Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1913)
- Date
- 1913-01-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3. XIV/Il. Jahrg. Beilage zur,WienerJüd. Volksstimme' 16. Jänner 1913 Seite 9. Exegetisches zumWochenabschmtt N2 Von Rabbiner Dr. A. Deutsch. Gewiß ist es allgemein bekannt, daß die Pflicht, unsere Morgenandacht mit den Tefillin an der Hand und an der Stirn zu verrichten, von dem vierfach in der Thora vorkommcnden und säst wörtlich übereinstimmenden Ausdruck abgeleitet wird: Und es sei dir dies zum Zeichen an deiner Hand und zur Erinnerung zwischen deinen Augen.') Nicht so - klar und einleuchtend ist es hingegen, weshalb dieses religiöse Gebot der Bibel gerade in jenen Abschnitten enthalten ,ist, die einerseits den Auszug unseres Volkes aus Acgypten und die mit diesem zusammenhängenden Vorschriften über das Pesiachfest und die Heiligung der Erstgeborenen und anderseits wiederum das Bekenntnis der Gottcseinheit im ',ש5}ע und die Erreichung des irdischen Segens in 3'והיה אם ש;ןןו behandeln. Hier dem leitenden Gedanken nachzugehen, ist daher eine lohnende und dankenswerte Ausgabe und gewiß vornehmlich auch geeignet, den Wert und die Bedeutung der religiösen Zeremonie des Tesillingebrauchcs in unseren Augen zu heben. Angst und Bangigkeit erfüllt hatte. Und der von ihm gen, dessen wir anläßlich des vorigen Einweihungsüber Israel verhängte Sklavendienst war auch nach festes des neuen Vereinshauses an dieser Stelle ausdem Berichte der Tradition derart raffiniert ausgcführlicher gedacht habe», sind es ihre statutarischen Erdacht, daß er allem Natürlichen zuwiderlief und bei konbauungspredigten, deren eine Erew Rosch Ehodesch scquenter Durchführung durch eine längere Zeit gewiß Schewat stattfand. Die Feier nahm um 2׳ Uhr nachinitauch sein grausames Ziel, die völlige Vernichtung untags ihren Anfang. Ein voller Saal harrte der Predigt, seres Volkes herbeigeführt haben würde.! zu deren Abhaltung Rabbiner Dr. Fritz K n ö p f e l - Und dieser doppelten Gefahr machte nun Moses macher geladen worden war, ein Sohn des durch tnldurch sein großartiges Erlösungswerk ein glückliches' mudische Gelehrsamkeit ausgezeichneten Prof. Dr. Sa- Ende. Er löste seinem Volke nicht bloß die drückenden! lomon Knöpfelmacher und Enkel des Prager Gelehr- Sklavenketten, sondern er hob es auch sogleich zu der' tne Rabbi Jehuda Teiveles, gesegneten Andenkens. Un- Höhe seiner vorausverkündeten Bestimmung, zu derber den Anwesenden sah man die Rabbiner Professoren Höhe eines Gottesvolkes empor. Mit der Besiegung Grün, Knöpfelmacher, Deutsch, Schwarz, Direktor Sitder ägyptischen Tyrannei ward sowohl die Hand wie ׳ tig, Prof. Ehrenfeld, den gesamten Vorstand der Ehcivra auch der Geist Israels wieder frei und darum müsse; Kadischa mit dem Lbmaiin Seren T. Lieben und ein es sich auch für immerwährende Zeiten durch sein phbj den Saal dicht füllendes Publikum, sisches Vermögen ebenso wie durch die Kraft seines! Rabbiner Friedrich Knöpfelmacherü Predigt hatte Geistes und seiner Vernunft seinem Gotte, dem Herrn zum Text: seiner Freiheit hingegeben > und verbunden fühlen, gemäß der biblischen Pflicht: Es sei dir dies zum Zeichen an deiner Hand und zur Erinnerung zwischen deinen Augen. Die Knechtschaft in Aegypten barg für unser Volt eine doppelte Gefahr in sich. Nicht nur drohte sie uns physisch zu vernichten, zu verkümmern, sondern sic machte auch jede geistige Regung, jeden geistigen Aufschwung unmöglich. Denn unter dem schweren Drucke der Lastarbeiten Aegyptens seufzend, verlor Israel im Feindesland allmählich auch jedes Gefühl der Zusam- Mengehörigkeit mit seiner Väterreligion sowie auch die Hoffnung auf die ebenfalls den Vätern zugeschworene bessere und glücklichere Zukunft. Im Geiste einer alten Ucberlieferung stellen nämlichunsere Weisen nicht umsonst und nicht mit Unrecht die Tatsache fest, daß die erste Zeit des Aufent- Haltes der Nachkommen Jakobs in Aegypten eine günstige und glückliche gewesen. Israel stand dort hoch an Ansehen, cs ward geachtet und geschätzt.-) Es lebte eben in der Aegyptcr Erinnerung das Bewußtsein noch lange fort, zu welchem Danke Josef sie einst verpflichtet hat, wie er es allein gewesen, der in der Zeit der drohenden Hungersnot durch'seine göttliche Erleuchtung, durch sein tiefes Verständnis, seinen Hellen Geist und scharfen Blick für die Ereignisse der kommenden Zeit alle Bewohner dieses Landes vor dem sicheren Untergange gerettet hat. Von Josef und seinen Brüdern erbten aber gewiß auch deren Nachkommen wenigstens in der nächstfolgcnden Zeit noch eine geachtete und angesehene Stellung. Ueberdies 2 מצוינים ש mußten sie ja in einem Lande mit dem albernsten Götzendienst schon vermöge ihrer eigenen höheren Moral, ihrer geläuterten Gottes- Verehrung alle ihre sonstigen Mitbürger weit überragen, und nur diese Stellung Israels, nur seine gediegcnere Sittlichkeit war die Ursache, daß gleich nach dem Tode Josefs und seiner Brüder und jenes ganzen Geschlechtes"), als ein neuer König über Mizrajim aufstand'), der Josef und besten Verdienste um Aegypten nicht mehr kannte und anerkannte"), die dort großge, wordene jüdische Macht nunmehr als eine feindliche angesehen und auch als solche mit allen Mitteln unmenschlichster Grausamkeit bekämpft wurde. Denn wäre Israel ein kulturell minderwertiges Volk gewesen — nie wäre besten Vermehrung und Ausbreitung in einem Lande als ein Unglück, als eine Gefahr erschienen, wo die Sklaven in ungezählten Scharen zu jenen gewaltigcn Bauwerken der Königsgräber verwendet wurden, welche Jahrtausende überdauernd auch heute noch als stumme Zeugen der Pharaonenzeit fortbestehen, in der einst unsere Väter ob ihrer Lastarbeiten ihre bitteren Wehklagen zum Himmel erhoben. Vom Standpunkte der ägyptischen Machthaber hätte vielmehr eine jede physische Schwächung des Sklavenvolkes einen argen Verlust an Arbeitskraft bedeutet, eine sündhafte Schädigung und Vernachlässigung der ureigentsten Staats- Interessen dieses Landes mit seinem klastischen Kastenwesen. Wenn daher Pharao dennoch Maßregeln ergriff, die Zahl unseres Volkes zu verringern, so war es ihm hierbei nur um den gefürchteten und überlegenen jüdischen Geist zu tun. Mit der Zerstörung des Volkskörpers wollte er den Volksgeist treffen, der allein ihn mit Der Natur, der Beschaffenheit des menschlichen Wesens entsprechend, das aus Geist und Körper besteht, Seele und Fleisch in sich vereinigt, muß das Leben und Streben Israels auch in seiner Freiheit diesen beiden Richtungen Rechnung tragen. Auch da muß das Bibelwort in seiner ungeschmälerten Vollständigkeit in Geltung bleiben: ״Es sei dir dies zum Zeichen an deiner Hand und zur Erinnerung zwischen deinen Augen." Denn viele hat sie verheerend niedergestrcckt und zahlreich sind ihre Erschlagenen.") Was der unsterbliche Spruchdichter mit diesen Worten von der verführeri- Spr. d. Väter 1. 17: ״Mein ganzes Leben hindurch bin ich unter Gelehrten groß geworden und habe für den Menschen nichts Besseres gefunden als Schweigen, und daß nicht die Forschung die Hauptsache sei, sondern die Tat. und daß, wer zu viel Worte macht, die Sünde herbeiführt." Ter Dreiteilung dieses Textes entsprechend zecfiel die Rede in drei Betrachtungen. In der ersten wurde versucht mit Rücksicht auf die Bedeutung des Wortes ״laguf" die Hochschätzung und Belvertung des Schweigens gegenüber dem Reden als Mahnung zur Bescheidenheit zu erklären. Bei dem wahrhaft Weisen allein ist die Bescheidenheit eine Tugend, beim Mittelmaß der Menschen ist sie nur lobenswert, iveil sie hier so selten zu finden ist. Es ivurde hierfür das Beispiel des bescheidenen Moses gebracht, der, soiveil seine Person in Betracht kam, immer bescheiden schwieg, >oo es jedoch um die höchsten Güter des Volkes ging, eine anschen Macht der Sünde aussagt, das betrifft in gleigewöhnliche Energie zeigte. Tie persönlichen lagnf, chem Maße die Verfehlungen, die der Mensch teils durch Ansprüche und Vorrechte läßt der Weise in de» Himerseinen Geist, durch Irrlehren, teils wiederum durch den! gcund treten, wen» es sich um den Frieden und die Mißbrauch des irdischen Segens, der materiellen Glücks-. Wohlfahrt der Gesamtheit handelt. gütcr verüben kann. Häufet nicht hochmütige Reden und nicht entfahre Trotz eurem Munde/ Tie ziveite Betrachtung ging von der Bewertung des Friedens ans, indem sie auf Grund einer Talmud- Und wie oft und wie leicht vergeht sich dennoch : stelle eine Kritik des Friedens vornahm. Der ivahre der Mensch gegen den Geist dieser in der lluzuläug-! Friede sei der, ivelcher die Vermiltiluig der Gegensätze, lichkeit der menschlichen Erkenntnis tiefbegründeten Mahnung der Schrift. Wenn er hungert, zürnt er und flucht seinem Könige und seinem Gotte") und er wendet sich hierbei nach oben, er meint beständig, unver die Versöhnung und den Ausgleich erstrebe׳, er allein führe zur Tat; ein Beispiel sei der ״friedliebende" Ahron, den uns zwar die Thora nicht ausdrücklich als Mann des Friedens bezeichnet, der jedoch.durch fein dient und unverschuldet von einem bösen Geschick ver-, ganzes Leben und Wirken seine hohe Auffassung des Frie folgt zu sein. Werden aber seine Schritte schirmend vom göttlichen Segen begleitet, sicht er sich von Reichdensideals bezeugte. Hieraus sei auch die Auffassung deS Friedensideals seitens unserer Weisen tut talmuditum und Ueberfluß umgeben, dann erhebt er wiederum! scheu und uachtalmudischen Schrifttum erklärlich, ilnstolz über andere seine Blicke und läßt jede Rücksicht nähme gegen seine Mitmenschen außeracht. Ter Segen des Reichtums wird also durch den menschlichen llnverstand gar manchmal zur Quelle der häßlichsten Schwäche, zur Ursache der moralischen Knechtschaft, der sittlichen Gebundenheit. Schild und Panzer gegen die Macht der Sünde sere Großen haben im Gesetze geforscht - aber das wirkliche Ziel war die Veredlung der Praris, die Er- Hebung des sittlichen Standpunktes. Ter Beiveis hierfür ist erbracht durch de» Unistand, daß die Grundzüge für die jetzt bestehenden wobttätigen Institutionen des Judentums schon im älteren jüdischen Schrifttum enthalte» sind. Die Prager ״bei- und der Verfehlung jeglicher Art ist die Treue zu Gott"), j l>gu Brüderschaft" hat sich diese Grundsätze zueigen geunsere begeisterte Hingebung an die Pflichten seiner j macht und ihre Führer loarcn sowohl ״lomdim" als Lehre. In Gott dem Einzigen ist der Quell des Lichtes ן auch ״ostim". d. h. sie haben im GotteSgescye geforscht für unseren Geist. Aus ihm strahlt uns wahre Erj und die Resultate ihres Studiums für den Dienst der kenntnis zu, wenn sonst Zweifel und Ungewißheit unser j idealsten Menschenliebe nutzbar gemacht. Urteil trüben, unsere Seele beunruhigen könnten. Seine | Tie dritte Betrachtung besprach unter Benützung Lehre und seinheilig Wort sind uns aber auch die zueines Gedankens aus dem Kommentar des ״hohen" verlässige Richtschnur, um von den Gaben des irdischen Glückes und Segens den rechten Gebrauch zu machen. Nur in Gott und durch Gott ist die innere Harmonie unserer sittlichen Persönlichkeit, die höhere Freiheit unseres Wesens dauernd verbürgt, nur durch die ständige Beherzigung des Gebotes der Schrift: Es fei dir dies zum Zeichen an deiner Hand und zur Erinnerung zwischen deinen Augen. Erew Rosch Ehodesch Schewat in Prag. Ein nicht genug hoch anzuschlagender Faktor im Humanitären und religiösen Leben der Prager Judengemeinde ist die unter den ebenso frommen, gelehrten als auch hochherzigen Obmann Herrn David Lieben stehende Chewra Kadischa Gomle Chesed. Abgesehen von ihrem Wirken im Dienste der letzten Liebesbezeugun- והיה לך לאות על ידך ולזכרון בין עיניך (, מלמד שהיו ישראל מצוינים שם (* וימת יוסף ובל אחיו ובל הדור ההוא <ג ויקם מלך חדש על מצרים (4 אשר לא ידע את יוסף (5 בי רבים חללים הפילה ועצומים בל הרוגיה (• על תרבו תדברו גבה נבה יצא עתק מפיהם (7 והיה כי ירעב והתקצף וקלל במלכו ובאלהיו .(8 ופניו למעלה צנה וסוחרה אמתו(' Rabbi Löwe zur Stelle den verderblichen Einfluß des allzuvielen Redens. In allen diesen sei das richtige Maß einzuhalten, eine lleberschreitung dieser Grenze besonders bei der Belehrung sei verderblich. Ties wurde an den ״Richtlinien" gezeigt, aber »och mehr an dem mangelnden Verständnisse vieler Eltern für ihre Pflicht der Erziehung der Kinder zur Religion, anstatt deren im Hause überflüssig und despektierlich über!lteligion, Gott und Judentum gesprochen wird. Insbesondere sei es Pflicht der Elter», die Lektüre und den Umgang der heranreifende» Jugend gewissenhaft zu überwache», da die letztere hieraus die Keime zur Irreligiosität davonträgt. An die Terascha schloß sich, der Vorschrift gemäß, die Verlesung der Namen der im letzten Jahre verstordenen ״Altmänner" der Chewra Kadischa. Dem dahingeschiedenen Herrn Lberrabbiner Dr. Nathan Ehrenselb wurden innige Worte des Gedenkens gewidmet, ebenso die Bedeutung des verewigten Herrn Jakob B. Brandeis gewürdigt. — Hierauf folgte der obligate halachische Vortrag. Hierauf begab sich die Versammlung auf den alten Ghcttofriedhof, wo unter Führung des TalmudkenncrS H. Schwarz von der Altneusynagoge an den Gräbern hervorragender Männer Gebete verrichtet wurden. Eine große, ebenso festliche Schar versammelte sich sodann in der Klaus-Synagoge, die hell erleuchtet einen geradezu eines Jomkipur würdigen Eindruck Achtung auf den kleinen Anzeiger!