Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 17 (21.4.1913)
- Date
- 1913-04-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. ״Jüdische Volksstimme." Nr. 17. int schneeweißen Linncngcwand begleitet, schreitet gerade zum Dienste dem Tempel zu. Levitenchöre ertönen, dazwischen wieder blasen die Priester auf ihren silberucn Trompeten, da teilt sich die Volksmenge und König Salomo in seiner jugendlichen Gestalt erscheint und ihm folg! der ganze Hofstaat. Alles erweist dem Sohne des großen David, dem weisen Könige, dem Erbauer des herrlichen Tempels, der wie ein Vater mit seinen Kindern an heiliger Stätte erschienen ist, um den Herrn, ״der über de» Cherubim thront", zu huldigen, die gebülncndc Ehre. Auch Gäste des Königs, ״die nicht vom Volke Jsracl ivarcn und aus fernem Lande kamen, um des göttlichen Namens willen und deren Gebete hier Gott auch erhören sollte" (1. Köu. 8. 41), waren aus dem Tempelberge anwesend. Diesmal war cs die berühmte ״Königin von Saba", die ״voin Rufe Salomos und dem Namen des Eivigcn vernommen", heute mit ihrer vornehmen und großen Bcglcitcrschar, in von Gold strotzenden Prachtgcwändcrn, an heil. Stätte erschien, um der glänzenden Fcstesicier bcizmvohncn und ״den Herrn der Heerscharen" zu preisen, der von seiner Weisheit Salomo milgeleilt, ״an ihm Wohlgefallen gefunden und ilm aus deit Thron Israels gesetzt hat", (1. Kön. 10. «,׳.! Die Priester sprechen das ״Es segne Dich und dcbüte Dich der Ewige!" mit lauter Stimme und at des Segens letzte Worte: ״Gott gebe dir Frieden!" verklungen, stimmen neuerdings die Leviten ihre HerrlidKi! Gesänge an, dieselben mit lautem, vielstimmigem -Hallelujah endigend. Nur schwer entschließen sich unsere frommen Pilger dazu, den Tempclbcrg zu verlasse», sie gehen, um am tommcnden Morgen wieder ״vor Gott zu erscheinen" link der feierlichen Darbringung des ״Einer" von den erste» reisenden lsterstenähren bcizuwohncn und dadurch dem hitnmlischcn Vater für das neue Getreide, das demnäcl'st reis eingcheimü ivcrden soll, aus vollem Herzen zu danten. Die übrige :feil, nachdem unsere Festgäste an Speise und Trank ״nach dem Segen des Ewigen" sich geträstigt, wird zum Besuche bcsrcundcter Familien, zum A»hören von Neben gottbcgcislcrtcr Propheten und Dollslehrcr und zur Besichtigung der Schcnswürdigteilen Jerusalems, zu deren größten nächst dem Tempel, der neue königliche Palast auf dem Berge Zion mit feinen Schäl?cn gehört, verwendet. Unsere bleisenden kommen bei ihren! Wege durch die Stad» und um dieselbe herum an einem Tale vorbei, das als das gefürchtete ״Tal Hinnom", als ״Ge- Hiunom" oder ״Höllental" von den Begleitern unserer lvistbegicrigcn jungen Pilgerschar derselben bezeichnet ivird ״Geben wir ohne Aufenthalt vorbei!" spricht der Vater!, ״in diesem Tale, das vor Winden durch die dasselbe umgebenden Hügel geschützt ist, haben die Heidnischeu Kananiter und zuletzt die Jebusiicr, bevor noch unser .König David die Stadt eroberte, ihre .Kinder den Götze» zum Lpier gebrach! und gar oft widerballte von den Wanden ringsum das Geschrei der!11,glückliche!! Geichöpse, die, während die sanalischen Götzeuanbetcr die Paule heilig schlugen, von ibrcn eigenen heidnischen Eltern mit Hilfe der Priester des- Moloch i» die glühenden ׳Arme dieses abscheulichen tnpsernen Götzen gelegt wurden, um nach wenigen Augenblicken ihr kurzes Dafein unter den größten Schmerzen und Dualen zu beschließen. ״Verlassen lvir nur so rasch als möglich die Gegend dieses ״Ge-Hinuom", das an den gräßlichen Götzen- Dienst erinnert," fährt der Vater fort, ״und danken wir tüotl, daß er am Sinai Israel und durch dasselbe der gesamten Menschheit es als zweiles Gebot besonders ans Herz legte, keinerlei Götzen anzufertigen und kein fremdes Wesen an Stelle Gottesanzubctcu und zu verehren. Denn dieser Götzendienst!vor cs immer, der zu den schrecklichsten Verirrungen der Menschheit geführt bat. Danken wir Gott auch, daß nach den lnannigfachen .Kriegen unseres Königs Dav.id Jerusalem den Heiden entrissen und dem Gottesvolkc ganz überliefert wurde, damit ״von Zion die Gotieslchre auSgchc und das Wort Goltcs von Jerusalem!" Bald hatten unsere Pilger das- Hinnomtal aus den Augen, alle atmeten leichter auf, inan stieg empor und stand vor dem Palaste Salainonis, an dem dieser dreizehn Fahre gebaut batte und der die seltensten .Kunstschäpe barg. AIS sic im ״Hause des Libanon-Waldes" den prachtvollen Thronsaal betraten, in welchem Salomo immer Recht sprach und den aus Elfenbein und Gold angcscrtigien Thron erblickten, zu dem sechs Stufen hinausführten, mit je zwei Löwen, lagernd auf jeder Stufe, und je einem Löwen zur Rechten und zur Linken des Thrones, da hörte man Worte der höchsten Be- Wunderung. Noch eines sollt Ihr sehen, sprach der Varer: da-S Schlasgemach unseres großen Königs, das in Augenschein zu nehmen uns heute gestattet ist. Sechzig von den Helden Israels Incltcn rings um dasselbe während der Nacht stets Wache, jeder derselben gepanzert und init blankem Schwerte umgürtet, um den geliebten König Salomo vor jeder nächtlichen Gefahr, - die ihm etwa von außen her, nie aber von seinem ihm in wahrer Liebe und Verehrung zugctancn Volke drohen sollte, zu beschützen. (Hohelied 3, 7 bis 10.) Das Himmclsbctt des Königs, aus Cedcrnholz vom Libanon angefcrtigt, auf silbernen Fützcn stehend — die Decke war von feinstem Golde, das Lager purpurn und mit kostbaren Stickereien versehen — erregte die höchste Bctvundcrung; nicht genug sättigen konnten sich die Augen aller an diesem wie an den anderen herrlichen Kunstwerken des Königspalastcs. Beim Verlassen desselben fällt den Pilgern, angrenzend an die Davidschc Königsburg der Davidsturm — Migdal David — auf, auf dessen Spitze in den Farlen Judas eine riesige Fahne flattert; diese trägt als Wappen den Löwen des Stammes Juda, dem König David und sein weiser Sohn Salomo entsprossen. ״Diescr Turm, aus gewaltigen Quadern erbaut," sagte Vatcr Ascher, ״wird Jahrtausende überdauern und an den großen königlichen Dichter und Helden erinnern. Und sollten selbst die großen Quadern dieses Turmes einmal verlvittcru, die herrlichen GotteSliedcr, die Psalmen, auf dem ganzen Erdcurunde gesungen, werde» immer noch von der Größe Davids erzählen, nie alt werden und die Herzen aller Andächtigen zu Gott erheben." ״Seht ihr, liebe Kinder, im alten Königspalast dort jenes große, verzierte Fenster?" rief der Vater, auf dasselbe hinzcigcnd. ״An demselben hing immer die Harse Davids and drinnen, recht nahe beim Fenster, schlief der große .König bis Mitternacht. Um diese Zeit fuhr der Nordwind in die Saiten des Instruments, die zu spielen begannen, der greise König erwachte, nahm die Harfe zur Hand und sang bis zum Morgenanbruchc seine frommen Lieder zu Ehren seines Schöpfers, der ihn vom Hirten zum Könige über sein Volk Israel erhoben hatte."!Talmud Bcrachot 3b.) Zum Schlüsse wurden von den Gästen noch die ״löniglichcn Gärten" besucht, in denen Salomo nach des TageL Arbeit sich erging und gar viele seiner 3000 Sprüche. Mischlc genannt, das Hohelied — Schir haschircm — und noch manch schönen seiner 1005 Gesänge mit ■1־ dem Schalten dichtbelaubter Bäume schuf. Die im Traume waren bald die glanzvollen Festtage unseren Pilgern entschwunden, und nun hieß es, Jerusalem verlassen und zur gewohnten Arbeit heimtväits ziehen. Am schwersten konnte sich die Jugend von all dieser Pracht und Herrlichkeit trennen. ״Jetzt, meine lieben Kinder", rief der Vater, auch von einer wchmütigeu Stimmung erfaßt — die Trenuuug von der heiligcu Stadt fiel auch ihm schwer — ״jetzt heißt cs Abschied nehmen von Zion, aber nur für wenige Woche», dann kommt ״Tcheivuoth", das Wochen- und Erstlingsscst, da ergeht neuerdings an Euch der Nus: ״Auf ni.ch Jerusalem!" und reich beladen mit den Erstlingsgaben, bic Gott uns bis dahin im Garten und auf dem Felde reisen läßt, ziehen wir wieder freudig ein durch Zions Tore." * To meine lieben jungen Leser und Leserinnen, war cs vor bald;5000 Jahren. Von der herrlichen königlichcn :klesidcnz des weisen Königs und den sic schmückenden 300 goldenen Schilden, den 200 Panzern a1׳S geschlagenem Golde und sonstigen wertvollen Kunstwerten, von dem Pracht- und Himmelbett Salomos, von dem Thronsaal und dem zierlichen Thron mit seineu goldenen Löwen ist heute keine Spur mehr Vorhaltdcu; die Thora ist der einzige aber auch kostbarste, unveräußerliche Schatz, der uns als Erbstück unseres großen Lehrers Moses und unserer großen Vergangenbeit mit den anderen Büchern unserer heiligen Literatur geblichen ist. Von dem Tempel, der Gott zu Ehren von Salomo aus dem Berge Moria erbaut wurde, steht jetzt nur noch eine altersgraue Mauer, deren Riescnquadcrn dem Zahne der Zeit trotzen und zu der noch heute unsere frommen Glaubcusbrüdcr wallfahren, um daselbst, der alten glorreichen Zeit gedenkend, zu Gott zu beten. Doch kommt dereinst sie wieder. Die freudenvolle Zeit. Zur Ehre Gottes Lieder Mau singt dann weit nud breit. Auf heiliger Erde wohnen Zufrieden wir und Ehr', Gott wird inmitten thronen Und ist uns Schutz und Wehr'. Den Tempel werden bauen Viel tausend Hände neu Und Völker werden schauen. Daß Gott wir blieben treu. Ein Frcundschaftsband umschlinget Tic Menschen alle dann. Ein Jubellied erklinget» Gott dient dann jedermann. Literatur. Aus der dramatischen Literatur. Von Zeit zu Zeit frische ich mir die Lektüre solcher Schauspiele auf, die einst erfolgreich gewesen sind. Daß darunter Leo Ebermanns ״Athenerin" (I. G. Cottas Nächst, Stuttgart) nicht fehlt, ist selbstverständlich, hat doch gerade diese Tragödie kein Geringerer als Ludwig Speidel mit einem Hinweis auf Grillparzers Einfluß begrüßt. Freilich ein neuer Grillparzer ist in dem Autor, einem galizischcn Juden, nicht erstanden, aber sein Draina verdient noch heute Beachtung, zumal wegen der sauberen Sprache und der geschickten Szencnführung. Veraltet sind nur die kleinen Monologe und der tragische Dolchstoß. Phryne überlebt den Agis: sogar der stärkste Mann erliegt der schönen Frau. Und ist die es so wert? Sic kehrt ja doch zur Epikur zurück. Zwar ist nicht jede eine Phryne von Beruf — aber wieviele sind cs im Innern? Und Agis geht an ihr zugrunde. Er derläßt sein Vaterland, seine Freunde, gibt sein besseres Ich auf und wird der Phryne Sklave, ein neuer Agis. Noch erwacht in ihm der alte, er will Athen der Heimatsstadt prcisgebcn, allein Phryne verrät ihn für Diamanten. Nach dem finsteren Sparta mag sie eben nicht ziehen. Nur in Athen lockt sie das Leben, und sei es auch ohne Agis. Ihr heiteres Athen soll man nicht vernickten, eher den betörten Mann. Und so geschah cs. Damals. Und geschieht heute noch. Um dieses allgemein gütigen Inhalts willen, der durch die klassische Form geadelt erscheint, sollte man das einzige Drama Ebermanns wieder einmal aufführen. Es ist vielleicht trotz der Glätte weniger cpigonenhaft als so manches moderne Stück in Versen. Ein ähnliches Schicksal war Ludwig Fuldas ״Talismann" > I. G. Cottas Nächst, Stuttgart) beschieden. Anfangs überschätzt, wird es heute verkannt. Und ist cs doch eines der geistvollsten Märchendramen. Im Aufbau zeigt sich zwar tvcnig Einheitlichkeit, denn durch das Jncinandcrspielcn der vielen Fäden wird die Wirjung des Hauptmotivs beeinträchtigt, aber ciuzelncs ist poetisch erfaßt, und nicht ohne Größe. Der Vers ist sein und stcllciuveisc kraftvoll. Einige Szenen strotzen von Komik und entbehren nicht der Lcbenscchtheit, so daß man bcrgjßt, ein Märchen vor sich zu haben und wähnt, ciilnahres Begebnis mit zu erleben. Das Märchengcwand ist da eben so unsichtbar wie Omars Zauberlieid, das er dem König versprochen hat. Das die Majcsräi dem Volke in Unterhosen vorgcsührt wird, dürfte mn strenge Monarchisten verletzen, nicht aber jene, die Sinn für Menschliches, Allzumcnschliches haben und vor dem Königsthron, der doch auch nur Menschenwerk ist, nicht zusammcnknicke». Maddalena tritt zu sehr in den Hintergrund, Lmars Plan stockt einigemal in der Ansführung, und locnii er endlich doch gelingt, so nur infolge der sichtbaren Anstrengung des Dichters. Alle diese Schwächen überstrahlt der Grundgedanke, daß der Blut zur Wahrheit bin Talisman sei. Ucberdics ist die Verkettung zu loben, daß Omar der Sohn Gandolins ist. den der König vertrieben hat, weil er kein Schmeichler war wie Bcrangcr, der Verräter. Ein fast gretchcnhafter!!!rischer Zug ist an Habakuks Tochter, Rita, wahrzunehmen, die im Gegensatz zum griesgrämigen Vater stets zufrieden und froh ist. In ihr ist wie in Maddalena, reinste Wahrheitsliebe verkörpert. Wahrheit in der Umgebung des Königs? Mit dieser Frage entläßt uns der Dichter trotz der befriedigenden Lösung. Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube... Ein solches Stück konnte nur einem spekulativen, um nicht zu sagen jüdischen Kopf entspringen. In die Gegenwart führt uns Artur Schnitzlers ״Freiwild" (S. Fischer, Berlin), ein Drama, das sich trotz des straffen Aufbaues und des männlich starken Tones auf den Bühnen nicht lange behaupten konnte. Von Schnitzler hat man immer nur liebliche Stücke wie ״Liebelei" und geistreiche Dialoge wie ״Anatol" crwartct und kam er einmal anders, so fragte man: Wo bleibt das süße Mädl? Es fehlt wohl auch nicht in ״Freiwild", aber es ist nicht Beherrscherin und Mittelgestalt des Dramas. Auch das Sterben ist nicht hier wie sonst bei Schnitzler: Der Tod ereilt hier allzurasch und grausam den Helden. Tcr stirbt, weil er sich über die konventionellen Anschauungen kinwcgsetzt. Er stirbt, weil er einem Karinskt begegnet ist. Wäre alles ohne die Auseinandersetzvngen über das Duell abgelaufen, so wäre ״Freitvild" kein Tendcnzstück und künstlerisch wertvoller. Allein Schnitzler wollte einmal auch Stellung nehmen und gegen einen Auslvuchs des gesellschaftlichen Lebens auftreten. Einmal mehr Mensch als Dichter sein. Und wirklich: