». Tie Armen, nickns Böses ahnend, nahmen mit Freuden dieses Anerbieten an, übergaben ihre Sckiätze und Habseligkeicen dem Bischof in Verivahrung und zogen in den Palas! ein. Ungefähr 1:10(1 Inden fanden in dem großen bischöflichen Gebäude ihre Unterknnft. Allein als die »renzfahrer am L7. :Rai vor dem bischöflichen Palaiie erschienen, ivollleu die voni Bischof z!lm Schutze aufgestellten Soldaten gegen die Wallbrüder durchaus nicht die Waffen gebrauchen. ׳?Nil Ungestüm erbrachen die Blutmenschen die Türen des Palastes und mordeten in geivohnter Weise nach Herzenslust. 1300 Glaubensgenojse!1 erlitten teils durch das Schwert der Wüteriche und teils durch das ihrer eigenen Brüder den Biärtyrertod. Ter Anführer dieser Horde, Graf Emerich und der Bischof Ointhard, teilten sich die Schätze der Juden. Ein zeilgenössischer Dichter Kalonimos bei! Jchuda hat das Andenken dieser Märtyrcr durch folgende Elegie gefeiert: >vo sie ib», da er die Annaynie der Taufe entschieden verweigerte, ״zur Ebre Gottes" erdrosselten. Ter edle Erzbischof Herniann der Dritte ließ dann die Inden ans der Stadt führen und auf sieben Hrie seines Erzsliftes verkeilen, da er dachie. daß sie dor: von den nid)־ losen Horden verschon! bleiben!verden. Drei volle Wochen ver!ve!llen die armen Flüchtlinge in den H!׳!schuflen Mör:׳ .׳?lens. Welflinghofen, Aideringle störpe ustv. belrüblen Herzens und aufgeregten (steinnies. Allein die frommen Wallbrnder rninen nick» eher, bis sie den ihnen einreainenen Dvfern ans die Svur kamen und das Schlachten und Würgen ivurde aufs nene iorkgeielzt. Im ganzen sollen!nährend des Zeilraumes von!; zwei '??!analen Mai und Juni - in der Rheingeaend 1'? 000 Inden den ׳??!ärlvrertod erlmen haben. Die übrigen nahmen znm Scheine die Taufe an. die aber, als der hochherzige naiier Heinrich der Vierie. der lvährrnd dieser verbiingnisvollen Zeit in Italien beschäsiigt war. zurückkam, znm angeilammien osianben sich wieder öffentlich velennen durften. Was ivnnder!>lio. daß die Sefirainage feit Ja ln- Hunderten!11-;• Tranerlage be!!achtel!verden. Salamon Dembitzer. Von Leo!!!1 g. Sie drücken und bedrängen. Sie löten und sie hängen; Wir umso fester sind an dich gebunden. Tcn Lebendigen zn vergessen. Zu lernen ihre Messen, Sie schlagen und verwunden: Sie legen Schlingen, Hb sie uns finge». Taß von dir wir überlaufen;{!! Baals Dienst und Taufen: ׳?ln ihren Kleidern aufgejlickt. Wird das Kreuz erblickt,?luch mit Worten sie berücken: Wir bleiben dein mit gebrochenen Genicken. Tie edlen Frauen sich sputen, Taß als Hpfec ihre Kinder bluten, Väter schlachten rasch die Söhne Und schonen nicht das eig'ne Leben. Deine Einheit zu erheben Weiht dem Tode sich die junge und die schöne: ״Höre Israel!" die Lippen beben. Und. vom Bräutigan! und von der Braut Ist ״der einzige Gott" der letzte Laut: So die im Leben ivaren sich gewogen. Ten Hpfertod vereint vollzogen. (Jung, Synagogen-Poesie, S. 10.) (Fmiiesiim!!. 1 Eine 1!nHerr (stesioll. Selu Ihr sie nich!. oiefe-s Bild eiviger Not? An den Wänden iclnrnln sie einher, gedrückt,!linier und ilncinig. Hauend und heisere Worte hinansiebreienü als das einzige Ziel ihrer Wunsche? '?licht nacki irischer Luit in ׳ein Begehren, oas Be gehren des Lumpeniammlers, in der lähmenden Hitze des Sommers, nicht nach wohligem :',immer :11 :alter stnrmusilder W,nlersnach:. 'Was er will,!vonacb er sich sehn!, es sind Dinge, die kein Mensch des Aufhebens ivert hält. Lninven. stnocben, alles Eisen. Für iln! sind es Schätze. Denn zu Hanfe ring! ein hohllvangiges 'Weil׳ die arbeitsmatteu Hände, schreien bleiche Ninder nach Brot. Und für iE»! bedeuten sie?uttumi. Er sied! sein Kind, mit neiden Händen das Bro! hallend, d>!s ihm die glsickisibe '??!'niier gereich!..,. Er sirln. nne die Lnnipen sieh znsainmentnn. wie ein ivarmer. icnner?tzinterniantel sich ans ihnen siysilr, ׳ne die!reue <'1efjiJf!!1 feines Lehens. Und die stnochen. Fleisch fe 131 sieh iknien an. der Bralrn an! Sehahhes, sie gebe» ihr??iart her für Lichter, die das ärinliche Slsihrhen »in zaiiher- Hafter Prarln hefcheinrn..straf!, Leben und Freude sind seiner mühevollen '!Lege harrende endliche :siele.. Und wenn von tausend Versuchen der drille gegluckt, dann ist sein Hoffen ins Endlose gestiegen, dcinn kriecht er in seine leidgehengte Seele, der Hoclinini der :11׳ men, der sich stönig dünkt, der (stlncksn'nbn der '??!iß glückten,... Bis die '?lach! komm: und die Sorgen!׳eranschleickien. langen, endlos!cingen höhnenden, nein senden Schlangen gleich, sinn ins Herz dringen, vrennendes Gin träufeln in ׳ein wildhäiniiierndes Herz, die aufienfzende Brnii. sich schlingen mn seinen Hals, seinen?item nmiiricken. daß er nur an,schreiend sich Lust schassen kann von seinem Jammer ... Und nun werde» mir Deinl'itzer rechl vernehen und seiner reichen liefen Emvsindiing lauschen mu ver halleneni?Nein: Der Lniiipeiifniniiiler.?! Sack ans die Pleizes'׳, den! :lincken gevoigen.?> Hals, asa darren, nn lang ansgezoigen?l Ponim, a vleichen. die Ligen mm Träten?1 Stimm!׳, a »inde, sie loßl sich nor Heeren: ״Luinpen, Knvchen, Eisen!" In Hnisre, in groiße, dort ist er kein Fremder Tie?!eiche, sei schenken sinn Hoisen nn Hemden Und 1eilmo>-i, nit selten beknmuit er auch Blicken,?!or wos? -?l Geivohnheit! Er tot es deritickeu: Wenige Tage nach dem Gemetzel in Mainz erschienen die Wallbrüder unter dem?lnführer Hermann Zimmermann in Köln. Tie braven, leutseligen Kölner Bürger nahmen sich der so hart geprüften Bekenner des Judentums brüderlich an und bargen sie in ihren Häufern. Tie rasende Rotte war entrüslek, als sie die jüdischen Häuser leer fand und zertrümmerte in ihrer Wut, was sie an Holz und Stein vorgefunden hatte. Tie Synagoge wurde vollends zerstört und die darin verwahrten heil. Gcsetzesrollen auf die scheußlichste Weise geschändet. Ten jüdischen Gelehrten Mar Jsak, der sich nicht geflüchtet hatte, schleppten sie in die Kirche, ״Un teiimol, ui! selten, hekomml er auch Blicke,!!" Kennt ihr sie, diese Blicke? GIncklich ihr. daß ihr sie nicht kennt. Stellt euch einen frechen, hochmütigen Kerl vor. der dem Armen von der Höhe feines Geldschrankes verächtliche Blicke zuwirft, ihn rvb anfäkrt! Bäumt sich nicht das Ehrgefühl auf i» ihm? Lebt denn ' wirklich nichts mehr von Selbilbewußlseiu in seinem vielgetretenen Innern?.A Geivohnheit! Er tot es dersricken!" Tenn, lvozu sich auslehne», lvo Zich-Auslehueu Hunger bringt und Schutzlosigkeit vor Sturm und Frost? Und schwindet nicht von selbst alle eitle Selbstgefälligkeit, wenn ein rührender Kinderblick ihm dankt? Dankt für die Früchte seiner ״Ehrlosigkeit"? ו M it 4 V» 3d)u(tcrn. -'׳ manchmal.

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