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Jüdische Volksstimme · 1913-03-13 · Heft 11 (13.3.1913) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 11 (13.3.1913)
Date
1913-03-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
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s-'t? 10. '׳. -Jüdische Volksstk״ Nr. 11. i>er Fabrik- und Wertbcsitzer aber erhob einen Klageruf über Millionenverlusle, die ihr durch die unerwarteten Vcrircibungc» zugefügt ivordcn seien. Ebenso getroffen fühlte sich die Bcrtrctung der altruffischen Kaufmannfchaft durch die Maßnahmen des Gouvernements Ehlvosloiv gegen die jüdischen Teilnehmer der Nischni- Nolvgoroder Mcffc, und abermals kamen seitens der berufenen Führer der ruffischc» Handclstvclt Proteste gegen die ivillkürlichc Entrechtung der jüdische» Kauf-!eure. In seiner Berlcgenhcit verwies damals der Miniiierpräsidcut die Beschwerdeführer an den Minister des Innern Makarow, der nur die Achseln zuckte und ihnen iveitcr zu schreien riet. Geradliniger verfuhr der Handelsministcr Timaschew. der die ruinierten Induüricllcn damit vertröstet, daß ja im Laufe der Zeit an Stelle der verjagte» Juden eine Klasse rein russischer Händler aufkommcn würde. Ganz im Sinne diefer Erklärung erfolgte in jüngster Zeit dann eine wciicre einschneidende Beschränkung: die Einfiihrung von Negisirierbüchlci» für Tausende von jüdischen Kaufleuten und Kommis-Voyageuren, wodurch die Tätigkeit legrerer sag völlig lahmgelegt ward. Als die Lage immer kritischer ivurdc, begannen zahlreiche Börscnkomitecs gegen die unerhörten Vcrkvlgungcn und Schikanierungcii zu protestieren. — Telbsl in der Residenz von Markow und Purischkcwitsch, i» Kursk, schloß sich das Börsenkomitee den allgemeinen Protesten an. Hier gab cs allerdings eine regelrechte Katastrophe: etwa 800 jüdische Familicn, die seit Jahrzehnten im Gouv. Kursk wohnen, verfielen der Aus-!veisung. Tamir aber begnügte sich der lokale Gouvcrueur Muratow micht. Er ergriff erbarmungslose Maßnahmen, die das Betreten seines Territoriums durch Juden verhindern sollten. So befinden sich aus allen Bahnhöfen des Gouv. Kurst Straschniks, die über jeden Ankömmling mit jüdischer Physiognomie hcrfallcn und ihn, oft meilenweit, nach einer Polizeilvache schleppen, um sein Wohnrecht fesizusiellen. Kein Wunder, daß auch die Privilegierten das heilige Gouvernement meiden, um nur nicht durch solche Prozeduren gequält zu werden. Im Endresultate aller Maßnahmen Muraioivs find, wie cs im Memorandum des Börfenkomitccs heißt, eiwa 00 Prozent der lokalen jüdischen Bevölkerung der Ausweisung geweiht. Vergebens rufen lvicdcrum die russischen Handels- und Geiverbctreibenden des Gouverncments, daß ihre Provinz dadurch ruiniert werde, lind tvic in Kursk, so klagen auch in Wladiwostok die russischen Kauflcutc über die dortigen Jiidenverfolgungen, da auch dort eine Krisis drohe. Es ist fast unverständlich, daß die russische :licgicrung vor allen diesen Beschwerden ihr Lhr verschließt. Ist es doch lein Zweifel, daß die wirtschaftlichen Folgen der antisemitische» Rcgicrungspolitik bald aus Schritt und Tritt sich zeigen müssen. Skizzen aus dem Volkswirtschaftlichen Leben der Juden in der Vergangenheit. Voil Pros. Dr. Schwa r z, Agram. 3. Tie um die Wende des ersten Iabrtausends eingetreiene Aendernng in der Volkswirtschaftlichen Betätigung der Juden bezieht sich zumeist r!!n die Länder Europa-:׳, während ihre Lage t»t Orient und in Nordasrika unverändert blieb. In Arabien z. B. pflegten sie Tattelhaine, bearbeiteten Irld.ee, trieben Viehzucht, übten verfchiedene Gewerbe au-:׳ wie die anderen Bewohner, während gerade der Großhandel nicht in ihren Händen lag. Im Orient hat die Herrschaft de-:׳ Islam auch die soziale Lage der Inden vcrbessert, der religiöse Gegensatz war ein viel nnlderer als im christlichen Europa, und gab keine gesetzliche Beschränkungen, so das׳, jedweder Grund für eine Aendernng der volkswirtschaftlichen Täkigkeil fehlte, Nicht so in Europa, wo insbcsondere in Teutschland und in Frankreich ganz andcrc volkslvirtschastüche Verhältnisse herrschten. Erlvcrbnng von Grundbesitz war hier nicht leicht . möglich, weil diesen der Adel nicht ans der Hand gab. Eine Kleinbauernwirtjchaft gab es über- Haupt nicht. Also konnte der Jude weder Kleinbauer t>och Grostgrnndbesitzer iverden. Trotzdem hören mir wiederholt von kirchlichen Bestimmungen, laut ivelchen die Inden nach ihren Häusern und Grundstücken verbalten lind, den kirchlichen Zehent zu zahlen. Immerhin hat es immer eine ansehnliche Zahl jüdischer Grundbesitzer gegeben. In den Städten herrschte das bürgerliche Elcment der Gewerbetreibenden, die in Zünfte geschlossen ans religiösem Gegensatz keinen Juden anfnahinen. So verblieb dem einwondernden Indcil nur der Handel, d. h. auszusüllc» diese bestehende Lücke im ökonomischen Lebe«. . Aber auch der Handel war eingeengt. Der Zwischen- Handel hatte sich noch nicht entwickelt. Jedermann deckte seinen Bedarf beim Produzenten. So beschränkt sich anfangs der Handel auf Luxusartikel, die der Kaufmann aus der Fremde holte und an den Mann brachte. Es ergibt sich daraus folgende — und zwar einzig richtige — Auffassung des ökonomischen Problenis durch die ganze Geschichte der Juden: Wo die Juden in gleiche ökonomische Verhältnisse gelangen, zeigen sie keine« besonderen Hang für einzelne Zweige vcr Volkswirtschaft. Wenn sie jedoch in Länder kommen, mit anderer ökonomischer Orgcrnisierung, so füllen sie die Lücken dieser Organisation aus. Sie werden also Kaufleute in Deutschland und Frankreich, weil cs hier keine cinheimischen Kauslcute gibt. Im Laufe der Jahr- Hunderte entwickelt sich dann ein heimischer nationaler Äauftnaunsstand, der die Juden auch aus diesem Erwcrbszweig verdrängt. Nun füllen sie eine andere Lücke der ökonomischen Organisation ans und Wersen sich aus das- Geldgeschärt. Diese — wie ich glaube — einzig richtige Auffassung, die der Sombartschen von dem seit Jahrtausenden angeborenen Sinn für Handel und Geldgeschäft, diametral entgegenlauft, kann auch auf andere Völker angewendet werden. Die Griechen und Armenier sind überall, am Balkan und auch in Ungarn, wo sie eine Minorität darstellen,-Kauslcute, u. zw. tüchtige Kaufleute, ün eigenen Land gehören sic allen Erwerbszwei-, gen an. Tie Bulgaren sind in vielen Städten Ungarns die gesuchtesten Gärtner und Gemüseprodnzenten. Und doch har niemand die These aufgestellt, das; Armenier und Griechen ein Handclsvolk sind und mit uralter angeborener Fähigkeit dazu, oder die Bulgaren ein Gärtner- Volk. Der Einwanderer sucht den am wenigsten verbreiteten oder gar nicht cristierenden ökonomischen Erwerb, weil er von ihm den grössten und sichersten Nutzen erhofft. Darum wird dev kleinen, ja winzigen Minorität der Juden in Mitteleuropa der Handel der ausschließliche Nahrungszwcig, während sie indessen m kenn- Pakten Masten wohnend, sowohl Ackerbau als- Handwerk bevorzugeil, z. B. in Süditalien die Färberei, in Griechenland die Seidenweberei, in Pyrus die Glasindustrie, in Saragosta bilden die jüdischen Schuhmacher sogar eine Zunft. Es wird von namhaften Gelehrten bchauptot, das; die Juden vom 8. bis 11. Jahrhundert den Welthandel besorgten zwischen Orient und Okzident. An dieser Behauptung ist nur ein Teil wahr, denn sie hatten an den Syrern, Griechen, Bulgaren und Italienern tüchtige Konkurrentcn. Immerhin werden sie als Kauflcutc geschätzt, wie es sogar der Bischof von Speyer (1074) tut, der cs sich zum Lob anrechnct, daß er ״Juden iu den Mauern der Stadt angcsammelt hat, und dadurch glaubte, die Ehre der Stadt tausendfach zu mehren", und Wiehes die öfter vorgckommene Verlegung der Meste, also des Marktes, von Sonnabend auf einen anderen Wochentag beweist. Je größer die einzelnen Gemeinden werden, um so mehr wird der Welthandel zu einem Binncnhandel. Statt mit Sklaven, Juwelen, Seide, Pelzwerk und Gewürze, also lauter ausländischer Ware, handeln sie mit Getreide, Wein, Fellen, Pferden, Schafwolle, gesalzenen Hcringen und anderen Artikeln. Im 12. Jahrhundert beginnt das Zinsnelnncn, der Gcldhandel und wird im 14., da sie von der Konkurrenz aus dem Warenhandel verdrängt sind, der alleinige Nabrnngszweig. B c r n h a r d v. C a i w a u r antwortet schon auf die Beschuldigung des jüdischeu Wuchers, das; die christlichen Geldgeber es noch ärger treiben, noch höhere Zinsen nehmen. Ten Rekord schlugen die Geldgeber in Lindau nlit 21 ti Prozent.''Um das kirchliche Verbot der Zinsnabme ausznspiclcn, nannten die christlichcn Geldgeber die Zinsen Geschenke, oder erhöhte Schrildsummc. In dieser Form treiben Edelmänner und besonders Klöster Wucher. Selbst Inden nabmen den Kredit der Klöster in Anspruch. Also auch im Geldgeschäft waren die Juden besoiiders anfangs, so lange das kanonische Vcrbot der Zinsnabme nicht eingehalten wurde, nicht Alleinherrscher. Solche reiche jüdische Bankiers wie es die italienische Firma Fugger war. die Königen und Bischöfen Geld lieh, hat cs unter den Inden nicht gegeben. Die Fugger und ihre Landsleute, die Lombarden, rechneten bei Darlehen Sott Meste zu Meste- 10 Prozent, also pro anno etwa 60 Prozent sub titulo Spesen, dabei haben sie den Normalzinsfutz von 45 Proz. nicht sehr überschritten. In Frankreich und England nahm das Geldgeschäft die Form des Darlehens auf Schuldbriefe an, in Deutschland mehr diejenige^ des Pfandleihgeschäftes. Keinesfalls ist anzunehmen, daß sämtliche Juden sich mit dem Geldgeschäfte befaßten. Aus jüdischeu Responsen und lateinischen und deutschen Privilegien-Urkunden, wie sie die Juden einzelner Städte oder Ländchen erhielten, ist erfichtlich, daß ein ansehnlicher Teil vom Handel lebte. Dieser war mehr intcrlokal, denn die Bedürft niste au Boden- und Gewerbeprodukten wurden direkt beim Produzenten befriedigt. Wir finden tatsächlich für alle Zeiten Belege für die Handelstätigkcit der Juden in ausgebreitetem Maße. Das Geldgeschäft bot jedoch nur mehr Sicherheit, in der Stadt gegen Raub als der Handel, der das Nteisen am Lande bedingte. Eine Zeit hindurch gewährte mau den Inden in Südsrankreich und Oesterreich Aemter. So waren sie Zolleinnehmer oder eher Pächter, Gutsverwalter sogar bei Stifter und Klöstern. Auch das Prägen von Münzen wurde ihnen oft riberlasten, wohl nicht zu ihrem Vorteil, denn sie bereicherten dabei in erster liteihe ihre Auftraggeber, daun sich selber, verloren dann zumeist ihr Vermögen samt ihrem Leben. Weniger gefährdet war das Leben der Geldwechsler, deren Beruf sich als notwendig erwies auf Messen und Märkten, weil das Münzrccht jeden Lcmdesherren zu kam., infolgedessen vielerlei Münzen im Umlaufe waren, die vom Geldwechsler in ditz hcinusche. kurante Münze umgewechselt wurden. Eine Art des Geschäftes war das Einlegen des Geldes in das Geschäft eines anderen ans halben Gewinn.. Das taten auch Frauenz deren Männer dem Studium oblagen.. Mitgiften, Witwen- und Waisengelder wurden am, diese Weise fruktisiziert. Auch eine Form des Nceskompts eriskierte. Man verpfändete die eigenen Pfänder, die hin- und hergeschoben wurden, zur Kapitalsbeschaft sung. Bis zum 13.—14. Jahrhundert, also bis der Judenhaß, von der Kirche nicht geschürt wurde, sah man die Juden allenthalben in Mitteleuropa als ein nützliches volkswirtschaftliches Element an. Man sieht sie gerne, bevorzugt sie vor den christlichen Geldgebern, die Obrigkeit beschützt sie und ist sogar behilflich, ihre Schulden einzutreibcu. Sie hatte ein Interesse an ihnen, denn sie zahlten große Steuerer, z. B. in Nürnberg entrichteten sie allein 4000 Thaler von 6000—7000 der Stadt an die kaiserliche Kaminer. Unstreitig sind die Juden reich geworden, d. h. ein Teil des Geldes sammelte sich bei ihnen an. Zuerst der Sechaudel, dann Großhandel,, hernach Binnenhandel, Anleihegeschäfte, Münz?-- Prägung, Finanzverwaltung und Geldwechsel, alle diese waren einträgliche Geschäfte, wenn auch nicht ohne Risiko, und mit großen Steuerverpflichtuugen belastet. In 1—2 Jahrhunderten sind sie bettelarm geworden, als man sie zuerst gesetzlich!laut Uebereinkomnren zwischen Kaiser und anderen Fürsten oder Stadtmagistraten) durch Wegnahme oder Tötung ihrer Schulden, dann tätlich ausplünderte. Diese Ausplünderuugsinethode bewährte sich, die Fürsten und Magistrate wurden reich, die Schuldner mußten: erbarmungslos zahlen, und die Juden hatten: das Nachsehen, sie hatten keinen Handel uns kein Geld, waren ganz ausgeraubt, insoweit sie bei den großen und kleinen Verfirlgungen nicht auch ihr Leben verloren haben.. Zu Ende des 15. Jahrhunderts wurden die Juden aus Spanie» ausgetrieben, in Mitteleuropa waren sie an Zahl und an volkswirtschaftlicher Kraft ganz herabgekommen. Ter Anbruch der Neuzeit sieht sie am Rande des Unterganges. Doch fristen sie ihr kümmerliches Dasein anderthalb Jahrhundcrte bis sic wieder langsam ein notwendiges volkswirtschaftliches Element bilden. Eine Ausnahme machen die Juden in Jtalieu, Polen und der Türkei. Hier erstarken sie gerade in jener Zeit, da sic in Mitteleuropa zugründe gerichtet werden. J§ Sternhof I bestes aller Bitterwässer.

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