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Jüdische Volksstimme · 1912-12-27 · Heft 38 (27.12.1912) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 38 (27.12.1912)
Date
1912-12-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 38. XIII./l Jahrg. Beilage zur ienerJüd. 27. Dezember 1912 Seite 9. Morris Rosenfeld?) (Zu seinem 50. Geburtstage.) Das jüdische Lied, die jüdische Poesie haben ihre eigene nationale Note. In beiden findet die zerrissene Seelcnstimmung des jüdischen Volkes ihren erschütternden Ausdruck, in beiden prägt sich das jüdische Leid, in tränenreiche Verse um. Wie kann es anders sein, bei einem Volke, dessen einzige Stabilität in der steten Unstctheit und in dessen Heimlosigkeit liegt, das durch Jahrtausende ein Spiel der Laune aller Mächtigen war, das bald von Ort zu Oort ruhelos gehetzt, bald in die drückende, dumpsc, geistestötende Enge des Ghetto gepresst und den Rohheitcn des Pöbels wehrlos preisgegeben wurde? Stein Wunder daher, dass das Judentum mit der Zeit in jenen Zustand der Resignation und der Passivität verfallen ist, die es die Schwere seines Schicksals und seincr Leiden wohl drückend empfinden lässt, aber ihm auch gleichzeitig den Mut nimmt, sich aufzubäumen gegen sein Los, sich zu wehren gegen die Engherzigkeit und Kleinlichkeit mit der cs behandelt wird. Indifferent ist das jüdische Volk geworden, ruhig und in sein Schicksal ergeben geht es seinen Weg. Und wenn schon jemand Worte findet, so sind es Worte bitterer Klage, ohnmächtiger Jammer, tränenvollcs, ersticktes Schluchzen. Fröhlichkeit kennt das jüdische Ghetto nicht. Und wenn sie sich doch durbricht, dann ist sie urccht. Denn auch das Lachen ist im jüdischen Leben des Ostens mit Dränen durchsetzt. Auch Rosenfeld weint. Er nennt sich selbst den Träncnmillionär. Bei allem, woran er denkt, blinken Tränen in seinen Augen. Ob er nun an sein Los oder an das Los seines Volkes sich erinnert. Ob er mit seincm .Kinde scherzt, seine Geliebte anbctct, an feine Mutter schreibt, Ueberall Tränen. Auch Rosenfeld ist Golusjude. Und darum weint er. Aber, und da trennt er sich scharf von den anderen Dichtern des jüdischen Ostens: er hat sein Ghettojudentum, soweit er es überhaupt besessen, abgcstreist. Er weint. Aber er verzichtet nicht. Er begreift nicht und will nicht begreifen die Ungleichheit des Schicksals, das Tausende zum Darben verdammt, damit wenigen ein sattes Schlemmerleben gesichert sei. Er kann und will sich auch nicht hcreinfinden in das Faktum, dass die Juden um ihres Judentums willen rechtlos und vogclfrei sein sollen: allen eine Zielscheibe des S'po ttes und s e l b st dem M o b, dem Abschaum der menschl i ch e n Gesellschaft ein Gegenstand rüden Hohnes und überhebender Verachtung. Denkt Rosenfeld daran, so zittert er auf vor Zorn und Empörung und sein Klagen wird zur Anklage, sein Weinen formt sich zur Forderung nach Gerechtigkeit. Dann kann er hassen, glühend Haffen mit der Entrüstung verletzter Menschenwürde. Dann lacht er grell auf und sucht und findet das Wort der Drohung der Aufrüttelung und ist dann ganz Jude, stolzer, aufrechter, seines eigenen und seines Volkes Wertes voll bewusster Jude. In solchen Momenten stehen Rofcnfeld alle Mittel der Sprache zur Verfügung, und dann weih er auch diesen Reichtum zu brauchen, da schasst Rosenfeld seine besten Gedichte und zugleich Perlen jüdischer Dichtkunst, deren stolzer Vertreter er heute ist. Rosenfcld hat auch Fehler. Nicht wenige sogar. Aber bei Gelegenheit seines Jubiläums sollen sic übergangen werden. Nicht zuletzt, weil er uns tatsächlich eine neu-jüdische Dichtkunst geschaffen hat. Roscnfeld hat viel geschrieben.' Nur wenige von seinen Gedichten sind ״Perlen". Aber die cs sind, verdienen diese Be- Zeichnung. Diese machen seinen Ruhm aus und bilden unseren Stolz. Und deshalb seien ihm an seinem Geburtstagc Worte des Dankes gewidmet. Wien, 22. Dezember 1912. Reiner. *) Morris Roscnfeld ist am 28. Dezember 1862 im Subalkcr Gouvernement (Russisch-Polen) als Sohn eines Fischteichpächters geboren worden. Bereits 1882 finden wir ihn zum erstenmal in Amerika. Er kehrt wohl schon nach wenigen Monaten zurück, aber nur um sich nach London zu wenden, wo er von 1883—1860, also ungefähr dreieinhalb Jahre bleibt. 1886 begab er sich nach Newyork, wo er auch seinen ständigen Wohnsitz genommen hat. Rosenscld ist von Berus Schneider und hat seine schönsten Lebensjahre unter dem Drucke der Swet Shops verbracht. Er hat bereits 1886 zu dichten angefangen. Seine schönsten Lieder stammen aus seiner Leidenszeit in den amerikanischen Werkstätten. Jedoch hat er sich erst ungefähr 1896, also zehn Jahre später, Geltung verschaffen können. Seine Werke sind in fast alle Kultursprachen übersetzt. In die tschechische Sprache von Vrchlicky und in die deutsche Sprache von Berthold Feiwcl. Derzeit lebt Roscnfeld in Newyork als Redakteur der jüdisch-sozialistischen Arbeiterzeitung ״Vorwärts". Exegetisches zumWochenabschnitt ויחי. Von Rabbiner Dr. A. Deutsch.' Mit dem Abschlüsse dieses Wochenabschnittes, der gleichzeitig auch das ganze erste Buch Moses' beschliesst, nehmen wir vollends Abschied von der so ausführlich und anziehend dargestellten Patriarchcngeschichte. Und dieser Umstand wirkt unwillkürlich wie eine Aufforderungan uns, das Leben und Streben unserer drei Stammväter einer abermaligen kurzen Betrachtung in der Absicht zu unterziehen, um aus deren Vergleichung miteinander den Anteil eines jeden einzelnen in der Entwicklung unserer Religionsgeschichte prägnant zu fixieren und in unserem Urteil scstzuhalteu. Das steht einmal ganz ausser Zweifel, dass wir nach dem Berichte der Bibel den Begründer jener graudiosen Idee, die schlechthin mit dem Begriffe Monotheismus verbunden wird, in Abraham, dem erste» Stammvater unseres Volkes zu betrachten haben. Das aber geschah nicht etwa in der Weise, dass Abraham eine bestimmte Reihe von theoretischen Lehrsätzen als Beweise der von ihm vertretenen Lebensanschauung verkündet hätte. Seine Lehrmethode war vielmehr rein praktischer Art — es war seine Lebeusiveise. Tenn alles, was er tat, bildete das klare Spiegelbild einer gotterfüllten Seele und ein beredtes Zeugnis eines sittlichcn Ideals, das seinen Urgrund in der Gotteseinheit, dem Ebenbilde der ebenfalls nach Einheit strebenden Menschheit hatte. Um aber ein solches Ziel unentwegt verfolgen zu köiinc», ihm einen sicheren Pfad int Leben zu bahnen, muhte Abraham mit allem Hergebrachten in seinem Elternhause brechen, alle Götzenbilder der früheren Zeit zertrümmern. Und dies erreichte er, indem er der Stimme Gottes folgend aus seinem Lande, seinem Geburtsorte und seinem Vaterhause weg und in ein Land zog, in tvelchem er, unbeeinflusst von allem Früheren, sich ganz der höhen Ausgabe iveihen konnte, eine neue Religion zu begründen, durch die er sowohl wie alle, seinem Beispiele nacheifernden Nachkommen zum Segen für alle Familien der Erde werden sollte. Wie gross und mächtig aber auch die Werbekraft von Abrahams idealer LebenSbetätigung auf seine Zeitgenossen war, das erfahren wir nicht bloss aus der, seine Person verherrlichenden, späteren Sage, sondern auch aus den wenige» sichere» Urteilen seiner Zeitgenossen, tvelche die heilige Schrift der Erzählung über ihn beigefügt hat. JsakS Verdienst hingegen um diese Religio» einer praktisch idealen Lebcnsrichtung besteht Abraham gegenüber, der sie begründet und geschaffen, vornehmlich darin, dass er es verstanden hat, das Ucbernommene in seiner ursprünglichen Reinheit und Lauterkeit zu erhalten und in seinem Hause einen sicheren Grund für dessen Fortentloicklung zu legen. Ihm, der in der Patriarchengeschichte mehr in seiner passiven Natur erscheint, ist von der Vorsehung auch nur die seinem Wesen angemessene Rolle eines Vermittlers zugeteilt worden, die jedoch, treu ausgeführt, für das Gelingen des ganzen Werkes von ebensolcher Bedeutung, von ebensolchem Werte wie die Offenbarung der schöpferischeu .Kraft, wie das hervorbringende Genie selbst ist. Denn gleichwie eine zur Umschliehung von weiten Kreisen bestimmte .Kette durch das Fehlen auch nur eines einzigen Gliedes dieser Aufgabe nicht mehr dienen kann, so muh auch die erhabenste Kulturmission ihres Zieles verfehlen, so es an entschlossener Kraft und verständnisvollem Willen mangelt, die Errungenschaften der früheren Zeit treu zu hüten, zu pflegen und zu konsolidieren, die Gegenwart zu einer sicheren Verbindungsbrücke zwischen der Vergangenheit und der Zukunft zu machen. Und im Sinne des schönen Dichter- Wortes: ״Was du ererbt von deinen Vätern hast, ertvirb cs, um cs zu besitzen" erfüllte auch dieser zweite Stammvater seine Volts- und religionsgcschichlliche Aufgäbe auf die idealste Weise, so er dem von ihm scheidenden Sohne Jakob die Hut des abrahamitischcn Segens mit den Worten ויתן לך את ברבת אברהם als dessen Lebensprogramm cinschürfte. Jakob, der dritte Patriarch zeichnet sich vor den ersten beiden als ein für unser Volk geeignetes Borbild deshalb aus, dass wir ihn zufolge des reichhaltigeren Berichtes über ihn von seiner ersten Jugendzeit bis zu seinem hohen Greisenalter begleiten können. Wir sehen ihn in den mannigfachsten Beziehungen seines wechselvollen Lebens, mit seinen Schwächen und seinen Tugenden und können an ihm das Beispiel eines Menschen bewundern, der aus den schwersten Schickungen sittlich geläutert hervorgcht und zur idealen Menschlichkeit sich entwickelt. Kein Wunder daher, wenn unserem Volke, das in seinem späteren historischen Werdegange die grösste Aehnlichkeit mit diesem dritten Stantm- Vater aufwcist, gleichsam der Zukunft vorau-, ^,artend gerade der Name dieses Patriarchen beigelegt wurde. Denn nichts erwies sich auch inmitten der vielfachen Leiden und Bedrückungen, die uns auf dem ganzen Erdenrunde getroffen haben, derart sättig, die in t.uS schlummernde Lebenskraft, die Energie unseres WollenS zu entfachen, uns zu bestimmen und auzueifern, durch mutigen Kampf und zäh.׳ Eutschlossenheit aus aller Erniedrigung uns zu erheben und uuserei» Streben und unseren Idealen Geltung zu verschaffen, als oer Aufblick zu diesem Stammvater, der ebenfalls als der unbedeutende, verachtete Jakob schwer gerungen, t\:־.ft sich aber nach Anbruch der Morgenröte den stolzen Ruhmestitel ישראל Gottesstreiter von dem überwundenen Feinde erwarb. In vollendetster Grosse tritt jedoch Jakobs lehrreiches Lebensbild in jener rührende» Abschiedsstunde von seiner irdischen Laufbahn uns entgegen, in!velcher er, prophetisch verklärt, segnend seine Hände über seine .Kinder ausbreitet und ihnen allen mit bedeutungsvollen Worten die zukünftige Gestaltung ihres Schicksales inmitten der Gesamtheit der Nation offenbart. Mit diesen Segnungen der JakobSsöline hat es bei genauer Prüfung der hier ausgezeichneten Aussprüche auch eine eigene Beivaudtnis. Tenn ein gut Teil von ihnen ist inhaltlich einem strengen Tadel viel ähnlicher denn einem Degen, wenigstens in landläufigem Sinne, lind zu doch tvar alles, was Jakob hier gesprochen, »ach dem Schlussverse der Bibel: וזאת אש־ רב־ לתם אביתב דבי־־ אתם איש אשר בב־־כתו בר־ אתב lind das ist, Ivas ihr Vater zu ihnen geredet und er segnete sie, einen jeden hat er mit dem ihm gebührenden Segen gesegnet", nicht anders als ein Segen gedacht. Als Segen müssen aber auch uns selbst die iireugsie» Zurechtweisungen Jakobs an seine Sökne sogleich erscheinen, wenn ivir ttns nur dessen wahre und ernste Absicht vergegenwärtigen, durch einen solchen Tadel, in der feierlichen Abschiedstunde.׳ ausgesprochen. eine Besserung, eine sittliche Ein- und Umkehr berbeizufnhren. Ter Patriarch handelt somit nur im!׳leine der vom weisen Könige Salomo verkündeten Wahrheit: בי את אש־ יאהב ר" ׳וביה ובאב את בן ירצה Wen Gott liebt, den züchtigt er, >vie ein Pater, der | seinem Kinde wohlgesinnt ist. | Tie Richtigkeit der Ansicht, dass Jakob tatsächlich! eine solche bessernde Wirkung voit seinen Eruiahnungen erwarten mochte, scheint die spätere Geschichte der einzelnen Stämme ntir zu bestätige», llin nur ein Beispiel einzuführen. Wir höre» den sterbenden Vater den Eharakter seiner ztvei Söhne Simeon uitd Letvi, deren Vergangenheit die gleiche Untat beileckte, das gleiche streng abfällige Urteil aussprechen. Doch tritt in der späteren Entioicklung der ans ihnen hervor׳ gegangenen ztvei Stämme ein ganz anderes, voneinander grundverschiedenes Bild von ihnen uns entgegen. Während Simeons 'Anlage trotz des väterlichen Tadels auch noch bei dessen Nachkommen noch sich gleich geblieben ist tman denke hierbei an die Siltenverderbuis des Volkes in der Wüste unter der herausiorderndeu Anführung eines Stammfürsten Simeons bei Bat Peari sehen tvir die Nachkommen des hier mir dett gleichen Worten der :»lüge gestraften Letvi: שמעין ולוי אתים בליהמם מברתיהם ״Simeon und Letvi sind Brüder, Geräte der!׳letvalt sind ihre Waffen" durch frommen Sinn und ׳dingebung an Gott sich vor allen übrigen Stämmen anszeichnen. Und ״dem Verdienste seine Krone" tvird aticit dieser Stamm, dem überdies ein Moses und Altarou entstammt sind, nachmals mit der höchsten Würde im Volke betraut. Moses konnte daher auch als er gleich dem iterdenden Jakob in seiner Abschiedsstunde von seinem Volke nach einer -lOjährtgen mühevollen Tätigkeit in dessen Milte die ztvölf Stämme Israels rückschauend wieder segnete, den Stamm Letvi nur rühmen und loben, wohingegen der Stamm Simeon bei ihm attffallenderweise in der Reihe der übrigen Stämme ganz unertvähnt bleibt. Und diese merkwürdige Erscheinung im Segen Moses hat den Bibelkommentawren zu allen Zeiten viele Mühe in der Erklärung bereitet. Sie aß? bieten aber noch keine derartige befriedigende Autwort, als die Annahme, dass das Verschtveigcn von Simeons Namen an dieser wichtigen Stelle eilte Verurtcilung desselben wegen seines unverbesserten sündigen Eharakters bedeute. Tenn selbst die Erwägung, dass Moses nur zwölf für die Verteilung des heiligen Landes in Betracht kommende Stämme erwähnen wollte und deshalb auf Grund des Vermächtnisses Jakobs Josefs zwei Söhne. Efraim und Menaffe, mitzählen muhte, macht die Schwierigkeit deshalb nicht geringer, weil in diesem Falle ja Simeon vor Lewi hätte berücksichtigt werden müssen, welch letzterem nach der -E..י LH

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