Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIV (1913)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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% Nr.1. XIV/2 Jahrg. Beilage zur,Wiener Jüd. Lolksstimme' 1. Jänner 19! 3 Seite 9. Mein Volk. Von Else Lasker-Schüler. Der Fels wird morsch. Dem ich entspringe Und meine Gotteslieder singe.... Jäh stürz ich vom Weg Und riesele ganz in mir Fernab, allein über Klagegestein Dem Meer zu. Hab mich so abgeströmt Von meines Blutes Mostvcrgorenheit. Und immer, immer noch der Widerhall, In mir. Wenn schauerlich gen Ost Das morsche Fclsgebein Mein Volk Zu Gott schreit. (Aus dem soeben im Berlage A. R. Meyer in Berlin-Wilmersdors erschienenen Büchlein ״Hebräische Balladen", das wir der Aufmerksamkeit unserer Leser empfehlen.) Exegetisches zum Wochenabschmtt שמות. Von Rabbiner Dr. A. Deutsch. In objektiver Hinsicht besteht zwischen dem ersten Buche Moses und den anderen vier Büchern zweifellos ein gar wscntlicher Unterschied. Jenes, nach Inhalt und Aufbau wohl von der großen Idee der göttlichen Leitung der Weltgeschichte getragen, bietet seine schönsten Lehren mehr auf ein indirekte Weise durch Erzählungen vornehmlich aus dem Leben unserer frommen Stamm- Väter dar. Diese hingegen sind überwiegend der unmittelbaren Darstellung von Gesetzeslehren gewidmet, die der Mensch aus ihnen, wie aus einem Urquell erst schöpfen und dann zur Norm seines Lebens machen soll. Jenes ist in der ursprünglichsten Bedeutung des Wortes eine ״Lehre des Lebens"'), eine Lehre, welche aus dem Leben und Wirken der idealen Vorbilder unseres Volkes, unserer Patriarchen auf natürliche Weise sich entwickelte. Diese sind Lehren abstrakter Art nur mit der Bestimmung, ins reale Leben erst einzumünden, durch das praktische Leben allmählich sichtbare Formen anzunehmen. Aber auch in seinen Teilen der letzten vier Bücher der Thora, die ebenso wie das erste Buch Bereschis nur Geschichtliches zum Gegenstände haben, haben wir es dennoch mit ganz anderen und ganz veränderten Verhältniflen zu tun. Früher waren es immer nur einzelnc hervorragende Männer, deren Schicksal erzählt, von denen berichtet wird, wie sie sich in der von Gott ihnen zugewiesenen Sendung bewährt haben, bis endlich von den Auserlesensten unter ihnen die aus siebenzig Personen bestehende Jakobsfamilie hervorgegangen. Fortan aber lernen wir das Los des ganzen Volkes Israel kennen, dcsicn Erhebung zum Gottesoolke eben Ziel und Ausgabe der Thora ist. Die erste Epoche unserer Volksgefchichtc, die das zweite Buch Moses mit unserem Wochenabschnitte einleitct, ist die der Leiden und der Bedrückung, des Kampess und des endlichen Sieges der Gcrechtigfeit. Damit aber das Volk auch in seiner Not an der den Vätern gegebenen Verheißung von seiner künftigen Größe und seinem künftigen Glücke nicht zweifle, wurden vorweg dem ersten Stammvater in einem düsteren Traumbilde nicht bloß die schwarzen Schatten dieser Lcidenszcit seiner Nachkommen ״in einem nicht ihnen gehörigen Lande"-) im voraus gezeigt, sondern auch die hernach folgende Erlösung: ״Und dann werden. sie mit großem Vermögen wegziehen"») Und mit der Erfüllung der angckündigten Knechtschaft war schon die Bürgschaft für die Verwirklichung auch des trostreichen Gotteswortes gegeben. Dieser Ueberzeugung von dem inneren Zusammenhange, der logischen Abhängigkeit zweier von Gott gleichzeitig verkündeter historischer Ereignisse, wenn diese auch gnaz verschiedene Zeiten betreffen, gibt auch folgendc Erzählung des Talmuds Ausdruck: Rabbi Akiba und seine Genossen, Rabbi Gamliel, Rabbi Elasar ben Asaria und R. Joschia kamen einst in die Nähe des zerstörten Heiligtums und bemerkten, daß über jene Stätte, wo ehemals das Allerheiligste gestanden, ein Fuchs lief. Während nun die anderen über diesen Anblick der Verödung und der Verlasienheit weinten, lachte R. Akiba. Wegen dieses sonderbaren Benehmens be- תודת היים(* . בארץ לא להם (־ ואהד* בן יצאו בדבש גדול (* fragt, antwortete er mit dem Verse aus Jesaja'): ״Und ich bestelle mir treue Zeugen, Urijahu den Priester und Secharjahu, Sohn des Jebcrechjahu." Urijahu lebte doch während des ersten, Secherjahu hingegen während des zweiten Tempels. Wie kann sie demnach der Prophet zur gemeinsamen Zeugenschaft im Namen Gottes zusammen anführen? Gewiß will er damit nur dem Gedanken Worte verleihen; daß, wenn sich einmal die Strafandrohung des elfteren»): ״Darum soll euretwegen Zion zu einem Ackerfelde gemacht werden" unheilvoll bewahrheiten wird, so wird gewiß auch die frohe Botschaft des jüngeren Propheten»): ״Noch werden Greise und Greisinnen in den Straßen Jerusalems weilen" volksbeglückend in Erfüllung gehen. Und unter dem Eindrücke dieser geistvollen Erklärung der Prophetenwerte mußten die trauernden Freunde ausrufen'j: ״Tu hast uns getröstet, Akiba! Du hast uns getröstet." Es ist ein gar häufig wiederkehrendes Bild in der Geschichte, daß sich die göttliche Vorsehung für ihre höheren Zwecke mitunter Mittel und Kräfte bedient, die menschliche Berechnung überhaupt nicht in Betracht ziehen würde. So sehen wir hier den sonst gewiß ganz gleichgültigen Umstand, daß die Tochter des Pharao zum Flusse geht, um dort zu baden, zur Ursache der welthistorischen, hochbedeutsamen Begebenheit der Rettung Moses' werden. Die eigene Tochter des Tyrannen wird unbewußt und mittelbar dazu ausersehe», um dessen gegen ein ganzes Volk gerichteten Bcrnichtungsplan zu vereiteln. Nicht ganz so gleichgültig, nebensächlich und unberechnet scheinen hingegen jene verschiedenen Handlungen zu sein, welche wir die Mutter und die Schwejrer des Moses und dessen Interesse vor und nach seiner Aussetzung im Nil tun sehen. Das Verbergen des neugeborenen Kindes vor den Häschern über drei Monate, das Ansertigcn eines Kästchens aus Binsen, damit es sich lange über dem Wasser halte und dank seiner natürlichen Weiche bei den Bewegung das Kind nicht beschädige, die Unterbringung dieses Kästchens gerade an jener Stelle des Schilfes, wo die Königstochter rorüberzugehen pflegt und endlich das veharrliche Ausschinen der Schwester nach Hilfe und deren nachherigc Vcrm tllung durch die eigene Mutter des Kindes, all diese Einzelhciten zusammengenommen, bergen nur einen S•:!- lichcn Beweis von der weitgehendsten Bedachtnahme der Angehörigen Moses auf eine mögliche Rettung י•■׳ Daß aber Moses, der Vater der Propheten, der größte Sohn Israels, in unserer Geschichte ansschließ lich nur mit diesem Namen, den die Tochter Pharaos ihm gegeben, benannt wird, ist ein unverwüstliches Denkmal der Dankbarkeit und der Ehrerbietung, das un'-:: Volk ihr, seinem Retter, errichtet hat. Nicht minder bezeichnend ist es auch für den Gang unserer Geschichte, daß die göttliche Vorsehung die beneidenswert große Rolle in der Rettung Moses' vom sicheren Unb״:- gange nur der zärtlichen Sorgfalt dreier Frauen anvertraut hat, womit unleugbar der erste sichere Stütz- Punkt für die Ansicht unserer Alten gegeben wird: ״Israel ist nur wegen der Verdienste frommer Frauen aus der Knechtschaft Aegyptens erlöst worden." Als eine die ganze Zukunft Moses' stark bestimmcnde Fügung Gottes ist es zu bezeichnen, daß er durch die Verkettung von Umstünden scheinbar untcrgeordnetster Art in seiner zartesten Kindheit in der Pflege seiner liebenden Mutter bleiben konnte. Denn diesem mütterlichen Einflüsse haben wir es geloiß vor allem zuzuschreiben, daß die spätere Umgebung am königlichen Hofe, in der er sich fortan als Adoptivsohn der Prinzcssin bewegte, das Gefühl und das Bewußtsein seiner Zugehörigkeit zu dem hart geplagten Sklavenvolke nicht zu beeinträchtigen vermochte. Und so zieht cs ihn, kaum daß er herangewachsen war, unwiderstehlich hinaus zu seinen Brüdern, um sie bei ihren Lastarbeiten zu sehen.') Der Anblick aber, den schon diese erste Begegnung Moses' mit dem geknechteten Volke bot, war der des Jammers, des Triumphes der Gewalt über Recht, Billigkeit und Menschlichkeit und er entflammte das Herz des edlen Jünglings zur rächenden Tat gegen den Thrannen. Auch sein zweites Auftreten galt dem Schlitze, der Verteidigung des Schwachen gegen den Frevelmut des Missetäters und diesmal unter seinen Brüdern selbst. Und als er bald hernach infolge des ruchbar gewordenen Todes des von ihm erschlagenen Aegypters vor dem Schwerte Pharaos flüchten mutzte und nach Midjan kommt, sehen wir ihn zum dritten Male als Anwalt der Unschuld, indem er die Töchter Jethros vor den rohen Hirten beschützt. Und dieser Zug der beschützenden Gerechtigkeit, der Hilsbereitschast in Not ») jes. 8. 2.ואעידה לי עדים נאמנים את אוריהו דיבהן ואת זבדיהו בן יבדביהו 5)■Mich. 3. לבן בגללבם ציון שדה תהדש •) Sech. 8.עוד ישבו זקנים תקנות ברחבות יי־שלים ל) Mackoth 24 b.נחמתנו עקיבא נחמתנו וידא בסבלתם .2,11 (״ und Gefahr charakterisiert nicht bloß die Jugend Moses', sondern bildet auch die Weihe für seinen späteren ihm von Gott übertragenen Beruf, der Anwalt und Retter seines ganzen Volkes zu werden. Diese spätere Zeit hat nur das in vollem Maße zur Reife gebracht, wozu die Anlage und die Neigung bereits im jagendliehen Herzen gegeben war. Biele Jahrzehnte trennen uns nun — nach der Tradition 00 Jahre — von jener Zeit, die uns Moses abermals, und zwar diesmal schon in seiner ans die Befreiung des ganzen Volkes gerichteten Rolle vorführt. Während dieser langen Zeit scheint er nur dem bescheidenen Berufe eines Hirten im Hause seines Schwieger- Vaters Jethro gelebt zu haben.») Und die Tugenden, die vornehmen Eigenschaften, welche er in dieser Tätigkeir des Hirtenlebens mannigfach gezeigt, die zarte Pflege, die er selbst dem vernnnftlosen Tiere angedeihen ließ, boten, wie unsere Weisen bemerkten, die Grundlage für seine spätere Erhebung auch zum BolkShirten.'"» Wie nachmals David, der Begründer der Künigsdynaitie im Reiche Juda von der Herde weg zum Throne emporstieg, io bildete auch Moses in der hingebungsvollen Uebung des Hirtenberufes alle jene geistigen und!»0ralischen Voraussetzungen in sich aus, die ihn in so unerreichbarem Matze befähigten, ein ganzes Volk aus der tiefsten Erniedrigung einer Jahrhunderte währenden Knechtschaft nicht nur befreien, sondern es auch zu der in der Geschichte einzig dastehenden idealen Höhe eines Gottesvolkes emporzuheben.") ומשה היה רעד. את צאן ית-ו חתנו(׳■׳ 10) m. R. 2. אין הקב׳ה נותן גדילה לאדם עד שבדקה׳ בדבר קטן ואח־ בך מעלהו לגדולה ") it>. בדק לדוד בצאן ומצאי רעה יפה שנאמר ויקחהו ממבלאות צאן ואף משה לא u > »׳ 1 ו! א. זי*» Israel im Wandel der Zeilen. Vortrag, gehalten bei der Matinee der ״B'nei-Zion" in Czcrnowitz von Majer R eise r. Wenn ich es unternehme, die Geschichte eines Volkes zum Gegenstände einer kritischen Betrachtung zu machen, so hat diese Aufgabe immer etwas Bedenklicbes, vcllends, wenn es sich um' eine viertausendjährige Geschichte einer Nation handelt, in deren Erläuterungen die größten Geister aller Völker geivetteifert haben. Der zu behandelnde Stoff ist so groß, so gewaltig, so riesenhaft, daß er Tausende von Banden ausfülll: ivill doch schon der Titel meines Vortrages besagen, daß ich das ganze gewaltige Ringen einer Nation im Laufe von Jahrtausenden zu charakterisieren beabsichtige. Es darf daher nicht wnndernehnien, tvenn ich manchmal große, ja allzu große Sprünge machen iverde, zumal ich einen solch riesenhaften Stoff im :«!ahmen eines Vortrages wiedcrgeben soll. Machen wir nun einen Blick in den Gang und in die Enttvicklung der Völker. ״Wie aus einem treisenden Urweltsnebel ein Stern, so lost sich ans nn differenzierten, von keinem Lichte der Historie bestrahlteil Völkermassen, die irgendwo im Nebellande ein >agenhaftes Dasein führen, eine Gruppe, eine Familie, ein Stamm, los. urwüchsig, riesenhaft, das Geschlecht der mythischen Titanen. Tie ganze Kraft, die später das feingliedrige Netz der Kultur, die seidenfeineii Gedanken und Träume der Philosophen und Künstler schaffen soll, ruht noch in ihnen ungelöst, wie nngezügelteS Feuer, das später zu millionenfachen Geistesresleien, zu wärmendem Sonnenschein von Schönheit, Kunir lind Liebe sich abklüren wird." So entstand Hellas, so :>tom, so Karthago, so brachen die Urväter der Arier ans dem Innern Asiens, so die Mongolen, so Attila mit seinen Hunnen, so löste sich das Volk der Hebräer vom semitischen Stamme in der grauen Ahnenzeit los, in einer Zeit, aus der keine Urkunden erhalten sind und die keine Bibel uns beivahrt hat und über die babylonischassyrische Keilschriften nur ein dämmerhaftes Licht verbreiten. Die Semiten, die sich durch die bekannten phyjiognomischen Züge in der Bildung der Nase, des ׳Auges und des ganzen Gesichtes kennzeichnen )Skelette einer semitischen Rasse sind mehrfach bei den Ausgrabungen z. B. in den tiefsten Schichten von Tell dschezer gesunden worden) scheinen sich von Arabien aus über die benachbarten Kulturländer verbreitet zn haben. Nach dem ein erster Völkerstrom im Jahrtausend die Euphratländer semilifiert hatte, ergoß sich von der ersten Hälfte des dritten bis in die Mitte des zioeiten Jahrtausends ein zweiter semitischer Strom aus der Wüste über Syrien. Zu ihm gehörten die Phöniker. Kaiiaanäer, Hebräer, Jsmaeliten, Moabiter, Edomiter und Ammoiiiter. Ein dritter Strom von der Mitte des zweiten bis in die erste Hälfte des ersten Jahrtausends brachte die SMiittfmtiv uni Vn ffomow