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Jüdische Volksstimme · 1913-03-13 · Heft 11 (13.3.1913) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 11 (13.3.1913)
Date
1913-03-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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«״ .־ x.v/11 »hBeilage zur,Wiener JüÄ. Bolksstimme' 13. März 1913 Seite 9. Agudas Jisroel. Von Gabriel F ü r st. Frankfurt, 2. März ±013. Als vor ungefähr acht Monaten die Agudas Jisroel auf den Plan trat, da war es sehr vielen Leuten unklar, was sie eigentlich wollte. Es gibt manche solcher Leute bis auf den heutigen Tag, aber doch lange nicht mehr so viel wie vorher. Die Erkenntnis von der Notwendigkeit und von der Bedeutung einer Arbeitsgemeinschaft der gesetzestreuen Judenheit ist in immer weitere Kreise gedrungen, auch in solche, die früher mit bedenklichem Kopfschütteln oder osfener Abneigung beiseite standen. Wir sind nicht so opitimistisch, zu hoffen, daß schon die allernächste Zeit den Anschluß aller noch Fernstehenden an unsere Sache bringen wird. Aber wir sind überzeugt, daß diejenigen, die ernst und nachdenklich die Zeitlagc, die Aufgaben und Nöte unseres Volkes und die Geisteskäinpfe, die um seine inneren Güter geführt werden, überschauen, sich doch mit aller Gewissenhaftigkeit die Frage vorlegen, ob nicht die Bestrebungen, die in der Aguda zusammengesaßt sind, und in ihr Gestalt und Ausdruck gewonnen haben, ihr Interesse und ihre Mitarbeit verdienen. In unseren Tagen hatten manche Persönlichkeiten, die glauben, die Zusammenhänge und die Wirkungen der geistigen Bewegungen klarer zu erkenneu und sich der vom Banne eines falschen Modcrnismus beherrschten öffentlichen Meinung tapfer cntgegenstemmen, das Gefühl der Einsamkeit und den Eindruck, es sei doch alles vergeblich. Daß dieser finstere Trug seine Macht über die Gemüter verloren, ist das nicht hoch genug zu bewertende Verdienst der Agudas Jisroel, der sittlichen Macht des Einhcitsgedankens. Schon durch ihre bloße Eristenz und inden Anfangsstadien ihrer Entwicklung ist es ihr gelungeu, in allen Ständen und Bevölkerungsschichten, den Geist der Begeisterung, der Entschlossenheit, der Arbeitsfreudigkcit und des Opfersinnes zu erneuern, der das eigentliche Arbeits- und Betriebskapital unserer großen und guten Sache bildet. Wenn ihr בשאפלה לבם עתיד להאיר לבם אור עולם שני ודי׳ לך ה׳ לאות עולם("שעיים־) אמתי בזמן שתהיו בלבם אגודה אתת שד חיים בלבם היום (דברים ד) ein trübes Geschick haben werdet, wird euch das ewige Licht leuchten, wie es heißt: ״Ter Ewige wird euch zum ewigen Lichte sein." Wann? Wenn ihr alle ein Bund sein werdet. (Midrasch Tanchuma). Aus solchen Gedanken ist vor ungefähr acht Monaten die Agudas Jisroel gegründet worden. Jahrelange Vorarbeiten waren geleistet; auch der Worte waren genug gewechselt worden — nur eine große jüdische Tat konnte helfen. Wirklich große, neue, bahnbrechende Aufgaben können nicht durch Theorien gelöst werden, sondern nur dadurch, daß ein Erperiment im großen Stil gewagt wird. Tic Gründer der. Aguda haben es gewagt im entschlosseuen Glaubenswut, cms der Erkenntnis der Zeitnöte heraus und im Vertrauen auf den gesunden Sinn und die opferfreudige Mitarbeit der gesetzestreuen Judcnheit. Es war nicht leicht. Denn was sich in den allgcineinsten Ilmrissen glatt zusammenfügt, das fordert im einzelnen unsägliche Mühe und Arbeit. Bald galt es, Zusammenstöße zu mildern, bald Lücken auszufüllen. Es bedurfte einer energischen Aufbietung logischer Kraft, um alle Jnteresfen auszugleichen, um ohne Gefährdung des Ganzen jedem Gebiet sein Recht zuzuerkcnnen. Zwar haben viele achselzuckend und flaumachend beiseite gestanden. Wenn sie mitgearbeitet hätten, so brauchten wir heute keine besondere Werbearbeit mehr. Aber Tausende jüdischer Männer haben die Bedeutung der Stunde verstanden und haben tapfer und treu mit Hand angelegt. Es ist der Aguda gelungen eine jüdische Gemeinbürgerschast mit einem einheitlichen Grundstock der lleberzeugung zu schaffen resp. neu zu beleben. Gegenüber den gemeinsamen Feinden der jüdischen Weltanschauung, angesichts der großen Entscheidungen, die sich heute im Kampfe für und wider die Tauro Vollzieher kann es kein Abseitsstehen, keine Sonderbündelei geben. In manchen Fragen ist die Orthodoxie nicht einig, in den religiös-wissenschaftlichen Forschungsmethoden in dem östlichen und bauer noch Großgerndbesitzer werderr. Trotzdem westl. Bildungsproblem usw., aber jede dieser Ansichten hat ihre historische Berechtigung u. ist auf dem Boden der Treue zur Thora erwachsen. Tie berechtigten Gegensätze, die auch durch vertuschen nicht aus der Welt zu schaffen sind, werden weiter bestehen, an anderer Stelle ausgetragen werden — hier treten sie zurück vor den großen gemeinsamen Aufgaben. "Alles Wachstum der Gemeinschaft soll jedoch die Selbständigkeit der Länder nicht mindern. Da Agudas Jisroel auf das große Gebiet des öffentlichen Lebens auf dem die großenteils radikale hebräische und Jargon-Tagespresse herrscht, nicht verzichten will, so wird sie nunmehr auch auf dieses Gebiet hinaustreten, statt cs, wie in langen Jahrzehnten aus mangelndem Wirklichkeitssinn, ohne Schwertstreich den Gegnern zu überlassen. Tenn hier handelt es sich um die heiligsten Güter unseres Volkes. Tie Aguda will dazu helfen, daß die natürliche nationale Vereinigung sich zur ethischen gestalte, daß sich die Reihen der Gesetzestreuen fest schließen gegenüber dem Ansturm der Gegner. Tie großen Umwälzungen und Probleme, in diesem Jahrhundert der Entscheidungen, auf Sie wir unter allen Umständen gerüstet sein müssen, fordern gebieterisch den engeren Zusammenschluß und die Zusamenarbcit derjenigen Kreise, die wir als den Kern der Judenlieit bezeichnen können, die mitbaueu und mitkämpfen wollen. Wir müssen allen Möglichkeiten gewachsen sein. Tie Aguda will weit über die Grenzen der Einzelgemeinden, der Länder und Weltteile hinaus entschlossene, weitschauende Geiinnnngs- und Arbeitsgemeinschaft sein, ja sie ist es schon heute und wird es tagtäglich mehr. Tie Bedeutung einer solchen Vertretung der bewußten Gesetzestreue in der Oeffentlichkeit, wie sie die Aguda leistet, kann nicht hoch genug bewertet werden. Das alles gibt freudigen Mut, auf der betretenen Bahn rüstig weiter zu schreiten. Wir arbeiten im Rückblick auf eine große Vergangenheit, im Aufblick zu Gott, der unserem Volke das Glaubenserbc מורשה קהלת יעקב geschenkt und es aus nationaler Schmach und Erniedrigung wieder zum Licht emporgeführt hat. in der Gewißheit, daß unser Volk nicht dazu bestimmr ist. in den Niederungen des Materialismus zu versumpfen. In jüdischem Wesen soll einmal die Welt genesen. Aber nur daun, wenn zuerst das jüdische Volk an der Tauro gesundet. Als Kern alles Lebens wird die Tauro in der Agiidaorganisation nicht zu dem übrigen Tun eine nachträgliche Ergänzung bilden, sondern von vornherein in allem und jedem als seine Seele wirken. Ungeheuer, gewaltig groß ist das Arbeitegebiet der Aguda. Unwiederbringlich ist jeder Augenblick und seine Folgen reichen bis in die Ewigkeit. Trum Brüder, auf zur Arbeit! Eine jüdische Gemeiubürgschaft? In einer Zeitperiode nationaler, konfessioneller, politischer sowie ökonomischer Zerrissenbeit der Inden unserer Monarchie, die äußerst grell zu den! Mouzeutraiionsbestcebungen bei den anderen llieictisuölreri! absticht, ist die Frage wohl berechtigt, vt> nick! a»cl> eine jüdische Gemeinbürgschast möglich iväre. Ich antworte daraus mit ״Ja"׳, aber sie kann nur jene Juden des Donanreiches umsasseu, die aus jüdischem, österreichischem und sozialem Boden süßen. Tie gegcmvärtige Zeilperiode Ivird eben von zwei Hauptproblemen beherrscht, über welche sich auch eine jüdische Gemeinbürgschast verständigen mußte. Tas eine ist das nationale, das andere das sozialc Problem. Tie Judeufrage ist eine Synthese beider. Tas Wesen des nationalen Problems gipselt darin, daß jede Nation, ob groß oder klein, die Wahrung ihrer nationale» Individualität, ibrer spezisische» Mul־ tut und ihres Sprachbodens will, der Kern des sozialen Problems hingegen bildet das Streben eines jeden Individuums nach Arbeit und nach einem der ArbcikSlcistung entsprechenden Arbeitseinkommen. Der nationale und soziale Begriss, in diesem Sinne ausgesaßt und nicht in dem der Chauvinisten sowie orthodoxen Marxisten, schließen sich also nicht aus, sondern ergänzen sich gegenseitig, insbesondere beim ׳— jüdischen Volke. Ja, sind lvir ein Volk, hören wir oft ziveiseln auch solche Juden, denen man nicht immer jüdisches Cmpfinden absprechen kann. Sie sagen: Wir haben keine gemeinsame Sprache und kein gemeinsames Land und können daher nur Deutsche. Tschechen, Polen, Italicner, Magyaren israelitischer Monscssion sein. Daß die Anhänger dieser Anschauung in einem verhängnisvollen Jrrtnme sich besinden, können sie sich in allen Teilen des Tonaureiches überzeugen. Tie große Mehrheit aller seiner Völker betrachtet die Juden alS eine selbstständige, tvenn auch minderwertige Nationalität, lvährend die Minderheit, ivelche ans taktischen Gründe» die Assimilation» billigt, die Juden nur als Deutsche, Tschechen, Polen, Italiener, Magyaren zweiter und dritter.»lasse ansieht. Im Gegensave zu diesen Ansichten fordern lvir Nationaljude», die Auerkennnng der Inden als gleichberechtigtes Volk im österreichischen Völkerreiche. Tas ist unser nationales Glaubensbekenntnis! Wir erstreben aber auch für daS jüdische Multuv■ leben ein .»nlrnrzcnlrnm und für die Juden, die ans ihrer gegemvürtigen Heimat ausivandern!vollen oder müssen. - ein Cmigrationözenlrnm in Palästina. Tarum sind lvir auch Z i o n i st e 11. Weder unser jüdischer Nationalismus oder Z,ionismllS stehen aber im Gegensabe zum religiösen Cmpsinden und zu einer intensiven Betätigung unsere-) Tesierreichertnms oder zu einer großzügigen sozialresormatorischen 'Arbeit. Insbesondere in dem Brennpunkte ivirtschastlicher Fürsorge für die Armen. Elenden und Cnterbten 1111־ seres Stammes könnten wir llnö alle sinden, mögen nun die einen mehr ans nationalen, die anderen ans konfessionellen und die dritten ans ökonomischen Griui• den dem sozialen Elend üenerii ivollen. ׳Allerdings, seht eine großzügige Wir:ichansp.׳uur nicht nur das Verständnis der Inden, sondern amu aller ünderen Reich-svöiker für die Tatsache voraus, daß üesierreichs Slaatsidee keine nationale oder!011• sessionelle sein kann, eine soziale aber werden muß. Tie Politik aller bisherigen parlameularinuen Parteien in Zis und Trans har vollständig Schi׳sbr1,a> gelitten, sie hat in allen gemischtsprachige» Ländern der Monarchie den nationalen Hader znr Glnlbive ein slammt, dem Antisemitismus neis neue Nahrung zuge־ führt!nid die wirischastliche No! znin Höhepunkte getrieben. Ter Zusammenbruch des bestehenden Pariaiiientarismiis beider Reich-sbäifle» in nur mehl׳ eine Frage kurzer Zeit. Tie eigentliche Ursache aber aller dieser Tatsachen liegt darin, daß die altöilerreichischen Politiker eben gewaltsam der Monarchie oder einzelnen ihrer Teile ein nationales oder konsessionelles Gepräge ansdrückeu, ein Umilaud. unter dein alle Minoritäten, insbesondere aber die Inden einpsindlich leiden. 1 Ta her iväre es sehr notiveiidig, daß endlich zur Wahrung der geineinsame״ jüdischen Volksintereisen in üesierreich eine Jnslitutio» geschaffen iveede. ivel-üe esn anerkannte Vertreterin der gesamte» österreichischen Inden, sowohl gegenüber den anderen Völkern als iinl, gegenüber den Regierungen darüellt. Time JnNiinnon iväre ans einem ehestens einzubrrusene» jüdisch pou tischen Parteitag ans Gesaml-Üesierreicb zu tveililen. ׳Ans diese Weise könnte durch eine;»iu'iiuninlv .l!!i llärnng-arbeit und großzügige Agitation, die!!so an! sämtliche jüdische Je'il und Streilsrage» ernrem, ו׳!! mählich eine jüdische (äeineinbürgschail herbeige ׳!!brr und so dem jüdischen Volke im Tonal!reiche bei sein unvermeidlichen n»d uahebevorirchende» 2»יוt1!:׳.׳ a1׳.,׳.־.•׳ jene Stellung erobert werden, ivelche ilnn e׳,!s!v'v,\!v.;.' seiner Zahl, seiner Steuerleiitu»«. seiner .»׳,il'un׳ :! •׳ gebnbri. . u. Die Schädigung der russischen Volkswirtschaft durch die Juden- Verfolgungen. i Tie rigorosen Jiidenversolgiingeii der lebten Zeit greisen immer tiefer in daS wirtschaftliche Leben 0!J I gesamten Reiches ein, so daß die Vertreter zahlreicher > nicht jüdischer Morporatione» über die Tchädigtlng ih>s-r wirtschaftlichen Interessen die schwersten »lagen er heben. Tie Proteslkundgebilugen solcher ׳Art inehren sich zusehends, ohne daß sie vorläufig bemerkenslverie Resultate erzielen. Was jedoch im gegebenen Moment 1 erfor^Iod bleibt, kann in späterer Zeit von niaßgeben-! der Bedeutung werden. Ten» schließlich ist die Logik der allgemeinen mateciellen Interessen ans die Tauer ilichi von der Hand zit weisen. Als die inasseiihaste» ׳Ansiveisllngen von Inden aus de» Türfern im Süden Rußlands begannen, da jauchzten über diese ״Befreiung" die sogeiiaiinteii Patrioten in ihren C rgaiie». Tie Moskauer Gesellschait

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