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Jüdische Volksstimme · 1913-01-30 · Heft 5 (30.1.1913) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 5 (30.1.1913)
Date
1913-01-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 5. XIV/Il. Jahrg, Beilagezur,Wiener JiW. Bolksstimme' 30. Jänner!913 Zeile 9. Hagbaha. Von Gabriel Rießer. Dies ist die Thora, dies das Wort Das Gott uns hat gegeben. Daß wir's bewahren fort und fort Und tragen's durch das Leben. Weis' auf, Volk Juda, hoch sie auf. Du darfst mit Stolz sie zeigen. Sie ist gekauft um hohen Kauf,; Um hohes Kauf dein eigen. Du gabst ja hin für dieses Gut, Was nur der Mensch besitzet. Glück, Habe, Freiheit, Ehre, Blut, Hast du darum verspritzet. Dies ist das himmlische Panier, Um das wir mutig stritten. Und tausend Tode haben wir Um dies Panier gelitten. Gott unser König, Gott der Macht, Du gabst es unseren Ahnen; Verloren haben wir die Schlacht, Doch hier sind unsere Fahnen. (Wir entnehmen diese Strophen einem längeren Gedichte, das Gabriel Riester, den mutigen Verteidiger der jüdischen Rechte, zum Vcrfaffer hat. Das Gedicht ist in der Auswahl aus.Riesters Schriften und Briefen enthalten, die soeben als zweiter Band der ״Denkmäler jüdischen Geistes", hcrausgegeben von Dr. B. Mah und I. B. Lcvy im Verlage von I. Kauffmann, Frankfurt a. M., erschienen ist. (Preis M. —,90.) Als Bialik vor zwei Jahren zu Ostern in Pa-! Sphinr bis zur Hälfte im Wüstensande vergralästina weilte, da wurden dem großen Dichter, ben. s unwandelbar im Wechsel der Zeiten: die die mannigfachsten Ehrenbezeigungen erwiesen; traurige Ruine Zions, die ihren gespenstischen er sollte den Kolonisten seine Gedichte vorlesen. Schatten mahnend und drohend über das jüdische Und siehe da, welche Enttäuschung'. Die Kolo- Volk wirft; denn von ihren Trümmern sagt der nisten wollen keine Goluthlieder hören, ihnen ist strafende Gottesspruch: Dieses Geschlecht wird Israel im Wandel der Zeiten. (Von Mayer Reiser, Czernowitz.) (Schluß.) So ebnete sich sukzessive der Boden für die Zeit Herzls. Wir bemerken, daß vor Herzl sich bedeutende Dichter, Denker und Künstler vom Judentume fortschlichen. ״Was groß, genial. Produzierend war, wich dem Judentume aus." Der Gedanke, der Jahrtausende im Volke schlummerte, bedurfte nur eines Funkens, um aus dem Schlafe gerüttelt zu werden. Dieses Werk vollbrachte Herzl. Seine Größe besteht noch darin, daß er Europa dem Judentume zeigte, das Judentum Europa. Auch er war ein Zerrissener. Seine ^eele war dem Judentume fremd geworden und suchte ihren Frieden auf dessen stillen Gartengängen, der zarten europäischen Kultur. Doch bald belehrten ihn die Pariser Verhältnisse eines Bessern. Es vollzog sich ein gewaltiger Umschwung in seinem Innern. Es entstand bei ihm jene merkwürdige Reflerionswirkung. ״Je mehr er als Jude wuchs, desto größer wurde er als Europäer, und je mehr sein Ansehen als Europäer, ein desto besserer Jude wurde er. Aber auch dieser große Jude, vielleicht der größte der Neuzeit ist dahin; wer ist unser Führer jetzt? Die Frage ist eine heikle, die Antwort eine klare: Herzels große Idee. Ten Samen begrub man, doch nicht die Saat! Die Saat, das ist der repräsentative Gedanke, der herrschen wird bis zur Erlösung aus dem Goluth. Es ist eben die starke Hoffnung, die uns beseelt, die Hoffnung, die unser Volk in der Diaspora ernährt hat. Diese Hoffnung ist jetzt zukunftsgewiß und lebenskräftig: Hebräische Literatur, jüdische Slunjt, jüdische Dichter, hebräische Gymnasien, Bezalel, Nationalfonds, Kolonialbank, jüdisches Polytechnicum, hebräische Bibliotheken, jüdische Turnvereine, jüdische Ackerbauer, jüdisches Land in jüdischeu Händen. — Die ganze Diasporaliteratur diente apolegetischen Zwecken, hier war nicht Kunst, sondern Tendenz. Von den größten Kö- Pfen bis zu den kleinsten, von Josephus und Philo bis Jehuda Halevi, von der jüdischen Sykille bis zu den kleinen Erzählern im 19. Jahrhundert — alle waren daraus bedacht, in ihren Werken das Judentum zu verteidigen. Wie anders in den letzten Jahrzehnten. Jetzt schafft man in der Sprache der Propheten nicht zur Verteidigung des Judentums, sondern der Kunst wegen. Ein Bialik, der unstreitig einer der größten, wenn nicht der größte unserer Zeit ist, schafft. Poetische Gebilde in der Sprache eines Jesaias, Sokolow schreibt eine Prosa, die ganz der Sprache eines Jeremias gleichgestellt werden kann. Hebräische Dichter finden ihr Publikum. Nicht mehr weint der jüdische Dichter, er klagt nicht mehr, sondern er singt uns frohe, lustige Erntelieder. dies bereits fremd, was sollen ihnen die Pogromlieder? Bialik hatte keinen Erfolg mit seinen Gedichten, die in Europa einen so großen Anklang finden. Was geschah bann? Bialik bekam eine kleine Besitzung in Palästina, wo er nicht mehr klagt, sondern die schöne Gegend, das frohe Leben, die schönen palästinensischen Mädchen, die Ernte, das Säen, die Kelter, den Wein und den Arbeiter preist und lobt. Die hebräische Literatur hatte bis nun kein Epos, vor einigen Monaten erschien in Palästina eine vortreffliche epische Dichtung, eine hebräische Enzyklopädie, ein hebritisches Wörterbuch ist bereits erschienen. Ties sind wohl Anzeichen einer großzügigen Renaissance. Aus halb bewußter Trauer und unbewußter Sehnsucht ist ein bewußtes Ziel und ein bewußter Wille geworden. ״Unendliche Kräfte, die früher Tränen schufen, schaffen jetzt gute Arbeit." Wohl sind wir noch alle krank, fehlt uns ja doch noch das eigene Vaterland, stehen ja noch die Neichen unserer Bewegung, dem Zionismus fern, viele bekämpfen den Zionismus noch, der heute zur Binsenwahrheit geworden ist, manche stehen noch von der Ferne und gehen mit einein leichten Achselzucken davon, aber die tausend verheißenden Stimmen aus der Zukunft haben unserer dürstenden Seele schon neuen Schwung gegeben. Für die letzte Gruppe der Juden, die ich oben anführte, sei folgendes Gleichnis am Platz. Im!>. Buche Mosis heißt es an einer Stelle: Wenn ihr nicht in den Wegen Gottes wandeln werdet, wenn usw., dann werdet ihr wie Blinde in der Nacht herumtappen. Einer unserer Weisen konnte sich diese Stelle nicht erklären. ״Wie," sagte er, ״gibt es auch für einen Blinden ein Tageslicht?" Der weise Rabbi grü- 1Seite lange nach und fand für diese Stelle keine Erklärung. Einst ging er nachts aus dein Lehr- Hause und begegnete einem Blinden, der eine Fackel in der Hand trug. Wozu dies? fragte der Weise. Der Blinde antwortete: Ich trage die Fackel, damit man mich nicht anstößt, damit ich nicht in eine Grube falle, in ein Gebüsch mich verirre. Sieht man mich mit der Fackel schon aus der Ferne, so weist man niir den richtigen Weg und man ist geschützt vor einer Anrempelung. Wehe, wenn die Fackel erlischt, dann ist es mit mir aus. Teij^Weise stützte ein wenig, brummte einige Worte vor sich hin und sagte: Jetzt ver-! stehe ich die Stelle: Du wirst wie ein Blinder in ן der Nacht herumtappen. Schon im eigensten In- 1 teresse dürfen wir diese Fackel nicht auslöschen j lassen, im Gegenteil, wir müssen ihr recht viel | Nahrung zuführen. 1 Mit steigendem Hochgefühle lesen wir die!stetigen Fortschritte der zionistischen Kulturarbeit; wir schliefen nicht, wir schauen frei und offen und unverwandt und froh hinüber ins Judenland. Palästina geht der Zukunft mit Niesenschritten entgegen. Palästina ist nahe daran, wieder zu werden ein ״tahu haarez", das Zentrum, dem Ost lind West sich zuwenden wird. Es zieht ein ungeahn-! tes Rauschen durch die ehemals morschen Ge- ' Seine des jüdischen Volkes. Wir fühlen es in : Mark und Bein, daß unsere Hoffnung noch nicht entschwunden. ״Es blüht tatsächlich neues nicht vergehen, bis alles geschieht. Hofrat Professor Dr. David Heinrich v. Müller. Ein Gedenkblatt. Von Dr. G. R o s e n m a n n. M.-Schönberg. (Schluß.» _ Weitere Beispiele des Stropyenbaues mir allen den nachgewiesenen poetischen Figuren, auch in den Psalmen,' Proverbien usw. publizierte er im Jahresberichte der israelitischen theologischen Anstalt 1907. Ungeahnte Kraft und Schönheit der biblischen Poesie erschlossen diese Arbeiten. Sie wiesen der Bibelforschung neue Wege und trugen nicht wenig zur Erschütterung der insbesondere von Wellhausen ausgegangenen willkürlichen ״altteftamentlichen Tertkritik" bei. Aber ein noch mächtigerer Stoß gegen die bibelkritischen Hypothesen der Wellhausenschule, die die Entstehungszeit der meisten b׳bl. Bücher, »venn es nur halbwegs anginge, am liebsten in die nachchristlichen Jh. hinnnterschieven möchte, ging von einem neuen Werke Müllers ״Die Oiesetze Hammurabis und die mosaische Gesetzgebung" (1903) aus. Eine eingehende Annalyse dieser aut einem mächtigen Dioritblock in 19 Kolumnen eingegrabenen vier Jahrtausende alten Gesetze ergab bas überraschende Resultat, daß zwischen ihnen und den Gesetzen der Thora wohl ein Znsam menhang bestehe, allein von einer Entlehnung derselben aus den Gesetzen Hammnrabis nicht die Rede sein kann, daß beide vielmehr an das ursemitische Recht anknüpfen — der Talmud bezeichnet es als die sieben Olruppengeseve der Noachiden — und daß die Thoragesetze sich in vielen Fällen als scharfer Protest gegen die strengen, oft unmenschlichen Olesetze Hammnra- bis wenden. Auch die Historizität lind Wahrhat tigkeit der Patriarchengeschichten, die die Bibel kriliker so gerne als Sagen hiustellten, tand in den Hammurabigesetzen. die die Verhältnisse der Patriarchenzeit genau wider spiegeln, eine glonzende Bestätigung. Bei weiterer Untersuchung ergab sich, daß die!2 Taselgesetze des ältesten Rom durch Vermittlung der »Griechen ebenso aus jener altsemitischen O-uelle stamuien. Dies Buch eröffnete somit ganz ungeahnte Persvektiven für die Rechtsgeschichte, in erster Linie aber bewirkte er. daß der Hammnrabisteiu;um Grabstein der tendenziösen Kritik gewordell ist. Bei allen diesen Leistungen setzte er seine Arbeiten auch auf dem Olebiete der Arabist,k wacker fort. Im Jahre 1S!>3.99 unteruabm er eine Forschungsreise nach -üdarabieu und Socotra, deren Ergebnisse er in dem dreibändigen Werk ״Tie Mebri- und Sokolrisprache" niederlegte. Diese von den Linguisten sehr gerühmte Arbeit bietet neben dem reichen fachwinensthaftlichen Material eine Fundgrube entnogravliischeit und kulturhistorischen Inhaltes. In den letzten Jahren beschäftigte er üch eifrig mit der Sichtung und Herausgabe des Leben auf den Ruinen", um ein Wort Schillers > wissenschaftlichen 'Nachlasses Eduard Glasers, zu gebrauchen. Mehr als neunzig Prozent, dies!der noch im Jahre IS70 von Müller in die Ara ist keine Hyperbel unserer Heranwachsenden Inbistik eingesührt. eine Zierde dieser Winenschafr wurde. Von dem großen Schaffenseifer und der erstaunlichen Energie Müllers zeugt auch der Umstand, daß er neben der imposanten Wissenschafttelligenz. ist zionistisch, die Mehrzahl der jüdischeu Jugend in Galizien und Rußland spricht ein klassisches Hebräisch. Die Bukowina muß hier wieder ausgeschaltet werden, hier triumphiert! die Indolenz, hier identifiziert man sich mit dem Wappen des Landes. Nicht so in anderen Ländern. Wo alles stark und opferfreudig, begeistert und mutig für die Verjüngung Israels arbeitet. ^Wir stehen jetzt an der Wende einer Zeit, wir!müssen jetzt Geschichte machen, uns wird der! künftige Historiker von seiner hohen Warte als ’ Männer, einer Uebergangszeit, eines neuen Zeitalters preisen. Neunzehn Jahrhunderte seit Christus versanken im.Strome der Zeiten! Was für histo- ' rische Gebilde, was für gewaltige Gestalten, was für Riesenwerke und Riesenvölker hat diese un- ' geheure Wasserwüste geboren und verschlungen! Nur ein Monument steht noch unberührt von der nagenden Welle; wie der Jahrtausende alte lichen und reichen Lehrtätigkeit noch Zeit und Muße fand, eine Reihe von Arbeiten über an tike Sprach- und Kulturfragen in den verschiedenen Zeitschriften zu veröffentlichen und eine ausgedehnte Korrespondenz zu führen. Hofrat Müller war sehr bescheiden, aber im Bewußtsein seines kolossalen Fachwiisens scheute er nicht, gegen ungerechte, oft von Anmaßung und persönlicher Gehässigkeit begleitete Kritiken den Kampf aufzunehmen nnd ihn mit schneidiger Waffe zu Ende zu führen. Sein aufrichtiges, freundliches und gutmütiges Wesen erwarb ihm viele Freunde unter seinen Berufskollegen, Liebe und Verehrung bei seinen Hörern deren Mitarbeiten und Mitlernen er hochschätzte.

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