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Jüdische Volksstimme · 1913-01-23 · Heft 4 (23.1.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIV (1913)
Issue
Heft 4 (23.1.1913)
Date
1913-01-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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<- '״ד **■' ■ יי'- .4'/< Seite 2 ״Jüdische DolkSstimme." Nr. 4 Nicht s! Tenn diesmal handelt cs sich nur um Juden'. Ä ntiscmitis in 1t s ist derzeit Trumpf in Oesterreich. Aber die Negierung hat sich vcrrechnet. Diesmal so wie immer, wenn sie sich vor irgendeiner Leite in ihren Handlungen becinflußen läßt. Möglich, bas; die Sanierungsaktion in der Bukowina durchdringt. Aber damit wird Wohl das Land eine neue Last aus sich genommen, den Bauern aber nicht im geringsten geholfen haben. Tenn die fünf Millionen, die ausgeworfcn werden, sind nur ein Tropfen aus einen heißen Stein. Damit beginnt noch lange keine neue Acra für die Raisseiscnkassen und darum werden die Leiter der Genossenschaften noch lange nicht das Wirtschaften erlernt haben. Aber auch in der passiven und indifferenten Haltung der Regierung gegenüber der Krise in Galizien und der Bukowina liegt ein Rechen-- fehler vor. Unmittelbar sind wohl die Juden getroffen. Aber nur für wenige Jahre; denn die Juden werden sich wirtschaftlich wieder aufraffcn. Auch ohne Negierung. Mittelbar aber hat die Negierung die galizischen und Vukowinacr Bauern getroffen. Tenn der Bauer braucht für den Anbau Kapital und kann den Juden unter keinen Umständen entbehren. Und Hai der Jude kein Geld, so wird auch der Bauer dann darunter zu leiden haben. Tann wird die Negierung einschen müsten, das; ihre Haltung nicht nur die Juden trifft, und das; das zweierlei Mas; diesmal sich schließlich doch an den Bauern rächt. A. E. R—r. Der Boykott-Terror gegen die Juden in Nussisch-Polen. Wir haben vor kurzem Gelegenheit gehabt, über die Boykottgefahr, in der die Juden in Russisch-Polen und durch die Ausbreitung des Nussophilismus denn auch in Galizien schweben, zu berichten. Wir sind heute in der Lage, unsereu Lesern einen Originalbericht über die Wirtschastlichcn Zustände in Nussisch-Polen zu übermittcln, der beweist, das; die Lage der Juden dort mehr als prekär ist. Der wirtschaftliche Boykott, den die Polen nach der letzten Wahlkampagne gegen die Inden proklamiert haben, dauert nach wie vor an. Es ist ein durch seine Brutalität einzigartiger Boykott, der mittelalterlichen Fanatismus und raffivierte Methoden vereinigt. Ter Appell: ״Kauft nur in christlichen Lüden!" (gemeint sind natürlich polnische'» wird durch eine große Zahl von Zeitungen Warschaus und der Provinz, sowie durch eine Unzahl von Flugblättern, Proklamationcn, Reklamen seit Wochen bis in die fernsten polnischen Hütten hinansgetragcn, und in gar vielen polnischen Geschäften prangen jetzt grelle Plakate mit der Aufschrift: ״Hier ist ein christlicher Laden, kauft nur bei Ehristcn!" Plakate, er an den lieben Gott, damit er ihm so recht sagen kann, wie dankbar er ihm ist 'für alles. Für den schönen L'choh daudi, den der Chascn singt, der einen jeden so herzlich innerlich glücklich macht, für die schöne Predigt, für die guten Menschen, die Er geschaffen und für alles, was gm und schön ist, für so vieles, was gut und schön ist ans dieser Welt.... Tann betet er und wenn ihr Neb Schmul nahestcht, wird euch ein heiliger Schauer anwehen und ihr werdel zu ihm emporblicken, wie zu etwas Höherem. Am selben Tage wie der Kaiser, in derselben Stunde ist Ncb Schmul geboren und er erzählt euch, wie gm und gerecht der Kaiser ist. Wie er alle, alle gleich liebt und um sie sich sorgt und dann erzäblt er euch, daß er vom Kaiser eine Medaille bekommen, die er aufhebc, wohl vcrwahre in seinem Bücherkasten, neben den hei-!:gen Büchern, die dort ruhen. Am selben Tage wie der .Kaiser ist Reb Schmul geboren und er ist so alt wie er und hat alle Freude mit ihm geteilt, alles Leid mit ihm gefühlt. Und darum, ehe er die Geige in den Kasten tut, spielt er euch das Kaiserlied vor und singt es mit euch.... die von anonymer Hand unentgeltlich versandt! worden sind. Auf den Straßen, kann man aber beobachten, wie vornehme Damen und elegant gekleidete Herren, freiwillige Agitatoren aus der Studentenschaft, halbwüchsige Burschen in der Nähe der jüdischen Geschäfte herumlungern, um jeden polnischen Käufer durch Zureden oder gewaltsam zu verscheuchen. Schrieb doch der ״Goniec" vor kurzem: ״Wir niüssen vor allem einen energischen Kampf gegen die kleinen jüdischen Ladcninhabcr eröffnen, da sic von allen am chefrei! zugrunde gehen werden." In der Tat ist infolge dieses Kampfes die Existenz von Taufenden jüdischer Geschäftsinhaber, namentlich derer in den polnischen Vierteln, vom Ruine bedroht. Um den Boykott wirksamer durchführen zu könneu, organisieren die Agitatoren spezielle Vereinigungcn oder christliche Genossenschaften, die sich gegenseitig verpflichten, nichts bei Juden zu kaufen. In den allerletzten Tagen sind solche Assoziationen von Landwirten, von Schlossern, von Ncstaurateurcn usw. zustande gekommen. Im Dombrower Jndustrierayon organisieren sich aber gar die Damen in Zirkeln unter gegenfettiger Verpflichtung, in der kommenden Karnevalszcit bei den Festlichkeiten und Maskenbällen nur polnisch-nationale Tracht zu tragen und den Kauf ihrer Kleider in keinem jüdischen Geschäft zu besorgen, noch dazu einen «jüdischen Schneider zu benützen. Eine wütende Kampagne ist zu allerletzt auch gegen die jüdischen Advokaten eröffnet warden. Da will die polnische Presse auch keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Getauften machen, und die Namen der jüdischen Photographen haben die besonders fanatischen Boykottblätter samt und sonders abgedruckt, damit nur ja kein ״Mißverständnis" entstehe. Unter dem Truck terroristischer Drohungen hat bekanntlich die Warschauer Philharmonie sämtliche jüdischcn Mitglieder ihrer Kapelle entlassen, und nicht weniger als 200 jüdische Musiker sind insgesamt bereits unter den Einwirkungen des Kampfes brotlos geworden. Kaum haben die Vevollmächtigten der offiziellen städtischen Kreditgesellschaft beschlossen, durch Einführung einer Prozcntnorm für die jüdischen Vertreter die Juden des Kredits zu berauben, als auch schon der Appetit der Hetzer auch sonst gewachsen ist. Jetzt fordern sie, daß die polnischen Gcldverleiher den jüdischen Hausbesitzern die Hypotheken kündigen, damit ihre Häuser zu billigen Preisen in polnische Hände übergehen sollen. Ja, nicht einmal die Armee der jüdischen Handwerker, deren Dasein ohnehin ein geradezu klägliches ist, wird geschont. Nicht selten kommt eä zu blutigen Schlägereien, wenn ein Pole erwischt wird, der sich an einen jüdischen Handwerker wendet. Neulich ereignete sich u. a. folgender tragischer Vor- Vorfall: Ein polnischer Knabe, der sich von einem jüdischen Schuster in einer Vorstadt von Warschau für wenige Kopeken eine Flickarbeit hatte machen lassen, wurde beim Hinausgehcn aus dem Schusterladcn von einer Horde von Boykottfanatikcrn überfallen und blutig geschlagen. Tie Frau des Schusters aber geriet in furchtbare Angst, da sic glaubte, daß ein Pogrom ausgckrochen sei, und wurde von einem Schlaganfall getroffen. Wenige Tage darauf starb sie, im Ficbcrdclirium immer von neuem die Worte ausstoßend: ״Juden, Juden, o wehe, ein Pogrom!" Ja, bis zur Schaffung einer Pogromatmosphärc haben cs die polnischen Hetzer gebracht. Hier wird versichert, daß es einen polnischen Gehcimbund gibt, der alle Fällen in der Hand hat und die Kampagne organisiert und leitet. Pogrompanik in Kckcy. Aus Kelcy wird gemeldet: Der hiesige Rabbiner erhielt dieser Tage ein anonymes Schreiben über einen Pogrom, der gegen die Juden vorbereitet werde. In Anbetracht des in letzter Zeit verschärften Antagonismus der Polen gegen die Juden geriet darum die jüdische Bevölkerung in große Panik. Ter Rabbiner wandte sich sofort an den Gouverneur um Schutz. Dieser ließ nun die Straßen mit verstärkten Militärpatrouillen bewachen, worauf Ruhe eintrat. Dr. Ludwig Bendiener gestorben. m / (, 4 #0• Samstag abends ist Dr. Ludwig B e n d i cn e r, 72 Jahre alt, gestorben. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht in der Stadt, denn Dr. Bendiener war eine der populärsten mid angesehensten Persönlichkeiten Prags. Vor' wenigen Tagen noch sah man ihn in den Straßen der Stadt und, wiewohl er bereits kränklich aussah, dachte doch niemand daran, daß sein Ende so nahe sei. Durch den Tod Dr. Bendicners ist eine gähnende Lücke in den Reihen des Prager Judentums entstanden, die nicht so leicht auszufüllcn sein wird. Denn Dr. Bendiener war überall zu finden, wo es galt, Not zu lindern oder Armen und Elenden zu helfen. So saß er in den Ausschüssen oder in der Leitung fast aller humayitärer, jüdischer Vereine und in der Kultusgemeinderepräsentanz, deren Vizepräsident er war, befaßte er sich auch meistens mit der Armenpflege. Die Prager Blätter brachten dem Verstorbenen durchwegs ehrende Nachrufe. Das Prager Tagblatt schreibt: Dr.' Ludwig Bendiener ist gestern nachmittags gestorben. Mit ihm scheidet ein Mann von uns, in dem sich alle Vürgertugenden alten Schlages vereinigten, hohes Talent, strengste Rechtschaffenheit, ein aufs Große gerichteter Wohltätigkeitssinn, reges Interesse nicht nur für alle Aufgaben, die sein Beruf und das öffentliche Leben an ihn stellten, sondern auch für die Werke der Kunst, und ein gütiges Wesen. Mit seltener Geistesfrische sah und betreute der Verstorbene noch bis in die allerletzte Zeit hinein eine ganze Reihe von Tätigkeitsgebieten. Der sympathische Mann mit dem scharfgeschnittenen Gesicht, aus dem zwei kluge und gütige Augen hervorleuchteten, gehörte zu den charakteristischen Erscheinnungen unserer Stadt; er hatte es zu- Wege gebracht, keinen Feind, kaum einen Gegner zu haben. Dr. Bendiener war Jahrzehnte lang eine Zierde des Prager Barreaus und seine Standesgenossen gaben ihm die ehrendsten Beweise ihres Vertrauens. Er war ein Meister der forensischen Bcredtsamkeit, der mit feinster Psychologischer Kunst und mit vollendeten sprachlichen und stilisierten Ausdrucksmitteln sein Reden'aufbaute. Er gehörte der Prager israelitischeu Kultusgcmcinde seit Jahrzehnten, zuletzt als Vizepräsident an und seine hohen Verdienste um diese Körperschaft wurden vor zwei Jahren, anläßlich seines siebzigsten Geburtstages, in einer Festsitzung von berufenen Rednern dankbar anerkannt. Damals wurde auch als äußeres Zeichen der Ehrung beschlossen, sein Vild im Sitzungssaale der Prager israelitischen Kultusgemeinderepräsentanz anzubringen. Er gehörte seit Jahren der obersten Schulbehörde des Landes als Mitglied an, er war der Organisator und unermüdliche Leiter einer Reihe von Wohltätigkeitsinstituten. Was Dr. Bendiener zuerst als fähigsten Strafverteidiger unter den Prager Advokaten bekannt und berühmt gemacht hatte, war seine glänzende Rednergabe. Er war in des Wortes unverbrauchtem Sinne ein Meister nicht nur der tVlllkrlsch-sdrlesische Bank Brünn. Telephon Nr. 350, Direktion. Ferdinandsgasse Nr. 29 Telephon Nr. 1016, Wechselstube. verzinst EINLAGEN gegen K Kl| 01 gebundene Einlagen laut Obereinkommen• Bank- Bächel und in lautender Rechnung mif 0| 2| ** ״ geschähe aller Art, Börsen-u.Wechslergeschäfte.

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