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Jüdische Volksstimme · 1913-02-27 · Heft 9 (27.2.1913) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 9 (27.2.1913)
Date
1913-02-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
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©f. 10. ״Jüdische Bolksstimmc." Nr. 9. die klar erwägende Urteilsbildung über die (Erfüllung seines Wunsches nach einem sichtbaren Gotte. Und nach dein bekannten Erfahrungssatzc lcs extremes sc toucheiu: wie infolge der lcichren Verschiebbarkeit der Grenzen zwischen dem Erhabenen und Lächerliche» konnte cs auch hier geschehen, daß das von unklarem Verlangen gedrängte Volk im Anblicke des von Aharon gegossenen goldenen halbes in den törichten Ruf einfiel: ״TieS sind deine Götter, Israel, die dich herausgeführt haben aus Aegypten." Zunächst verdient die psychologische Leite dieser ganz merkwürdigen Verirrung ins Auge gefaßt zu werden. Roch stand das Volk in der unmittelbaren Nähe des Linaibergcs, wo sich die göttliche Majestät in ihrer ganzen Herrlichkeit und allen dort Versammelten sichtbar gcofscnbart hatte und durch das Zehnwerk für das irdische Leben der Menschen die Himmclspforten der höchsten Seligkeit sich erschlossen haben. ״Vom Himmel hat er dich hören lasicn seine Stimme,, er hat dich zurcchtgcwicscn; aus der Erde hat er dich sehen lassen sei» großes Feuer und sein Wort hast du gehört mitten ans dem Feuer."» Und dennoch konnte dieser gcwallige und tief erschütternde Eindruck auf eine ganze Narion so unglaublich rasch sich wieder verflüchtigen, so daß schon die lvcnige» Wochen der Abwesenheit Moses für sic hinrcichtcn, um sich ihrer stolzen Würde zu entkleide» und derart zu erniedrigen, von Aharon die Anfertigung eines Gottes zu ihrer Führung zu fordern. Roch rätselhafter cinschcint jedoch dieses Verlangen des Volkes nach einem sclbstgcsormten Gotte, wenn ivir bedenken, daß i» Israels Mitte selbst lvährend keines langen Aufenthaltes in Aegypten keinerlei Ncigung zu in Götzendienste sich gezeigt hat. Konnte doch Moses, aus diesem gewiß allgemein bekannten Unterschied zivischen Israel und seiner ägyptischen Umgebung fußend, auf Pharaos Wunsch: ״Gehet und opfert eurem Gotte im Lande selbst" erwidern: ״Es wäre nicht recht, dies zu tun, denn wir opfern unserem Gotte, was den Acgyptern ein Greuel erscheint ici» Tier); und so ivir opferten den Greuel Aegyptens vor ihren Augen, möchre» sic uns nicht steinigen?'־') Und jetzt nach seiner wunderbarcn Befreiung und nachdem es unter den merk-- würdigsten Begleiterscheinungen Gottes Herrlichkeit ans dem Berge der Gesetzgebung geschaut und das Verbot vernommen, kein Wesen außer dem Ewigen anzubctcn, jetzt sollte cs mit einem Male tief unter das Niveau sinken, aus welchem cs ehedem gestanden? Wie ist das zu begreifen? Was mag die Ursache dieses bedauerlichen Verfalles geivcscn sei»? Vielleicht wird uns folgende Erwägung aus die Spur der Wahrheit führe». — Solange unser Volk in Aegypten, und zlvar durch eigene Sitten und manche religiöse Gewohnheiten von seiner Umgebung abgcsondert lebte, fand cs sein Auslangen zur Erhaltung seincr Sonderart selbst in den schwachen Erinnerungen an seine Stammväter und deren gottgefälliges Walten. Es besaß einige dunkle Ahnungen von dem Gotte seiner Väter, an die Moses zur Beglaubigung seiner göttlichen Sendung nur anzuknüpfcn hatte, um sei» Vertrauen zu geivinnen. Aber über das Wesen dieses Gottes wci- 1er nachzudcnkc», seine persönlichen Beziehungen nach dem Willen dieses höchsten Wesens zu regeln, ein solchcs Bedürfnis und eine solche Pflicht ivar ihm noch ganz unbekannt. Da stellen nun die Vorgänge auf dem Offcnbarungsbergc an den, des abstrakten Denkens 1111־ gewohnten und ungeübten Geist dieses Volkes ganz neue Forderungen. Es sollte mit einem Male lernen, seinen Gott als die in seiner eigenen Geschichte sich offenbarende »rast auch zu begreifen, aus dem Gottesbegriffe eine Reihe wichtiger Lehren vernunftgemäß abzuleiten, sich klare Vorstellungen von der Macht und der Größe des Schöpfers zu bilden. Zu diesem gcwaltigen Umschwung der Geislcskultur fehlte ihm aber noch der regelrechte und genügend vermittelte Ucbcrgang, die gesunde, allmähliche Vorbereitung. Zudem sah sich noch das Volk durch mehrere Wochcn um den Sinaibcrg herum in seiner Bewegung-:׳- freihcit beengt, infolge Moses' Entfernung im Auftrage des geoffcnbartcn Gottes zur Untätigkeit verurteilt. Und dieser Mangel an Betätigung mochte in seinem Herzen leicht auch Ungeduld und Zweifel, wegen der Zukunft Hervorrufen, welche cs an das Ziel seiner Wanderung, in das Land seiner Väter bringen sollte. Daher äußert sich auch der erste Wunsch des Volkes, nachdem cs des langen Wartens auf die Wiederkunft MoscS' überdrüssig gcivordcn, in der Forderung an Aharon: ״Auf, mache uns Götter, die vor uns hergehcn sollen." Es will ein Wesen, das dem zwecklosen Verharren um den Berg Sinai, dem Banne seiner Untätigkcit ein Ende bereiten »nd cs weiter führen soll. Der Umstand, daß dos von Aharon gefertigte Götzenbild ein »alb gewesen, gab mannigfach zu der 's Denier. 4, 30. =) Erod. 8, 22. Ansicht die Veranlassung, daß wir hierin das Wiederaufleben des von Aegypten her dem Volke wohlbekannten Sticrdienslcs, des sogenannten Apriskultus zu erblicken haben. Diese Behauptung ist aber schon aus dem Grunde logisch ganz ungerechtfertigt, weil es allem Natürlichen widerspräche, wenn nach all den demütigenden Mißerfolgen der Aegypter und des selbst über deren Gegenstand der Verehrung und Anbetung der Besiegten sich zum Gotte erkoren hätte. Was den Umfang der infolge des goldenen Kalbes hcrvorgcrufcncn Ausschreitungen betrifft, so herrscht nach dem Eindrücke, den die biblische Erzählung hierüber auf den Leser zu machen pflegt, ebenfalls eine irrige Ansicht. Aus der Tatsache, daß der Auffordcrung Moses': ״Wer für den Ewigen ist, komme zu mir" nur der Stamm Lcvi Folge geleistet hat, wird nämlich gefolgert, daß außer diesem Stamme das ganze Volk von Gott abgefallen sein müsse. Dem scheint aber dennoch nicht so zu sein. Denn sonst wäre dieser Stamm bei der Vollstreckung des Strafgerichtes an den Abtrünnigcn seitens dieser gewiß aus den heftigsten Widerstand gestoßen. Davon zeigt sich cdoch keine Spur. Auch scheint die Zahl der wegen des Abfalles Getöteten 8000 alle jene in sich begriffen zu haben, die sich dieser todcswürdigen Sünde tatsächlich schuldig gemacht. Und diese Zahl ist im Verhältnis zur Volksgesamtheit eine ganz geringe?) — Alle übrigen im Volke waren nur verständnislose Mitläufer und sündigten nur insofern, daß sie dem Abfälle nicht gesteuert haben. Dem hier zum ersten Male von unserem Volke angcwcndctcn Ausdrucke: קי£י ן*ךף qjj ein hartnäckigcs Volk gibt Abravancl in seinem Kommentar zu dieser Bibelstclle folgende sinnreiche Deutung — die bcsondere Gnade Gottes dem Menschen gegenüber dokumentiert sich schon in der Beschaffenheit des mcnschüchen Körpers. So bietet dem Menschen der Umstand ine vorzügliche Waffe, sich gegen mannigfache Gefahrcn zu schützen, daß sich das?luge im Kopfe befindet. Tenn dies in Verbindung mit der Biegsamkeit des Hackens ermöglicht cs dem Menschen, sich solvohl der Gefahren, die vor ihm auf sein Verderben lauern, als >uch der, .die ihm rücklings drohen, zu erwehren. Die Hartnäckigkeit, die Rackensteife hingegen beraubt ihm dieses Vorteiles des allseitigcn natürlichen Schutzes. Dies nun auf das abstrakte Gebiet übertragen, besagt: Rur der Weise, der nach Koholcths Ausspruch '.1ןי,יעיו בדא’צ im׳ Augen im Kopfe hat, vermag vorausschauen allen kommenden Gefahren zu begegnen, gemäß der Lehre der Alten: ״Wer ist wahrhaft weise? Der ms Kommende sicht.". Tic Hartnäckigkeit ist aber die Unfähigkeit über den engen Horizont der Gegenwart .sinauSzudcnken.?koch eine andere, für das ganze Religionswcscn hochbcdcutsamc Frage findet in diesem Abschnitte ihre charakteristische Beantlvortung. Als nämlich Moses in der Absicht, das über sein Volk ausgesprochene Vernichtungsurteil Gottes auszuhcbcn und cs zu sühnen, sich wieder Gott begab, da sprach er in edelster Selbstderlcugnung von dem Herren: ״Und nun vergibst du ihnen ihre Sünde — so aber nicht, dann lösche mich ׳.us aus deinem Buche, das du geschrieben." Er, der invergleichlichc Lehrer und Führer will sich bcrcitwilligst für die Rettung des Volkes opfern, lvill als stellvertretendes Lpfcr fürs Volk sterben. Gott aber läßt hieraus bedeutungsvoll die große Wahrheit verkünden: ״Wer gegen mich gesündigt hat, nur den will ich anöerwärts in der Bibel noch klarer mit den Worten zum Ausdruck gebracht wird: ״Ein jeder sterbe nur infelge seiner eigenen Sünde."'׳) — Wer hierbei daran denkt, welche maßgebende Rolle die Vorstellung des stellvertretenden Lpfertodes in anderen Rcligionskrciscn spielt, wird die dicsbzüglichc Gottcsoffenbarung der Bibel erst recht zu würdigen verstehen. Das unterirdische Ghetto. Man berichtet der ״Frkf. Ztg." aus Petersbürg: Ein Mitarbeiter der ״Rjetsch" schildert die Eindrücke, die er beim Besuch des Ghetto van Wilna, eines der berüchtigtesten Judenviertel des ganzen Ausicdluugsbezirks, empfing, -vier wohucn die Menschen so eng nebcneinander, das; der Hochbau nicht mcbr ausrcichte und die Wohuftätteu sich in die Tiefe des Bodens eingraben. In über 200 solchen Kellern wohnen mindestens 1300 Juden, in feuchten, schlüpfrigen Räumen mit festgestampftem Erdboden, deren Höhe selten über 1,80 Meter beträgt und die, da sic fast immer unter dein Niveau der Straßen liegen, durch Lücken in der Decke kümmerlich erhellt werden. Mit Gräbern möchte ג) Vcrgl. Iben Esra zur Stelle. 0 Denker. 24, 16. man diese Höhlen vergleichen, meint der Berichterstatter, wenn nicht für die Toten eine fast doppelt so große Bodenfläche vorgeschrieben wäre, wie sie hier durchschnittlich auf einen Einwohncr entfällt. Jin ersten Haus fand der Besucher zwei unterirdische Stockwerke untereinander. Im oberen Raum wohnen lauter alte Leute mit einigen kleinen Kindern. Die Erwachsenen sind nach Amerika ausgewandert und lassen nichts von sich hören. Die Erwerbsquelle der Frau, die dieser Haushaltung vorstehi, ist der Ofen, der von früh bis spät geheizt wird. Die armen Nachbarinnen kommen mit Töpfen und Pfannen, die sie am Ofen wärmen, und bezahlen dafür je eine Kopeke. In einer Ecke führte eine Leiter ins untere Stockwerk, in dem zwei Greise, beide Bettler, im Dunkel am Boden lagen, weil gerade Sabbath war und kein Licht entzündet werden durste. Die übrigen Belvohner waren allsgcgangen. Für das ״Wohnrecht" in dieser Höhle zahlt jeder 1,08 Mark wöchentlich oder etwa 20 Pfennig im Tag. Der Hausherr erhält von der Wirtin, die dabei den Raum noch Heizen muß, jährlich 100 Rubel <216 Mark). In einem anderen unterirdischen Wohnraum sind drei verschiedene Werkstätten eingerichtet, eine Klempnerei, eine mechanische Strickerei und eine Schneiderbudc. Bier Familieü wohnen hier zusammen. Die Luft war zum Ersticken, aber die Bewohner vermißten das sonst immer vorhandene Schicbfensterchen nicht, das im Winter, während die Fenster verkittet sind, eine Lüftung ermöglicht, weil die schlecht schließenden Fensterrahmen die eisige Zugluft nur zu leicht durchließen. Hier wohnen die Aermsten der Juden, Lumpensammler, Bettler, aber auch Handwerker, deren Stand längst den goldenen Boden verloren hat. Die Meister arbeiten allein, ohne Gesellen oder Lehrjungen. Die jungen Leute wandern fast alle aus, die wenigen, die zurückblciben, besuchen die Handwerkerschule, durch deren Errichtung man die wirtschaftliche Lage des jüdischen Proletariats zu heben hoffte. Aber ikach ihrer Ausbildung ziehen fast alle die Auswanderung nach Amerika vor, weil sie dort fast sicher auf bessere Lebensbedinguugcn hoffen zu dürfen glauben. Im Ghetto bleibt nur der zurück, der nicht einmal die Mittel zur Flucht auftreibeu kann. Ein junger, geschulter Hand- Werker kann in Wilna wöchentlich fünf bis sechs Rubel (10 bis 13 Mark) in Ausnahmefällen bis zu zehn Rubel verdienen. Selbst bei diesem spärlichen Einkommen opfern einige Handwerker noch ein, zwei Mark im Monat, um einen Turnlehrer zu besolden und ein Lokal zu unterhalten. Dieser erste Anfang bewußter Körperkultur wurde anfangs von den älteren Juden, die in den Ueberlicferungeu des Ghetto aufgewachsen sind, verspottet und selbst mit Argwohn beobachtet, seitdem aber die jüdischen Turner einige tüchtige Leistungen aufweisen können, werden sie widerspruchslos geduldet. Die Turnerci hat bereits einen heilsamen Einfluß auf die Pflege der körperlichen und häuslichen Neinlichkeit erzielt, wenn auch bei den entsetzlichen Wohnungsvcrhältnisien an eine wirklich htzgienische Lebensführung gar nicht zu denken ist. Die Kinder, die in den Kellerwohnungen im Ghetto aufwachsen, fand der Berichterstatter des Petersburger Blattes fast ausnahmslos mit bösartigen Hautausschlägeu behaftet. Eine wohltätige Gesellschaft ermöglicht zwar die kostenfreie Behandlung mit Röntgen-Strahlen, aber die Ansteckung erfolgt inniker wieder aufs neue. J Sternhof i bestes aller Bitterwässer. SSSSS1 31 Millionen für Missionszwecke. London. Der bekannte englische Millionär Robert Ardingion hintcrlicß 31 Millionen Kronen für Missionszwecke, um jüdische Seelen dem Christcntume zuzuführen. Es wäre hoch an der Zeit, daß von jüdischer Seite gegen den Scclcnfang-etwas unternommen wird. Massenmord an Juden. Aus Konstantinopel kommt die Nachricht, daß die Bulgaren sämtliche Städte und Dörfer an der Tschätaldschalinie vernichteten. Die größere Anzahl der Einwohncr waren Juden.

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