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Jüdische Volksstimme · 1913-04-03 · Heft 14 (3.4.1913) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 14 (3.4.1913)
Date
1913-04-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 14. XIV./II Jahrg BeUage zur,Wiener Jüd. ÄolLsstimme^. 3. April 1S13 Seitab. Die Rassensrage in der Musik. Von Oskar B i l. Wiewohl wir nicht in allen Punkten mit den Ansichten des Verfassers übereinstimmen, glauben wir doch seine interessanten Ausführungen, die dem Berliner Konzerttaschenbuch entnommen sind, unseren Lesern nicht vorenthalten zu dürfen. Die Redaktion. Zeit Wagners Schrift über das Judentum in der Musik hat die Rassenfrage nicht geruht. Hat Wagner hier wirklich ein endgültiges Problem aufgeworfen? Das heißt: existiert ein Problern des jüdischen Einflusses in der Musik oder ist cs nur Einredung und Kampfmittel? Wagner faßte das Jüdische allgenieiner auf und wir müßten eine große Auseinandersetzung über jüdisches Wesen beginnen, um ihm zu folgen. Heut wollen wir es schärfer fassen: gibt es Merkmale eines spezifisch jüdischen Wesens in der Musik, wie sehen sie aus und sind sie gefährlich? Bei Gelegenheit der Mahlerschen Symphonien hat man wohl darüber hin und her geredet, ohne sich über die Prinzipien klar zu sein. Der italienische Einschlag in der Musik ist sehr leicht zu definieren: es ist die Sinnlichkeit. Der französische besteht in der großen Szenen- Wirkung. Der deutsche in Nachdenklichkeit bis zur Gelehrsamkeit. Der russische, ungarische, tschechische in der Farbe ihrer nationalen Weisen und Tanze. Worin könnte ein jüdischer Einschlag bestehen? Die Juden sind im allgemeinen sehr musikalisch, vielleicht mehr reproduktiv als produktiv — eine eigene musikalische Sprache haben sie nicht geschaffen, sie sind niemals seit den Zeiten moderner .Kultur in jener wärmenden Rassenähe beieinander geblieben, die eine Nation bildet und den Stil ihrer Aeußerungen. Bei allen jüdischen Fragen hat man zu bedenken, daß sie Wohl eine Rasse, aber keine Nation geworden sind und daher in tragische .Konflikte kommen mußten, wie sie ihre Nafseeigentümlichkeiten bctätigen könnten innerhalb der Nation, der sie sich anschlosscn. Sie, die ursprünglich eigen und nrständig waren, wurden durch ihre Geschichte, durch die Tragik ihrer starken Rasse zur Permittlnng gedrängt, die sie mit seltener Genialitat ausbildeten. Heimatlos, kultivierten sie alle Chancen der Reprbduktivität. Sie neigten zum .Kosmopolitischen, zum Kapitalistischen, zum Schauspielerischen in jeder Gestalt und haben eine ungeheure Arbeit geleistet in der Kanalisicrung der wissenschaftlichen, künstlerischen, sozialen Werte. Es gibt eine Geschichte der Bodenständigkeiten, in der sie eine geringe Rolle spielen, und eine der Fluktuationen, die sie fast ganz veherrschen. Da der Anfang der Kultur jenes ist, das Ziel dieses, sind sie in eine prominente Stellung gekommen, die sie mit ihrer Tragik ausföhnen könnte, wenn sie ihr nicht alle Feindschaft der Erbgesessenen zugezogen hätte. Und doch: wenn sie wollen, können sie mit einem einzigen Beispiel ihre Produktivinöglichkeit beweisen — Spinoza. Nichts ist ausgeschlossen. Wir wollen also das Reproduktive außer Frage stellen, es ist keine Rasseprägung, sondern eine natürliche Zuflucht. Schließlich sind die größten Reproduzentcn in der Musik nicht einmal Juden. Wir wollen nach den Eigenheiten fragen, durch die sie sich kompositorisch verraten könnten. Und dies ist nicht anders zu inachen, als daß wir einige ihrer Hauptvertreter daraufhin prüfcn, wobei fragliche Fälle, wie Bizet oder gar Wagner, auszuschalten sind. Die Eigentümlichkeit Mendelssohns ist eine klare Plastik, etwas, was sonst eigentlich nicht sehr jüdisch ist.. Nichts Dämonisches, nichts Metaphistisches, nichts lyrisch Zerfließendes, nichts gelehrt oder talmudisch Spitzfindisches. Eine gewisse Eleganz, bis zur Seichtigkeit, unterscheidet ihn von der viel intimeren, aber auch schreibtischseligeren Natur Schumanns. Doch hat er als Jüngling den Sommernachtstraum geschaffen, der in feiner federleichten Romantik uns so deutsch erscheint wie die Gedichte von Heine. In seiner menschlichen Faktur war er der edelste und feinste, der sich denken läßt. Meyerbeer ging auf die Wirkung, das ist richtig. Und es ist vielleicht nicht Zufall, daß die historische Oper, die in Paris Sensation machte, wesentlich von zwei Italienern, Rossini und Spontini, und zwei Juden, Mcyerbeer und Halewy, besorgt wurde. Aber sie ist so wenig italienisches als jüdisches Produkt, sondern sie ist ganz natürlich aus den Pariser Neigungen zur Pracht, Szene, Drama, Aufzug emporgewachsen. Da den Franzosen, außerhalb der opera comique und der Tanzoper, eine eigene Sprache der Bühnenmusik nicht zuftand, haben sich die Fremden hier eher einnisten können, als in der italienischen Bravourmusik und der deutschen Romantik. Meyerbeers Genie zog daraus die krästigsteu Früchte. Er selbst war ein gütiger und gar nicht so napoleonischer Mensch, aber wenn er Opern schrieb, dachte er an den Erfolg. An den Erfolg haben viele andere auch gedacht, nur nicht so zielbewußt. Er hatte von seiner Natur aus ein. Recht dazu. Die Verschiebung, die dadurch in das Genre kam, hatte etwas künstlerisch Unmoralisches, aber nicht mehr als das ganze Genre eben selbst. Hier waren Angriffspunkte gegeben. Halevy beurteilt mau meist von der ״Jüdin", in der auch eine gefärbte jüdische Szene vorkommt (die Juden haben in ihrem Gottes-, dienst viel zu wenig verstanden, ihre nationale Musik echt zu kultivieren». Aber die "Jüdin״ ist gar nicht das eigentliche Fahrwasser Halevys. Er hat in anderen, weniger bekannten Opern, eine feinere und elegantere Feder, und vor allem die kleine komische Oper ״Der Blitz" ist geradezu ein Spiel floret tierender (Geister. Kein Mensch konnte siudeit, daß in seiner Musik irgend etwas spezifisch Jü disches ist. In Lfsenbach käuipfteu Lhrik und Satire. Vielleicht ist das etwas Jüdisches, aber es ist nichts Schlimmes und wurde sehr fruchtbar. Er schuf eine Gattung, in der nur die Dummen die Frivolität begeifern, während alle anderen ihre musikalischen Vorzüge, ihre ursprüngliche und ungekünstelte Witzigkeit lieben. Jedenfalls war hier wie bei Meyerbcer ein gerader Weg, dorr mit Verführungen, die sich verkleiden, hier mir solchen, die sich entkleiden. Es ist klar, wo die größere Echtheit liegt. Stellen wir Mahler zu all diesen, so bat er von ihnen allen etwas. Feinen Geistes wie Ha-!evy. plastisch bestrebt wie Mendelssohn. dann »nieder nach außen gewendet ׳.nie Meyerbecr und mit einer stillen Liebe zu allen Himmelsoperelten ist er der tragische Träger aller Oualitäten geworden, die nicht spezifisch jüdisch, aber doch den Inden besonders zugänglich sind. Seine 'Naivität ist reflektiv und seine Tiefe populär. Edlen, idealen, unantastbaren Sinnes, wie er war, har er doch eine heimliche Oper in sich gefühlt, deren Sünden er nicht ganz widersteht.?Iber das m alles heikel und schwankend. Ist die Achte Sym phonie stark auf ihre Mittel gestellt, so ist die Neunte das unmittelbarste, ungeschminkteste, rinäußerlichste, was er aus eigenem Geiste, frei von Beethoven, seinem O-uell geschrieben. Für den musikalischen Seelenrenner bleibt im ganzen ein ungelöster Rest jener Tragik zwischen tiefstem Empfinden und Drang zur Welt, die der schönste Besitz eines produktiven jüdischen Künstlers ist. WaS ist das Resultat? Es gibt Eigenschaften in jüdischen Musikern, die dem jüdischen Wesen nicht widersprechen. Es gibt aber keine allgeineine Charakteristik, die immer zutrifft. Ter jüdische Einschlag mag da sein, als starke Rezeptivität und starker Wirkungsdrang. aber es ist kein ausschlaggebendes Indizium. Berlioz über traf Meyerbeer an Orchestersinu. Händel Mendelssohn an Plastik. Obwohl die Juden in der Musik etwas produktiver auftreten, als in der Dichtung, (was Wohl an ihrer Jnlernationalität liegt), ist weder zu ihrem eigenen Schaden noch zu dem der Gesamtheit etwas Nachteilige zu bemerken. Daß sie sich nicht ganz verleugnen, ist nicht nur ihr Recht, sondern auch ihre Stärke. Ich inöchte, obwohl ich es zu Anfang ausschalten wollte, doch noch zuletzt auf die zweifelhaften Fälle von Bizet und Wagner zu sprechen kommen, nicht weil sie etwas beweisen, sondern eben weil sie nichts beweisen. War Bizet ein Jude, so wird man die Jnternationalität seiner erotischen Melodien, vielleicht gar das Opercttenhafte in der Carmen benutzen, seine jüdische Abstammung zu zeigen. War er keiner, wird man seine erfinderische Genialität ausspielen. Die Philosemiten aber werden umgekehrt verfahren. War Wagner Geyers Sohn, wird man seine Wirkungskraft, seine Impertinenz, seine vielseitige Rührigkeit je nach der Stellung des Betrachtenden als Rassevorwurf oder als Neben sache behandeln, und seine Schöpferkraft ebeuio umgekehrt. Das sind Sophismen. Tie jüdischen Komponisten haben weniger Smupbonieu als Opern geschrieben. Wenn mau will, in das jüdisch. Aber die größten Opernkomponisten waren, leine Juden. Was soll das? Und Mahler bat nun gerade nur Symphonien gemacht. Es in ein Kreis, aus dem mau nicht herauskomnil. werl mau Akzidenzien als prinzipiell behandeln iitöchte. Es gibt kein Judentum in der Musik, vielleicht nur einige jüdische Tränen oder ein Lachen ober ein starker Griff — aber das gehört der Meirschheit. Der alte Judenfriedhof in Wien. Von Tr. Gottfried F r e u dm a n u. Wien. .) Rr. '>-). In Meier ben Meschullam ba'evi erblickt der Autor den Großvater des bekaunten Klaus-Gründers Facharias balevi »md den Stammvater der Familie Mavr. N'r. >! ׳. Ein Jüngling im Aller von!7 Jalireu. mit einem Wissen, das so mancher tüchtiger ßalmudist י uzw. jener Zeit'.'.» nach langjährigem Studium nicht erreichte. Nr. 7_ Solm des Arztes Elia aus der Familie Cbalfau. Tie Inschrift besagt, daß er einer französischen Erulankenfami lie entstamme. Tie Familie kam über Italien und Prag nach Wien. N'r. '•»<> Abrou bei» Bie schulkam aus der in vieler Kinnch! iebr bedeu renden Familie Sbeomim. Teiuielben >v!rd nebst anderen Vorzüge» eine ganz besondere Verebruug der Ellern uachgerülmik. Diese Erwähnung ist t>m so mehr zu beachten, als iu jener Feit der Faiuiliensinn siark ausgeprägt war und die Ehrfurcht vor Eltern, Lehrern und Personen vo>1 Autoritär allgemein strenge ivar. N'r.!לי> zeigt uns den Autor von einer iebr gnreu Seite. Es kommt seine Bescheidenheit tind Wahrheit-:׳- liebe zum Atlsdrncke. Das Wort •נזיי־שרןי wird ihm voll Herrn Kuniradl ani seine Ouelle im Talmud znrnckgesührt und er »enni den Rainen des Mannes, der.!Im auf die Stelle an! merksai» gemacht bat. die ihm sicherlich nur »10meulau eutgangeu ist. Nr. ll»> muret uns ganz eigenartig an. Ein Ruhmestitel. den anck» noch benle nur wenige sich'erwerben können. Es beißt vom Verilorbeuen. er habe sich »m Betbatlie nie mandem zugewandk, um zu sprechen. Tiefe üble, nicht genug zu tadelnde Gewohnheit des ״Schmu sens" im Belhauie scheint tius also doch schon im Blute zu stecken. N'r. I i l. Ein Flerkels. den» das Amt eines freien Richters neben den» ür bestellten Tajjanlm zufiel. Eine gleiche Wurde schien Elia ben Abba Mari Ebalfa» »'N'r. Mm bekleidet zu habe», lleberdies intereisaul, weil Wolf von demselben aunalmi. er habe sein Tot torgrad iu Krakau erworben. Ties ist unrichtig, wie Wachfleiu nachtveifr. Tenn bis znin Jahre 1 sTO mußte man vor der Pronioriou ein römischkatholisches Bekenntnis oblegen. Eine der wich ligsten Grabschriften in die des Rabbi Abra- Ham Ehajim ben Abraham aus Opalow »Nr. 117», des Vorgänger des Lipmau Heller. Es wird ihm nachgerühmt, daß er seiuesgleicheu nicht zurückließ, doch hat er durch kein literari sches Teukmal seinen 'Namen der Nachwelt überliefert. Ties hindert nicht unsereu Autor, den Spuren dieses bedeuteudeu Mannes nachzugeheu. Was er uns da zu sagen bat, ist wirklich eine seiner glanzvollsten Leisluugeu. Es in unter anderem köstlich zu lesen, wie er die Irr tümer der Cohen Zedeks aufdeckt. Ferner hat. unseres Erachtens, Wachstein zum erstenmal nachgewiesen, daß auch die deutschen Juden zu weilen ein Metrum in ihren Epitaphien haben. Nr. l-tO. Ein Mädchen aus der Familie Linz Auerbach wird von den Hufen eines Pferdes zer treten. Das Schicksal dieses Mädchens erinnert und all das der Lana (Leonorei. Tochter des Jechiel Michel, die im März H»f»1 von einem Reiter mit zwei Kugeln totgeschossen ivoröen ist. lieber dieses vorzeitige Ende der vornehmen und jedermann wohlbekannten Leonore berichtet auch Theatrum Europeum. Doch beschäftigt sich Wach stein eingehend mit der Identifizierung dersel ben. Nr. 11st. Nathan Veidel ben Samuel Phö bus scheint nach dem Abgänge des Rabbi Lipmann Jomtow Heller (Toiaphat Jom Tow» dem

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