Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1913)
- Date
- 1913-01-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2621806-2621846-2621850--1958-2623023- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 4. XIV/II. Jahrg. Beilage zur,WienerJüd. Bolksstinune' 23. Jänner 1913 Leite 9. Herbstlied. Hilferufen, krächzen, Schreien. Vögel schwarz ins Blaue zichn, Teils in Schwärmen, teils in Reihen Fliegen müde sie dghin. Wie sie kreischend oben schweben. Dauert mich ihr banger Flug. Schwingen rauschen, Schwingen beben. Zagend schwarz — ein Leichcnzug. Zagen, klagen — aber weiter. Weiter ziehen sie dahin ... Wolken jagen, näher, breiter — Weißt du, was die Vögel flich'n? — Weißt du, was die dunklen Scharen Deiner Brüder, Juden Kind, Mit zerzaustem Kleid und Haaren Krächzend klagen in den Wind? ״Jene Vögel oben bangen. Und sic haben doch ein Ziel; Wenn nach Süden sie gelangen Leben sic in Sang und Spiel — Aber wir, wenn drohend, dröhnend Hinter uns die Wolken ziehen. Fliehen wir berzagt und stöhnend — Und wir wissen nicht wohin." Marek 2 ch c r l a g. Reisebriese. Von M. I. hervor, erhielt ihn zurück, nicht ohne daß aus seiner; Rückseite schön und deutlich der Siegel stand: ״K. k! Grenzpolizei-Erpositur, Bahnhof Oderberg." > Ein wohlwollender Blick noch, und mich uinsing! preußische Grenzluft. Ob ich das Lob, das ich vorhin! über österreichische Bahnen gefällt, nicht flugs deinen- | tiercn soll? Das wäre nocb ärger. Tenn cs beißt, man | dementiere bloß Wahres, die Lüge zerfalle von selbst.1 Und so will ich denn schweigen von euch, bochgeivölbte preußische Waggons! Allerdings, iväre die Hälfte der Passagiere statt in Wien, erst in Oderberg eiugesliegeu. dann hätte ich wohl mehr Reisegesellschaft als so. Mit mir fuhr noch ein tauber Man» und eine pikierte Gouvernante. Und diese zwei Gestalten begleiteten mich bis nach Berlin. Berlin ... Fciedrichsbahnhos. Am Silvesterabend 'war ich angekommen, die kilometcrlange FriedrichSstraßc voll von Menschen mit allerlei buntem Zeug angetan. Bis hinunter zum Oranienburger Tor ein Gequietsche und Gepfeife. Papierschlangen, Trompeten, vergrößerte Nasen, Fliegenwedel. Alles sollten die Leute kaufen, um den l. Jänner zu empfangen, nicht in stiller Ehrfurcht, sondern mit rasendem Gebrüll und Gejohle, daß er erschreckt innchaltc mit der Zeit und den Silvestcrabend ansdehne bis in die Ewigkeit... nach aller deutscher Sitte. Armer Iagoiv. Am nächsten Morgen «vandejle ich fürbaß, kam in ein jüdisches Hotel und ergriff das ״Zentralorgan für die Interessen des Judentums", das jemand qner über den Tisch gelegt, an dem ich mich niederließ, In scknvarzen, großen Lettern stand eS da: ״Tie liberalen :liichllinien sind der Todesstoß für das Judentum." "Merklvürdig, die Juden gaben immer ihr Leben für den Li- Als ich den Plan gefaßt hatte, dem Kontinente beralismus und jeht heißt c», daß gerade dieser da-, den Rücken zu kehren, kam ich init der Staatsgewalt Judentum vernichten wolle! in Konflikt. Plötzlich waren alle Grenzen gesperrt, der Bewegungsfreiheit der jungen österreichischen Staatsbürgcr militärpflichtigen Alters beschränkt und nur dem glücklichen Sterblichen, der sich rechtzeitig in den Besitz eines Reisepasses gesetzt hätte, winkte die Hoffnung, das schwarz-gelb umpfähltc Gebiet anstandslos passieren zu dürfen. Dieselbe Staatsgcwalt nun, die den Freiheitsdrang ihres reiselustigen Publikums so energisch einzudämmcn verstand, war gleichzeitig so human, demjenigen militärpflichtigen österreichischen Staatsangehörigen, der sich mit vcrschicdenen bedeutungsvollen Dokumenten ausweisen konnte Wohl scheint es so. Tenn inan ivirst den Liverale» > d. s. in Deutschland die freisinnigen Indem vor, daß sie die jüdische Religion durch parsümierie Gedanken und wesenlose Handlungen erseven «vollen . Die reformierte Reform. DaS niag ivohl ein technisches Erperiment aber keine praktische Lebensanschauung sein. Und die beiden Parteien: Orthodoxe und Liberate haben alle Mann an Bord und senden Geschosse herüber und hinüber. Mußte leider bald «veg von Berlin. Ter D-Zug nach Hoek os Holland slog in die und überdies kein pfiffiges Gesicht zeigte, als ihm im j lachende Ebene hinaus. Wie in einem Kaleidoskop sah Polizeikoinmissariat und dann, o Schrecken, im Polizei-1lnrt״ rcc*,,s 11'* (‘״״^ N'eundliche Silber im vier rasch Präsidium gewisse Fragen zur gefälligen Beantworj wechselnd, jedoch stet» wieder heiter und lieblich. tung vorgelcgt wurden, ebenfalls ein solches viereckiges mageres Büchlein in die Hand zu drücke!« — allerdings nach M Tagen voll Ungeduld. Nun lvar ich bclvegungssähig. Ein kühner Schivung auf dem Wiener Nordbahnhof brachte mich in ein vollgepfropftes Eoupe des Krakauer Schnellzuges. Auf meine schüchterne Frage, ob ich denn keinen Plan bekommen könnte, meinte der biedere Schaffner: ״Ja. tut mir leid, gestern «var der Zug auch ganz voll." So Achtzehn Stunden nach London noch, denke ich mir ... Und doch ging es ganz gut. Ein ivenig Unterhaltung über das unvermeidliche Wetter, die öiierreichiiche Kricgsncrvosität. den jüngsten Kridaprozcß in Berlin, und ich merkte kaum, daß Holland schon in nächster 'Nähe war. Utrecht, Rotterdam, soweit man vom Z,uge ans und ivährend der kurzen Wartezeit sehen konnte, schöne Städte mit breiten Straßen. Endlich Hoek os Holland. Der Dampfer in 1111־ hatte ich bis Oderberg genug Zeit, den nördlichen Teil! mittelbarer Nähe des Babnhoss. ,aks bestieg die Lau- Nicderöstcrrcichs und mein liebes Heimatland zu bc- ׳ dungsbrücke und war glücklicl, drinnen. Von der seesichtigen, tvobei ich der Wahrheit gemäß bezeugen muß,ן reife und "vndon nächstens, Tie»mal bloß: Ans Wiedaß die österreichischen Bahnen den Ruf, den sie im Ansj derseben! lande genießen, ivohl rechtfertigen. An Eleganz und zarter Farbcniönung werden sie von keinem anderen Vehikel übcrbotcn, an Schnelligkeit und Pünktlichkeit vielleicht nur von den deutschen. Dabei kann ich nicht vcrgesien, das rhythmische Geklapper der Wagen zu erwähnen, es was manchmal schon wie das Klopfen bei einer bekannten Melodie, obwohl man ihm unschwer auch andere Weisen unterlegen konnte. Exegetisches MmWochenabschmtt בשלה Von Rabbiner Dr. A. Deutsch. Von der höchsten Begeisterung für Gott und sein wunderbares Wirken erfüllt, stimmt Israel gleich nach In Oderbcrg kamen wir selbstredend so spät an, seinem Dnrchznge durchs Rote Meer ei» herrliches Siedaß man noch gerade Karten lösen konnte. Wohlgemut - geslied an. Und gleich den Männern, an deren Spiße schritt ich durch den Zollrcvisionssaal zum Ansgange,! Moses stand, hären wir auch die wackeren Töchter 1111־ uni zum Schnellzug nach Berlin zu gelangen. Ta, als j seres Volkes, von der Prophetin Mirjam, der Schiveich so gravitätisch dahinschritt, mit dem Paß in der!instcr Abarons angeführt, mit Gesang und Reigentanz ken Brusttasche, scheine ich einem Manne init Schnurrdes Herrn Größe und Allmacht preisen. Jede Seele ist bart a la Wilhelm der Zweite als verdächtiges Indivivoll des Jubels ob der Offenbarung der göttlichen Allduum ausgefallen zu sein. Doch der liebe Mann war ja gewalt, die den gefürchteten Feind wie Blei in die in Zivil und so konnte ich seine strenge Miene wohl ohne! Tiefen des Meeres versenkt. weiteres erheiternd auslcgcn. Ob er Gedankenleser war? j Wenn wir nun dieser erhebenden, iveihevoll heili- ״Wohin fahren Sic?" hörte ich plötzlich neben mir!gen Stimmung der Volksseele die unmittelbar hernach fragen. Bin ich so neugierig, nach deinem Reiscplan folgende Erzählung der Schrift von des Volkes Murren zu fragen? schoß es mir durch den Kopf. Bist du ein! und Unzufriedenheit entgegcnhalten, wie es den Mund. Diener des heiligen Hcrmandad, so legitimiere dich, ' aus dem die Lobpreisungen und Tankeskundgebungen daß du beauftragt bist, mich zu fragen. Ich gab deshKb׳ für Gott noch kaum verklungen, nunmehr zur Klage der Anregung keine Folge und schritt weiter. ״Bitte,' wider Gott und seine Boten Moses und Aharon öffnet, wohin fahren Sie?" tönte es freundlicher und zugleich so wirkt dies aus unser Gemüt ähnlich, als wenn man erklärend: ״Hier meine Legitimation!" Ach so, ein Gemit herzloser Grausamkeit ein Kunsliperk von unschützhcimpolizist, der nach Deserteuren fahndet. Immerhin barem Werte vor unseren Augen zertrümmern würde, etlvas romantischer als auf. der öden Fahrt vorher.! Vorerst war es das fehlende brauchbare Trinkwasier, Ich willfahrte nun freudigen Herzens, zog meinen Paß das die große Volksmenge beunruhigte. Und als diesem Uebelitande bald abgcbolfe» ward,!var es iviederum die Sorge um das liebe Brod, die die Kurzsichtigen um alle Fassung brachte. Aber auch hier ließ die himmlische Lösung der Frage nicht lange aus sich warten. Tie Hiinmelskoi! des Manna ward dazu bciliinmi, während der vierzigjährigen Wanderung Israels durch ö«e Wüste ihm zur täglichen Nahrung zu dienen. Daß sich aber dieser Mangel des Volkes an den allernorivendigiten und unentbehrlichsten Lebensmitteln, an Wasser und Brod. erst nach dessen Eintritt in die Wüste gezeigt, liegt in der einfachen Tatsache, daß es sich bisher teils in einem beivohnten Lande befand und teils iviederum wenigstens für die erste Zeit!einer Wanderung mit Nahrnngsmitleln versehen ivar. Erst im ׳Anblicke der Wüsteneinsamkeit, die in»! jenseits des :!loten Meeres entgegensrarrte, kam ihm der volle Ernst seiner Lage beunruhigend;um Bewußtsein, daß ihm nunmehr nach menschlicher Berechnung alle Bezugsquellen zur Deckung auch der einsachsien Lebensbedürf, nisse bald versiegen und daß an die Stelle der vernichtcien ägyptischen Tyrannei Hunger und Tnril bald als noch gefährlichere Gegner treten ivürden. Tiefe Angst wegen der Zukunft drückte mit schwerer Wucht auf die Seele des Volkes und die Sorge um das Morgen löste ihm schon beute die Zunge zur lauten Klage und zur mürrische» Unzufriedenheit. Anderseits können «vir die Ansicht nicht von uns weisen, daß dieses «nichtige Problem der Ernährung eines Millionenvolkes in der Wiiiie auch ohne denen ilürinisches Trängen feine Lösung gefunden Halle. Tenn es ividerspricht jeder Logik und jedem Billigkeitsgefühl anzunednien, daß die .Kundgebung der Undankbarkeit, die sich hier in so abstoßend häßlicher Weise Lust macht, es «var die für die ganze spätere Wüitenzeil die Nahrungsquelle ersthloß, daß sie allein den Segen des Manna herbeigeführt habe. Und gewiß wird sich auch Moses Geist schon zur Zeit als er das große Werk der Befreiung feiner Brüder in ׳Angriff genomme», mit der unerläßlichen Frage der Erhaltung derselben in der Wüste beschäftigt und bei Möglichkeit hiezu nicht vios; gekannt, sondern sie bei der Verwirklichung feines Pia- »es auch in :!iechuung gezogen haben. Das Vorhandensein des Manna in der Wüiie in großen Mengen und dessen Verivendbarteil als NahrnngSinitte! konnte ihm, der jahrzehntelang in dieser Wüste gelebt, am allerive iiigfteit fremd sei», und von all den mik dem Manna geschehenen Wundern ganz abgesehen und ohne die Größe dieser Wunder schmälern zu «volle«!,!«egt es doch sehr nabe, daß dieses Manna in dein .Kalkül Mo ses eine entscheidende :!!olle gespielt habe, bevor er durch die Führung eines ganzen Volkes durch eine uusruch! bare und sonst menschenleere Wüste die ichivere Vergüt wortiing für dessen Leben auf sich lud. Das Murren des Volkes aber kann durchaus nicht als Ursache des Hinimelsegens auigefaßt «verden und bildet nur eine belanglose, häßliche Episode, eine bedauerns,verte Be gleiterscheinnng eines wichtigen hiiiorifchen tKeschotinisses. einer freien Willensäußerung der göttlichen Vorsehung zugunsten seines erlöste!« Volkes. Tie Frage ward mit dem Beirrten der Wüste von selb!«, ohne jedes äußere Hinzu!!,» zur Lösung reif und diese mußke nm so beikimmter erfolgen, als sie ja die 1ma׳ läßliche Voransseyuag, die materielle iKrundlagr für das «vahrhaste Ziel der ganze» Erlösung, die geistige Erhebung Israels am Sinaiberge gebildet batte, ,ins die als Endziveck der Sendung Moses von ׳Anfang se! »er Tätigkeit mit den Wckrten hingewiesen ivird: Wmin du herausführen wirft das Volk aus Mizrajim. io «verder ihr Gott dienen ans diesem Berge.'1 Tenn schon ein alter Spruch unserer Weisen sagt: Wo kein Mehl, dort ist auch keine Thora.-> Die wesentlichste Bestimmung, das Manna beiref send, ist ivohl die, daß ein jeder im Verhältnis seines Essens, ein Omer für jeden .Kopf samineln mußte, und daß davon ans den nächsten Tag nichts übrig gelassen werden durste. Tie Bibel selbst gibt mit der eindeutigsie» Klarheit den Zgveck dieser Verordnung des Sam melns nur für einen Tag mit der Beinerkung an: Damit ich es prüfe, ob es wandelt nach meiner Lehre oder nicht׳'!. Das Prüfiingsresnltat jedoch, welches aus der geivissenhasteu Befolgung einer solchen Vorschrift sich ergibt, ist das unbegrenzte Gotlvertranen. Denn nur ein Mensch voll Gottverlranens ist der Verlockung gegenüber imnier stark genug. Genuß- und Nahrnngsmittel in sinnloser Menge auch für die kommenden Tage zusnmnien.zurasfen, über den VerbrauchSbedars hinaus an sich zu reißen, die irohe Zufriedenheit mit בהוציאך את העם ממצ־*ם תעבדו; את (י «■ייי-■יי!kl . י ו 1 . J y ״ י!!'!! א= אץ קמה א־ן תודה (-• למען אנסנו היי‘־ בתורתי אם לא (נ Achtung auf den kleinen Anzeiger!