Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1913)
- Date
- 1913-03-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. ״Jüdische Bolksstimme." Nr. 10 feit aufklären, und stets daraus Hinweisen, das; eine Organisation zur Behebung der mißlichen Anstände in den Instituten der Prager inedizinischen Fakultät, einzig und allein im Wege einer allgemeinen, alle Mediziner umfassenden Aktion durchgcsührt werden darf. Tann, aber nur dann wird die Gewißheit bestehen, daß nicht unter der Firma räumlicher Beengung Einjchränknngsparagraphen mit antisemitischem Unlerton vertreten und propagiert werden. Die Protestaktion der Balkanstamme gegen das rumänische Joch. Wie bekannt, haben die Kutzowallachen, Mazedonier und Inden gegen die Abtretung eines Gebietes an Rumänien eine Resolution erlassen, welche den Kabinetten der Großmächte und den großen jüdischen Verbänden Westeuro- Pas übermittelt wurde. Diese Resolution hat im Blätterwald eine eingehende Besprechung gesunden. Je nach der Parteirichtnng wurde sie beifällig oder abfällig glossiert. Am heftigsten gebärdeten sich natürlich die antisemitischen und antisemitisch-christlichen Blätter. Ohne auf die ausführliche Motivierung, welche die Stämme gegeben haben, näher einzugehen, griffen sie aus der Gruppe der Protestierenden einfach die Iudeit heraus uitd nahmen sie wieder einmal unter das Oezicrmcsser. Tie Juden sind an allem Unglück schuld. Tie haben nach diesen Blättern den Ausbruch des Balkankrieges verschuldet, sie tragen auch die Schuld an der Wirtschaftlichen Tepression und jetzt treten sie als Friede n s st ö r e r auf. Ter langersehnte Friede wird durch die Juden verhindert, denn sie haben dagegen protestiert, daß man mit ihrem Gut und Blut wie mit einer wohlfeilen Ware umgeht und sie aus erträglichen Verhältnissen in die Hölle Hetzen will. Hätten die Juden nicht protestiert, so wäre der Friede bereits eine vollzogene Tatsache, darum der alte Refrain zu dem neuen Lied: ״Haut die Juden!" Daß schließlich auch die Kutzolvallachen und Mazedonier sich gegen die Abtretung an Rumänien verwahrt haden, wird nach bekanntem Muster von diesen Blättern einfach übergangen, nur der Juden wird gedacht. Dabei sind doch die Gründe der heute unter bulgarischer Herrschaft stehenden Juden mehr als einleuchtend. Wenn auch Bulgarien nicht gerade das Dorado der Juden genannt werden kann, so finden sie doch im Lande ihr Auskommen und werden als vollwertige Mitbürger gewertet. Besonders jetzt nach dem Kriege, der die Reihen des bulgarischen Volkes dezimiert hat, Diese Lebensweise betrieb er »׳ehr als ein volles Jahr, dann erschien er viele Monate in meinem Lokale nicht und eines Tages klopfte es an der Tür meiner Privatwohnung und herein rrat — verstört und lässig in Halrnng — Sewastschakow. Rach Anstanich einiger Artigkeiten überging er ans den Zweck seines Besuches und erzählte in etwas erregten Worten folgendes: ״Mein Papa erfuhr durch den Garnisonskom- Mandanten von nleiner verlotterten Lebensweise und ermahnte mich in einigen Briefen, einen anderen Weg einzufchlagen, er drohte mir, falls ich nicht Umtehr halten sollte, jegliche Unterstiitznng zu versagen usw. Allein ich stak zu lies im Lafier, war auzu demoralisiert, um mir ein energifchcs Halt zu gebieten, außerdem dachte ich, es seien bloße Drohungen von meinem mich über alles liebenden Papa, also watete ich imnler weiter in den Schmutz, lumpte sorglos in den blauen Tag hinein. Erst jetzt erkenne ich, wie ernft es meine Eltern mit mir meinen: Seit drei Monaten erhalte ich vonl Hause weder ein Tchreiben noch Geld. Was nützt inein Winseln in meinen Briefen? — Alle meine Tchreiben koinnlen von den Eltern ungelesen retour. Run ist es an Tie, lieber Herr Tußkind: Ich soll jetzt zum Leutnant ausgcmustert werden und benö- 1ige für Montur und Pferd Geld, entweder Tie Helsen mir und ich werde ein ernster Mensch — wird ihre Mitarbeit im öffentlichen Leben geschätzt und gesucht werden. Begreiflicherweise setzten sie alles daran, uni nicht dein sicheren Verderben entgegcnzugehen. Die Juden sind aus den Zeiten der türtischen Herrschaft daran gewohnt, daß inan ihre Sitten und Gebräuche achtot, daß inan ihr nationales Volkstum unangetastet läßt. Unter rumänischer Herrschaft ist aber all dies nicht inöglich. Tie rumänischen Juden harren noch heute sehnsüchtig der Einlösung der aus dem Berliner Vertrage für sie resulticrendeit Rechte, ohne sic erreichen zu können. Im Lande sind die Juden Menschen letzter Kategorie. Recht- und schutzlos sind sie den Bojaren auSgeliefert und das Land, dessen Königin in ihren Ländern Nächstenliebe und Menschlichkeit predigt rangiert unter den Bedrückern und Ausbcutern der Juden an erster Stelle. Bis ■311111 heutigen Tage hat man nicht gehört, daß die Mächte irgendetwas in dieser Angelegcnheit unternommen haben. Bulgarien will natürlich von einer Abtretung dieser Gebiete nichts wissen und der Ministerpräsident hat der Deputation auch die tunlichste Berücksichtigung der berechtigten Wünsche der Balkanstäinme zugesichert. Die jüdischen Organisationen vollends haben vollständig versagt. Genau so wie sie anläßlich der Judenmetzeleien in Saloniki kein andercs Mittel fanden, um Almosen zu sammeln. To sind denn die Juden einzig und allein auf die Einsicht der bulgarischen Regierung äugewiesen. Hoffen wir, daß sie nicht aus Sand gebaut haben. Romanow-Jubiläum. Tie großen Festlichkeiten zur Feier der Dynastie Romanow stehen vor der Türe. Der Zar hat den Wunsch ausgesprochen, die Feier mit dem größten Pomp zu begehen. Da hätte es fast Wunder genommen, wenn nicht zur Feier des Tages auch ein kleiner oder größerer Pogrom in das Programm aufgenomnien worden wäre. Ter Russe braucht nun einmal nach Wudki und gutem Essen ein wenig Judenblut, das Hinmorden wehrloser Juden setzt der Festfreude erst die Krone aus. Tatsächlich wurden im Laufe der Woche auf allen Straßen in Petersburg ungehindert von der sonst so strengen Polizei Ansichtskarten mit der Darstellung eines Ritualmordes gratis verteilt. Die Rückseite der Karten enthielt eine unverblümt Ausfoderung zu einer allgemeinen Judenverfolgung anläßlich der bevorstehenden Nomanowfeier. Der Zweck ist klar und durchsichtig, der aufreizende Inhalt der Karten wird die Menge zu irgendwelchen Ausschreitungen Hinreißen. Diese Ausschreitungen werden dann den Juden in die Schuhe geschoben und der Mob auf sie gehetzt, die Behörden das schwöre ich Ihnen — ober, ich jage mir eine Kugel durch den Kopf und alles ist aus!" Ich dachte nicht lange nach und streckte ihm das nötige Sümmchen, es waren mehrere hundert Nubei, vor. Wußte ich doch schließlich, daß das Geld nicht verloren sei. — Run aber in kurzer Zeit darauf brach der russisch-türkische Krieg aus. Tic ganze Garnison zog in den Krieg und ich als auch andere, die mit Offizieren Geschäfte machten, verloren bei ihnen viel Geld. Wie ihr, meine lieben Leutchen, wißt, habe ich seit jener Zeit mich'überhaupt zur Ruh' gesetzt und lebe von meinem sauer erworbenen Sparpfennig... Erft vor einigen Wochen fiel mir ein: Mag auch der junge Sewaslschakow im Kriege gefallen sein, sein alter Vater wird doch die Schuld seines Sohnes tilgen! Also machte ich mich auf und fuhr nach Eharkow. Bei der Polizei erfuhr ich die Adresse des Generals, begab mich hin und wurde ohne sonderliche Schwierigkeiten vorgelassen. Zu meinem größten Staunen trat mir der junge Offizier entgegen und als er meiner ansichtig wurde, siel er mir um den Hals, küßte mich und weinte.... Er erzählte mir, daß er sich im Kriege auszeichnete und gleich zum Major ernannt wurde, sein alter Vater starb aber indessen und er habe nun sein Erbe angetreten. Er bestellte mir eine jüdisch-rituelle Küche und bat mich, bei ihm einige Tage zu verweilen. erklären sich außerstande, dem Wüten Einhalt zu tun, und das Morden, einmal im Gange, iiiiiiint dann einen nngestörten Verlauf. So wurde es immer gemacht und das Rezept hat sich bewährt. Vor der Welt hat man die Entschuldigung, daß die Juden die Urheber gewesen seien und das Volk hat außer dem Brot auch die Circenscs. Mitten aus dem Lärm und Wehgcschrei der Geschlachteten klingen dann begeistert und loyal die Hochrufe auf ״Väterchen". Skizzen aus dem Volkswirtschaftlichen Leben der Juden in der Vergangenheit. Von Prof. Dr. Schwarz, Agram. 2. Im Zeiträume von der Rückkehr der Juden ausBabylonien bis zur Abfassung des Talmuds, das sind rund tausend Jahre, vom fünften vor- bis zum fünften nachchristlichen Jahrhundert haben sich die geographischen Wohnverhältnisse der Juden sehr geändert. Während dieser Zeit besiedeln sie teils gezwungen (z. B. nach der Zerstörung des Tempels), teils aus eigenem Antrieb sämtliche Küstenländer des Mittelländischen Meeres. Sie bilden, wenn auch zerstreut, ein ansehnliches Prozent der Bevölkerung des röinischeu Reiches. Nach einigen Angaben soll jeder 7. Mensch im römischen Reiche Jude gewesen sein. Angenommen, da diese Berechnung eine übertriebene ist, sie gründet sich nämlich auf keine statistische Daten, ergibt sic unleugbar die Tatfache von der Verbreitung der Inden in der damaligen Welt in großen Massen. Zwei, drei Millionen Juden in Palästina, eine Million in Aegypten sind überlieferte Daten. Dazu komint Babylonien mit einer großen Zahl Juden, dann die griechischen und asiatischen Hafenstädte, in denen laut dem Zeugnis der Apostelgeschichie große Gemeinden bestanden. Endlich berichten die Zeitgenossen von großen Jndengemeiuden in 910111 und anderen Städten Italiens. Die Gesamtzahl der Juden Mit 5-—0 Millionen ist eher zu nieder als zu hoch angenommen. Selbstredend waren die ökonomischen Verhältnisse dieser Juden andere als zur Zeit der Könige, recte der biblischen Periode. Die enge Berührung mit anderen Kulturvölkern mußte nicht nur neue geistige Strömungen (Hellcnismus) erzeugen, sondern auch volkswirtschaftliche Aendcrungen Hervorrufen. Das gilt noch mehr außerhalb Palästinas als im Heimatlande, weil daselbst der Kontakt, die Assimilicrung eine intensivcre war. Doch nirgend sehen wir eine besondere Hinneigung der Juden zu einem Erwerbe, zu einer ausschließlichen Beschäftigung. Entspre- Eines Tages kam Herr Sewastschakcw in mein Zimmer und sprach mich an: ״Gospodin Süßkind, ich dachte lange nach, was ich für Sie tun könnte und kam zum Entschlüsse: Ter prawoslawny Glaube ist der idealste von allen Riten, also um Sie für die Ewigkeit glücklich zu machen, beschloß ich, Sie zur Taufe zu führen. Ta Sie von meiner Aufrichtigkeit überzeugt sind, glaube ich nicht, daß Sie mir etwas in den Weg legen würden und die Taufe alsogleich annehmen werden!" Ich war nicht wenig erstaunt und erschreckt über diesen Antrag und erklärte, lieber in den Tod zu gehen, als meinem angestammten Glauben untreu zn werden. Der junge Offizier aber zeigte sich sehr erregt und sprach: ״Sie werden ohne Widerrede die Taufe anuehmen oder Sie sind des Todes!" Mit diesen Worten schlug er die Tür zu und schloß sie ab. Ich blieb, lvie vom Donner getroffen, aus meinem Stuhl, kaum aber erholte ich mich ein wenig, fin^ ich das Widuj zu sprechen an. — Nach einigen Stunden kam der Offizier und fragte mich, ob ich gewillt sei, die Taufe anzunehmcn und als ich diese Frage entschieden verneinte, schoß er ךaber mit blinder Patrone,.. Dann fiel er mir um den Hals küßte mich stürmisch und sprach: ״Ich schätze Sie hoch, da Sie für Ihren Glan» ben zu sterben bereit waren. Hier 0000 9tubell Reisen Sie heim und seien Sie glücklich!" Mährisch-schlesische Bank Brünn. T«i»phon Nr. SSO, Olraktin. Ferdinandsgasse Nr. 29 Talephon Nr. 1016, Wech»Bl»tuhe. verzinst EINLAGEN gegen K |י!|ן Kl 01 gebundene Einlagen laut Obereinkommen. Bank- Büchel und in ( laufender 0 Rechnung mif J u1° ** 2 1° geschälte aller Art. Börsen־u. Wechslergeschäfte.