Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1913)
- Date
- 1913-04-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. ״Jüdische BolkSstimme." Nr. 16 dern, im Wagen, was auf die Auffassung der Bczirkshauptmannschaft von dein Begriff ״vertrauliche Besprechung" ein merkwürdiges Licht wirft. Was sich bei dieser-vertraulichen Bcsprechnng zugetragcn hat, weis; man allerdings nicht, denn das Referat des antisemitischen ״Czech" isr wenig Plausibel. Danach hätte P. Hrachovsky in dürren Worten sich gerechtfertigt und nichts weiter gesagt, als das; seine Person zu dem Selbstmord in keinen Beziehungen stehe. Und trotzdem hat der Ncgierungsvcrtreter diese Harmlose Aussprache unterbunden und die Bcrsannnkung aufgelöst. Das wird keinem Unbefangenen einlenchten, besonders wenn er die Hillelsgeduld unserer Verwaltungsbcamtcn in klerikalen Versammlungen zu bewundern Gelegenheit hatte. Verständlicher wird die Handlungsweise des Negierungsvrctrctcrs, tvcnn itian aus den Szenen, die sich nach der Versammlung abgespielt haben, auf den Inhalt der Reden schließt, mit denen man die Zuhörer gespeist haben möge. P. Hrachovsky und Redakteur Myslivcc protestierten gegen die Auflösung und eilten zur Bezirks- Hauptmannschaft, die fanatisiertcn Vcrsammlungsteilnehmcr, etwa MO Menschen, größtenteils Frauen, folgten ihnen und nun ereigneten sich Szenen, wie sie Kolin bisher noch nicht geseben hat. Jüdische Frauen, die zufällig des Weges kamen, wurden mit Geschrei und Verwünschungen verfolgt. Auch evangelische Christen wurden von der tollwütigen Menge insultiert. Mittlerweile bat sich P. Hrachovsky in das Gebäude der Bezirkshauptinannschaft begeben. Die vcrsammclten Weiber fuhren indessen in ihren Schmähungen gegen Inden und Gendarmen fort. Man hörte die Rufe, daß die Gendarmen die Leiche des Dienstmädchens Pavlik nur deshalb bewacht hätten, damit die Christen nicht zu ihr gelangen tonnen, damit sic nicht sehen, daß sic von den Juden erschlagen worden sei und daß ihre Wunden mit Kitt verklebt waren. Da gleichzeitig ein Brand in der Vorstadt Zalabi wütete, brüllte die Menge laut: ״Wenn lieber die Judcngassc abbrennen wollte!" Sobald sich irgendwo ein Jude auf der Gasse zeigte, sagte ihm die Menge nach, voran ein etwa Msähriges Mädchen mit erhobener Hand, die Weiber blökten und streckten die Zunge nach ihm aus. Ein altes Weib schrie: ״Auch mich wollten sie töten, steckten mir einen Spund in den Hals, knebelten mich und schleppten mich bis zur Fabrik in Zalabi, aber ich lief ihnen davon." Als sich auf der Gasse zwei Gendarmen zeigten, wurden sie ebenfalls mit Okeblöke begrüßt und die Weiber wollten sich auf sic stürzen, wurden aber von einigen männlichen Dcmonstranten beruhigt mit den Worten: ״Die Gendarmen Gregor: ״Hast du denn, verfallene Seele, gehört, lvas ich ausführen will? — Als ich in den Krieg gegen die gottlosen Muselmänner zog, was hieß da ein Glas Schnaps? Um eine Kopeke bei Okitl! — war's zu haben. Sie lebt sa noch, die Jüdin Cliaika! .... Und blieb man ihr auch was schuldig, kein Wort sagte sie. Ein kluges Weib war cs, glaubt mir! Sie wußte ganz gut: mit einem Russen darf eine Jüdin keinen Streit haben!.... Jetzt aber kann sich der russische l'icimi mit Wolgawasser anschlampeu, wenn er vor Durst vergeht. Alles haben die Regicrungskrähen an sich gerissen. Wer kann sich um 80 Kopeken eine Flasche Schnaps lausen? Ich sag euch, bevor noch das heilige Osterfest ins Land zieht, sollen Hundcrttauseude von den Unterdrückten in die O'.ouveriicmeiitssiadt ziehen und eine Revoiution machen: sie sollen Konstitutia! schreien und brüllen, daß es den Tschinowniks durch Mark und Bein geht!...." Feodor, ein rothaariger, pockennarbiger Kazag, siel ihm aber ins Wort: ״Fürwahr, du bist ein sinnloser Plauderer! Wer kann gegen die Obrigkeit was ausrichten? Haben wir cs nicht schon öfters versucht? — Gleich sind die Kosaken bei der Hand und zerfleischen uns mit den Nagaiki! Aber einen Pogrom, den können wir machen! Wir brauchen es nur dem Popen zu äußern und er steht uns bei.... In Kiew war ich bereits zweimal bei einer solchen Hetz mittätig. Da hat's können nicht dafür, sic müssen machen, was man ihnen befiehlt." Pater Hrachovsky blieb etpas längere Zeit auf der Vezirkshauptmannschaft, seiner Verchrerinncn bemächtigte sich große Unruhe. ״Wir haben unserer Prediger herbegleitct, wir gehen ohne ihn nicht weg. Gebt uns ihn zurück, wir rühren uns nicht von hier! Was macht Ihr dort mit ihm?" Die wild gewordenen Frauen bcganneu wie verrückt hin- und hcrzulaufen. Eine von ihnen schrie: ״Zeigt uns die Briefe. Warum versteckt Ihr das Gerichtsprotokoll? Ihr seid von den Juden bestochen!" Ta kam aus dem Gebäude der Bezirks- Hauptmannschaft der Kaufmann Brzczina heraus und gab bekannt, daß die Vresammlung bewilligt worden sei, aber nur gegen Eintrittskarten. Tie Menge jagte im Sturm zum Gast- Haufe Ptaczck zurück. Doch nach kurzer Zeit wurde auch diese Versammlung aufgelöst und die fanatisiertcn Weiber schrieen jetzt noch mehr als früher und stießen gräßliche Schimpfworte gegen die Juden aus. Ein kleiner P r i e st c r rief: ״Die Zeitungen wollen cs ihm nicht veröffentlichen und wenn er sich in der Versammlung verteidigt, so lösen sie ihm sie auf. Es bleibt jetzt nichts anderes übrig, als daß sic uns alle erschlagen." Das war das Signal zu erneuertem Lärm, der erst dann sich legte, als die Weiber auscinandergcgangen waren. Nur der Beson- Neuheit der übrigen. Bevölkerung ist es zu danken, daß cs nicht zu ärgeren Exzessen kam. Einige Juden, die zufällig den Weg der Demonstranten kreuzten, konnten sich nur durch schleunige Flucht vor Mißhandlungen retten. Soweit also haben es die gewissenlosen Hetzen gewissenloser, unvcranwortlicher Subjekte gebracht. Natürlich sucht die antisemitische Hetze die Stimmung im Volke für ihre Zwecke auszuschroten und geht in ihren Verdächtigungen und Anschuldigungen weit über die Grenze des Erlaubtcn hinaus, ohne daß es der Staatsanwaltschaft, die gerade in der letzten Zeit in Böhmen eine große Gewandtheit im Konfiszieren der Blätter erlangt hat, einfällt, auch gegen die antiscmitische Hetzprcsse nach den Paragraphen des Gesetzes vorzugehcn. Der ״Czech" darf z. B. im Anschluß an die Äoliner Affäre ruhig schreiben, daß die Pavlik von den Juden zu rituellen Zwecken abgeschlachtct worden ist, er darf den offiziellen Gerichtsbefund fälschen und erklären, die Leiche hätte schwere Wunden aufznweisen gehabt und ein Arbeiter, der darauf aufmerksam machte, sei sofort cingesperrt worden. Mit besoliderer Genugtuung stellt dann das Blatt am Schlüsse seiner Ausführungen fest, daß es dem Redakteur Myflivec, obwohl er nur 10 Minuten von Schnaps geregnet.... Und die Komödie! Wenn der Satan Schnaps einem herumtanzt, Landsleute, da brüllt man, wie ein Stier, zertrümmert Fensterscheiben und Spiegel, daß die Splitter nur hinsausen» Packt einen Juden an und würgt ihn, daß er blau wird, erwischt eine Jüdin und macht mit ihr, was man will! — Glaubt mir, ich selbst Hab zwei Judenkinder wie Heringe auseinandergerisscn und Hab im Dusel das spritzende Blut gleichsam Kwas") gesoffen! Verkühlte Mütter! Dieses Vergnügen kann nur derjenige verstehen, der es ausgekostet hat! Und was zum Teufel! Da geschieht einem Rußen nichts! Ich sag euch, kein Haar wird ihm gekrümmt. — Was Kosak, was Gorodowoj? — Nicht der Satan schert sich darum! Und einen Haufen von Fünfkopekenstücken bringt man nach- Hause und was sonst noch einem in die Hände fällt...." Iwan, ein graubärtiger Arbeiter, der viele Jahre beiin Militär war und es bis zum Lwodni als Feldscher brachte, fällt Feodor ins Wort: ״Begeile dich doch nicht, du Nabenaas, ist denn das Morden und Stehlen ein gar so gottgefälliges Werk?" ״Hahaha!" lachte die Menge, ״wenn es die Popen guthcißen, mit Fahnen und Heiligeirbildern voranzichen, wird Wohl die Sünde abzubüßen sein, hahaha! was?" Iwan aber fährt fort: ״Die Popen sind lang zu dem Volke sprechen konnte, doch gelungen sei, das aufgeregte christliche Volk zu informieren und die Fackel der Begeisterung in die Reihen des christlichen Volkes zu werfen. Wohin diese Begeisterung führt, haben die Vorgänge in Kolin in erschreckender Klarheit gezeigt. Wohl werden mit dieser Fackel der Begeisterung in unserem Zeitalter keine Scheiter- Haufen mehr angezündet, die Begeisterung macht sich aber in anderer Form Luft, vorläufig löst sie Beschimpfungen und Schmähungen aus. Sache der Juden ist es, die Behörden auf diese Wirkungen nachdrücklichst aufmerksam zu machen und rechtzeitige Abhilfe zu verlangen, damit nicht versucht wird, die lohende Begeisterung durch Judenblut zu dämpfen. Das ist das offensichtliche Ziel, welchem die Schwarzen mit ihrer Rotte systematisch zusteuern. Die jüdischen Reserveoffiziere im Deutschen Heere. Wien, im April 1913. Im 3teichstag wird ebenso wie in unserem Parlament die Budgetdebatte, die in der Regel den breitesten Ilmfang einzunehmen Pflegt, dazu benützt, um ein gut Teil der schmutzigen Wäsche, die sich an den Verwaltungsstellen ansammelt, durchzuhccheln und gründlich zu bearbeiten. So kam es in der vergangen Woche bei der Beratung der Post ״Militäretat" zu einer ausgreifenden Besprechung der Frage der Zulaßung jüdischer Freiwilliger in das Neserveoffizjerskorps, die von den bisher abgeführten Debatten in dieser Frage schon dadurch stark abweicht, daß endlich einmal klipp und plar gesagt und zugestanden wurde, daß keine Macht im weiten Deutschen Reiche dem Willen des Offizierskorps entgegenzutreten vermag, daß niemand, und auch nicht der Kaiser, die Offiziere ziu.׳ Anerkennung der Verfassung zu zwingen, die Mittel hat. Abg. Gothein befragte den Kriegsminister, wieviel jüdische Einjährige im letzten Jahre zu Offizicren befördert wurden, und fügte hinzu, daß es bei den meisten Regimentern immer mehr Ilebung werde, die Juden von vornherein vom Vorbereitungsdienst zum Reserveoffizier auszuschließen. Abg. Gothein nahtn sich auch weiterhin kein Blatt vor den Mund und erklärte, daß diese Praris des Offizierskorps einen offenen Verfafsungsbruch bilde. Der preußische Kriegsminister antwortete auch und, wie man gestehen muß, eindeutig und klar. Er meinte, daß es aus früherer Zeit noch ein bis zwei jüdische Reserveoffiziere gebe. Er gebe auch zu, daß antisemitische Tendenzen für die Nichtzulassung der Juden in das Reserveoffizierskorps geltend seien. Die Verwaltung des Staates wünsche zwar, daß nicht die Konfession, sondern nur die Fähigkeit entscheiden soll, aber der Kaiser lehne cs ab, in das Wahlrecht der Offiziere einzugreifen. Und nun macht der eurer würdig! Der prawoslawni Glaube ist edel und erhaben, aber die ihm vorstehen, die Popen, verherrlichen gleich euch den Schnaps. Sie sind eben so ideal, wie ihr alle es seid!" Feodor: ״Was ist denn das für eine Mißgebürt: Ideal? Der Wotki erfreut das Herz und erhebt die Seele. Er lebe hoch!" Iwan: ״Der Schnaps ist es eben, der euch entinenscht und zu Bestien macht, darum erkennt ihr nicht, was gut und was böse ist!..." ״Alle: ״Der ist übergeschnappt, er weiß nicht, was er plaudert!" Iwan spricht weiter: ״Seht, die elenden Juden leiden gleich uns, ja noch viel tnehr, sie sind desto mehr geknechtet und entrechtet, weil sie nach Freiheit schreien. Ihr wißt cs gut, von dein Wort wollen die Tfchinowniki nichts hören. Wohl gibt es auch einige reiche Juden, aber wieviel? Eine Handvoll, die andern aber sind Luftmenscheu—: ohne Beruf und ohne Würde: und wenn sie einige Kopeken verdienen, versaufen sie es nicht, wie mancher von uns es tut, damit fristet die Familie das elende Dasein." Feodor: ״Bald kommt das jüdische Passahfest, alle, selbst die Uermsten, haben Mazzes und Knödel, Fleisch und Meth, warum haben wir es nicht?" : Iwan: ״Weil sie miteinander Mitleid haben: der Bemittelte gibt und hilft dem Armen, was bei uns selten der Fall ist. Laßt euch doch