Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1913)
- Date
- 1913-04-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. ״Jüdische Kolksstimme." Nr. 14 siillu,1g des Artikels 44 des Berliner Vertrages Len Boden zu nehmen. Es muß völlig Earol von Rumänien zugcsiaudeu werden: er hat sich redliche Mühe gegcden, den Inden ihre politische Gleichberechtigung vorzuenthalten. ihnen den Aufenthalt in Numänien zu erschweren oder überhaupt unmöglich zu machen und ihnen ihre Existenz zu verleiden, kurz, die Besiiininungcn des Berliner Vertrages illusorisch zu machen. Rumänien umging konsequent die oben zitierien Bestimmungen, indem cs festlcgte, daß jeder Verleihung des rumänischen Bürgerrechts an einen Juden ein eigenes Gesetz notwendig sei. Bis heute erfreuten sich dieser besonderen Gunst nur wenige Familien. Tie sind allen Verpslichtnngcn unterworfen, müssen der Militär- Pflicht Genüge leisten, drückende Steuern entrichten und werden trotz alledem zurückgesetzt und sind unerträglichen Ausuahmsgcsctzen untermorsen. Und jetzt, da Numänien dieses Verhal- U'11 rechtfertigen und gntmachen soll, sucht cs wieder Ausflüchte und tnöchte seine kleinlichen und gehässigen Gründe in die oben angeführten Vorwände nmlügcn. Hoffentlich gelingt es Numänien diesmal doch nicht, sich herausznredcn. Tenn gleichzeitig mit der Meldung vom Juterwiew des rninänischen Königs kam auch die aus informierten .streifen hcrrührende Nachricht, daß der englische Botschafter in Petersbürg von Sir Edward Grey die Weisung erhaltcn hat, anläßlich der Beratung über den bnlgarisch rumänischen Konflikt die jüdischen Interessen wahrznnehmen uitd auf eine Erfüllung des Artikels 44 des Berliner Vertrages durch Rumänien zu dringen. Wenn das gelingt, dann köiinen die rumänischen Juden, der drückenden Schmach befreit, frei anfatmcn. Die Lehre des 19. Jahrhunderts. Vortrag, gehalten von Tr. M. Gaster in der Jewish Literary Loeictp es Edinburgh. Ucbersetzt von Loüa Jung, London. (1. Fortsetzung.) Folgendes waren die Aktiva der Juden am Ende des 18. Jahrhunderts: Ncinheit des Hauslichen, Erhabenheit des religiösen Lebens, die große Tugend der Wohltätigkeit und Nächstenliebe und vor allem die Eigenschaft, geistige Aristokratie und Wissenschaft zu schätzen. Am Ende "des l8. Jahrhunderts wurde Mendels- ו1ו1סן, der Sohn einfacher Eltern, durch seine eigcne Mütze und straft der deutsche Sokrates. Zur selben Zeit, da Friedrich der Große in Deutschland regierte und Voltaire in Paris verhcrrlicht wurde, erstand einer der größten Männer ser Zeit, die es für ratsam fand, die Bibel ins Deutsche zu übersetzen und so seinen Brüdern die Pforten der deutschen Literatur zu öffnen. Um es ilnu'ii leichter zu machen, gab er der liebersetznng einen hebräischen Eharakter. So hatten die Juden die Ucbersetzung in einer Art deutscher Sprache - sogenanntem Jargon — das aber liegen frisch gemähte Sirutsches (Schoten)'! .»o!!1mt, wir wollen ein Häufckicn in den Wagen bringen. Solche junge, zarte Erbsen sind süß wie Jucker." Gesagt, getan, und che noch jemand, wir glaubten, was bemerkte, hatten wir ein Häufchcn eingebracht. Aber wehe! Da kam ein Bauer, den wir nicht gesehen hatten, gelaufen. ״Halt! Halt!" schreit er, ״ich wcrd Euch zeigen, Strutsches ttehlen!" Was tun? ״Hinein in den Wagen mit ihm!" schrie Selig Baß, ״Wir werden schon machen!" Und schon lag der Bauer drinnen, die Strutsches über ihm und wir ans ihm. Das Pferd lief bergab, der Bauer jammerte und wimmerte und bat, wir mögen ihn nur srcigeben, er wolle uns nicht an!lagen, wir aber ließen uns Zeit und erst nach zweistündiger Fahrt gaben wir ihn frei. Froh, wieder los zu sein, lief der Bauer querfeldein in einem Galopp nach Hause. O, wieviele solcher Streiche könnte ich Euch, liebe Leser, von der Medineh crzählen (ich tommc vielleicht auf dieses Thema einst zurück) und welcher Ulk da getrieben wurde. Aber wo sind nun die Zeiten, die sorgenlosen? Ich wollt, ich könnte nur einen Tag noch so leichtsinnig und so froher Dinge sein, wie in meiner Meschorerzeit. eine falsche Benennung ist. Denn die Sprache der Juden war die des 12. oder 13. Jahrhunderts und der Rhcinprovinzen, eine Sprache, die sic von dort ins Exil mitgenonimen hatten, als sie für innner vertrieben wurden und in Rußland und Polen Zuflucht suchen niußten. Mendelssohn übersetzte die Bibel in reines Deutsch. Die Juden konnten von dieser Uebersctzung aber keinen Gebrauch machen: deshalb faßten sie die Sprache mit feurigem Eifer an, saugten sic ein und wurden mit ihr so vertraut, daß sic auf einmal ihr Jargon mit der deutschen Sprache vertauscht hatten. Der Erfolg war, daß nun ein Teil der Ghettomauern gefallen und eine Lücke entstanden war, durch die die deutsche Literatur in verfchicdene jüdische Gesellschaften zu sickern begann. Jedem wurde der neue Geist cingeflößt, ein neues Leben begann zu tagen, und eine neue, andere Generation sah eine neue Welt vor ihren Augen offen, deren Existenz ihnen total unbekannt gewesen war. Aber das hätte noch nicht genügt, um die großen Veränderungen hervorzurufen, die bei den Juden so schnell cingetrofsen ist. Die Französische Revolution brach bald nach der Publizierung der Mcndelssohnschcn Ucbersetzung aus. Sic begann im Jahre 1702 und im Jahre 17!!8 hatten die Führer der Revolution, ihren Prinzipien treu bleibend, die Emanzipation der Juden deklariert. Es geschah das erste Mal in der Geschichte der modernen Zeit, daß nun zwischen Mann und Mann kein Unterschied war und daß es gar nichts zu sagen hätte, in welcher Weise er seinem Gotte huldigte. Das erste Mal wurden die Juden unabhängige Untertanen der französischen Republik, sie hatten alle Rechte und Privilegien, die Frankreich seinen. ,.Citoyens" gab. Im Jahre 1798 waren die Juden in Frankreich ganz emanzipiert. Sic erfreuten sich aller Rechte und wurden das erste Mal ersucht, sich an der Politik einer der größten Nationen der Welt zu beteiligen. Ich weiß, daß einige Vorurteile gegen Napoleon bestehen, aber das ist bestimmt: es lebte kein so großer Mann seit Alexander: so groß in seinen Ausnahmen und Heldentaten wie Napoleon Bonaparte. Es gibt Wohl Männer, die sich zum Verstehen eines so großen Mannes, wie Napoleou war, erheben können, und in Schottland können wird Lord Nosebcry als einen solchen erwähnen. Uebcrall wohin die französischen Armeen gekommen waren, fielen die Mauern des Ghetto und alle seine kleinen Herrschaften und Königreiche und Regeln, die Mann von Mann unterschieden. Deutschland bestand um diese Zeit aus dreiunddreißig kleinen Staaten mit Tyrannen, Herzogen und schlechten Baronen und Prinzen, die ihre Untcrtanspflichten, anderen Ländern gegenüber, erfüllten. Die Juden befanden sich plötzlich in einem Ereignisse, das ihren sozialen, politischen und religiösen Standpunkt vollkommen veränderte. Gestern Parias, Sklaven, mit Schmach und Schande überhäuft: heute Bürger und Teilnehmer aller Rechte, aber auch aller Pflichten. Männer, die gestern noch gebunden waren, ihre Stimme nicht erheben durften, stanvcn jetzt auf und stritten und fochten in der Armce Napoleons, ihr Leben wagend für das große Prinzip, das ihnen das erste Mal das Recht der Freiheit und Brüderlichkeit gebracht hat. Sic tarnen ja die Geschichte des Jahres 1813 und die ״Holy Alliance". Ich weiß gar nicht, woher die Leute so besonders falsche Benennungen nehmen. Sie nennen eine Alliance der reaktionären Gewalt eine Heilige Alliance und die Inquisition ein Heiliges Institut. Das können wir nicht verstehen. Das erste Werk der Heiligen Alliance war es, die Gesetze der Tyrannei und Verfolgung — soweit es ihnen möglich war — zu erneuern, die Gesetze des Ghetto nach Möglichkeit wieder zur Geltung zu bringen und die Juden von der Stellung, die sie gewonnen und inne hatten, wieder zu verdrängen. Sie waren bis zum Jahre 1813, als sie für die deutschnationale Wiederbelebung mitgekämpft hatten, Bürger: sobald aber die Preußen und Oesterreicher und Russen triumphierten, waren sie wieder Juden, ihrer!liechte beraubt und in den Schatten gestellt. Was einmal gebrochen war, konnte nicht wieder hergcstellt werden. Mit den Revolutionen der Jahre 1832 und 1848 und den Schlachten von 1870 nähern wir uns einer neuen Zeit. Die Juden fanden sich jetzt besonderen Problemen gegenüber. Sie waren in ihrer eigenen Welt mit ihren eigenen, ihnen teueren Tradition herangewachsen, sie brachten die Aktiva, die ich vorher erwähnt habe: in die neue Welt und fanden dort andere gegen diese aufgestellt; Aktiva der politischen Reformen und modernen Kultur und die Resultate der Entwicklung der Wissenschaft u. des sozialen Lebens. Zwei Welten stießen aneinander. Die Juden versuchten ihre Meinung der Meinung der Welt anzupassen. Wir wollen nun sehen wie sie cs versuchten. Der Vorgang dieser zwei zufammenstoßenden Welten war'eine bloße Wiederholung von Ercignisien, die Jahrhunderte vorher geschehen waren. Als Alexander nach Persien zog und griechischc Kultur und Zivilisation mit sich brachte, begegneten die Juden ihr in Aegypten und Palästina. Und mit welchem Resultate? Diesem Punkte wollen wir besonderes Intcresse zuwenden. (Fortsetzung folgt.) Neues Leben. Ein zeitgemäßer Vorschlag von Lcop. Schwarz. ״Es ist eine Freude zu leben, denn die Geister werden wach." Wohin wir im Judentumc blicken, überall neues Erwachen und neues Leden, Leben auf der alten und nie veraltenden Grundlage unveräußerlichen Vätcrerbes. Vorüber ist die böse Zeit der anscheinend unaufhaltsamen Auflösung, des rettungslosen Versattes und Unterganges alles Jüdischen im ״Westen"; siegreich erhebt sich wieder der starke jüoische Geist, der schon so viele und fast tödliche Airifen überwand, um das alte Judentum neu verjüngt auferstehcn zu lassen, allen Feinden und Zweiflern zum Trotz, allen Freunden und Hoffern zur Freude. ״Fori mit dem Judentume! müßte der erste Leitsatz lauten," heißt es im Leitaufsatze des Wiener ״Alldeutschen Tagbl." vom 30. ״Lenzmond" d. I.: aber das biedere Blatt der Wiener ״Unbedingten", dessen verantwörtlicher ״Schriftleiter" den schönen Namen Otto Fratz führt, und dessen Untertitel ״unbestechliche Zeitung" lautet, gibt alle Hoffnung auf die Wahrscheinlichkeit oder nur Möglichkeit der Erfüllung dieses ״frommen Wunsches" fast völlig verloren. ״Fort mit dem Judentume! Aber wie viele sind es noch, die da sehen, und denken und Mut haben! Wieviele sind noch im Grunde ihrer Seele deutsch? Wieviele haben wirklich noch ein anderes Ideal als das jüdische? Schon die jüdische Religion kennt keine höheren Ziele als den Gelderwerb und als den Besitz der von anderen geschaffenen Werte. Diese Rasse hat sich in die Welt zerstreut und hat das Leben aller Völker durchsetzt und verkehrt. Da unter einer derartigen Weltanschauung nur der minderwertige Mensch zu leben vermag, muß das Deutschtum in seinen wertvollsten Beständen dabei verderben. Dieser Verderb hat schon sehr gründlich eingesetzt." Armes, ärmstes ״Alldeutsches Tagblatt": Der holde Donnerruf ״Fort mit dem Judenturne" ist also nur ein weher Ohnmachtsruf! Ja, ja: Das Judentum ist nicht so leicht umzubringen, nicht einmal von seinen gefährlichsten Feinden: jenen Juden, die das wahre Wesen und das echte Ideal des Judentums nicht kennen. Der Verbreitung und Vertiefung dieser Grundkenntnis will der gewiß höchst zeitgemäße Vorschlag dienen, den diese Zeilen hiermit der Oeffentlichkeit unterbreiten! ״Wissen ' ist Macht, Bildung macht frei." Jüdisches Wißen und jüdische Bildung muß wieder von uns Juden weit mehr gepflegt und gewürdigt werden, selbstredend in zeitgemäßer Weise! Das jüdische Schulwesen mit seinem täg-!ich 3—Istündigen hebräischen Unterricht, wie es noch vor 50 und 40 Jahren unter den deutschen Juden des Westens blühte, können wir unter den heutigen Verhältnissen ebensowenig wieder Herstellen, wie alle die zahlreichen Talmudhochschulen, deren sich auch unser schönes Mähren zu erfreuen und zu rühmen hatte. Aber einen tcilweisen und sehr erfreulichen Ersatz, wenn nicht sogar eine weitreichende Verstärkung der altehrwürdigen Jeschiwah können wir, zwar in neuer Form, aber auf echt jüdischer Grundlage, ohne große Vorbereitungen, mit ganz einfachen und fast kostenlosen Mitteln, zum Segen von Jung und Alt, Arm und Reich, zur Ehre der ganzen Judcnheit und zum Ruhm des so schmählich verkannten und begeiferten Judentumes sehr leicht und rasch schaffen, wenn wir nur —