Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 38 (27.12.1912)
- Date
- 1912-12-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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WMWDM^DD Seite 10. ״Jüdische Bolksstimme." Nr. 38. Bestimmung der Schrift überhaupt kein Erbbcsitz im Lande der Verheißung zugefallen ist. Was ferner die allgemeine Bedeutung des Jalobsscgcns über seine Kinder betrifft, so findet sie in den! früher schon angeführten Schristlvortc ihren wahrcn Ausdruck: איש אשר “ברבת* ברך אתם ״Er segnete einen jeden mit dem ihm gebührenden Segen." Der Segen Jakobs bildete sonach nur die scharfe Zeichnung des Wesens seiner in allen ihren Anlagen und Neigungen ihm aufs genaueste vertrauten Kinder. Und aus dieser Kenntnis heraus, aus dem sicheren Einblicke in die Seelen feiner Söhne leitete und folgcrtc er mit klarem Schcrblickc all die späteren Geschchnisic im Leben auch deren Nachkommen ab, um auf dieser Grundlage jedem einzelnen im voraus die ihm entsprechende Rolle in der künftigen Verwaltung des jüdischen Staatslvescns zuzutcilcn. Hierbei aber gilt cs in erster Reihe, die wichtigsten Stellen im Volkstumc dem geeignetsten der Stämme zuzusichern. Und eben zu diesem Behufc der richtigen Auswahl mußte der Patriarch mit richterlicher Unbefangenhcil Licht und Schatte» auftcilcn. Denn erst diese strenge Ausscheidung und Sonderung bot ihm die Handhabe, mit dem höchsten Maße der Sicherheit das gesuchte Ziel auch zu sindcn. Rcubens Schwäche und Unbeständigkeit, Simeons und Lewis gewalttätiges Wesen ließen schon vermöge des Gesetzes der Vererbung vorhandener Anlagen auch für deren Nachkommen ähnliche Ausartungen viel zu sehr befürchten, als daß Jakob in ihnen eine zuvcrlässige Bürgschaft für eine einstige führende Nolle im Volke hätte erblicken dürfen. Juda hingegen, dem alle Brüder huldigend jetzt schon Folgschaft leisteten אתר יורוך אחיך wird von ihm sogleich als der zur Herrfchaft über das Volk geborene Königsstamm erkannt, als welcher er sich nachmals in der Geschichte auch wirklich bctvährt hat. Nebst ihm aber ist cs wiederum nur Josef, den Tugend, Macht und Würde hoch über die übrigen Brüder erhob, um vorahnend auch die künftige Größe des Joscfsslammcs in unserer Volksgcschichtc zu bcstiininen. Nüctrerbespeeckungen. ״Tie Familie Mendelssohn." Nach Briefen und Tagebüchern von 2. H e n s c l. Vierzehnte Auflage. «Berlin 3911, Georg Reimer, brosch. 6 M., gcb. M. 7.50.) Die großen Bewegungen aller Zeiten können wir erst dann recht würdigen, wenn wir die Streife kennen, in denen ihre Träger gelebt, von denen sic beeinflußt oder denen sic entflohen. Tie Gründe, welche das cruptivc Auftreten des Schaffens einer neuen Periode bcwirkten, liege» nicht zuletzt im örtlichen oder zeitlichen Zufälle, den tvir das Milieu nenne». Und wenn wir an der Hand geschichtstrcucr Quellen die Entwicklung des epochalen Gedankens von seinem,ersten Auftauchcn bis zu seiner tatkräftigen Verwirklichung verfolgt haben, dann sind wir auf dem Wege, ihn in seiner ganzen Grüße zu würdigen. Schon aus diesem Grunde war die Bearbeitung einer Geschichte des Hauses Mendelssohn eine glückliche Idee. Man mag Mendelssohn freundlich oder feindlich gcgenüberjlehen, eines mäßen alle zugeben: Er hat cs gut gemeint mit feinem Lebenswerke, cs war ein Unglück nur, daß er zu früh geboren für die Verwirklichung des Prinzips von Lehre und Wissen. Und daß er eine monumentale Erscheinung war und das sein Wirken tief einschneidend und höchst bedeutend ivar und ist für die Gestaltung des Judentums, läßt sich nicht leugnen .... Große Geister bringen es mit sich, daß sic die anderen gewissermaßen Herabdrücken. Große Geister, wenn nicht .Kinder großer Geister, sind Ausnahmen; Stern der Familie. Hügel oder Berg in der Steppe. Und große Geister lassen nichts übrig für ihre Nachkommen; cs ist, als brauchten sic die ganze .Kraft ihrer Familie für ihr Werk, als schöpften sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus mit ihrem großen Griff. Und so wurden wir auch von der Familie Mendelssohn trotz allen Einflußes des großen Denkers, nicht allzu Günstiges gedacht haben. In diesem Buche haben wir Gelegenheit, unseren Irrtum cinzuschen. Es ist unmöglich, rein unmöglich, in dem Rahmen einer Bcsprcchung die zahllose Herrlichkeit von geistvollen Senlenzen, Anregungen, Gedanken wiedcrzugeben. Ein Sammclbuch hoher Gedanken möchte ich dieses Buch nennen. Trotz mancherlei, was uns selbstbewußte Juden peinlich oder fremd berühren dürfte, muß dieses Buch als ein sehr intcrcßantcs, überreich an Stoff, an edlem Stoff für Geist und Gemüt, wertvoll als treuer Begleiter großer Menschen in all ihren Lebenslagen, durchzogen von einem Geiste edler Weisheit und stiller hoher Kunst bezeichnet werden. Die es lesen, haben einen bleibenden Genuß reiner schöner Kunst und Menschlichkeit. Berlin, Dezember 1912. L. I. Und doch.... .... Und so saß sie traurig und einsam in ihrem Zimmer und war doch in der großen Weltstadt, wo Geist, Sinn und Auge mit unaushörlicher Nahrung versehen sind. Ja, aus jedem Gebiete bietet sie Stofs zur Genüge, jeder Wissensdurstige kann hier gestillt werden. Und weshalb sollte sich dieses Mädchen nicht auch dieses Vorteils freuen, weshalb nicht auch Kenntnisse einsamnieln, sehen und lernen, bot sich ihr doch die beste Gelegenheit dazu. Es war ein noch junges Mädchen, kaum 16 Jahre alt. Was für harter Schicksalsschlag mag sie Wohl getroffen haben, daß es die Welt mit so düsteren Blicken ansah? Ruth, es ist des Mädchens Name, saß iit Gedanken vertieft, den Kopf auf die Hand gestützt, ihre Blicke ins Leere geheftet da, als wollte sie längst vergangene traurig-schöne Tage zurückrufen. In der Tat, indem es so im Nachsinnen brütend eine gute ׳Weile zubrachte, hat es sich bemüht, klare Gedanken zu fassen und Bilder, j a, B i l d e r d e s L e b e n s nach und nach im Geiste vorbeizichcn zu lassen, das es mit inanchmal ausleuchtendem Auge, als sähe es etwas Schönes, die Seele Erfreuendes und gebrochenen Herzen tat. Sie dachte an ihre Jugend. Jugend? Ja, an Jahre, die zu ihrer Jugeüd gehören. Dachte daran, wie sie einen Jungen kennen lernte, der dem schönsten Lebensbaume glich, den Natur mit besonderen Vorzügen begabte׳, die ihn in einenl eigenen Reiz erscheinen ließen. Sic drückte die Äugen zu, wie sie es immer zu tun pflegte, wenn sie ihrem geistigen Äuge etwas vorführcn wollte. Und ganz genau sah sie den schönen Knaben vor sich, mit seiner stattlichen Haltung, den blauen Augen, den leicht geröteten Wangen und den einem zarten Kirschenrot gleichenden Lippen. Ganz ausdrücklich standen seine edlen, feinen Züge ihr vor Augen. Mit einem bitteren Lächeln öffnete sie diese wieder und schaute ganz verstört um sich. Dieser Junge, der etwas besonders Anziehendes für sic hatte, wurde ihr vom Schicksal grausam entrissen.-Ihre Zuneigung zu ihm, die zarten, erst werdenden Gefühle des Herzens, der Seele, die für ihn empfunden waren, schienen ihr, als seien sie die ersten Strahlen, die im Begriffe, die Jugendliebe cinzuweihen. Sie waren zart und erweckten ebensolche Keime in dem schlichten Kindcrherzen, denk sic etwas Neues waren. Sie nahm sie mit jugendlicher Unschuldigkcit auf; neugierig erwartend, zu was für Früchten sie in Zukunft erwachsen werden. ״Die ,Stcimc wurden größer, die Strahlen wurden es auch, sie drangen tief und tiefer, den Grund suchten sie aus." Sic fanden ihn und ihr kleines Herz erglühte von ihrer Hülle. — Vom Hörensagen, Worten und Taten, glaubte sie die Erwiderung ihrer Gefühle zu erkennen.- Mit den immer wachsenden Keimen schien auch die Glut in Ruths Herzen zu steigen, der sie durch Niederschreiben ihres Fühlcns und Denkens leichte Kühlung zufächclte. Niemand war Mitwisser dessen, was ihr Inneres barg. Sie war ganz stolz, sich ihres starken Herzens freuen zu können. Allein später schien sie eine vertrauensvolle Freundin gefunden zu haben, deren Saite der Seele in der ihren einen Anklang fand und sic anvertrautc sich ihr.-Nach manchen fröhlichen und vielen traurigen Tagen rückte die Zeit heran, in welcher der Jüngling die Stadt verließ, ohne die kleine Freundin erkönnt zu haben. Die Zeit verging, doch sie mäßigte. Glut und Funken nicht. Ihre Liebe kühlte sich nicht ab, nein, immer höher stieg sie in ihrer Hoffnung, um am Gipfel zu verglühen. Seit dem Tage seiner Abfahrt umfing sie ein unsagbares Sehnen unter dessen Druck Herz und Seele zu erliegen schienen-beider Leid war tief. Und heute schien cs dieses Weh mit all seinen Fasern zu umklammern, es unbarmherzig in seinen Fesseln zu halten, als wollte cs zeigen, daß cs Herr über sie sei und sich nach feinem Willen fügen müsse. Täglich brachte sic seiner und der traurigen schönen Zeit gedenkend einige Stunden zu und auch über die zarten Keime, die zu solchen Früchten erwuchsen, hatte Lethe ihre Gewalt noch nicht geübt. Viele Tränen flössen mit den Gedanken an die Jugendzeit, von der ihr nichts übrigblieb -als die Erinnerung. Und so saß sie auch heute mit ihrem vom Seelenleide zerrüttetem Herzen da, sich duldend in des Schicksals Arme werfend, das so grausam mit ihr spielte. London. E. C. Die Kriminalität der Juden in Deutschland. Vor kurzem hielt Herr Ettlinger im Verein ״Montefiore" in Frankfurt einen Vortrag über das Thema ״Die Kriminalität der Juden in Deutschland". Die Kriminalität ist nach Ansehen des Referenten bei den Juden bedeutend geringer als bei anderen Konfessionen. Seit der Emanzipation der Juden ist auch die Kriminalitat zurückgegangen. Nicht zuletzt ist dieser günstige Stand auf religiöse Einflüsse zurückzuführen. Auch die günstigen wirtschaftlichen Verhältniffe der Juden hängen mit diesem Umstande eng zusammen. Die Mischehen beeinflusse indes die Kriminalität sehr ungünstig. Bestimmend hierauf wirke vor allem die große oder geringe Enthaltsamkeit von Alkoholgenutz nach. Totschlag und Diebstahl sind Verbrechen, die bekanntcrweise von Juden wenig begangen wer, den. Auch Delikte gegen die Staatsgewalt liegen den Juden nicht, wie er überhaupt nicht zu Gewalttätigkeiten neigt. Hingegen sind die Vergehen gegen Sonntagsruhe und Gewerbeordnung bei den Juden zahlreich. Eine günstige Kriminalität zeigen die Juden in bezug auf Vergehen gegen die Sittlichkeit. Dagegen zeigt die Statistik für Beleidigungsdelikte eine unverhältnismäßig starke Beteiligung der Juden an dieser Kriminalität. Referent erklärt diese Erscheinung aus der Neigung der Juden zum Schimpfen und ihre' Abneigung gegen Schlägereien. Diese Abneigung hat nicht ihren Grund in der Feigheit, dagegen spricht die dreifach stärkere Beteiligung am Zweikampf. Der Redner erntete für seinen Vortrag reichen Beifall. Jüdische Aphorismen und Gloßen.) Die ״Liberalen" haben einen neuen Ncligionskodex herausgegeben. War der Schulchan Aruch ein ״gedeckter Tisch", so kann man die Richtlinien mit — tabula rasa bezeichnen. Das Wesen der Religion fordert es, daß sich das Leben der religiösen Idee untcrordnet. Beim liberalen Judentum ists umgekehrt. Da richtet sich die ״Lehre der Rabbiner" nach dem ״Leben der Mitglieder". Friedländcr, der Großvater des liberalen Judentums, wollte sich bekanntlich taufen. Als ihn der Domprobst Teller abwies, reformierte er das Judentum. Statt den Juden zu taufen, taufte er das Judentum. Die Taufe ist eine unverschämte, das Reformjudentum eine verschämte Aßimilation. Das Judentum von heute gleicht einer Tragikomödie. Im Osten die Tragik: im reformverscuchten Westen die Komödie. Es wird glaubhaft versichert, daß die extremste Rcformsynagoge ein Frauengitter besitze-vor den christlichen Chorsängerinnen. ״Zurück zur Natur" rief Rousseau seinem Jahrhundert zu. ״Zurück zur jüdischen Natur" muß der Kampfruf des Judentums am Ausgange desselben Jahrhunderts lauten. L. Perlmutter, Frankfurt a. M. Notiz. Eine österreichische Nrkordfahrt. In acht Tagen von Teneriffa nach Südamerika. Die Tatsache, daß ein österreichisches Schiff zum erstenmal die Strecke von den Kanarischen Inseln nach Südamerika in acht Tagen zurücklcgte, hat in maritimen Kreisen berechtigtes Aufsehen erregt. Der Triester ״Piccolo" schreibt darüber: ״Der Austro-Americana-Dampfer ״Kaiser Franz Josef" hat einen bemerkenswerten Rekord vollführt. Mit der Bestimmung nach Bucnos-Äires lief er Neapel, Barcelona und Teneriffa an, kam nach Rio de Janeiro, Santos Montevideo und Buenos-Aircs. Von dieser letzten Stadt kehrte er zurück, berührte wieder dieselben Hafen und brauchte zu dieser ganzen Reise, inbegriffen den Aufenthalt in den verschiedenen Höfen, nur 45 Tage." Nach dieser glänzenden Probe wurde der Dampfer ״Kaiser Franz Josef" von der Austro-Americana in den Fahrplan 1913 der Südamerikalinie eingestellt. Er wird am 16. Jänner von Triest seine erste regelmäßige Fahrt nach Brasilien und Argentinien antreten. Er nimmt auch Passagiere für Barcelona und die Kanarischen Inseln mit. ü Sternhof i bestes aller Bitterwässer. ALtuna auf den kleinen Ameiaer!