Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1913-04-10 · Heft 15 (10.4.1913) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 15 (10.4.1913)
Date
1913-04-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2621806-2621846-2621861--2110-2623186
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Sette 10. . Usiteratur. Bücher für Frauen. Der Verlag Albert Langen in München hat in rascher Aufeinanderfolge zwei Werke erscheinen lassen, die, so verschieden sic voneinander sind in Stoff und Form, doch beide für die lesende Frauenwelt ein hohes Interesse haben: Das eine ist eine umfassende Darstellung des zentralsten Frauenproblems, das andere einüberaus wertvolles Dichtlvcrk, dessen Verfasserin eincj Frau ist. Adele Schreiber hat unter dem Titel ״Mut-, tcrfchaft" ein Sammelwerk hcrausgegcbcn. Mehr als 52 Männer und Frauen, fast alle Träger berühmter Namen, sind gern ihrem Rufe gefolgt, und haben — jeder für sein Studicngcbict — das Mutterschaftsproblcm behandelt. So ist ei» Werk von über 800 Seiten entstanden, dessen Preis — 20 Mark — sehr niedrig ist, wenn man in mit der Jnhaltssüllc und prachtvollen Ausstattung "Les Buches vergleicht. — Es ist — mit Erstaunen stellt dies Lily Braun in ihrer Einleitung feil — das erste umfassende Werk der Literatur, das der Mutter gewidmet ist. Es beleuchtet in Vorurteilsloser Weise die Mutterschaft unter den Gesichtspunkten der Völkerkunde, Sozialpolitik, Hygiene, Psychologie, Statistik, Sexualwissenschaft, Serualreform, Kunst und Wissenschaft. Das Buch ist dazu bestimmt, jedem, der sich für die große Frage der Mutterschaft interessiert, Anregung und Belehrung sowie eine übersichtliche Sammlung von Tatsachenmaterial zu geben. (Schade nur, daß die Herausgeberin cs unterlassen hat, dem Werke ein ausführliches Register beizufügcn: dies hätte die Benützung sehr wesentlich erleichtert.) Wir crwähneu hier einige Beiträge: Prof. Köhler: Die Mutter im :liechte der Völker: F. Müllcr-Lyer: Die Ehe; :Rosa Mayreder: Mutterschaft und doppelte Moral: Dr. Rosa Kemps: Die Fiidustricarbciterin als Mutter: Tr. Theo- Vor Kappslcin: Das Frauenidcal des Mannes: Prof, vi. Eulcnburg: .striseit im Franenlcben; Ellen steh: Mütterlichkeit; stathi Log: Muttcrschulung; Berta v. Suttner: Tie Mutter und der Weltfrieden: May Maurcn brccher: Die Mutter in der Religion; A. M. Pachinger: Die Mutter in der bildenden stunst: A. Schrein-!»er: Die Mutter in der starrikatur. Diesen beiden letzten Beiträgen dankt das Buch seine prächtige Ausi:attu»g. Denn cs sind sämtliche irgendwie bedeutende Behandlungen des Mutterthcmas in der bildenden stunst den Lesern zugänglich gemacht worden: Fast 400 Abbilduugcn, darunter 1(! farbige und eine schivarzc Tasel zieren das gelungene Werk. ■ Und nun zu in anderen Werke des Verlages Albert Langen, der neuesten Dichtung der großen schwedischeu Erzählerin Selma L a g c r l ö s. Sie heißt ״D c r Fuhrmann des Todes" (M. 2.—j. Wir haben an dieser Stelle das vorletzte Werk der Lagcrlöf ״Liljecrona" besprochen «vgl. Nr. lll des vorigen Jahrgangs) und bei dieser Gelegenheit einiges von der Dichterin erzählt. Ihr neuestes Buch ist mehr als eine Erzählung es ist eine ernste und cindriuglicbe Mahnung an die Menschbeit, an jeden einzelnen von uns, sein Leben zu nutzen, sicti reif und vollendet zu machen, che der Schnitter Tod kommt. Lagerlös knüpf! an eine Volkssage an und gestaltet sic mit der ihr eigenen straft zu einem grandiosen Symbol. Wirklichkeit wird Schein, Traum wird Wirklichkeit und mit großer Gebcrde greift eine andere Well in die iinserc ein. Das Buch ist wie ein Brevier für stille Stunden der Einkehr. Ta vier von Büchern für Frauen die Rede ist, soll gleich auch ein Büchlein genannt tverdcn, das einen Dichter geividmet ist, den man oft den Dichter und Liebling der Frauen genannt hat: Friedrich Schiller. Fm Rubinen der ״:lichlcnbücher", deren Schopenhauer" hier kürzlich gewürdigt wurde, ist ein Band: Schiller, ״Gedantcn und Aussprachen" erschienen. «In künstlerischcr Ausstattung mit dem Porträt Schillers nach Danneckcrs Büste. 272 S. 5 Mk.) An Schiller haben gerade die Frauen oder viclmebr eine gewisse verfehlte Mädchcncrziehung sehr gesündigt; denn diese hielt sich in ihrer Ilnechthcit und Süßlichkeit vor allem an ihn, und die Folge lvar, daß man bei der Nennung seines :Hamens sofort an Pensionat und höhere Tochter zu bentcu begann. Tics Buch will gerade diesem Aberglauben eutgegcuarbeitcn. Es umfaßt in seiner Technik, aus Briefen, Gesprächen, Dichtungen, Werken den ausgezeichneten Gebalt hcrauszulösen und in der zeitlichc» Folge darzubieten, den denkbar lebendigsten Schiller: ei» volles, rundes, reiches und erschütterndes Leben, eine Mette von Erkenntnis und Erlebnis, von Weisheit und Schönheit, erblüht aus einem schicksalsschwcrcn Dasein. Die Frau, die diesen Schiller liest, wird dem Dichter, wie er wirklich war, näher kommen, als wenn sie unter falschem Gesichtswinkel seine Werke in sich aufnimmt. Das Buch sei deshalb bestens cmpfohlcn. «Verlag Julius Zcitlcr, Leipzig.) Tic Schönheit der Frau ist der Stoff eines Buches-, das soeben bei Eugen Ticdcrichs in Jena ,jüdische BolLsslimstte.". Sfc 15erschienen ist. In der Sammlung ״Die Kunst in Bil- Lern," deren frühere Bände — über altdeutsche Malerci, über italienische Renaissance und holländische Kunst -hier ausführlich gewürdigt wurden, hat Hanns Schulze einen Band erscheinen lassen, betitelt: ״Dasweibliche Schönheitsideal in der Malerei" (6 M.). lieber 200 ganzseitige Abbildungen sind vereinigt, im ganzen sind 110 Künstler der holländischen, italienischen und altdeutschen Kunst vertreten, jeder in seiner Weise bcmüht, diesen ewigen Stoff der bildenden Kunst, die Schönheit des weiblichen Körpers, zu meistern: wir finden Fraucnporträts, alle wichtigen Venusdarstellungen und antike Götterdarstellungen der lebensfrohen :Rcnaissancezcit vereint. Der Text, den der Herausgeber dem Buche auf drei Bogen beigegeben hat, berücksichtigt in gleicher Weise die künstlerische Ausprägung des Schönheitsideals, ivic die in literarischer Form festgelegten Anschauungen der einzelnen Zeiten. Zweifellos wird dies Buch den vielen Freunden der Diederichsschen Sammlung ״stunst in Bildern" viele neue Hinzugegewinnen. Ein Bürger dreier Jahrhunderte. Ans Bukarest wird geschrieben: In Dorohoi ist vor einigen Tagen ein armer alter Jude. Schmil Cohn Easapu, aus dem Leben geschieden. Dieser bescheidene alte Mann durfte für sich den Ruhm in Anspruch nehmen, daß er in drei Jahrhunderten gelebt hat. Er wurde nämlich, wie urkundlich fcststeht, im Jahre 1798, also im 18. Jahrhundert, geboren, lebte bei ungestörter Gesundhcit das ganze 19. Jahrhundert hindurch, und hätte vielleicht noch viele Jahre des 20. Jahrhunderts seine Lebensbahn fortgesetzt, wenn ihn nicht eine tückische Lungenentzündung im Alter von 115 Jahren dahingerafft hätte. Dieser moderne Methusalem war seines Zeichens ein Fleischhauer und hat bis vor zwei Jahren sein Geschäft ausgcübt. Er war nie in seinem Leben krank, war bis zu seiner letzten Erkrankung frisch und munter, las ohne Brille und auch sein Gehör hatte in keiner Weise gelitten. Seinem Sarge folgte eine ganze Schar von Söhnen. Töchtern, Enkeln, Urenkeln und Ururcnkeln. Aktuell ist hierbei die Bemerkung, daß dieser Jude, der Bürger dreier Jahrhunderte war, in Rumänien geboren wurde, daselbst sein 115 Jahre langes Leben verbrachte, weder selbst noch seine Nachkommen, die gleichfalls in Rumänien geboren und erzogen wurden, rumänische Bürger werden konnten. Das rumäirische Schandgesetz hat sowohl den Vlttcn als auch seine Nachkommen für Fremde ohne Heimat deklariert. Hauptversammlung des Zentralvereines deutscher Staatsbürger Md. Glaubens. Am 30. März fand in Berlin die Hauptvcrsaimnlung des ״Zcntralvcrcincs deutscher Staatsbürger jü-! bischen Glaubens" statt. j Die Tagesordnung enthielt als ersten und wichtigstcn Punkt die Beratung über die Stellungnahme des Zcntralvereincs zum Zionismus. Wie der erste Referent, Prof. Falkcnhcim (Königsbcrg) ausfübrte, sei eine Stellungnahme zum Zionismus durchaus nötig, weil der Zionismus in den letzten Jahren in Deutschland außerordentlich stark gcworden sei. Tic Mitglicdcrzahl sei sehr erheblich gewachsen, j in den letzten zwei Jahren seien in Deutschland für ן zionistische Zcntralzwecke 354.000 Mark aufgebracht j worden. Tie Organisation werde außerordentlich geschickt geleitet, und es sei ihr gelungen, unter der jüdischeu Fugend eine sehr große Anhängcrzahl zu gcwinncn. Ter Zionismus habe durch die Kolonisation in Palästina Gutes geschaffen, er müsse, jedoch bekämpft locrdcn, weil die Zionisten jüdisch-national fühlten. Ter zweite Referent, Gchcimrat Eugen Fuchs (Berlin) polemifierle ebenfalls gegen den Zionismus. Er erklärte, eine Verständigung mit den Zionisten sei nicht möglich geivesen, tveil die Zionisten sich als jüdisch-national bckennen und ihr Verhältnis zum Deutschtum dahin formulicrcn, daß sie auf Grund ihrer deutschen Erziehung und staatsbürgerlichen Zugehörigkeit gute deutsche Staatsbürger seien gleichzeitig aber als Angehörige des jüdischen Volkes, dessen Fortbestand sic wünschten, jüdischnational empfänden. Der Zentralvcrein verlange jedoch, daß die Juden dcutschnational empfinden. Zum Schluß schlug der Redner eine vom Vorstand des Zentralvcreines entworfene Resolution vor, die in etwas unklarer Formulierung ausspricht, daß die Zionisten und Nationaljudcn nicht Mitglieder des Zcntralvereincs sein könnten. Hierauf kam ein Zionist, Prof. Karl Lewin (Berlin) zu Wort. Er erklärte, die von den Vorrednern vcrtrctcne Auffassung über das Verhältnis von Deutschtum und Judentum sei nur innerhalb gewisser jüdischer Kreise üblich, in nichtjüdischcn deutschen Kreisen halte man die Juden nicht für ״dcutschnational", sondern für Angehörige des jüdischen Volkes und demgemäß für jüdischnational. Wenn die Juden für jüdische Interessen eintreten, so dürfen sie sich nicht danach richten, ob die Antisemiten daraus Kapital schlagen könnten, sondern sie müßten unbekümmert tun, was sie. für richtig halten. Das Schicksal der deutschen Juden sei für das Schicksal des Gesamtjudentums nicht ausschlaggebend. Die Juden seien aber verpflichtet, für die Er- Haltung des Judentums zu wirken. Die gegenwärtig in jüdischen Kreisen Mode gewordene Betonung des ..deutschnationalen" Gedankens werde den Antisemitismus nicht beseitigen, der überall vorhanden sei, wo Juden in größerer Zahl wohnen. Nach längerer Diskussion wurde sodann die vom Vorstand empfohlene Resolution, die den Austritt der Zionisten zur Folge haben dürfte, gegen wenige Stimmen angenommen. Verkehret nur in Lokalen, in denen die ״Jüdische Bolksstinrme" aufliegt. Eine jüd. Aerztegesellschast in Palästina. Die kürzlich ins Leben gerufene ״Gesellschaft jübischer Aerzte und Naturwissenschaftlicher für sanitäre Interessen in Palästina" ist bereits im Begriffe, ihre Tätigkeit im Lande mit der Gründung eines Institutes für bakteriologische und serologische Untersuchungen zu eröffnen. Das Institut wird einen Teil der Arbeiten zur Sanierung Jerusalems übernehmen, die eben jetzt von verschiedenen Seiten energisch betrieben wird. Vor allem sind hierbei die in dem Health-Ofsice (begründet von dem bekannten Newyorker Philantropen Nathan Straus) und von dem in Deutschland angeregten intcrnationalen Komitee in Angriff genommenen Arbeiten zu erwähnen. Die genannte jüdische Aerztegesellschast versendet soeben einen Aufruf zur Werbung von Mitgliedern (Jahresbeitrag mindestens 6 Mk., auch Nichtärzte werden ausgenommen), und es steht zu hoffen, daß in Anbetracht der Wichtigkeit der Sache es auch an namhaften Zuwendungen nicht fehlen wird. Von den unter dem Ausruf genanutcu Mitgliedcrn des Komitees seien erwähnt. An Aerzten: Exzellenz Prof. Dr. Paul Ehrlich, Prof. James Israel, Geheimrat Prof. Leopold Landau, Pros. Jacques Loeb (Biolog. Institut Ncwyork), ferner zahlreiche medizinische Autoritäten aus Deutschland, England, Rußland, Skandinavien, Italien usw. An Nichtärztcn sind u. a. unterzeichnet: Dr. Paul Nathan, Gchcimrat Pros. Nosin (Freiburg i. Br.), Dr. James Simon, Gchcimrat Timcndorscr, Prof. Dr. O. Werburg. Anmeldungen und Zuschriften nimmt der erste Vorsitzende der Gesellschaft Dr. Aron Sandler (Berlin- Eharlottenburg, Droysenstraßc 6) entgegen. Verlanget in allen Hotels, Restaurationen, Kaffeehäusern, Lesehalle», Selchereien, Rasiersalons, Bibliotheken die ״Jüdische Bolksstimme." Ein neues Reiseziel. Tie Gestade des westlichen Mittclmeercs kommen in die Mode. Sizilien ist überfüllt und auch Spanien wird von Oesterreich und Süddcutscbland aus häufiger ausgesucht als früher, weil die Schnelldampfer der v'lujtro-Ainerikana eine vorzügliche Verbindung nach Barcelona und Almcria Herstellen. Ein begehrenswertes gicisczicl ist Algier geworden. Im April steht dort die Vegetation in vollere Blüte, die prachtvollen Boulevards sind von einem internationalen Publikum gefüllt, währcnd die Kasbah (die Altstadt) die noch immer ihren streng orientalischen Charakter bewahrt, durch ihre Frcmdartigkcit besonders anziehend wirkt. Das Land selbst in seiner Mischung von Kultur und Wildheit bietet bis in die Wüste hinein modernen Komfort. Der Verkehr von Oesterreich aus hat sich deshalb gehoben, weil die Fahrt 1. Klasse aus den Schiffen der Austro- Amcrikana samt vorzüglicher Verpflegung nur 175 IC beträgt. Die Fahrt dauert 5—1> Tage, wird aber zweimal unterbrochen u. zw. in Patras und Palermo, sodaß der Reisende Gelegenheit zu Landausflügcn in Griechenland und Sizilien hat. Man kann auch die Fahrt unterbrechen und mit einem der nächsten Schiffe Weiterreisen und so eventuell die Mittelmeer-Rundreisekarten der V'lustro-Amcrikana auf ihren ausfahrenden oder heimlcbrenden großen Ozeandampfern benützen. Im April erfolgen drei Abfahrten von Triest, u. zw. am 1219 ״. und 20. April mit den erstklassigen Dampfern ״Martha Washington", ״Alice" und ״Kaiser Franz Joseph 1." Z Sternhof 1 bestes aller Bitterwässer. I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.