Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1913)
- Date
- 1913-02-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 9. XIV /II Jahrg. Beilagezur,WienerJüd. Volksstimme' 27. Februar 1913 Seite 9. Der Antisemitismus in Kroatien. Löbliche Redaktion! In der vorletzten Nummer Ihres gesch. Blattes, konstatiert der Agramer Brief mit Genugtuung, daß in Kroatien von Antisemitismus nichts zu merken ist. Es wäre dies eine sehr erfreuliche Erscheinung und alle unsere Glaubensbrüder würden die Freude mit uns teilen darüber, daß es doch einen Flecken auf Erden gibt, auf welchem der Religionshaß nicht wuchert und der Antisemitismus nicht gedeiht. Demgegenüber muß konstatiert werden, daß Kroatien in dieser Hinsicht auf dem ganzen Erdenrundc vereinzelt dasteht, denn sogar in! toleranten Staate Ungarn werden von höchster Stelle Verfügungen, Maßregeln und Verordnungen statuiert, die stark nach Antisemitismus riechen. Woher nun. muß man sich fragen, dieses beispiellose harmonische Zusammenleben, der Konfessionen in Kroatien, das von keiner antisemitischen Disharmonie gestört wird. Diese Frage ist um so wichtiger, zumalen doch allerorts, wo Juden mit anderen Nationalitäten gemeinsam wohnen, Vereine zur Abwehr des Antisemitismus geschaffen, die denkbar möglichsten Mittel ersonnen und ergriffen werden, um den Antisemitismus, wenn schon nicht gänzlich abzuschaffen, ihn jedoch abzuschwächen und die Juden in Kroatien haben all diese Hilfsmittel nicht nötig, sie erfreuen sich von allen gut gelitten zu werden und vom Antisemitismus nichts zu empfinden. Sollten da nicht die Juden der ganzen Welt von den kroatischen Juden erlernen die Art, sich in die Gunst der Nichtjudcn zu sehen? Sollte man nicht bei den kroatischen Juden Schule machen, wie das Ungetüm Antisemitismus zu bezwingen ist? So dringend notwendig dies auch erscheinen mag, so heiß und sehnsüchtig auch der Wunsch im Herzen aller Juden lebt, den konfessionellen Frieden und die Neligionsduldung herbeizuführen, jedoch den hohen Preis, um welchen die kroatischen Juden diesen Frieden sich erkauften, wird von dem glaubenstreuen Juden niemals zugestanden werden. Die Juden in Kroatien haben für diese die elementarsten und fundamentalsten Heiligtümer des Judentums auf dem Altäre des Materialismus geopfert. Sie verließen schmählichst die Pfade des glaubenstreuen Judentums um leeren Phrasen und bedeutungslosen Schlagwörtern nachzujagen. Die Juden in Kroatien rissen die religiöse Scheidewand, welche sie von den Nichtjuden trennen sollte, nieder und denken nun, daß unter dem Gerölle dieser Mauer sie den Antisemitismus begruben. In Wirklichkeit aber blüht der Antisemitismus auch in Kroatien wie überall, wo Juden, religiöse, fromme, glaubensstarke Juden wohnen. Auch in Kroatien wütet der Antisemitismus, er lebt und leibt auch hier und führt ein frohes und freudenreiches Dasein. Die zwei Gemeinden jüdisch-orthodoxer Richtung werden dies vollauf bestätigen. Man befrage nur diese, ob denn wirklich auch ihnen der Antisemitismus so fremd ist und ob sie von dieser Plage nie heimgesucht werden, und sie werden erzählen wie sie gehetzt, geplagt und chikaniert werden. Ja, auch in Kroatien ist die Atmosphäre mit dem Bazillus Antisemitiusmus geschwängert und ihre Opfer sind die Inden, die damit verseucht werden. Die orthodoxen Gemeinden in Agram und Jllok werden von ihren neologen Glaubensbrüdcrn nach allen Regeln und Kunstgriffen des Antisemitismus molestiert. Die unangenehmsten Unannehmlichkeiten werden ihnen bereitet, die gröbsten Hindernisse als Hemmnis in der religiösen Betätigung in den Weg gelegt, nur ans dein Grunde, weil ihnen die Ausübung des Gottesdienstes nach altherkömmlicher Weise der Orthodoxen ein Greuel ist und die rituellen Einrichtungen der Orthodoxen auf 'Basis des Schulchan Arnch nicht behagt. O, in Kroatien hat die giftige Schlingpflanze Antisemitismus tiefe Wurzel gefaßt und droht die edelste Reiser im Weinberge Israels mit ihrem Gifthauche zu töten. ' Nur eine reuevolle Rückkehr der kroatischen Juden zu ihrer Religion und wahrem, unverfälschtem Judentume kann zur Ausrottung des Antisemitismus wesentlich wirken, denn dann würden die orthodoxen Juden, die Träger und Erhalter des reinen Judentums, in ihrem ihnen gebührenden Ansehen nicht geschmälert werden, die würdigste Anerkennung finden und friedlich mit- und beieinander mit ihren neologen Brüdern im antisemitismusfreien Kroatien leben. I. L. D. L u d b r e g. --*> Skizzen aus dem Volkswirtschaft- Lichen Leben der Juden in der Vergangenheit. 2. Zu Beginn ihres Volkslebens waren die Juden Viehzüchter und Ackerbauer. So war noch der Urahnen erste. Abrahm, ״sehr reich an Vieh", während der zweite, Jsak, schon den Boden anbaute. Beim Einzuge in das Land Kanaan hatten einige Stämme große Viehbestände und wählten das weidenreiche Ostjordanland zur Ansiedlung, während. die anderen das eigentliche Kanaan eroberten und Ackerbauer wurden. Diese beiden Zweige des ökonomischen Lebens blieben vorherrschend Jahrhunderte hindurch. Getreide, Oel. Honig, und Balsam wurden exportiert, wie der Prophet Ezechiel (27, 17) in der /Schilderung des Welthandels der phönizischen Stadt Tyrus erwähnt, und die große Produktivität des Landes wird auch durch die Tatsache bestätigt, daß König Salomo seinem Freunde, dein syrischen König H i ram, jährlich 20.000 Maß Weizen und ebensoviel Oel, nach der Chronik noch dasselbe Maß Gerste und Wein, zahlt für Baumaterialien zur Erbauung des Tempels. In den Pourparlies über diesen Vortrag verlangt Salomo auch Holzfäller und Zimmerleute, ״denn cs gibt unter uns niemanden, der das Holzfällen so verstünde, wie die Leute aus Sidon". Auch den Davidspalast bauten syrische Steinmetze und Zimmerleute. Tie Metallarbeiten im salomoni- Tempel sind von einem fremden Künstler entworfen und verfertigt worden. Diese beiden Daten bezeugen, daß das Handwerk bei den danraligen Juden nicht besonders blühte. Zu Beginn der Regierung Sauls soll es sogar nicht einmal Schmiede unter den Juden gegeben haben, was gar nicht auffallend ist. da "die Israeliten als Eroberer des Landes gewissermaßen den Herrenstand bildeten und als solche den Landbesitz sich aufteiltcn, während sie das weniger geachtete Handwerk der unterjochten Bevölkerung überließen. Dieser Umstand war in der Richterzeit, also knapp vor Saul, gefahrbringend, weil die unterjochten Ureinwohner wieder erstarkten, die Macht der Israeliten für eine Zeit abschütselten und diese hart bedrängten, eben weil sie in Ermanglung von Handwerkern sich die nötigen Waffen nicht beschaffen konnten. Noch weniger als das Handwerk war der Handel geachtet bei den Juden in alter Zeit. Ter Prophet Hosen stempelt den Krämer, ״der in der Hand eine falsche Wage hält", daß ״er gerne betrügt". Und wenn der Prophet Zecharja die künftige herrliche Sukotfeier im Jerusalemer Tempel schildert, ״in dem mehr kein Krämer sein wird", ist es offenbar diese prophetische Stelle, die den Anstoß und das Sujet für die bekannte Erzählung des Evangeliums von der Vertreibung der Kaufleute aus dem Tempel durch Jesus geboten hat. Der Äaufniann heißt in der Bibel ״Kanaani". also gehörten die damaligen Händler den Ureinwohnern, den Kanaa nicrn, an. Diese Kanaanier sind dasselbe Volk, daß nach den Griechen Phönizier genannt wird, und das ein Handelsvolk par ercellence war, wie es auch die obenerwähnte Stelle aus dem Propheten Ezechiel bezeugt. Die hebräische Bencnnung des Kaufmannes Kanaani besagt aber nicht, daß sich nicht auch Juden später diesem Erwerbe zuwandten, doch hat sich das Urteil über den Kaufmann in der Zeit der Bibel nicht geändert. Das Herumreisen, die Unbodenständigkeit wurde damals nicht für Honnet gehalten. Demgegenüber Pflegt man auf König Salomo als auf den Schöpfer und Jnaugurator des jüdischen Handels hinzuweisen. Sombart zieht schon ihn heran zur Bestätigung der Behauptung, daß das mobile Kapital immer bei den Juden angesammelt war. ״Von Salomo bis Bleichröder und Barnato zieht sich der jüdische Reichtum wie ein goldener Faden durch die Ge- , schichte." Das läßt sich in die Bibel hineininterpretieren, aber nicht herauslesen. Sie erzählt nur soviel, daß Salomo Schiffe aussandto nach dem Goldlande Ofir mit den Schiffen seines Freundes Hiram. Diese Handelsschiffe brachten einen Erlös von -12V Kikar Gold. Das scheint doch kein so großes Geschäft gewesen ,;u sein, nota bene dauerte es drei Jahre, da die Königin von Saba aus reiner Hochachtung dem König ein Geschenk von 120 Kikar Gold machte. Es ist überhaupt nicht uninteressant, der Frage des Reichtums des Königs Salomo näherzutreten. Nach den Angaben der Königsbrüder herrschte Salomo vom Eufrat bis zum Nil. Alle nichtisraelitischen Städte und Landschaften zahlten Tribut. Das war ein Quelle des salomonischen Reichtums. Doch ist zu bemerken, baß diese Quelle schon der Vater, David, eröffnet und cn>s ihr geschöpft hat. Nur scheint Salomo die Besteuerung besser verstanden zu haben, denn es scheint, daß seine Statthalter in diesen Gegenden die Kosten seines verschwenderischen großen Hofes haben tragen müssen. Die zweite Quelle war der Erlös der Schiffahrt nach Ofir. Es ist nicht ersichtlich, daß Salomo regelmäßige Schiffahrten nach diesem Goldlande einführte. Der Ertrag des einmaligen oder auch mehrmaligen Versuches war. wie oben erwähnt, kein so exorbitanter. Die dritte Quelle waren die Geschenke der fremden Fürstlichkeiten, z. B. der Königin von Saba. Ta diese Geschenke als Jahreseingänge signrieren. können sie nichts anderes als Tribut sein und nicht Hiildigungsgeschenke. die der Weisheit deS Königs galten, wie die Bibel es darstellt. Insofern es aber Freundschaftsgeschenke waren, kann man sie nicht als Ertrag einrechnen, denn denselben Fürstlichkeiten mußte ja Salomo auch Geschenke in ähnlichen Werte macheil. Nehmen wir noch hinzu die Besteuerung der Kaufleute und Krämer, so hätten wir die Hauptquellen des salomonischen Reichtums er schöpft, bis auf eine einzige, die Hauptquelle, die übermäßige Besteuerung des eigenen Volkes. Einige Jahre hindurch hatte er l.70.000 Fron arbeiter. Die Bücher der Chronik machen diese Fronarbeiter zu Nichtjuden. Das war der Rest der Ureinwohner, die man angeblich zum Frondienst heranzog. Zugegeben, daß Salomo nur die Nichtisraeliten zu Frondienern machte, zu gegeben, daß ״Silber keinen Wert hatte in den Zeiten Salomos", also auch das Volk reich war. weshalb sofort die Rebellion gegen Salomos Nachfolger, ״das Joch zu erleichtern?" Und bei dieser Rebellion ist das erste Opfer der Steuer oberinspektor! Ein Volk, das ruhig unter seinem Weinstocke und Feigenbäume wohnt, ans Silber nicht einmal achtet, hat doch keine» (Bund, zur Empörung gegen den Sobn gesjenigen Man archen, dem es diese goldene Zeit verdankt. Es klingt hart, aber es ist nach allen Berichten der Bibel klar" Salomo war ein verschwenderischer orientalischer Fürst, der sein eigenes Volk mit großen Steuerlasten bedrückte, und als er starb, atmetete das Volk ans und empörte sich. Alio n! Salomo kein Vorbild des jüdischen »taufmauues. noch weniger Begründers des jüdischen Handels, sondern ein orientalischer Fürst, der das «Stück hatte, einen reichen Vater zu besitzen und der jede Gelegenheit des Geldsammelns ausnühte. Diese Charakteristik Salomos macht auch Sombart zu seiner. Um so befremdender wirkt es. daß Salomos Verhalten uns zum Beweis des ״sprichwörtlichen jüdischen Reichtums" und er in der Kette das erste Glied sein muß. Wie reich mußte erst der ägyptische König sein, dessen Land fruchtbarer war, der also höhere Steuern einheben konnte und mit einen dtriegszuge den ganzen Schatz Salomos seinem Nachfolger wegnahm? Prof. Dr. G. Schwarz. Exegetisches zum Wochenabschnitt כי תשא Bon Rabbiner Dr. Sf. Deutsch. '.,liiv der «rohen ,'viiUc des Beachtensnun Belrachtenswerten dieses Wochenabschnittes!vollen!vir die Erzählung von der Versündigung Israels durch das goldene >»alb und die folgen dieses Vergebens einer genaueren Besprechung würdigen. Von diesem Begehr nun ganz erfüllt und überdies durch die den Offenbarungsakt begleitenden Erschütteriingeii aufs tiefste erregt >1»d beunnihigt. fehlte ihm Achtung auf den kleinen Anzeiger!