Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1913)
- Date
- 1913-03-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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20. März 1913 Leite 9. Nr. 12. XIV./II Jahrg. Beilagezur,Wiener Jüd. Volksstimme' Zu unserer geistigen Wiedergebürt. Wenn man den Sinn öer ncujüdischen Bewegung möglichst tief erfassen und zum Ausdruck bringen wollte, dann wäre cs zu wenig, ihr Ziel so zu bezeichnen, daß sie ein jüdisches Land, eine jüdische .Kuitnreinheit schasscn will. Sie ivill mehr: Die W i e d e r Verwurzelung der Juden im geistigen Leben. Tie Wiederverwnrzelung: denn man mutz sagen, daß die Juden von heute — oder wenigstens der größere Teil der Westjudcn— in keinem geistigen Boden eingewurzelt sind. Sehr geistreiche Menschen sind sic doch nichts weniger als gcisterfülll. Ter jüd. Geist ist zum Intellekte herabgcsunken, die synthetische Kraft zur analitischen Skepsis. Natürlich kann und darf nicht übersehen werden, welchen Dienst die Juden mit ihrer schrankenlose», hemmungslosen Jntellektualilät der Menschheit leisten: sic sind der Stachel in ihrem Fleische, das gärende Ferment, das sie nicht zur Ruhe kommen läßt. Gar mancher Nichtjude hat uns darum schon gesegnet. Aber verhehlen mir uns nicht, daß dieser Dienst, den ivir da der Menschheit leisten, doch nur ein ganz und gar negativer isi. Wollen wir uns damit zufrieden geben? Soll das Volk der Propheten. das zum Volke der Journalisten hcrabgesunken ist, der Menschheit nicht mehr geben können, als die Peitschenhiebe, die sie vorwärts treiben? Ermannen mir uns, sammeln wir noch einmal unsere geistigen Kräfte, arbeiten wir uns über die Negation zur schöpferischen Positivität durch; vielleicht gelingt cs uns, die Botschaft von der Lebendigkeit 1111b Wirklichkeit des Geistes der Menschheit noch einmal zu bringen. Dies etwa ist der Gedanke,!velcker die treibende Kraft der neuen jüdischen Belvegnng ist. Wollen ivir uns für diese Wiedergeburt vorbereiten, uns in dem Glauben an das Geistige und seine Realität stärken, an welche die Welt — und nicht zumindest durch unsere Schuld — heute nicht glauben mag. dann fällt wohl unser Blick zuerst ans die Bibel als lebendige Bolschuft von der Wirklichkeit des Geistes. Zu zivei! dann auf jene Großen unter den Völkern, welche dieselbe Verkündigung zu bringen berufen!varen. Unter den Philosophen ist da an erster Stelle I. G. F i ch t e zu nennen. Wir haben bereits einigemal in Besprechung einzelner von seinen Schriften, die jetzt bei Hl einer in Leipzig neu erscheinen, die Aufmerksamkeit unserer Leser auf diesen tiefen, heute leider sehr wenig sludiertcn Denker gelenkt. Wir nehmen das Erscheinen der ״Darstellung der Wissenschaflslehre aus dem Jahre 1801 und 1801" neuerlich zum 'Anlaß, um ans Fichte hinzuwcisen. lDer 'Neudruck der ״Darstellung" erschien, von Medicus hcrauSgegcben, ebenfalls bei Felie Meiner. :>02 ST-, 4 M.s Was wir von Fichte besonders lernen können, ist ein tiefe tteberzeugung von der Olealität der Wahrheit. Tie Wahrheit ist ihm das Wesen der Welt, ihr lebendiger Gehalt. Nur sofern ivir in der Wahrheit stehen, haben ivir Teil am Wellwesen. Wer sich damit begnügt, den lächelnden Skeptiker zu spielen, der schließt sich selbst von Gott atis, denn Gott ist die Wahrheit; tvie denn ja auch die jüdische Tradition die Wahrheit als Gottes Tiegel bezeichi.et. Wie aber stehen ivir in der Wahrheit? Nicht so, daß mir sie answendig lernen, sie nachbeten. Solange ivir dies tun. sind ivir bloß ״Räsonneure". Nur dann, ivenn wir die Wahrheit lebendig in uns selbst erzeugen, wenn wir feste N e b c r z e u g ü n g c n unser Eigen nennen könneu, nur dann sind ivir in der Wahrheit. Dies ist die Grundpositiou der Flchtcschei! Wissenschaflslehre. deren Ausführung freilich zu den schwierigsten Partien der Philosophie gehört. Aber ivenn auch nicht jeder die Wissenschaflslehre selbst lesen kann, so sollte doch jeder Gebildete solche Werke wie Füchtes Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten, die Bestimmung des Menschen, die Anweisung zum seligen Leben, die Ebarakterislik des gegenivärtigen Zeitalters usw. kennen. Unser Zeitalter hat einen Horror vor der Philosophie. Bestenfalls erhebt man sich — tvie mühelos! - zum Monismus. Wie wehmütig muß es ettien stimmen, Ivenn man bedenkt, daß Fichte seine Aiuveisuug zum seligen Leben vor Damen und Geschäftsleuten gelesen hat. Und doch gehört zur Philosophie wenig Fachgelehrsamkcit, nur der gute Wille, selb st zu denken und eine Energie, die nicht an der Lverfläche Halt machen will. ״Unser Glück hängt von dem ab, was wir s i 11 d, von unserer Individualität, während man meistens nur unser Schicksal, nur das, was wir habe n oder was loir v o r st e l l e n ,in Anschlag bringt." Dieses Wort Schopen Hauers sollten sich gerade Juden oft vor Augen halten: denn gerade wir, die wir unser äußeres Dasein sehr oft nur durch den Erfolg halten konnten, sind leicht geneigt, auch den inneren Wert am Erfolg zu messen. Der Erfolg liegt aber meist an der Lberfläche.... Ad vocem Schopenhauer: Da ist vor einigen Tagen bei Julius Zeitler in Leipzig in der Sammlung der von Robert!>! e h l e u herausgegebenen ״R e hl e n b ü ch e r »" «wo schon Aussprüche Napoleons, Friedrich des Zweiten, Bismarcks, Goethes, Schillers, Heines, erschienen sindl, ein Band ״A r t u ׳.׳ S ch o p e 11־ Hane r. Gedanke» und Aussprüche" «ö M.« herausgegeben worden, der es auch dem Laie» in ausgezeichneter Weise ermöglicht, den Menschen Schopenhauer in all seiner gallige» Grobheit, aber auch in seiner erha- Venen Moralität und der Tiefe seiner Wettausich! keunen zu lernen. Wir finden in diesem Buche auch mancheS bittere Wort gegen die Juden; ich möchte diese Worte nicht missen wollen. 'Mag mau uns nur die Schwären an unserem Leib zeigen, mag man mit Fiugern auf die von uns himveisen, welche ״schäm- und grainlos" dahinleben, - das wird den .Heilungsprozeß nur befördern und hoffentlich ist die Zeit nicht ferne, wo man aufhörcn wird, das Judentum mit einer Schichte geistenlfrcmdeter, uuirzelloser Inden zu identifizieren. Hier sei. an Schopenhauer anknüpfend, erwähn!, I daß eineder Hauptwerke der von ihm so verehrten indischen Philosophie in einer neuen und nligeivohnten Bearbeitung erschienen iii: die II p a n i S h a d e n. Unter dem Titel ״Der Weisheit letzter Schluß" versucht Paul Eberbardt, ein Schüler der verstorbenen D i l t h e y, die Religion der llpanislmden neu zu fassen. Er bringt die Gedanken in freien Rlnunien . in Ausdruckssormen unserer Zeit. Sehr beachten-:׳- iverl erscheint mir das gchalwolle Nachwort, das Eber- Hardt beirügi. Er spricht davon, daß der abendländifche Geist anfange., zu verdorren und daß unser Leben in seiner Vielfältigkeit die Einheit zu verlieren drohe. Gegenüber den Wucherungen des abendländische» Gei־ stes, wie sie sich z. B. im ivisseuschnstlichen Spezialisientum zeigen, kann sich eine Heilung nur vollziehen, ivenn möglichen Wendungen den Menschen von heute, ivie er seine Kräfte im Alllag und seinem Getriebe vergeude!, statt zuiit .Kern des Seins vorzudringen. Kehre» ivir zu unserem Ausgangspunkte zuruck, so könne» ivir. Earlyles Bild gebrauchend, sagen: die jüdische Beiveguiig. deren Zeulriim der Zionisnius iil. ivill: uns von den .Kleidern iveg zum Wesen iveisen, vom äußeren Erfolg zu»! inneren Waehslnm. vom Scheine zum Genie. b. Der alte Judensriedhoi in Wien. Bon S r. WottnieD ,I r e 11 0 in 0 ,1 u, Wien. Das Iobv h!7l> war für die IuDeu Wiens schicksalsschwer. In diesem Juli re intis'.ren alle Inden die StoDl verlassen,?ach dürfte ihr üar־ fc-0 vertrauen auf eine baldige Nückkebv ibnen den Abschied von der SloDk und der ilnien sv teuren Grabstätte der Ibvigen nichl w fchwer gemocht baben. Sooft konnten wir c*:׳ uns nicht erklären, das! die Fvönkelfchen Erben der StadtgemeinDe Wien >>»>«> tl. »nni ewigen Schutze des Iriedbofes und feiner Senkmälev übergaben. Trefflich fagl Sr. Wachfiein in feinem epochalen Werkest, j״ dem io viel tKelebvienfleif; und Scharfsinn anfgeivandl ist, von den Fränkischen Erben: ״Nächst der Pietät mag doch eine starke Portion;',nknnft-öfreudigkeil in diesen Fvänkl schen Erben geneckt baben." Soch möchten wir diesen Satz in eine andere Formel bringen und biednrch 111k׳ die Tal der Fvänklichen Erben noch begreiflicher erscheinen lassen. N n r;,,nnmrt-:׳ irendigkeit und nicht die Pietät konnte die Fränkischen Erben beivegen. eine 0׳ große Summe der Stadlgeineinde ׳>n übergeben, das; diese den FvieDlioi nnveriebrt erlialke. Fanden die Einheit der Welt in der Religion ,nieder lebendig. kein Erbarmen, wie sollte mail erfaßt wird. Das Licht vom fite« soll den Weg weisen!,^״״ bauen können, daß der Sämtz eine-:׳ Eberhardts Ausführungen berühren ״ch viettach "»t:gesichert sei. um dessen Fortbe'land dem. was von jüdischer Sette Marun Buber »u ,,..׳,׳,8״.״,<״.,..״ PeitOtleten Ück, Nachwort zu seinem Tschuangtse gesagt har. Wer sich von dem Hochmut dieses wissensckiast־ llcheu Spezialifteniums und von seiner Borniertheit einen Begriff inachen ivill, der lese ein im Verlage V i t a in Berlin-Ch. erschienenes Wert von Konrad A l b e r t i - S i! t e n f e l d: ״V o!1 N a p o l e o n b i s Nietzsche. Hervorragende .K»Iturdofu1ne>1tc des 10.ן Jahrhunderts." 1482 SS.. M. l.öo. > Das Werk verivirklichr einen sehr glücklichen Gedanken, indem es eine Kulturgeschichte des 10. Jahrhunderts in Form eines Lesebuches gibt. Die bedeutendsten Strömungen des 10. Jahrhunderts in Politik. Wissenschaft, Philosophie, sozialer Bewegung werden durch Proben aus den Wer ken ihrer Vertreter illusirlert.!׳Außerdem sind auch viele Jllnfiraiionen da.! lind da findet sich denn aucheiniges ans dem berühmten Buche des Phnfiologen Emil! Dubois-üleviuond über die Grenzen des Nainrerten | uens, das die vbilosophifche T.uersumuie der maleria l listischcn Weltanschauung gezogen bat. Dieser selbe For scher äußerte sich einmal über 'Goethes Fauii: Fauii hätte Gretckien heiraten, sein Kind legitimieren und lieber die Luftpumpe erfinden sollen, statt von Dunkel zum Dunkel zu irre». ,Vgl. Alberii, S. :!08., Wenn man in unserei» Werke dies und ähnliches liest, fragt man iinivillkiirlicki: Wenn Männer von so ivenig lief dringendem Blick die moderne Naturivissensctiaft geschaffen haben, verdient sie wirklich wie dies heute noch fast allgemein geschieht - auf Piedeüal erhoben und über das Werk eines Moses, eines Saolse, eines Jeschua von 'Nazareth gestellt zu werden? 'Niemand ivill die großen Verdienste der Natursorschnng schmälern, aber vergessen ivir doch auch nicht, daß es nur das Kleid der Wirklichkeit ist, daS sie beschreibt. Die geistige Wirklichkeit und ihr .Kleid. Das Bild stamnit von Thomas E a r l y l e, aus dessen wunderlichem Buckie Sartor R e s a r l u s, das die ״Bibliothek der Gesaintlitcratur Ctto Hendel, Halle a. T-, fein llebevlebenDev Dev bovin mein׳ kümmevn konn. :Kert)11eten Die InDen Do mit, nickst mein׳ ׳,nvückjnkebven. io evscknene es unbegveiflicks. Dos; ne ücki mir Den pietätvollen Schlitz Dev Steine von seiten Devsenigen vev lossen, Die ibnen. Den InDen, selbst gegenübev keine Nückiicht konnten. Sie nocksfolgenDen Ev eignifse lioben ilinen recht gegeben. Ec׳ Dmievte nicht longe nnD ec׳ bildete ütl! ivieDev eine kleine lKemeinDe. Sev FvieDlwf lvnvDe ivieDev belegt. Sie letzte PeevDignng out Diesem FvieDboie huiD im Ioiive 178:'. itatt. So ist Dieser FvieDiio׳ eigentlich Die Pegväbni-:1׳lätle;weiev vevitbieDen georteten SieDlnngen. Wiv ünDen ec׳ Doliev gon׳, begvünDek. Dos; Sv. Woilsitein Den lKvobitenien Dev eviten PevioDe einen beionDeveil ׳.!ttinD wiDinei. Sieiev evnne Fovichev hat nncmit Die iev Arbeit ein Wevi gelieievt. Do׳:׳ netc-;um eiiev neu PeßonDe Dev jüDiulieii Wittenttvoti iiDev Do-:■ ln. nnD 17. IobvlmnDevt geiiäven m!vD. Mein Fovichev oiii Diesem > Ke biete mivD on Die iem Wevke o;i:K ooväbevgelielt tonnen, ׳böoili ilein hat mb ׳! נ ה Ju, Diese A vbeil Doc׳ T׳evD!en>l erworben, ,!ekm ״üinneni wie Dev ie!!ge SomD Moiumonn, Dem Do-:1111־5> ׳ teltott Diese-:׳ Wevi es. wenn mich i’.iDivert, eigentlich;11 uevDont'en!it. genonnt;1! wevDen. Wev Die oielieiligen Sck'ivie vigkeiten. Die sich Dev Fevtigf!.ellnng e!׳.׳.ec׳ ioichen Werkes entgegeiifielleii, ׳,n bemessen vevmog.;vivD -Dein Erscheinen eine-:׳ solchen Werke-:׳ seine Pe wlliidernng nicht verlogen können. Ec׳ kl ielbil tzerüänDlich. Dos; onch bie n»D Do monche Män gel sich;eigen, Svch Diese können Dev '!־'eDei! tnng nnD Dem Weite Dieses Wevkec׳ keinen Ab bvlich tun. Mi! Den Wovlen eine-:׳ H1,m11l!-:׳Dlch tevc׳ füv Den Sobbotl! können wiv >ogen: Auch Die Neider müssen eingesteben. es!st hiev in mnsterboster Weise ein Werk vollbvochi, Doc׳ kürzlich nen ediert hat.! tlebersetzung von P. Konrad. übevllONPt geschossen Werden mnßle. So-:׳ vvr Schmidt. M. l,2ü.! Das Buch gibt sich eine wunder j liegen De große Werk beßellt, genon genommen, gliche äußere Form: es tritt als Philosophie der Kleider. a״.;,;,vei Seilen, und;1001' ON-:׳ dev Einteilnng. auf und persifliert die Menschen, welche ihre» Kleidern oie ein Puch füv sich bildel nnd viel Peleliven de-:׳ bietet nnd onc׳ Dev eigentlichen Arbeit, onc׳ Dev Epigvopbik. Soch Do-:׳ ongeichloisene Negiftev leben und darüber sich selbst das eigene geistige Wesen - vernachlässigen. Aber nicht bloß das Tuch, daS wir tragen, ist Kleidung. ׳Auch unsere äußere Ttellung, Beruf, Titel, Reichtum, Würde alles ist Klei dnng. Ja. schließlich - wenn man sich zur Höhe der idealistischen Philosophie erhebt - - ist die ganze Welt *) Sv. PevnbovD Wochslein: Sie Inschvif־ ten De•:׳ alten InDenfrieDbofec׳ in Wien, im Ans tröge Der bistorischen Mominifsion Dev i-:׳roeliti nur ein Kleid des Geistes und wer in der Anbetung l scheu M nltnc׳gen>einDe in Wien bearbeitet, erster des Sichtbaren sich verliert, ist eben nur ein ״Stutzer", l Tch; s lJgll'? bis Iii7l>-, LXJV 1I11D 7>!)H SS., der über dem Gewände das Wesen vergißt. Darum I SertobbilDnngen, 1Tafeln ltllD ein FvieD ״willst du Frucht schassen für die Ewigkeit, so befruchte! ßofsplon , 1. PonD Der Quellen ItuD FovfchltN die liefen, aus der Unendlichkeit slaiiimcnden Kräfte > ^eil zur hieichichte Der In Den in Senlsch Setterdes Menschen." Uncrmndlich zeigt Earlhle in allen reicht.