Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1913)
- Date
- 1913-03-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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i-s J te. 13. XIV /II Jahrg. Beilage zur,Wiener Jüd. Loltsstimme' 27. März 1913 Seite 9. Festrede »rhaltrn bri der Chevra-Suda des Vereines ״Machsike Hadaß" in Brünn von Rabbiner Flesch, Montefiori- Bethaus in Wien. Hochgeehrte Fcstversammlung! Der löbl. Vorstand des Vereines ״Machsike Hadatz" ließ an mich die ehrenvolle Einladung ergehen, bei der von ihm veranstalteten ״Chewra-Suda" die Festrede zu halten. Wenn ich der mich ehrenden Einladung Folge geleistet habe, so leitetet mich ein Ausspruch unserer Weisen, der da lautet: אל תפרוש מן הצבור Der jüdische Mensch ist verpflichtet, seine Geistes- und Körperkräfte in den Dienst einer jeden Vereinigung zu stellen, so sie das Wohl der Menschheit tatkräftig fördert, doch namentlich in den Dienst einer ,Machsike Hadaß"- Vereinigung, die sich zur Aufgabe gestellt, die drei Grundpfeiler des geistig sittlichen Weltgebäudes .תורה עבודה ונ״ה vor Erschütterung zu bewahren; dessen hohe Bcstimmung cs ift, an der Hand der Thauro ein Leben zu führen, welches Gott zur Ehre, dem Judentume zur Zierde und der Gesamtmenschheit zum Segen gereicht. Verehrte Festgäste! Unsere Weisen im Traktat Megilla erzählen: ביון שנפל הגורל על הדש אדר שמה המן ואמר: הדש שמת בו דבם׳ אבל טעה בזה ■בי לא ידע שבז אדר מת משה ובזי אדר נולד מיטה. Nachdem Human vom König Achaschwcrausch die Erlaubnis zur Vernichtung Israels erwirkt hatte, bestimmte er den Zeitpunkt der Ausrottung durch das Los. Eine unbeschreibliche Freude bemächtigte sich seiner als das Los den Monat Adar gezogen hatte; denn Haman sagte sich: im Adarmonat starb der große Lehrer Mosche, im Adar soll auch deffen jüd. Volk von der Schaubühne des Lebens für immer verschwinden. Haman irrte jedoch: wohl »outzte er, daß der Todestag Mosche's am 7. Adar gewesen, doch hatte er keine blasse Ahnung, daß auch Mosches Geburtstag auf den 7. Adar fiel, wodurch der Bestand Israels für alle Zeiten gesichert wurde. Meine verehrten Freunde! Die Weisen mache» uns zur Pflicht, am 7. Adar, am Todestage Mosches, eine Trauerfeier zu veranjtalten. Steht diese Vorschrift nicht im schncidensten Gegensatz zu dem 1 8 der Purimvorschrift, der da heißt: משנדגס אדר מרבץ ביטמחה Mit dem Eintritt des Adar-Monatcs soll im Herzen eines jeden jüdischen Menschen die Freude von Tag zu Tag sich steigern? Wie könnten wir dieser Aufforderung voll und ganz entsprechen, so wir uns am 7. Adar an den Tod Mosches erinnern sollen? Muß nicht die Adarfreudc durch diese wehmutsvolle Erinnerung eine beträchtliche Einbuße erleiden? Tie Anttvort aus diese Frage dürften wir aus einem Zwiegespräch cntnchmen, ivelches Mosche mit dem Todescngel geführt hatte. Im Midrasch Rabba zu Haasinu wird erzählt: 'Als Mosche aus dein Leben scheiden sollte, erschien bei ihm der Todescngel und sprach: *»»»»*E *U■ *PA «»*»*»** 11’ -י“,- ת| י 1-®י-I-׳" Mosche, im Aufträge Gottes fordere ich die Auslieferung deiner Seele. Mosche antwortete: לא אמות ב׳ אהיה ואמפר מעשה יה Ich kann nicht sterben, weil ich nicht sterben darf, denn ich muß leben, um die Taten Gottes zu vprkünden Hierauf entgcgnete der Engel: Moses, du bist der Ansicht, Gott habe außer dir niemanden, der seine Größe verkündet, ja weißt du denn nicht היטמים ממפרים בבור אל daß der Himmel die Ehre Gottes erzählt? Wohl weiß ich es, antwortete Moses, doch den Himmel iverde ich bald zum Schweigen bringen und er rief: האזינו היטמים Schweig, o Himmel und horch auf mich ואדבר. denn ich bin berufen, Gottes Allmacht zu verkünden. Der Todcsengcl entfernte sich, doch kam er bald wieder. Als Moses ihn erblickte, sprach er den Gottesnamen in der Weise aus, tvie ihn nur der Hohepriester aussprechcn durste und verbannte den Engel aus seiner Nähe. Als jedoch der Engel sich trotzdem wieder in die Nähe Moses wagte und ihn bei Gott beschivor: תן לי הנפש Moses, dein Tod ist ein unabänderlicher göttlicher Beschluß, im Aufträge Gottes fordere ich dich zum letzten Male auf, gib mir deine Seele, da sprach Moses: הואיל מן!השם הואי אצדק ערי את הדין Da es sich hier tatsächlich um die Vollstreckung des göttlichen Willens handelt, bin ich gerne bereit die Gerechtigkeit Gottes über mich ergehen zu kaffen: denn הצור תמימ פעלו Gott ist zweifelsohne gerecht. Nun weigerte sich die Seele den Körper zu verlaßen, da beschwichtigte sie Mosche mit den Worten: שובי נפשי kehre zurück in deine himmlische Ruhe, du meine teuere Seele, בי היגמל עד־י-י denn dein göttlicher Vater will dir nur Gutes erweisen. Hochgeehrte Festversammlung! Es ist bestimmt in Gottes Rat, daß jeder Mensch, von dem ihm hienieden angewiesenen Posten früher oder später abberufen wird. Wohl ist es heilige Pflicht eines jeden Menschen, sein in Gefahr schwebendes Leben mit all den ihm zu Gebote stehenden Mitteln und Kräften zu retten bczw. zu verlängern, doch ist es strengstens untersagt, so denn die Rettungsversuche scheitern, gegen den göttlichen Beschluß Protest zu erheben. Das Recht, gegen die Fügung der göttlichen Vorsehung zu protestieren steht nicht einmal einem Mosche frei. Es muß daher mit Bestimmtheit vorausgeschickt werden, daß auch Moses gerne bereit gcioesen, von der Schaubühne des Lebens abzutrctcn, als ihm der Todesenge! im Aufträge Gottes mitgeteilt, daß er seine Führer- und Lehrerrolle bereits zu Ende gespielt habe. Dem Zwiegespräch, welches zwischen Moses und dem Todesengel stattgefunden, kann daher nur die folgende Teutung gegeben werden. Mit der Annahme und Ileberlieferung der göttlichen Thora hatte sich Moses ein unverwüstbares Denkmal in Israel gesetzt, weil er hiedurch das wahrhafte Stück im Schoße der jüdischen Menschheit gründete. Gottcslehre verleiht nämlich dem Herzen Israels die Empfänglichkeitskraft für Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit, für alles Schöne, Gute und Edle, verleiht ihm die unbeugsame Willenskraft für Gottesglaube zu leben, zu kämpfen, zu bluten und wennS sein muß, auch zu sterben. Mosche ahnte jedoch, daß Israel nur solange Epferfähigkeit für Gottesglauben an den Tag legen!vird, so lange die Liebe zur Thora in seinem Herzen ivach sein iverde. Als daher der Todesengel vor ihm erschien, da warf der ums Wohl des Volkes besorgte Führer noch rasch einen Blick in die Zukunft Israels und erblickte zu seinein Entsetzen außer dem vor ihn! erschienenen Todesengel feiner Seele noch einen Todesenge! u. zw, den seines Werkes. Mosche sah den hereinbrechenden und vorherrschenden modernen Zeitgeist, der den göttlichen Thoragcist allmählich ertöten, die zur Herzensveredlung und Geistesbildung erforderlichen beil. Kräfte lahmlegen bis er schließlich den Goitesglauben ans dem Herzen Israels reißen wird. Angesichts des in feinem Geiite auigetauckten Todcsengels der Thora ries er den! anseiner Seele harrcndeu Todcsengel zu: לא אמות Ick darf nicht sterben, ich muß vielmehr leben, um in! Herzen Israels die Liebe zur Thora!vach zu erhalten, muß leben, um Israel die Thoralicktquelleu zu erschließen, aus denen es Gottesglauben nud Gorteserkeuntni-S schöpfen soll. > Wohl weiß ich — so fuhr Moses in feiner Entgegnuug fort — השמיש משפרים daß Gotteserkenntuis auch durch das Erforschen der Naturkräfte geloonnen werden kann, der Naturforscher läuft jedoch Gefahr, in-S Labhrint der Irrelegiosität zu geraten; Gotteserkenntuis durch das Erforschen des ThorageisleS zu erlangen verdient aber zweifelsohne den Vorzug, weil die Thora den mit Kurzsichtigkeit behafteten Menschenverstand vor Verirrung schützt. האזינו היטמיש Schweige, o Himmel und horch auf!!!ich ואהברה denn ich bin berufen, Gottesgröße zu verkünde». Als Moses jedoch durch das abermalige Erscheinen des Todesengels mahrnahm, daß sein Tod ein unabänderlicher göttlicher Beschluß sei, da legte er seiner göttlichen Herzensstimme die folgende Frage vor: t>-7—«i^ .»7» 777« * l 1l> 1 ״ i ■ U U I •״ Ist es möglich ה׳ נתן Ist es möglich, daß Gott der mir die Thora für Israel gegeben, הי לקח daß Gott selbst nun diese Thora, den Gottglauben, aus dem Herzen Israels reißen soll? Beruhige dich. Moses — entgcgnete die Herzensstimme — du mußt sterben, damit יהי שש ה׳ משוק־ die göttliche Lehre für Israel erhalten bleibe und Gortesname für und für verherrlicht iverde. Tenn loisse, wenn Israel bei deinem Leben auch der Thora die Treue bewahrt, so ist dies noch kein sicherer Beweis, daß sie in der Thora die göttliche Thora anerkennen: cs ist leicht möglich, daß sie dich Moses, vergöttern, dich als den Gesetzgeber betrachten: bei deinem Leben würde!vohl deine Thora gerettet, aber die göttliche Thora ins Reich der Vernichtung geschleudert werden. Moses, du m 11 ß t sterben, denn erst dann,!venu selbst der mit Goit gesprochene Mund eines Moses verstummt, wenn selbst das die Herrlichkeit Gottes geschaute Auge eines MoseS bricht, wenn selbst die den Gottesstab geführte Hand eines Mosche erlahmt, .erst dann wird der jüdischen Menschheit zum Bewußtsein gebracht, daß du Mosche, auch nur ein sterbliches Wesen warst, daß du nur die Vermittlerrolle zwischen Gott und Israel gespielt habest, daß aber die Tkora einstg und allein göttlichen Ursprunges sei. הואיל מן דדטש jagte 111111 Mosche, da ich nur mi! meinem rode den göttlichen Eharakter der Thora zu reuen vermag, null ich ja gerne in den Tod gehen: denn הצו־ תמיש Hochvereh rte Fes!gäs!e! Laut der vorausgeschickien Belrachulng durfte die in der Einleitung aufgeworfene Frage klar beanuvortel fein. Tie Erinnerung an den Tod Mosches darf aui die Freude des Adarmonates nicht nur nickt störend eimvirken, sie muß vielmehr zur Länierung unserer Freude beitragen. Ter Tod Mosches soll uns sagen, daß!vir das an schätzbare Glück haben eine göttliche Lehre zu be sitzen: und gibt es etwa ein glücklicheres und herzerfreuendercs Bewußtsein als ein himmlisches!׳Kn!ein Ei ge!!!!!!!! nennen zu dürfen, Ter Stervelag und Geburisiag Moscbes fielen auf den 7. Adar: damit ivollteu d!e Weifen sagen, dai; am Tage, au tveichen Mosche s e! n e n!>> e i u ansgebanan hatte, daß am selben Tage, der von ihm gelebrie!׳. Thorageist seine Wiedergeburt geieier! haue, Hainau war von dem Wabngedanien erfüllt, dai: mit dem Tode Mosches auch die Thora ins Grab >1e belnt tvnrde und Israel daher ohne Lehrer and Lehre der Vernichtung preisgegebeu werden tonne. Er irrie jedoch gewaltig. Tenn gerade der Todestag des Moicbe ivurde der Geburtstag des von ibm gelehrten Thorageiiles, der den Bestand Israels für allen Zeiten sicherte, Tiefen erhabenen Gedan:en -bringt die Ebe!ora .Kadifcha alljährlich zum Ausdruck durch die am 7, Adar veranstaltete Suva. Tieies Brndermahl betnndet daß wenngleich die Träger und Verkünder der TbanraS Mansche von dannen ziehen, sie deshalb nickt ilerven, weil der Geiß der göttlichen Lehre sie vor llniiervlich-!eil schützt. Hochgeehrte Festversanimlung! Im :!7. Eap. Ezechiel wird erzählt: Ter Pr.-vbet E, tvird hiuauSgeführt in das Tal Tara, ivelches voll war von dürren Menschengeveiiie». ׳Als ihn das graueithaite Bild mit Entsetzen erfüllt, da fragte ihn Gou: Sage »! i r Ezechiel 1 I i '1 < •<*»«׳׳ U ו •i I > iverde» diese dürren Gebeine lvieder zum Leven erwachen? ,,Tas tveißt nur du?" antwortete der Prophet. Hierauf sprach Gott zu ihn!: Ezechiel hauche den Gebets neu ineinen Gouesgeisl ein und sie iverde» tvieder auf- ' leben. Tiescr tat tvie ihm befohlen und die Gebeine er , sianden zu neuem Leben, Ta sprach Gou abermals zu Efechiel: Ich habe die soeben das Bild des künftige» jüd. Voltes gezeigt:!venu der jüd, Volkskörper einst er- I narrt!ei tvird und Israel sich in feiner Verzweiflung | fragen sollte, ist es möglich, daß die dürren Gebeine - des Volkskörpers!bieder zum Leben criiebeu, so entgegne Achtung aus Äen kleinen Anzeiger!