Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 37 (19.12.1912)
- Date
- 1912-12-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. ״Jüdische Volksstimme." Nr. 37. j daraus mit Evidenz hervor» daß die Hämophilie, sowohl bei vollblütigen als auch bei blutarmen (anämischen) Kindern vorkommt. Diese Krankheit ist ferner erblich; als Ueberträger der Krankheit kommen mehr die Frauen (Mütter) in Betracht, weniger die Männer (Väter). Diese Krankheit, ist wenigstens bei zarten Kindern, nach dem Talmud heilbar. Wie lange der Heilungsprozeß dauert, wird im Talmud nicht gesagt. Nach Maimonides dürfte der Heilungsprozcst lange Zeit in Anspruch nehmen. Von solchcn an Hämophilie leidenden Kindern heisst es ממתינין לו עד יב*גד*ל דתהוד, בהו ,,man wartet bis es groß geworden ist und an Kraft zugenommcn hat." (רמב״ם פ א הלבות בילה ה" -ה) Auch die Dczisoren befasten sich mit demselben Thema, und wie es scheint, war auch ihnen das Wesen der Hämophilie nicht unbekannt. Die jüdischen Gemeinden in Hamburg-Altona während der Franzosenzeit. Im Israelitisch-Wissenschaftlichen Verein hielt der durch seine Forschungen auf dem Gebiete der Hamburgischcn Geschichte bekannte Rabbiner E. D u k e s z (Altona) einen Vortrag über ״Die Deutsch-Israelitischen Gemeinden Hamburg-Altona während der Frauzoscnzcit." Der Redner ging zunächst in kurzen Zügen auf die geschichtlichen Ereignisie der Jahre 1806—1812 ein und zeigte, wie am 16. November 1806 der Oberst Almcillc mit einem Korps reitender Jäger, das Gefangcnc und Vcrtvundete transportierte, in Hamburg ankam, und damit zum ersten Male französische Truppcn nach Hamburg kamen. Der Oberst quartierte sich im Gartcnhause des Senators Günther ein und drohte die Stadt zu besetzen. Größeres Unglück wurde nur durch Unterhandlungen, die der Stadt 300.000 Frankcn kosteten, abgewandt. Drei Tage später, am 19. Novembcr, richtete der Marschall Morticr ein Schreiben aus Bergedorf an den Senat, in dem es u. a. heißt: ״Meine Herren, ich komme im Namen Sr. Majestät des Kaisers und Königs, meines Herrn, um von Ihrer Stadt Besitz zunehmcn. Sagen Sic Ihren Mitbürgern, daß sic ohne Sorge sein können. Die allcrstrcngste Manneszucht wird von den Truppen, die ich kommandicrc, beobachtet werden." Der Senat berief sogleich die Erbgcscsscne Bürgerschaft, und um größeres Unglück zu vermeiden, wurde dem Einrücken der französischen Truppen kein tatsächlicher Widerstand entgegengesetzt. Wenn nun schon die freien Bürger Hamburgs, die stelzen Patrizier, Senat und Ratsherren, keinen offeneu Widerstand dem Einzüge der Franzosen entgegensetzten ,so konnte dies die jüdische Bevölkerung Hamburgs um so lvenigcr, als sic bis dahin trotz ihrer vom Senat und Bürgerschaft anerkannten Verdienste um die Hebung des hamburgischcn Handels namentlich mit England und Holland und trotz ihrer großzügigen Untcrnchmungcn, noch nicht im Besitz der bürgerlichen Gleichstellung waren. Außerdem war cs in Hamburg durch Berichte des ״Unparteiischen Korrespondenten" aus Paris wohl bekannt, daß Napoleon den Juden in Frankreich und den anderen von ihm eroberten Ländern die bürgerliche Gleichberechtigung verliehen hatte und daß er die jüdischen Notablen in Paris zusammenberufen hatte zur Bildung eines jüdischen Synhcdrion, das über die wichtigsten' Fragen des jüdischen Lebens Entscheidungen treffen sollte. Der Vortragende ging dann näher auf die politischen und wirtschaftlichen Ereignisse der Jahre 1806 bis 1810 ein und zeigte, wie die Kontinentalsperre auch von den ja hauptsächlich Handel nach England treibenden jüdischen Kauf- Icutcn schwer empfunden wurden. Aber auch in anderer Beziehung machte sich bald die ״Franzoscnzcit" für die in Hamburg wohnenden Juden bemerkbar. Am 10. Dezember 1810 hatte Napolcon in kurzen Worten die Einverleibung Hamburgs in das französische Kaiserreich dekretiert und am 1. Jänner 1811 war Hamburg eine französische Stadt. Die Konsistorialgcsche, wie sie in Paris für alle jüdischeu Gemeinden von dem Synhcdrion vorgeschlagcn und auch genehmigt wurden, traten nunmehr auch für Hamburg in Kraft. Die Folge davon war, daß die fast 200 Jahre bestehende Vereinigung der jüdischen Gemcindc Hamburgs mit Altona und Wandsbek gelöst werden mußte. Denn 8 1 dieser Verordnung lautet: Es soll eine Synagoge und ein israelitisches Konsistorium in jedem Departement, welches 2000 Individuen der mosaischen Religion begreift, errichtet werden. In keinem Falle darf mehr als eine Konsistorial-Synagogc für jeden Bezirk bestehen. Die drei Gemeinden Hambvrg-Alwna- Wandsbek (nach ihren Anfangsbuchstaben kurzweg Ahaw genannt) hatten in Hamburg jeocr eine eigene Synagoge und eine eigene Gemeinde. Der Redner ging dann näher auf diese eigentümlichen Gemcindeverhältniffe ein, auf die wir später noch zurückkommen werden. Und jetzt sollten diese drei Gemeinden innerhalb der Hamburger Gemeinde vereint und von Altona und Wandsbek getrennt werden. Am 26. Dezember 1810 lvurdc daher eine Kommission zur Anbahnung der Trennung Hamburgs von Altona ernannt. Die erste Vereinigung von Deputierten der drei Gemeinden in Hamburg fand in der sogenannten ״Altonaer Gemeindestube" in der Elbstraße (im Jahre 1905 abgebrochen) am 11. Jänner statt. Von dieser Kommission, unter deren Mitgliedern sich auch Lasar Riesser, der Vater Gabriel Ricsscrs, befand, wurde ein Memoire, natürlich auf Befehl der französischen Behörden, ausgearbeitct, in welchem auf die Notwendigkeit der Trennung der drei Gemeinden hingetvicsen und um die Erlaubnis gebeten wurde, in Hamburg baldigst ein eigenes jüdisches Tribunal errichten zu dürfen. Dieses am 11. Februar 1811 cingercichte Memoire hatte zur Folge, daß am 27. April sowohl von den hamburgischcn als auch den Ältonaer Gemeindeangehörigen eine fünfgliedrige Untcrhandlungskommission getvählt wurde. Unter den hamburgischcn Bevollmächtigten befand sich wiederum der Vater Gabriel Niessers. Bei der ersten Verhandlung erklärten die Ältonaer, so dringend die Sache auch geschildert werde, so könnten sie ohne Genehmigung ihrer Regierung nichts vornehmen. Die Ältonaer Gemcinde berichtete nun an die Dänische Regierung in Kopenhagen, daß die französische Behörde in Hamburg die Trennung von Altona fordere und fragte an, ob diesem Befehl wirklich Folge geleistet werden müsse. Gleichzeitig wurde von den Hamburger Juden auf Befehl der französischen Behörden das für den dänischen Schutzkontrakt regelmäßig am Johannistag zu entrichtcnde ״Schoßgcld" bis zur Klärung des Verhältnisses zioischen der Hamburger und Alwnacr jüdischen Gemcindc zurückbcyalten. Von der Königlich Schleswig- Holstcinschcn Kanzlei zu Kopenhagen erging nun an den Obcrpräsidentcn, den Grafen Blücher, die Instruktion, sich nicht in die Verhandlungen zu mischen, sondern ״die den Umständen angemessenen Verhandlungen und Auseinandersetzungen mit der Hamburger Judengemeinde den Acltesten der Ältonaer Juden zu überlassen. Wobei wir jedoch den Herrn Oberpräsidenten ersuchen, die erwähnten Acltesten gehörig zu instruieren und die Leitung der anzuknüpfcnden - Verhandlungen zu übernehmen. Von dem endlichen Abschluß derselben erbitten wir uns Ihren gefl. Bericht." Nur langsam gingen die Verhandlungen vonstattcn. Es war aber auch eine recht mühsame Arbeit, das bisher gemeinsam verwaltete Eigentum, das auch die gemeinsame Schuld von 400..000 Mark, ferner Kranken- Haus, Bcgräbnisplätzc, gemeinsame Legate usw. umfaßte, derart zu separieren und zu regeln, daß keine der drei Gemeinden benachteiligt wurde. Der Kom- Mission wurde ein juridischer Beirat, bestehend aus den Rabbinatsasscssorcn Lazarus Josef Jakob Meyer Jaffee und Salomon Lcvin Samtcr bcigeordnet, welcher bei Differenzen nach jüdischem Rabbinatsrccht entscheiden sollte. In 21 Paragraphen wurden alle Details niedergeschrieben, und nachdem am 26. April 1812 die beiden Kommissionen ihre Ausgleichsarbcit vollendet hatten, wurden die Trennungsaktcn der Dänischen Negierung zur Begutachtung ringcrcicht und am 9. November 1812 wurden sic mit einem im Ältonaer Gemeindearchiv befindlichen Schreiben anerkannt. In Hamburg selbst wurde, noch bevor die Trennung offiziell von Dänemark anerkannt war, ein provisorischer Ausschuß errichtet, welcher von den drei vereinigten Gemeinden Hamburgs eine neue Verfassung, entsprechend dem französischen Konsistorialgcsetze, entwarf. Am 3. Mai 1812 leisteten die Administratoren in die Hände des Rabbinats einen Eid, tvonach sie sich verpflichteten, die ihnen durch die zu übernehmenden Bücher und Skripturcn bekannt werdenden Vcrmögensumstände der einzclncn Gcmcindcmitglicdcr geheim zu halten. Bald nach der Eidesleistung versammelte sich die neue Gemeinde- Vertretung in der Gemcindcstube in der-Elbstraße. Zum erstenmal wurden die Schriftstücke in deutscher Sprache und Schrift abgefatzt. A m!9. Mai wurde den Juden auf ihre Bitte gestattet, Familiennamen anzunchmen, ferner wurde ihnen die Gewerbefreiheit gesichert und ihnen gestattet, mit vielen Artikeln, die ihnen die Zünfte und das sogenannte Krameramt erböken hatten, Handel zu treiben. Am Schlüsse seines mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrages behandelte Herr Dukesz noch die religiösen Zustände. m. Kücberbespreckungen. Bhagavab-Gita. (DeS Erhabenen Sang.) liebertragen und eingeleitet von Leopold v. Schröder. Jena, Eugen Diederichs, 1912. 83 S. 2. Mark. . Die Bhägavad-Gita ist ein indisches philosophisches Gedicht, ״das schönste, ja, vielleicht das einzig wahrhafte philosophische Gedicht, das alle uns bekannten Literaturen aufzuweisen haben" — so charakterisierte Wilhelm v. Humboldt dieses Werk, als es im Jahre 1823 zuerst in Deutschland herausgegeben wurde. Das Gedicht führt uns auf einen Kampfplatz. In dem großen Kampf der Kuru- und Pandusöhne soll der Paudufohn Arjuma streiten. Er sieht feine Verwandten und Freunde sich gegenüber in der Reihe der Feinde — dem Menschen, so wird man diese Szene vielleicht ohne Gewalt deuten dürfen, sind seine Gewohnheiten, Leidenschaften, Triebe die ״Freunde", die er bekämpfen muß. Dem jungen Arjuma entsinkt der Mut. Da feuert ihm sein Wagenlenker zum Kampfe an. Dieser Lenker ist kein anderer als Krishna, eine Verkörperung des Gottes Vishnu. Er lehrt ihn die Wahrheit der Unsterblichkeit, bezichungsiveise der Wicderverkörperung begreifen. Er ruft sein Edelstes in ihm an: sein Pflichtbewußtsein. Wohl ist alles Irdische vergänglich, aber dieses Vergängliche kann zum Werkzeug des Ewigen werden, wenn die sittliche Tat an ihm vollzogen wird, wenn der Mensch seine Pflicht erfüllt, nicht achtend darauf, ob ihm aus der Tat Lohn erwächst, ob die sittliche Tat nun auch sinnlich-sichtbar gute Früchte trägt. (Der Herausgeber hat Kants kategorischen Imperativ zun!. Vergleich herangezogen. Er hätte hier auch auf die Moral Fichtes, besonders auf dessen Schriftcn zum Atheismusstreit Hinweisen können.) Die Bhagavad-Gita ist schon öfter ins Deutsche übersetzt worden. Was diese Ausgabe auszeichnet, ist, daß wir cs hier mit einer Nachdichtung zu tun haben: cs ist eine in langen Jahren geschaffene Liebhaber- Übersetzung, die das Gedicht in weite Kreise tragen soll. Mit diesem Buche eröffnet der. Verlag Diederichs eine von Pros. Dr. W. Otw (Wien) herauszugebende Sammlung ״Religiöse Stimmen der Völker". Die Sammlung soll die Oringinalurkunden der Religionen aller Völker dem deutschlcsenden Publikum ebenso leicht zugänglich machen, wie es heute die Bibel schon ist. Leider lesen wir im Anlageplan nichts von der jüdischen Religion. Es wirkt hier Wohl noch immer das durch׳ die Unkenntnis des ״unterirdischen" Judentums bewirkte Vorurteil, daß die religiöse Produktion der Juden mit der Bibel ihr Ende erreicht hat. Emigrantcnfürsorge der Israelitischen Allianz zu Wien. Während des Monates November 1912 wurden von der Zentrale der Israelitischen Allianz zu Wien ingesamt 136 Emigranten, davon 105 russische und 31 rumänische, weiterbefördert, und zwar 40 nach den Vereinigten Staaten, 44 nach Argentinien, 13 nach Kanada, 2 nach England 25 nach Frankreich, 12 nach verschiedenen anderen Ländern. In die Heimat zurückbefördert wurden 18 Rückwanderer. Während des Aufeut- Haltes in Wien wurden im November für 40 Personen zusammen 78 Tage Logis und volle Verpflegung gezahlt und an 98 Emigranten insgesamt 360 Spreisemarken für die Israelitische Volksküche ausgegeben. Vom Jänner bis Ende November wurden insgesamt von Wien aus 1122 russische und rumänische Emigranten nach überseeischen, beziehungsweise westeuropäischen Ländern weitcrbefördert und 191 Rückwanderer repatriiert. In Newyork starb dieser Tage eine sehr interessante Persönlichkeit. Es ist dies der unter dem Namen ״Der blinde Chasan" bekannte und im ganzen Ghetto von Newyork berühmte Kanwr der ungarischen Synagoge in der Norfolk-Street Jakob Moses Beer. Beer wurde vor 68 Jahren in Czergowitz (Bukowina) geboren und verlor in jungen Jahren sein Augenlicht. Da er über eine herrliche Stimme verfügte und eine ausgezeichnete Kenntnis der hebräischen Liturgie besaß, wurde er in verschiedenen Städten Galiziens hszitereinandcr als Kantor berufen. Vor 23 Jahren klüu er nach Newyork, wo er bald die Stelle eines Obenantors in der obenerwähnten ungarischen Synagoge er- Hielt, welchen Posten er bis vor fünf Jahren, als ihn eine schwere Krankheit befiel, ausgefüllt hatte. Beer zählte zu den berühmtesten und beliebtesten Chasanim von Newyork. ■ Sternhof 1 bestes alter Bitterwässer.