Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1913)
- Date
- 1913-02-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 7. XlV/Il. Jahrg. Vellage zur,Wieenr Jüd. Bolksstimme' 13. Februar 1913 Seite 9. Bilder aus Neu-Serbien. t Non Oberrabbiner Dr. Heinrich U r b a ch. Der spaniolische Oberrabbiner. Die heurige Chanukafeier in Serbien. — Das Reisen ans okkupiextem Gebiete. — Mosche Amar, der Held von Ferisowitsch. Als die Serben am Anfänge des ersten Feldzuges die europäische Welt durch ihren ununterbrochenen Siegeszug überraschten und König Peter im Triumph in der alten Türkenstadt Uesküb einzog, da sandte die liberale serbische Regierung unter den Vertretern der anderen Konfessionen auch den Belgrader sephardischen Oberrabbiner Dr. Jsak Alkalay dahin, um den Einzug des Königs desto feierlicher zu gestalten. Dr. Alkalay ist ein noch ganz junger Mann mit einer umfassenden europäischen Bildung, der das moderne Wissen eines Wiener Seminaristen mit der talmudischen Schulung des spaniolen Ghettos in recht glücklicher Weise zu vereinen weiß. Wenn die serbische Judenheit auch bisher noch nicht organisiert ist, so wird er doch, sowohl von der Regierung als auch von seinen Glaubensgenossen als das geistige Oberhaupt der serbischen Juden anerkannt und verehrt. Interessant ist seine Uniform als Militärgeistlicher: Scidentalar und hohe Astrachanpelzmütze, die einem Fes ähnelt, mit einem goldenen ״Magen David" an der Stirnseite, in der die hochgewachsene Gestalt, das edelgeschnittene, brünette, von einem kohlschwarzen Barte umrahmte Spaniolenprofil eine orientalisch-exotische, aber in jeder Faser jüdische Figur abgiebt. Er ist auch ein guter Zionist, der eifrig tätig ist an der Umgestaltung des spaniolischen Chedersystems in moderne Schulen mit serbischer und hebräischer Unterrichtssprache. Nor dem verflosssnen Chanuka-Feste erließ er in der Tagespresse einen Ausruf, daß die Juden, die ihre Makabäerhclden und siegreichen Käinpfe gegen einen mächtigeren Feind vor ihren Augen wieder erstehen sehen, in diesem Jahre das Makkabäerfest dadurch feiern, daß sie an einem Tage alle serbischen Ner- Mundeten besuchen und beschenken sollen. Und dieses zeitgemäße Wort verfehlte nicht bei Christ . und Jude eine tiefe Wirkung hervorzurufen. Die Belgrader Judenheit verteilte ihre Familien nach Rayons au die vielen Spitäler und ähnlich geschah es im ganzen Lande; und so mailches wettergebräunte Gesicht wurde feucht von Tränen, manche schwielige Hand einfacher Soldaten erzitterte im stummen Druck des Dankes an diesem Tage; denn die serbische Judenheit . entledigte sich mit so viel Eifer und Liebe ihrer Pflicht, daß die Soldaten nicht wußten, was mit den vielen Geschenken anzufangen. Die Juden hatten hier wieder einmal gezeigt, daß ihnen 1 im Geben und in der Art des Gebens niemand gleichkoinineu kann! ' Im Folgenden möchte ini nun die sowohl von jüdischem als auch von allgemein Nlenschlichem Standpunkte interessanten Erlebnisse des Dr. Alkalay auf seiner Reise nach Uesküb schil- 1 dern. Wer sich in Feindesland ein bequemes Coupee mit Bahnrestauraut oder Speisewaggon und > einem festen Fahrplane vorstellt, hat weit gefehlt Schon bis zur Landesgrenze muß inan zu solcher Zeit viele dieser Bequemlichkeiten entbehren, wie erst auf feindlichem Boden! Die 1 Bahnhofgebäude zerschossen, die Wände von Kugeln durchlöchert, Schutt und Verwüstung überall, der Stationsvorstand ein kurz angebundener Militärbeamter, die Züge nur dienstlich, die Nerkehrszeit äußerst unbestimmt. Militürfahrplan nennt man das, aber es gibt überhaupt keinen. Je eine Lokomotive mit einem Last- oder Viehtransportwagen bilden den Zug, der selbst für dienstliche Angelegenheiten nicht immer zu ץ haben ist. Unser Reisender sah in der türkischen ► Einsallsstation einen Proviant führenden Leutnant seit zweit Tagen vergeblich aus einen Zug warten. In strömendem Regen mußte man in der öden Gegend Unterkunft für die Nacht suchen, die der Belgrader Oberrabbiner schließlich in der halbverfallenen Hütte eines jüdischen Bahnwüchters fand. Der glückliche Zufall brachte am nächsten Morgen einen ״Zug". Ein entsprechender Bakschisch wirkte mehr als alle amtlichen Dokumente und papierenen Befehle der serbischen Regierung, und so gegen Mittag setzte sich ein Vieh- Waggon mit dem besagten Obcrrabbiner und ' einem seiner Truppe nacheilenden Hauptmann in Bewegung. Ja, wenn ein Schneckengang den Namen einer Bewegung überhaupt verdient! Nun aber, man ist ja int Lande einer zum Teil äußerst feindlichen Bevölkerung, und da ist ja ein vorsichtiges Fahren geboten, damit böswillig in den Weg gelegte Hindernisse keine Katastrophe hervorursen. So denkt der nüchterne Laienverstand! Doch anders die'Militärverwaltung. Tenn sie hält ja die ganze Bahnstrecke und Telegraphenlinie militärisch besetzt. Jede fünfzig Schritt ein Soldat mit ausgepslauztem Bajonett, an je preist, ein anderes. Auch die objektive Befähianng der Anden für den Handel will Hoffman» nur sehr einpeschränkt gelten lassen, besonders scharf wein er es zurück, in der jüdischen Rrligion die Llnelle des Mapitiu lismus zn suchen. Sombnrt bal seine Urteile über jndische :lieligion eben aus falschen Quellen geschöpft, ans Büchern christlicher Theologen oder jüdischliberaler Verfasser, daher unterlaufen ihm in ihrer Wertung so viele Fehler: zahlreiche trefflich gewählte Zitate ailS Bibel und Talmud iverden gegen seine sähe ins?ressen geführt. Diese mangelhafte .Kenntnis des Andender Station eine größere Wachabteilung. Ja, I» .'ätzt auch.Bc^leich^vifchen Anden warum geht es dann nicht in rascherem Tempo? ".v ."יי.. Eine Antwort weiß keiner. :0 geht es langsanf bis Ferisowitsch. Das ganze Arnautenviertel ist ein Trümmerhaufen. Ein Racheakt der Serben für den verräterisch hingemordeten jüd. Reserveoberleutnant Mosche Amar aus Belgrad, der hier eines Heldentodes starb. An der Spitze eines größeren Rekoqnoszierungsdetachements war er seiner Truppe in. maM i״ ö״ .״tl, w״ö ״achge.viesen w.rd, atzugroyem Eifer we, vontusgee.lt D.e!unter- . Verhältnis des Anden zu seine... ltstlgen Arnauten, welche dw -tadt besetzt b.el- > J das vertragsmäßige, ans Leistung und Ge tcn, Übergaben sich zum -che,ne. überreichten, hinzu,tellen. polem.sch darum, den Serben Brot und -alz zum Zeichen der '' 1 " Unterwerfung und geleiteten die serbische Truppe in die Stadt. Zugleich schickten sie aber auch Leute, um von den Anhöhen auszulugen, ob die Hauptmacht der Serben wirklich anrücke, wie dies Oberleutnant Amar behauptete. Da aber diese noch einige Kilometer entfernt und im gebirgigen Terrain unbemerkt waren, faßten die Arnauten wieder Mut und überfielen auf ein gegebenes Zeichen das serbische Häuflein in ihrer Stadt. Die meisten sielen von den meuchlerischen albanesischen Kugeln. Bloß acht Mann gelang es zu entfliehen, da ihnen der schwerverwundete Oberleutnant mit verzweifeltem Mute kämpfend den Rücken deckte. Schließlich fiel auch er der Uebermacht der Feinde noch lebend in die Hand, die an ihm ihre Wut kühlten, weil er ihnen den schmählichen Verrat vorwarf. Geblendet und an der Zunge ausgehängt starb er eines qualvollen langsamen Todes an seinen Wunden. Und in Ferisowitsch zeigen noch jetzt Schutt und blutige Ruinen das Bild der serbischen Rache an den albanesischen Verrätern. Mosche Amar aber wurde von den Seinen nach Belgrad gebracht und unter ungeheurer Beteiligung der Bevölkerung aller Konfessionen unter Kränzen und Tränen und warmen Nachrufen zu Grabe getragen. (Fortsetzung folgt.) tu», und Knpitnlis.nus anstelle», hei dem als leet.um comparationis der angeblich beiden zngrnnde liegende Rntioiial.SmnS dient. Wahl ist das Audcntum rational, »nr Hoffman» meint, insoweit es keinen Lehrsatz onistellt, der wider die Vernunft geht, aber nicht rational in dem Sinne, das; es ausschließlich Veritandesreligio» sei, die Herz und Gemüt leer ausgehe» lasse», ivie Hofsi mann an viele» gitaten ans den biblischen and »ach-! biblischen Schriften »achweiil. Polemisch gehalten ii' weil hier gezeigt wird, mit wie viel mehr Recht sich solches von de». So.nbart als irrationell geltenden Christentum behaupten und beweise». Pole..lisch und apologetisch gestaltet sich auch die Abhandlung über den Bewährungsgedanken und den Vergleich über die Beivertung von :lieichtu.n und Armut seitens des Andentnms und des Chrijlentnms der nicht zuungunsten des Andentninö ausfällt, allerdings auch nicht i». Sinne SombartS. Am Schlnßkopitel wird der schwächste?eil des Sombartsche» Buches behandelt, wo So.nbart nicht mehr als Fach.»an» und Wissenschaftler, sondern als Phantast seine erkünstelte Theorie von Asraei, dem ״Wüsten-Wandervolke" ansbanl. An diese >tr,nk des Sombartsche» AndcnbncheS, die durch ihren :lleichtn.» an positivem Gehalte auch ganz unabhängig von So.nbart lesenswert ist, schließt sich eine Skizze der Wirtschaftlichen Anschanunge» des biblisch-talmndischen Schrifttnms, eine ganz selbständige Arbeit, auf die ich noch gelegentlich zurückkomme. Ach mochte zn.» Schlüsse nur nochmals betonen, was ich i». Cii.gange erwähnt habe. Hofsmanns Buch ivird Sombart vollauf gerecht, es anerkennt seine Vorzüge, ohne seine Mängel zu verhülle» und da es dies in ansprechender Weise tut, sei es den milicnlebe», das Sombart selbst geradezu ditpnra.nbiich weitesten Kreisen enipfohle». Judentum und Kapitalismus. Eine kritische Würdigung von Werner SombartS ״Die Auden und daS Wirtschaftsleben" von :liabbiner Tr. M. Hosfmann.''> Berlin t!»1L, Verlag H. Atzkovski, Preis - M. HO Pf. 1 A»gezeigt von R o ... Wenn hier aus der Flut von Broschüren und Bücher», die SombartS großes Andenbnch im Gefolge hatte, eines herausgegriffen lverden soll, so geschieht eS darum, weil dies das tatsächlich ohne Voreingenommenheit an SombartS Werk herantritt. Der Verfasser hat sich nicht gefragt, ist Sombart Antisemit oder Philosemit, bevor er an das Werk herangetrelen ist, sondern er hat das Buch sachlich geprüft und er kommt bei diei sec Prüfung zu de». Resultate, daß vieles in dem Buche unrichtig, vieles aber richtig ist und daß So».- hart jedenfalls Dank dafür gebührt, daß er die Be- Handlung einer so wichtige» Frage in Fluß gebracht hat. Gar manches scheint Hofsmann bei Sombart etwas zu vage, manches übertrieben, so z. B. wenn ans der Physiognomie auf die jüdische Abstammung irgendeines wirtschaftliche Hervoragenden Mannes geschlossen werden soll, oder wenn die Solidarität der Auden gar so hoch eingeschätzt wird. Am allgemeinen ist es richtig, daß den Juden bedeutender Anteil an der Entwicklung des Kapitalismus zukommt, denn alle Methoden und Praktiken, die man in vergangen Jahrhunderten jüdischen Kauflcuten zum Vorwürfe machte, gehören heute zum eisernen Bestände der kapitalistischen Rüstkammer, aber die Juden haben diesen Einfluß nicht zufolge ihrem Gesetze geübt, im Gegenteil nur im Gegensätze zu ihren Traditionen. Tenn wäre beispielsweise das Geldinteresse der Inden wirklich, wie Sombart meint, so ausschlaggebend für ihr Familienleben, daß selbst die Ehe ihnen nur als Geschäft erscheint, dann tväre dieses Fa- *) Wir halten diese Besprechung für aktuell, weil der Vcrfaffer des besprochenen Buches. Landrabbiner Dr. Hoffmann, anfangs nächster Woche als Gast des Veeines Afite Jehuda in Prag einen Vortrag hält. Ein neuer Band der Bibelausgäbe E. M. Liliens. Schon zweimal yatten wir Gelegenheit. die Aufmerksamkeit unserer Leser mir die große Bi belausgabe zu lenken, welche von F.;Ii a I, l w e s im Verlage George W e st e r in a u u iBraun schweig» veranstaltet wird itiiD die für miv iliren auszeichneuden Charakter dadurch erhält, daß Cpyraim Mose L i l e n der Zeichner von Münchyausens ״Inda" und Rosenselds ״Liedern des Gtzetto" — sie illustriert. Wir yaben das Cr scheinen des ersten Bandes, der Ueberliesernng und Gesetz" überschrieben war und das Fünrbuch Mose und das Buch Josna enthielt, und ebenso den an zweiter Stelle erschienenen sechsten Band, die ״Liederdichtung". liier ebenso angezeigt 'Nunmehr ist als siebenter Baud — in der Reihe der erschienenen der dritte -- die ״Lehrdichtung" erschienen: Die Sprüche Salomonis, Hiob, der Prediger, Ruth, Joim, Esther, Daniel. (10 M.. Ter Herausgeber, der. wie man sieht, die tradi tionelle Reihenfolge zugunsten eitler inhaltlichen Geschlossenheit der einzelnen Bände durchbrochen hat, begleitet jedes Buch mit einer ausführlichen Einleitung, die den Leser in die literarische Form, die inhaltliche Bedeutung, die ästhetische Konzeption jeder Schrift einzusühren und sie in die Zeit eiuzustelleit, aus der sie herausgewachsen ist. Lilien hat das Werk in überaus liebevoller Weise illustriert. Er will nicht etwa den gewal tigeu Eindruck des biblischen Pathos noch verskär ken, will nicht mit seinen Bilder dem Inhalt des Gesagten Konkurrenz bereiten. Das überläßt er den großen Tafel bildern, die in den Museen hängen. Er will helfen, daß man dies Buch lieb gewinne. So hat er mütterlich-sorgfältig für den Druck gesorgt. Er hat den lichten und klaren Eindruck, den die zur Schrift verwendete Woellmer-Antiqua macht, verstärkt durch Abwechslung in der Farbe des Druckes und die Anfänge hervorgehoben durch Achtung auf den kleinen Anzeiger!