Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1913)
- Date
- 1913-02-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8. XIV. Jahrg. Beilage zur ienerJüd. Bolksstimme' 20. Februar 1913 Seite 9. Bilder aus Neu-Serbien. Das Schlachtfeld bei Kumanowo. — Abraham Philosoph, der jüdische Held. Von Dr. H. Urbach. Die Eisenbahn fichrt unmittelbar am Schlachtfelde von Kumanowo vorüber, wo die Serben ihren ersten großen Sieg über die Tür-, ken erfochten haben. Unmittelbar neben der Strecke erhebt sich ziemlich steil ein weites Plareau, auf dem unser Gewährsmann — sechs Tage nach der Schlacht — noch deutliche Spureu derselbe» vorfand.. Zahlreiche Kadaver von Rossen lagen umher — die menschlichen Leichen waren bereits beerdigt, und zwar nur die serbischen Gefallenen in gebräuchlicher Weise; zu den Türken und Albanesen aber hatte man sich weniger Zeit und Mühe genommen, denn sie wurden nur so oberflächlich verscharrt, und hie und da starrte noch ein widerspenstiger Fuß. eiu ausgestreckter Arm, ein blutiges Haupt aus der Erde hervor. Dazwischen sah man ganze Blutlachen, blutige Haufen Wäsche, Gewehre, Säbel in wirrem Durcheinander, Kanonen mit gebrochenen Rädern und geborstenen Läufen und ganz am Rande des Plateaus konnte man aus nächster Nähe neben einer zerschossenen Batterie fünf Pferdekadaver liegen sehen und neben ihnen ein lebendiges sechstes Pferd, das, wie der Mitreisende Offizier erzählte, durch keine Gewalt von seinem toten Genossen wegzubringen war. Ja, Dr. Alkalay versicherte mir, da er sieben Tage später auf der Rückreise jenes Pferd noch immer an: selben Orte sah, wie es sich am spärlichen Grase weidete und von Zeit zu Zeit ein klägliches Gewieher ausstieß. (Vielleicht das einzige.Lebewesen, das auch nach der furchtbaren Niederlage treu mit den Türken hielt und nicht, wie ganz Europa, es mit dem Feiude halten wollte. Und diesen entscheidenden Sieg, der auf den ganzen Feldzug bestimmend eingewirkt hat, haben die Serben nach dem übereinstimmenden Urteile der serbischen Oeffentlichkeit der kühnen Entschlossenheit und kalten Berechnung eines einfachen jüdischen Soldaten zu verdanken, der seinen Namen mit goldenen Lettern in die serbische Kriegsgeschichte eingeschrieben hat. Er ist in Belgrad bekannt als ein gewöhnlicher Handlungskommis in einen: dortigen Schnittwarengeschäfte, der sich weder durch besondere Vorzüge des Körpers noch des Geistes auszeichuet. Liber gerade deshalb, weil Abraham Philosoph — dies ist der Name des Helden — ein einfacher Durchschnittsmcnsch ist, wird in ihm die Tapferkeit, Tüchtigkeit und Loyalität der serbischen Juden von ihren Mitbürgern bis zum Himmel erhoben. Jeder Jude ist nämlich ein geborener Philosoph und auch unser Held hat seinem Namen Ehre gemacht und durch sein nüchternes Raisonnement im Augenblicke der höchsten Gefahr ebensoviel getan, wie durch seinen unerschrockenen Heldenmut! Auf dem Plateau hatten nämlich die Türken ihre Positionen bis zum Rande vorgeschoben und die Serben inußten auf ungedecktem Terrain ungefähr tausend Schritte den Hang cmporstücmcn, wozu sie sich auch schon deshalb entschließen mußten, weil der größte Teil ihrer Artillerie noch unterwegs war und sie dein türkischcn Geschützfeuer nicht auf die Länge standhalten konnten. So ging es denn im Sturmschritte den Hang empor den Verderben speienden Schlünden der türk-.,chm Kanonen entgegen, die vereint mit einem intensiven Gewehrfeuer furchtbare Breschen schoßen und ganze Reihen von ihnen nicdcrmähten. Die subalternen Offiziere an der Spitze, stürmte die serbische Mannschaft dennoch unaufhaltsam über die Leichen der eigenen Kameraden vorwärts. Doch ungefähr 200 Schritte vor dem Ziele wankten die serbischen Reihen — die Offiziere waren gefallen, die Negimentsfahne der Hand des Fähnrichs entsunken und damit auch der Mut den Serben geschwunden, die sich schon zur Flucht wandten. Da sprang im entscheidenden Moment ein Soldat aus der Schar zum Fähnrich hin, ergriff die Fahne und sie hochschwingend rief er, was er konnte: ״Schema Jisrael! Vorwärts Brüder!" Damit stürmte er gegen den Feind, und die dadurch angefeuerte Mannschaft ihm nach. Nach kurzem Bajonettgefechte waren-die feindlichen Batterien erobert und wurden gegen die Türken gewendet, denen die eigenen Kanonen jene furchtbare Niederlage beibrachten. Nach der Schlacht wurde unser Held als der Tapferste dem Kronprinzen Alerander vorgestellt, der ihn mit einem hohen Orden von der eigenen Brust herab auszeichnete und ihm zehn Napoleondor zum Geschenke machte, mit dein Bedeuten, daß er sich nach dein Kriege bei ihm melden möge. Der Kronprinz war aber auch neugierig, was das ״Schema Jisrael" bedeute. Da sagte Abraham recht schlicht: ״In der grüßten Not habe ich auch den jüdischen Gott zu Hilfe gerufen." Schließlich befragte er ihn noch, was ihn eigentlich zu seiner Heldentat bewogen habe. Dabei erwartete er irgendeine patriotische Phrase zu hören; wurde aber ganz verblüfft von den schlichten Worten des Abraham, in denen sich die nüchterne Denkweise des Juden offenbarte. ״Ich dachte," sagte unser Philosoph, ״die Kugel kann mich auf der Flucht gerade so treffen als im Vorwärtsgehen. Nu: Deckung zu finden, müßte ich 800 Schritte machen, zum Feind aber bloß 200. So entschloß ich mich, vorwärts zu gehen." Also nicht der Begeisterung und Aufopserung der Serben, die blind in den gewissen Tod gingen, haben sie ihren gloreichen Sieg bei Kumanowo zu verdanken, sondern der kaltberechnenden Ueberlegung eines einfachen Juden, dem heldenmütigen Soldaten Abraham Philosoph. Semlin, 10. Februar 1018. Skizzen aus dem Volkswirtschaftlichen Leben der Juden in der Vergangenheit. Von Prof. Dr. Schwär z, Agram. 1. Die jüdische Geschichtswissenschaft wendet sich in neuester Zeit einem bisher fast unbearbeiteten Felde zu. Bisher war sie mehr eine Gelehrtengeschichte, indem sie Vorzugsweise das Leben und Wirken jener gelehrten Männer der Vergangenheit schilderte und würdigte, die an dem Ausbau des Judentums mitarbeiteten oder sie war eine V e r f o l g u n g sgeschichte, indem sie alle Verfolgungen. Unterdrückungen und Austreibungen behandelte, die im Lause der Jahrhunderte das Schicksal der Juden bildeten. Die erste ist gewissermaßen die Lnnenseite, die zweite die Außenseite unserer Geschichte. Die erste wendet ihre Aufmerksai::- keit der Entwicklung des religiösen Lebens und der jüdischen Wissenschaft im engeren Sinne, die zweite mehr den entscheidenden äußeren Ereignissen zu. Doch beide lassen eigentlich im Dunkel das wahre Leben der Juden, den täglichen Kampf ums Dasein, die volkswirtschaftliche Seite des Lebens. Während die genannten Arten der Geschichtsdarstelluug geeignet sind, das jüdische Bewußtsein zu stärken, die Anhänglichkeit zum Judentume zu kräftigen, den Zurücksetzungen mit Ausdauer entgegenzutreten, soll die Darstellung des volkswirtschaftlichen Lebens der Juden in der Vergangenheit zeigen den Auteil der Juden an der Hebung der materiellen Entwicklung der Völker, unter denen sie gewohnt haben; die Rolle, die sie als volkswirtschaftlicher Faktor gespielt haben. Es ist nicht zu leugnen, daß das Interesse für diese Frage, für das ökonomische Leben der Juden in der Vergangenheit, aus den heutigen Verhältnissen entsprungen ist. Im Leben der Völker hat heute die volkswirtschaftliche Frage, alle übrigen verdrängt. Auswärtige Politik und nationale Probleme haben ihre Bedeutung verloren oder sie werden von der nationalökonomischen Frage beeinflußt. Selbst das soziale Problem hat eigentlich ein volkswirtschaftliches Ziel, die Hebung der materiellen Verhältnisse des Arbeiterstandes. Deshalb sucht die moderne Geschichtsdarstellung die Verhältnisse der Vergangenheit nach der volkswirtschaftlichen Seite hin zu beleuchten, geht den Spuren nach, die zur Entdeckung der früher herrschenden ükonomischen Strömungen führen. Diesen Weg hat auch die jüdische neueste Geschichte eingeschlagen und obzwar sie sich ers an: Anfänge der großen Arbeit befindet, kanr schon jetzt als Resultat erkannt werden, daß ne׳ ben den Talmudisten, Bibelkommentatoren Philosophen und Dichtern, die unsere Gefchicht, bisher mit Ruhm bekränzt haben, nun auch de: Kaufmann, der Fabrikant, der Geldleiher, Krä mer und Unternehmer zu Ehren und Bedeutung gelange» als jene schichten, die durch Entdeckuug immer neuerer volkswirtschaftlicher BetätigungSfelder den materiellen Bestand der Inden trotz tausendfacher Anfeindungen gesichert haben, denn bekanntlich genügt zum Leben Religion, Kultur und Bildung alleitt nicht, inan n:uß auch die Mittel dazu haben, die nur auf ökonomischem Wege erlangt werden können. Als ferneres Resultat dieser Geschichtsdarstelluug ergibt sich die Wahrnehmung, daß die intensive volkswirtschaftliche Tätigkeit der Inden nicht nur dieselbe von: inaterielleu Untergange fernhielt, der bei der andauernde!: Bedrückung bei eine!:: Volke von weniger volkswirtschaftlicher Kraft und Begabung notgedrungen hätte eintreten müssen, sondern auf die Besserung und den Aufschwung der ökonomischen Lage ihrer Hingebung von außerordentlichen: Einflüsse war. Ta aber von günstigen ökonoinischei: Verhältnissen zumeist auch die Kultur abhängig ist, waren die Juden indirekt die stärksten Förderer der menschlichen Kultur. Diese beiden Resultate zeigen, welch allgemeines Interesse die Geschichte des Volkswirtschaftlichen Lebens der Juden verdient. Darum sollen hier in gedrängter Kürze Ttizzen aus dieser Materie vorgeführt werden, die selbstredend nicht den Anspruch erheben, Neues oder bisher Unbekanntes und Vollständiges zu bieten, וסן:- der:: Zerstreutes übersichtlich eine»: größeren Kreise zur Kenntnis zu bringen. Zun: Schlüsse sei hervorgehoben, daß für dieses Gebiet wertvolles Material enthalten ist in Sombarts: ״Die Juden und das Wirtschaftsleben", C a r o: ״Soziale und Wirtschaftsgeschichte der Juden in: Mittelalter (bis zum 1-l. Jahrhundert)", Hof mann: Der Geld- Handel der deutschen Juden": Ruppin: ״Die Juden in Gegenwart und Zukunft". Die Skizzen sollen sich erstrecken auf das biblische, talinudische Zeitalter, aus das Mittelalter und die Neuzeit. Exegetisches zumWochenabschnitt NM Von Rabbiner Dr. A. Deutsch. Das Wichtigste für die Kenntnis unseres Religionswesens in seiner ursprünglichen Gestalt aus diesen: Wochenabschnitt ist die Perusung und Einsetzung-des Priestertuins. Zahlreich und ungewöhnlich kompliziert sind die Berichte des Pentate:«hs über die Schaffung dieser das ganze nationale Leben berührenden und :!:::- fassenden Institution. Un: nur die hierfür zumeist in Betracht kommenden Bibelstellen zu erwähnen, weifen wir außer den Kap. 28 und 20 unseres Wochenabschnittes auf Erod. 10, Lev. 8 und 0, und Nr. 7 hin. welche alle mehr oder weniger diesen Gegenstand behandeln. Zunächst sei in historisch-kritischer Hinsicht nach der traditionellen Auffassung betont, daß die Weihe des Priestertums in der Schrift örtlich wohl vor der Erzählung vonMoses Rückkehr vom Berge Sinai und des ob der Sünde des Volkes bei»: goldenen Kalbe geübten göttlichen Strafgeeichtes sich befindet, zeitlich dennoch erst nach dieser empörenden Begebenheit sich zugetragen und daß diese erst den eigentlichen Anstoß hierzu gegeben habe. Hierfür kommt der vielfach angewendete Grundsat! in Betracht: Es gibt in den Berichten der Thora weder eine zeitlich noch eine sachlich strenge Aufeinanderfolge.') Die Bezeichnung: ״ ::הניםPriester" von Volksgenossen kommt in der Bibel überhaupt erst Erod. 10,22 zun: erstenmal vor, wo mit den Worten "״ "7::׳:׳: אל ׳דdie sonst dem Ewigen nahen" auch schon deren spezieller Beruf inner־ halb der Gesamtheit «::gedeutet wird. Die Traöition erblickt aber ji: diesen, Gott durch Opfer nahenden Priestern mit Rücksicht auf die erst später erfolgte Erhebung des Aharon und seiner Nachkoinmen, zur Priesterwürve die Erstgeborenen, die zur Zeit des Auszuges aus Aegypten infolge ihrer wunderbaren Errettung inmitten des unter den ägyptischen Erstgebore-!en herrschenden Verderbnis für Gott geheiligt vurden. Und so nur irgendwo in der Bibel bis ur Salbung Aharons und seiner Söhne zun: Priester von Lpferhandlung die Rede ist, haben vir uns diese als durch Erstgeborene vollbracht .u denken?) Wenn sich nun auch die Thora an keiner stelle genauer darüber ausspricht, welche Aufgäbe diesen für Gott geheiligten Erstgeborenen