Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1913)
- Date
- 1913-02-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XIV|2. Jahrg. Nummer 8 Wiener Erscheint jeden Donnerstag. 8-:--- Bezugspreise: Für Oesterrcich-1Ingar», halbjährig . Kronen 5.20 ganzjährig.• . Kronen 10.— Deutschland, ganzjährig.Mark 10.— Rutzland, ganzjährig.Rubel 5.— Balkan, Frankreich.Franks 12.— Einzelne Nummer 20 h. c—--——- Herausgeber: A!ax Hickl Fnserate: die Ospaltige Pelirzeile 00 h. Buchhändlerische Bertretung: Ctto Klemm, Leipzig. Geschärrsskelle, Wien:!., Rotentilriiislraße Nr. Ol. Telephon 0000/viIIsprechjrnnden von 10—12 Uhr Poslsparkassakonio Nr. 312.812. Unveclangle redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten isr Rückporto beizusügen. m 3 Brünn—Budapest Wien 20 Februar 1913 ' 13. Adar Rischon Sft73 Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: (Nachdruck aller Artikel und Berichte verboten.) Wie das? — Das ״jüdische Parteidogma". Ter Oberbürgermeister der Stadt Budapest ein Jude. — Ter Jude auf dem Theater. — Notstand der Juden in den Balkanländern. — Wiener, Brünner Nachrichten. — Sprechsaal. — Rundschau. — Korrespondenzen. — Feuilleton. — Jüdisch-volkliche Gedenktage. — Tr. H. Urbach: Bilder aus Neu-Terbien. — Prof. Tr. Schwarz, Zlgram: Skizzen aus dem Volkswirtschaftlichen Leben der Juden in der Vergangenheit. — Tr. A. Deutsch: Eregetisches zum Wochenabschnitt. — Misrachiausweise. Wie das? Wien, im Februar 1913. Am 9. Februar hielt die Friedrich-Wilhelm- Universität in Königsberg eine Feier zur Erinnerung an die Erhebung der deutschen Nation im Jahre 1813 ab, an der der Kaiser, die Kaiserin, der Reichskanzler, mehrere Minister und höhere Würdenträger teilnahmen, Geschichte׳- Professor Dietrich Schäfer hielt.die Festrede und untersuchte die Ursachen, aus denen gerade Preußen der Grundstamm des Teut'M'n :)leiches wurde. Nach ihm betrat der K a i s e r den Katheder und erläuterte in längerer Rede, daß der Kern der großen erhebenden Zeit darin zu suchen gewesen sei, daß das preußische Volk seineu G! a u b e n a n G o t t wiedergefunden habe. Durch den Glauben an Gott habe sie ein zcrstückcltes, unterdrücktes Volk erhoben und alles vor sich hergeworfen — ein Wunder, wie es noch nie dagcwesen. «Feuilleton. London, 19. Februar 1913. Liebes Mädel! Tu willst etwas über London wissen? Ja. wo soll ich denn beginnen? Was isl's das Dich besonders interessiert? Ich schlage eine Fahrt vom Eeast bis zum Hydc-Park vor, gebe Dir erst paar flüchtige Erklärungen der wichtigsten Sachen auf diesem Wege und dann erst wollen wir auf Einzelheiten eingehen. Gut? Also komm! Hier, Mile End Road heißt diese Straße, kommen einige Autobusse. Wir stellen den 2öer. Steig mit mir -nur hinauf. Tu hast dann ein doppeltes Vergnügen vom Fahren. Nicht wahr, fein ist's. Wie in einem Auto. Weil einem die erhöhten, freien Sitze aber einen besseren lieberblick gewähren, noch besser als ein Auto. In dieser Straße ist nicht viel. Hier ein College, der Peoples Palace (eine Hochschule), eine Kirche, einige Cinenias und — Was gibt's? Tu schaust so überrascht. Warum wir stehen bleiben? Ja, schau hinunter, da stockt mal wieder alles. Aber warte, wirst noch staunen und Dich freu'n zu sch'n, wie wunderbar der Verkehr ge¬ So sprach der deutsche Kaiser und zur Bekräftigung seiner Worte schlug er mehreremale kräftig mit der Faust auf ben Tisch. Soweit ist ja die Angelegenheit bereits in den Blättern aller Richtungen erörtert, kritisiert, beifällig und abfällig beurteilt worden, und wir hätten kaum Gelegenheit gehabt, uns mit dieser Kaiserrede heute zu beschäftigen, wenn sich nicht eine Begebenheit an sie angeschlossen hätte, die sich mit den Worten des Monarchen nickt in Einklang bringen läßt und dem Unbefangenen nnwillkürlich die erstaunte Frage auf die Lippen drängen muß: ״Wie das?" Ter deutsche Kaiser hat in seiner Rede das konfessionelle Moment und seine Allmacht besonders hervorgehoben, er hat entgegen der Ausführungen den zünftigen Forschern gerade dieses Moment durch derbes, bürgerliches ״auf den Tisch schlagen" doppelt und dreifach unterstrichen und wenige Stunden später wurde das Kaiserwort durch die Ereignisse desavouiert. An den Feierlichkeiten der Universität nahnien nämlich auch die verschiedenen Korporativneu der Königsberger Studentenschaft teil. Tie Vereinigungen hatten beschlossen, ein Kaiserhoch durch ein Mitglied der Studentenschaft ausbringen zu lassen. Zu diesem Zwecke wurde uuter den verschiedenen Gruppen der Studentenverbindungen gelost, um festzustellen, welche Korporation den Redner stellen sollte. Das Los fiel auf die Gruppe der konfessionellen Berbindungen. Unter diesen entschied das Los wiederum für den Verein jüdischer Studenten. Ter erste Chargierte schickte sich nun bei der Feier bereits an, die Tribüne zu betreten, um das Hoch auszubringen, als der erste Chargierte des Vereines leitet wird. Na also, wir fahren ja wieder. Hier ist schon Whitechapel. Das im Auslande viel verschmähte. Schau, isl's da nicht ganz schön, ist die Straße nicht sehr breit und rein und mitten drin, ganz hübsche Beete und hier ein kleines Standbild : ..:׳ Eduard, das die Juden ihm gestellt haben. Tiefes Haus, zur Linken, das ein Schild hat, auf dem in hebräischen Buchsiaben ״Persamlmungsort für Juden" steht, gehört den Missionären. Tu! Tie haben eine Macht in England. Wohin schaust Tu? Was es ist? Das isr das größte Hospital Londons und eines der größten Hospitäler der Welt. Es zieht sich durch einige Straßen. Wir werden es mal besichtigen, gut? Schau, all diese Geschäfte gehören Juden. Juden siehst Tu, wohin Tu Dich wendest. Heimelt's Dich an? Ich muß Dir sagen, auf mich macht es einen großen, besonders angenehmen Eindruck, so viele Juden zusammen zu sehen, nur ist es so, als wären alle diese Menschen eine große Familie. Aber leider isl's schlimm, wenn man einige der Geschwister kennen lernt. So viele sind's ja, die an den Traditionen ihrer Väter nicht festhalten, die gar nicht beachten, was ihren Eltern heilig war. Es ist eine riedeutscher Studenten ihm voraneilte und das Hoch auf deu Kaiser ausbrachte. Ter Redner wurde nachher dem Kaiser auf dessen Wunsch vorgestellt. Eine Interpellation des Vereines jüdischer Studenten bei dem Sekretär der Universität hatte das Ergebnis, daß der Sekretär den Bertretern des Vereines jüdischer Studenten mitteilte, daß der erste Chargierte des Vereines deutscher Studenten auf seinen ausdrücklichen Wunsch gehandelt habe. TaS Oberhofmarschallamt habe, so erklärte der Sekretär, den Wunsch ausgesprochen, daß das .Kaiserhoch nicht von einem Mitgliede einer konfessionellen Berbindüng ausgebracht würde. Kaiser Wilhelm hat von dem zerstückelten zerrissenen Volke gesprochen, das sich gestärkt durch den Glauben, erhüben hat und doch ging es ihm wider den Strich, das Kaiserhurra von einem Juden ausbringen zu lassen, von dem Vertretec eines Volkes, das sich in gewissem Sinne in der gleichen Verfassung befindet, wie das von dem kaiserlichen Redner geschilderte deutsche Volk vom Jahre 1813, dem Vertreter eines Volkes, das sich eben erst zu sammeln und zu starken beginnt, das an der Schwelle einer neuen, großen Zeit steht. Mußte nicht gerade das dem Kaiser sympathisch und nach seiner Rede besonders willkommen erscheinen? Oder soll man etwa annehmen, daß diese Rede bloß gesprochen ward, um einen großen Effekt zu erzielen und ein Tiskussionsobjett in die Menge zu werfen, wie das bekannte: ״Pardon ivird nicht gegeben" nach dem chinesischen Boreraufstand? Noch rätselhafter wird aber die Sache, wenn man erfährt, daß auf die telegraphische Anfrage des Königsberger jüdischen Studentenvereines beim sige Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen, etwas, das sie trennt und das trübt wohl nach kurzem Denken den angenehmen Eindruck von früher. Tie Inden haben hier, in England, in geschäftlicher Hinsicht doch so viel Freiheit. Sie müssen die Sonntagsruhe nicht beobachten. Tas Gesetz verlangt bloß von jedem Kaufmann, daß er eineinhalb Tage in der Woche sein Geschäft geschlossen hält. Welche Tage, ist einerlei. Wie müßte es nun wirken, wenn all die Tausende von Juden Freitag nachmittag und Schabbos gesperrt hätten, wenn sie wüßten, daß sie Inden sind. Wenn so auch ihre Kinder fühlen könnten, daß nichts über einen schönen gemütlichen Freitagabend kommt, wenn man Smiraus singen und Stückchen Tauroh ״sagen" kann. Warum nehmen sie es den Kindern? Tenken sie selbst denn nicht gern daran zurück, wie ihre Väter von ״Schul" gekommen sind, die Kinder ״gebenscht" und ״Scholaum Alejchem" nsw. gesungen haben? Ihre Kinder werden das Gefühl nur vom Hörensagen rennen. Tenn, was ist's wert, wenn man in den Tempel geht, .Kiddusch macht und dann das Geschäft offen hält, den Schabbos entweiht?! Hui. ich Hab' gar nicht bemerkt, daß wir Talare! In vornehmster Ausfüllung von K 30־— aufwärts nur in dem In- und, Ausland bestens eGgeführten Soezialhause für Syn-g gen O-nate Rudolf Goldstein, WIEN, »., Taborstrasse 54. Telephon Nr. 21.990. Illustrierte Preiskataloge an Interressenten gratis ״nd •franko Z1v:l- und Uniform-Sch eider.