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Jüdische Volksstimme · 1912-12-19 · Heft 37 (19.12.1912) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 37 (19.12.1912)
Date
1912-12-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 37. XIII /1 Zahrg. Vellage zur,WienerJüd. Volksstimme' IS. Dezember 1S13 Seite S. Exegetisches zum Wochenabschnitt j .^1 - Von Rabbiner Dr. A. Deutsch. Schmerz, welch tiefes Weh sie ihrem Vater verursachen würden, so sie ohne Benjamin zu ihm heimkehrten. Darum entfährt über Benjamins Vergehen lein hartes Wort ihrem Munde, darum bieten sie, vor allem ihr Sprecher Juda, der Bürge Benjamins vor seinem greisen Vater, alle Energie aus, das Herz ihres Anklägers zu rühren, zur Barmherzigkeit zu bewegen, um nur das Ziel zu erreichen, durch die Wiederkehr Benjamins in seine Heimat das dem Vater zu dessen Beruhtgung gegebene, mit Eid bekräftigte Versprechen einzulösen. Juda selbst bietet sich zum Sklaven an und will anstatt Benjamins in Aegypten bleiben, indem er die herzbewegenden Worte spricht: בי איך אעלה אל אבי והנער איננו אתי פן אראה ברע אשר ימצא את אבי ״Denn wie könnte ich hinausziehen zu meinem Vater und der Knabe ist nicht bei mir, wie könnte ich das Unglück mitansehen, das meinem Vater treffen müßte." Vor dem warmen Hauche einer solchen brüderlichen Liebe und kindlichen Zärtlichkeit mußte endlich der künstlich gcschassenc Eispanzer um Josefs Herz vollständig schmelzen. Seine Brüder hatten die ihnen j von ihm auferlegte schwere Probe brüderlicher Treue! und Anhänglichkeit glänzend bestanden und nunmehr Das anfängliche Mißtrauen gegenüber dem Berichte von der Wiederauffindung des verloren geglaubten Josef weicht allmählich der freudigsten Aufregung im Herzen Jakobs: ותהי רוח יעקב Eine Stimmungs- und Situationsmalerei von seltener Fülle und Vielseitigkeit ist die biblische Erzählung von Josefs Zusammentreffen mit seinen Brüdern bis zu der aufregenden Bekanntgabe seiner Identität. Der tragisch wirkende Konflikt, welcher hier unter der reizvollen Hülle dieser Darstellung einer friedlichen Auflösung allmählich entgegenreift, hat noch zu allen Zeiten Herz und Gemüt gefesselt. Der Pinsel des Malers und der Griffel des Dichters wetteiferten schon so manchmal miteinander, durch ihr künstlerisches Schaffen das Große und Ewige in der Josefsgeschichte auch für das kurzsichtigste Auge plastisch sichtbar zu gestalten. Ihre spannenden Wendungen boten immer ein geeignetes Objekt, die Phantasie anzuregen und zu beleben. Uns handelt es sich jedoch weniger um die Feststellung des künstlerischen Feingehaltes in diesem biblischen Berichte als um die religiös wichtigere Erkenntnis der treibenden Motive in dem Vorgehen Josefs gegen seine Brüder. Schon das letzte Mal wiesen. . ... ., ... ... .. . . - a, .... \ - gab es sur ,hn auch kein Hindernis, dieien wackeren wir mit genauer Begründung unserer Anpcht daraus I .. ' . -I * , ~ 7- , . ״ m > und würdigen Männern, nch erkennen zu geben,!ein hin, daß die von Jo,es ansangs erhobene ,chwere Be-. . , , r. , _ _ ' .... . .. ,, ״ . 7. ״. u .. , ' 7-7 7־ -l .. - ״ eigenes brüderliches Herz zu erschließen, ne voll Innigschuldigung: ״Ihr seid Kund,chaster" nur erne s,n- . 7. . m,.. . , ” 1 ל״׳ , Z ' .. ca ... fett und Warme zu umarmen gierte und nur ein Mittel gewe,en, um me Bruder, durch die unter ihnen erzeugte Verwirrung zu Mitteilungen zu veranlassen, die ihm Aufschluß über seinen jüngsten Bruder Benjamin bieten würden. Und diesen Zweck hat Josef auch bald erreicht. Benjamin wurde ■ י'"“"' y״ -| mit schwerer Mühe dem angsterfüllten Vater dank der ^cr ^akobs lebte von neuem auf und sofort Bürgschaft Judas abgerungen und als der von Jo- Ü"^et er sich auch bereit, der Einladung seines Liebscs geforderte Beweis für die Nichtigkeit der Angaben lingssohnes folgend, nach Aegypten zu ziehen: der Jakobssöhne und zur Entkräftigung der gegen sie 1 אלבה וא״אנו בטרם אמות erhobenen Anklage wegen Kundschufterdienstes nach will gehen und ihn sehen, bevor ich sterbe. Aegypten gebracht. . I An der Landesgrenze, bei Berseba macht er jedoch Hiermit aber, sollte man meinen, ist für Josef Halt und weiht durch Opfer abermals die Stätte, an auch der Augenblick gekommen, um sich seinen von dem j}ec jhm einst schon eine göttliche Offenbarung die gegen sie erhobenen Verdacht befreiten Brüdern er- Zukunft und mit dieser in Zusammenhang den Besitz kennen zu geben. Wenn das dennoch nicht sofort gejjeg Landes Kanaan kundgctan. Und wiederum erscheint schieht und Josef mit scheinbar kühler Mißachtung der ., ,. . ... . ״ . . .. ._ ״. ihm h,er der Ewige, aber vorbedeutend יחדארז היילה bisherigen Pein ,eurer Bruder d!e,e rn neue, noch gro- . m ““ . , , -' -- 7 rn einem Nacytgeftcht und er ,pricht zil ihm: ßcre Verlegenheiten ver,ctzt, ,0 muß er hiersur tri,:.ge " ° Gründe, und zwar, wie wir weiter sehen werden, im!?אל תירא מררה מצרימה Interesse der späteren von ihm beabsichtigten innigen Fürchte dich nicht, nach Mizrajim zu ziehen. Hingabe an sie gehabt haben. 1 Bedurfte aber Jakob in dieser glücklichsten Stunde Die Anwesenheit Benjamins hat allerdings die seines Lebens, die ihm Josef wiedergab und zu den: Grundlage der ursprünglichen Beschuldigung ״Ihr seid j er nach seiner ersten freudigen Aeußerung: Ich will Kundschafter" vollständig zerstört, so daß sie, sollte nicht gehen und ihn sehen, bevor ich sterbe, aus eigenem anders Josef mit sich selbst in Widerspruch geraten, von . Herzenstriebe hineilte überhaupt einer Beruhigung ihm nicht mehr erhoben werden konnte. Allein vieles und Tröstung durch Gott, daß er diese Absicht auch ver- Wichtige aus dem Verhältnisse seiner Brüder blieb ihm wirkliche? Was mag daher diese göttliche Aufmuntcrung dennoch fremd und ungeklärt. Es fehlte ihm noch vordazumal veranlaßt haben? dcrhand ein zuverläsiigcr Prüfstein dafür, daß seine! Unleugbar war das erste Verlangen des über- Brüder seit der Zeit der gegen ihn begangenen schweren * glücklichen Jakob nur darauf gerichtet, auf raschestem Frevcltat ihre Gesinnung geändert haben und daß ihr , Wege zu dem vielgeliebten Sohne zu gelangen Allein Herz, durch Reue und Gewissensbisse gebcssert, nunmehr wit Rücksicht auf die vielen, das heilige Land betreffür brüderliche Liebe und Zärtlichkeit genügend cmsenden Verheißungen des Ewigen aus der früheren psänglich und vorbereitet war. Das zwischen ihnen beslan-. Zeit wird in der Stunde des Scheidens von dem teucdcne Zerwürfnis war insbesondere wegen seiner nacheen heimatlichen Boden in ihm auch das Bedenken sich maligen Folgen von einer viel zu ernsten Natur, als ' geltend gemacht haben, ob er als der von Gott bedaß ein wirklich dauerhafter Ausgleich eher möglich Nimmte Stammvater eines ganzen Volkes recht handle, gewesen wäre, als daß Josef jede Erinnerung an die das diesem zum Besitze zugesichertc Land ans Gründen ihn! zngefügten Mißhandlungen aus seinem Herzen rein persönlicher Natur zu verlasse», um nur seine hätte bannen können, bevor er die sichere Gewähr er-! väterliche Sehnsucht, Josef wiederznsehen, zu befriehielt sozusagen aus gedeckter Stellung sich de,'sen verdigcn. Hiezu kam überdies auch noch eine andere ernge guvisscrte, daß auch seine Brüder andere und bessere j Erwägung: Bekanntlich wurde dem crjren Stammvater Menschen, vor allem aber edcldcnkendc und treuher-1 unseres Volkes, Abraham, ebenfalls in einem düsteren zigc Brüder geworden sind. Nachtgesichte für seine Nachkommen das schwere Verwir wissen ja, wie die nachmalige Geschichte unseres Volkes dieser Mutmaßung recht gegeben, wie Aegypten das Haus der Knechtschaft für Israel geworden ist. Kein Wunder daher, wenn Jakob durch solche Vorahnungen beunruhigt, trotz des in Aegypten ihm winkenden Glückes nach einem. Leben voll der Kümmernissc sich an der Größe seines Licblingssohncs sonnen zu dürfen, nur schweren Herzens die Reise dahiir antrat, daß er erst der Tröstung und Beruhigung Goktes bedurfte, ehe er Kanaan verlieh. Die Krankheit des russischen Thronfolgers und — der Talmud. Bon Dr. F. Kanter in Zwittau. Bor einigen Tagen brachte die Tagespreise die französischen Blättern entnommene Nachricht über das eigentliche Leiden des jugendlichen russischen Thronfolgers. Temnach soll der Zarewitsch von einer seltenen Krankheit befallen sein. Tie Krankheit heißt Hämoptilie, zu deutsch Bluterkrankung, welche darin besteht, daß infolge konstitutioneller Anlage die Blutgefäße die Widerstandskraft verlieren, so daß innere und äußere Blutungen sich einstellen, welche zu 2chwächezustä 11 den führen. (Bergl. Nr. 17.:Ui) der ״N. Fr. Pr." vom Moiltag den )). Tez.). Tiefe Krankheit, die genau vor hundert Jahren vom amerikanischen Arzte Tr. Otto entdeckt wurde (1808), wird im Talmud einigemale erwähnt. In der medizinischen Literatur wird dieser Krankheit erst im Jahre 1784 Erwähnung getan, und zwar vom englischen Arzte Fordrice. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhlinderts hat sich der französische Arzt Tr. Krandidier mit dieser Krankheit, die Hämorrhophilia od. Hämophilia genannt wird, näher besaßt und darüber eine wertvolle statistische Zusamulenstellung darüber geliefert (1877). Es ist hier nicht der Ort, auf die von Grandidier gelieferten statistischen Zahlen näher einzugehen. Bemerkenswert ist bloS, daß die Russen von dieser Krankheit am wenigsten tangiert werden, während die Teutschen einen hohen Prozentsatz an Hämophilie Leidender liefern. Noch größer ist nach K. der Prozentsatz der Juden, die an dieser Krankheit leiden. Tie Richtigkeit dieser Angaben entzieht sich naturgemäß unserer Beurteilnng׳, uns handelt es sich auch nicht um das medizinische, sondern um das talmudische Moment. Taß der Talmud diese Krankheit «Hämopholie) kannte, geht aus einigen Tteilen hervor. Familien, die daran leiden, werden מא מש2־ז: Diescs für ihn so bedeutsamen Zieles wegen läßt Josef und gerade durch das scheinbare Verschulden des jüngsten Bruders Benjamin, dem gegenüber er von seiten der übrigen Brüder eine gcwistc Abneigung vermutet hatte, sie alle in eine peinliche Untersnchung nehmen. In Benjamins Futtersack wird der von Josefs Beamten gesuchte Zauberbecher tatsächlich vorgefundcn und sie alle müssen nun unter der schrecklichen Anklage eines Diebstahles noch einmal vor dem strengen ägyptischen Herrn erscheinen. In welchem Lichte zeigen sich nun die Brüder in dieser für sie niederschmetternden Situation vor dem sie prüfenden, alle ihre Mienen und Handlungen scharf beobachtenden Josef? Machen sie auch nur den leisestcn Versuch, den nach ihrer Ansicht schuldigen Benjamin seinem Schicksale zu überlasten, sich von ihm, der ihnen so viel Kränkung zugefügt, ihren Namen, ihre Ehre befleckt hatte, loszusagen? All ihr Denken und Fühlen ist lediglich von der einen Sorge erfüllt, welchen hängnis gcoffenbart: ״Wiste, daß deine Nachkommen Fremdlinge sein ivcrden in einem nicht ihnen gehörtgen -Lande, man wird sie knechten crnd guälen -1:10 Jahre." Welches Land jedoch dazu ausersehen ward, den Kindern Abrahams dieses schwere Los zu bereiten, tvird hier nicht angegeben. Deswegen wird gewiß eine jede Bewegung im Leben unserer Stammväter, die sic außerhalb des Landes führte, in ei» Land, das nicht ihnen gehörte, sic mit Unruhe und Angst erfüllt haben. Nur als Jsnk zur Zeit einer Hungersnot wie früher sein Vater Abrahani nach Aegypten auswaudern wollte, wurde dieses Geheimnis der schicksalsvollcii Familientradition einigermaßen gelüstet, indem Gott mit der Warnung seine Absicht vereitelt hatte: א Ziehe nicht nach Aegypten. Wie nahe ה מצרייייז u ,־. lag cs »UN, daß Jakob diese warnende Kundgebung Gottes gegen eine Auswanderung nach Mizrajim als einen Fingerzeig dafür erblickte, daß diescs Land das vorhcrvcrknndete Leid über Israel bringen wird. Und genannt lim Gegensatz zu anderen Familien, die משפהה דקמיט דמא genannt werden). Jebamok «>4 b. Auch in der Halacha spielt diese Blutkrankl,eit eine große Rolle. Lind zwei (drei) Kinder nach der Zirlumzision an Verblutung gestorben, darf an dem nächsten .Kinde die Beschneidung nicht vorge nommen werden (das a. n. L.>. weil zu be fürchten steht, daß es ebenfalls an Perblutnng sterben wird. Tasselbe wird auch an einer anderen Stelle lEbullin 47 b» berichtet. Eine Frau kam einst zu Rabbi Natan mit folgender Frage: Ihre ersten zwei Löhne seien an den Folgen der Beschneidung (Verblutung) gestorben׳ ,׳ in sie mm verpflichtet, ihr drittes Löhnchen trotzdem beschneiden zu lassen oder nicht? Rabbi Natan ließ sich darauf das Kind bringen und sah, aast es rot sei. Er riet der Frau, mit per Vornahme der Zirkumzision zu warten, bis das Blut ״sich gesetzt haben wird". Tie Frau befolgte seinen Rat und ließ das Kind später beschneiden. Tas Kind blieb am Leben und man nannte es Natan der Babl,Ionier nach dem Namen des Rabbi. In einer anderen liegend wurde .Rabbi Natan dieselbe Frage vorgelegt, woran׳ er!ich wiederum das.uinö zeigen ließ. Tieies sah aber grün (gelb?, aus. Rabbi Natan riet der Mutrer abermals, mit Der Beschneidung zu war״, :n, bis das Kind an Blut zunehme. Tie Frau rat es, und das Kind blieb am Leben Ans den angeführten -letten ist ersichtlich, daß der Talmud diese Blrükrankheit. die erst A'ifangs oes vorigen Jahrhunderts ״entdeckt" wurde, schon viel früher kannte. Ferner geht Achtung auf den kleinen Anzeiger.

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