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Jüdische Volksstimme · 1913-02-06 · Heft 6 (6.2.1913) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 6 (6.2.1913)
Date
1913-02-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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6. Februar 1913 Seite 9. Beilage zur,WienerJüd. Bolksstimme' Zur Erhaltung der mährischen Judengemeinden. Der Rückgang der jüdischen Gemeinden in Mähren ist eine unbestreitbare Tatsache und das Interesse, das die gesamte Judenschaft Oesterreichs an dem Fortbestände nicht nur der Kultusgemeinden, sondern vielmehr noch an dem Fortbestände der politischen Jsraelitcngemeinden Mährens hat, rechtfertigt es, daß man die Ursache dieser bedauerlichen Erscheinung zu ergründen sucht. Wir haben es weniger mit Liner religiösen oder nationalen, sondern hauptsächlich mit einer sozialen Erscheinung zu tun. Die Kopfzahl der mährischen Inden geht ständig zurück, damit auch prozentuell die Zahl derjenigen, die ein tieferes Interesse an den Zielen und Einrichtuilgen des Judentums zeigen und in weiterer Folge dieses Interesse auch bei denjenigen, die von Haus aus indolent waren und nur durch die Arbeits- und Opferfreudigkeit ihrer Glaubensgenossen mitgerissen wurden. Der Bevölkerungsrückgang in der mährischen Judenschaft ist aus zwei Ursachen zurückzuführen, erstens auf das unaufhaltsame Sinken des Geburten- Überschusses, eine soziale Erscheinung, die wir bei allen höher kultivierten Völkern beobachten, und zweitens auf den Zug nach der Großstadt, auf die Landflucht, die ebenfalls eine allgemeine soziale Erscheinung ist, der man weder durch Reformen im Gottesdienste noch durch andere in diesem Blatte vorgeschlagenen Mittelchen steuern kann. Daß dieser Zug nach der Großstadt besonders die Reihen der in der Provinz lebenden Inden lichtet, beruht daraus, daß die Juden Hauptsächlich im Handel und in den freien Berufen beschäftigt und daher nicht in dem Maße an die Scholle gebunden sind, wie die kleingewerbliche und die ackerbautreibende Bevölkerung. Haben wir einmal die Ursachen richtig erkannt, so werden sich auch leichter Mittel und Wege gegen ihre Wirkung finden lassen. Das Einzige, was mit Aussicht auf Erfolg geschehen kann, ist der Ersatz der abströmendcn Juden durch eine Planmäßige Besiedlung aus dem fast unerschöpflichen Reservoir der östlichen Judenländer. Es ist nicht einzusehen, warum von den Tausenden jüdischen Handwerkern und Ackerbautreibenden, die alljährlich unter beträchtlichen Kosten nach Kanada, Argentinien, den Vereinigten Staaten, England usw. transportiert werden, nicht einige Familien, die Gewähr bieten, daß sic einen bleibenden Gewinn für die inländische Judenschast bilden, in Mähren und cventuell in Böhmen angesiedelt werden können. Tie Befürchtung, daß sich die einheimische Judenschaft, deren Eristenzmöglichkeit ohnehin eingeschränkt ist, mit Händen und Füßen gegen diese Zuwanderung wehren werde, läßt sich entkräften. Vor allem muß den Juden in den kleinen Gemeinden klar vor Angen geführt werden, daß sie rettungslos dem Untergange ihrer Gemeinwesen entgegcngehen, daß viele Geschäftsleute durch die Entvölkerung der Judengemeinden schwer geschädigt sind und daß es keine andere Hilfe gibt, als die Zuführung frischen Blutes. Allerdings müßte es auch gesundes Blut sein und darüber zu Wachen, wäre Aufgabe der die Kolonisation betreibenden Organisation, ob sic nun frisch geschaffen oder einfach von den bestehenden Kolonisationsvereinen gebildet wird. In jeder Gemeinde gibt es Erwerbsmöglichkeiten, die ein cingewanderter Jude ergreifen kann, ohne seine Glaubensgenossen zu schädigen. Hier würde ein jüdischer Spengler oder Tischler, dort ein Kürschner oder Schuster, im dritten Orte ein Bürstenbinder oder Schneider existieren können: kleinere Bauerngüter stehen fast immer zuin Verkauf oder zur Verpachtung und es müßte dem planmäßigen Zusammenarbeiten der Lokalorganisationen mit der Zentrale gelingen, in jeder Gemeinde sagen wir jedes zweite Jahr eine Familie anzusiedcln. Dazu kommen die häufigen Fälle, daß ältere Leute ihr kleines, aber lebensfähiges Geschäft verkaufen wollen und daß sich gar keine jüdischen Käufer finden, so daß wir in Mähren politische Jsraelitengemeinden haben, in denen in absehbarer Zeit die Juden in der Minorität sein werden. Natürlich müßte auf gewerberechtliche Nerhältniste Bedacht genommen, nötigenfalls Dispense erwirkt werden usw. Die Zentrale müßte die Gemeinden regelmäßig bereisen lasten, die gewonnenen Erfahrungen neuerlich verwerten, Klagen der autochthonen und der zugewanderten Bevölkerung untersuchen, Uebelstände abstellen, kurz eine intensive Tätigkeit entfalten, die bei den überseeischen Kolonisationsversuchen ebenfalls nötig ist, die aber hier bestere Früchte tragen wird. Daß eine solche Einwanderung auch die Hebung des religiösen Lebens mit sich brächte, ist zweifellos; den Rabbinen würde sich die dankbare, wenn auch schwierige Aufgabe eröffnen, die verschiedenen Anschauungen, die auf zeremoniellern Gebiete bestehen, einander zu nähern und Gegensätze auszugleichen. Hoffen wir, daß diesem Vorschläge eine eingehende Diskussion und, so bald die Meinungen sich geklärt haben, auch die Tat folgen wird! M. S. Agramer Brief. Laut der Veröffe»tlichu»n des statistischen Amtvs hat die Zahl der Juden in .Kroatien von 15)00 bis 1910 um 1000 Seelen zugenmouicu 120.210 : 21.2:51). Dieser Zuwachs entfällt fast jzanz auf die Stadt Agram, deren Judenschaft im verflossenen Jahrzehnt von 2500 auf -1500 gestiegen ist. Sonst zeigt die Statistik da» übliche Bild, daß die Jude» aus de» Dörfern in die Städte ziehen, weiters daß in einigen Städte» ein geringer Rückgang, in anderen ein kleines Wachstum der Seelenzahl bemerkbar ist. Da eine Eiinvanderung der Juden nach Kroatien zumeist aus Ungarn besteht lz. B. Eisenbahnbeamten), ist der Zuwachs von 1000 Seelen kein befriedigender. Tie beiden Faktoren, Rückgang der Geburtsziffer und Dause, wirken also auch hier als Hemmnisse der natürlichen Vermehrung. Anderseits kann mit Genugtuung konstatiert werden, daß von einer antisemitischen Strömung weder in politischer, noch in sozialer oder in volkswirtschaftlicher Hinsicht nichts zu bemerken ist. Trotzdem ereignen sich manchmal Vorfälle, die symptomatisch sind, wenn sie auch vereinzelt vorkommen. So wurde hier zu Beginn des Balkankriegcs ein Ausruf zu Sammlungen für das rote Kreuz der slavischeu Brüder veröffentlicht, von dem dazu sich gebildeten Komitee, das anfangs auch einige Juden kooptierte, dereu Namen dann bei der Veröffentlichung jedoch >vegließ. Dieser ״judenreine" Aufruf hat einen bedeutende» Teil der hiesigen Juden »m so unangenehmer berührt, als derselbe Aufruf in der zweitgrößten Stadt Kroatiens, in Essegg nur von den Personen unterfertigt ivar, darunter von einem Juden. Wohl wurde von jüdischnationaler Seite darauf hingewiesen, daß der Aufruf von ״unseren slavischen Brüdern" spricht, demnach er korrckterlveise keine Unterschriften von Juden tragen kann. Doch ist bisher niemals der jüdischnationale Standpunkt im sozialen Leben anerkannt worden. Und auch diesmal war nicht dieser Standpunkt der!vahrc Beweggrund dafür, daß man die Namen der schon bestimmten Juden aus dem Aufruf ivegließ. Tenn kaum merkte man, daß man in jüdischen .Kreisen wegen dieser Stichelei ungehalten sei, Ivas dem materielle» Resultat der Sammlung zum Schaden gereichen könnte, wurden die verschiedensten Beschwichtigungen angewendet, um die Gemüter zu beruhigen, was ja auch gelang. Daß die ziveite Auflage des Ausrufes sogar drei jüdische Unterschriften trug, hat die alte Erfahrung bestätigt, daß die sogenannten Repräsentanten der Inden im sozialen Leben gewöhnlich diejenigen sind, die bei jüdischen Veranstaltungen unsichtbar sind, im jübischen sozialen Leben sich verkriechen, manchmal auch um ihre Taschen zu schonen — aber bei nichtjüdischen Veranstaltungen ihr ״Paradejudentum" gerne mit großcn Summen bezahlen. Tie offiziellen Vertreter des hiesigen Judentums habe» die Ehre, sich auf Plakaten gedruckt zu sehen, abgclehnt, in der Sache selber aber, im Leisten der Beiträge den echten jüdischen Wohltätigkeitssinn reichlich bewiesen. Dieselben ״Paradejuden" haben aber Zeter und Mordio geschrieen, mit Presse, Regierung und Taufe gedroht, als ihnen Heuer wegen verschiedener größerer Auslagen der Kultusgemcindc eine höhere Steuer bemessen wurde. Daß man bei dieser Besteuerung auch mit den Spenden, die die Gelegenheit zum Spenden im Tempel immer höflich abgelehnt haben, trotzdem ihre Vermögensverhältniffc sie dazu hätten veranlassen müssen. Die .,Paradejuden" wollen aber am Judcntume ersparen, was sie außerhalb der Judcnhcit für ihr Paradcjudentum entrichten müssen. Es ist ersreulich, daß dieser Typus im Absterben begriffen ist, denn die jüngere Generation macht diese Mode aus der Zeit des seligen Liberalismus des vorigen Jahrhunderts nicht mehr mit. y. Das Chiesrabbinat von England. In der vor kurzem abgehaltenen Sitzung der United Shnagognes. unter dein Vorsitze des Herrn Jessel. wurde der Antrag angenommen, Rabbiner Dr. Hertz, Newpork, als den geeigneteren der zwei .Kandidaten zu empseblen. Dr. Htzamson bat somit im Wettlanf um diese Stelle den Kürzeren gezogen und wird sich mit dem Rubine begnügen müssen, daß er einige Monate lang immerbin als einer der Kandidaten genannt wurde. Dr. Herb bat seine Stellen, wie offen zugegeben wird, nicht seiner überragenden Größe ans jüdischem Gebiete oder seiner Red- »ergäbe zu verdanken, sondern der Tatsache, daß eben kein englischsprechender orthodoxer Rabbiner vorbanden war, der eber für dieses Amt getaugt bätte. Außerdem kommt der Umstand 1001)1 in Betracht, daß Dr. Herl; von Lord Milner, dem Präsidenten von Südafrika, direkt nach London empfoblen wurde, wegen angeblicher großer patriotischer Dienste während seiner Tätigkeit als Rabbiner in Jobannesbnrg. Dr. Gasler. der Habain der Portngiesen. hätte wohl am besten für das Ehiesrabbinat gepaßt. Er war aber mit dem verstorbenen Tr. Adler in Fehde und das verargt man ihm sebr. Ans dem gleichen Grunde scheint Dr. Büchler, der Rektor des Jewisb Eolleg, ansgeschicden zu sein. Dr. Drachuiann, dessen Wabl als gesichert galt, fand es gut, seine Kandidatur zurück;11ziehen. Bei der nun einmal nicht wegznlengnenden Tatsache, daß der konimeude Ebiefrabbi infolge der inzwischen erfolgten Bildung der mächtigen ru Sbnagogen umfassenden ״Federation of Sn nagognes" nicht mehr faktischer Ebiefrabbi von England sein, sondern dem Ehief Minister der Federation an Einfluß ans das Jndentnm nachstehen wird, lag der Gedanke nahe, den Oberrabbiner der Federation, Dr. Jung, ebenfalls als Kandidaten für das Ebief Rabbinat ernstlich in Betracht zu ziehen. Das ganze jüdische Leben in England nimmt einen großen Aufschwung. Die konser vative Partei anerkennt als ihr Oberhaupt wo bl sicherlich den Oberrabbiner der Federation. Mächtige Einflüsse machen sich geltend, diesem Manne eine fübrende Stellung im großen Betb-Dien;» übertragen, da inan von seiner Tatkraft viel erwartet. Prof. Dr. Gollencz ist für das Amt des Chiesrabbinats zu alt. Oberrabbiner Tr. Margnlies l Florenz) kommt nicht uiebr in Betracht. Am hi. Februar tritt die Delegiertenkonferenz zusauiinen. um endgültig die Wabl vorzunebine». Es ist fast kein Zweifel, daß Dr. Herb gewäblt wird. Doch auch darüber berrscht kein;»weife!, daß die Größe des Ebiefrabbinats, wie es unter Dr. Adler war, nicht uiebr zu erringen ist. Saloinon, Horowib. Leeds. Das Judentum in Serbien. Die jüdischen Kriegsgefangenen aus dem türkischen Heere wurden vorige Woche zugleich mit den christlichen von der serbischen Regierung freigelassen und mit Freikarte in ihre Heimat befördert, weil sie in ihre Lovaiität vollkoinmeiles Vertrauen sebt. Tie jüdischen Wohltätigkeitsvereine Belgrads haben sie mit Kleidung und Geld versehen. Die jüdische Bevölkerung Serbiens ist nicht nur bei der Regiernng, sondern auch in den dreitesten Schichten des serbischen Volkes aufs beste angeschrieben. Die serbischen Blätter wissen sich nicht genug zil tun in Dankergüssen und Lobeserhebnngen für die patriotische Haltung der serbischen Juden, die nicht nur große materielle Opfer gebracht, sondern sich auch im Kriege durch besonderen Heldenmut ausgezeichnet und gar oft entscheidend in den Gang der Ereignisse auf dem Tchlachtfelde eingegriffen haben. Es sind im ganzen bloß gegen 700 Mann, die von nn seren Brüdern im serbischen Heere dienen, und dabei ist es erstaunlich, wieviele Beispiele jüoischer Umsicht und Tapferkeit vor der Oeffentlichfeit belobt werden. Gefallen sind wenig Juden, wenigstens sind in Belgrad, woher sich nenn Zehntel der jüdischen Soldaten rekrutieren (da die Judenheit am Lande ganz unbedeutend an Zahl ist), nur vereinzelte Fälle bekannt. Ihr Verhalten war aber ein wahrer Kiddusch Ha Achtung auf den kleinen Anzeiger!

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