Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 36 (12.12.1912)
- Date
- 1912-12-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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.10 öeite׳. ״Jüdische Volksstimme." Nr. 36 desorgaunation zunächst durchgeiue-rt ist» kann von einer Reichsorganisatioil auch nicht annäherungsweise di.׳ Rede sein, nur nach Organisarion der einzelnen Länder isi crii ersolgreich an eine Rcichsorgauisatioii zu denken, nrit geschulten Truppen lassen sich Kriege rnit Erfolg führen. Sv habe ich schon früher die Organisation als einen wichtigen Behelf zur Verhinderung des Verfalles des Judentums in Mähren angeführt, habe die Vorteile der Organisation im allgemeinen klargclegt, habe auch die Einivcndungen, die dagegen erhoben wurden, besprochen, habe auch hingedeutct, welche Faktoren ivohl am meisten berufen ivärcn, die Zügel der Leitung in die Hand zu nehmen, es ist zum Traunen, das; bis heute auch nickt ein einziger Hand anlegtc. Es rvärc doch ein leichtes, wenn sich der Brünncr Kullusvorsiand diese Ausgabe zur seinigcii machen würde, eine Telrgiertcnversammlung der früher erwähnren Fattorcn cinzubcruscn, nach Klarlegung des Sachverhaltes die Delegation in Settioncn zu teilen und jeder Sektion die gründliche Ausarbeitung des ihr zugeteilten Stoffes binnen kürzester Zeit zu beauftragen. Es gehört nur M!rt und rin wenig Organisationsialcnt hierzu und der Messias wäre am richtigen Plaste. Welche Ausgabe wäre den Sektionen zuzuwciscn: 1. Stellung der Kultusgenieindcii im allgemeinen und speziell die Erhaltung der kleineren, jedoch noch lebenssälügcn Kultusgemcindcn. Verhalten zu den Belvereinen, Rcligions- und hebräischer Unterricht, gottcsdienstliche Verrichtungen, Verwaltung der Wohltätigkeits- und Wohlfahrtscinrichtungen,!)!cvisio» der Torenbemefsungsgebübrcn sowie der Knltnssteucrbemessung. st. Stellung der Kultusgemcindcn in politischer Beziehung, .Vertretung nach außen. st.!Regelung der Gehalle der Herren Rabbiner, Kantoren und sonstigen GemeindeangestcUtcn, mit Einbrziehung der Altersversorgung sowie hauptsächlich der Regelung der Stellung der Herren Rabbiner, ihre Verpflichiuitgeu und ihre :liechten angemessen ihres akademischen Grades und ihrer Würden. 4. Gründung eines Rcligionsfondcs durch Beitragc-leiiiung der Gemeinden und künftige Entlastung kleine rer Gemeinden. Durch die Erbaltung der Funktionäre, wodurch auch die Stellung der Herren Rabbiner eine mehr u»- abhängige sein würde, und ihnen ein weiterer Spielraum in ihrer religiösen Betätigung eingcräumt werde» tonnte. So wären hiermit wenigstens teilweise die Wege vorgezeichnet, um halbwegs die Arbeit cinzuleitcn, natürlich siebt es jedem einzelnen frei, seiner Meinung Ausdruck zu verleiben, vielleicht noch wichtige Auge- Icgenbeilen auzufügcn und da angeführt, einer nähere! Besprechung zuzufübren. Aus Prag. Zwei freudige Ereignisse verzeichnet die Vortvochc. Tie Vollversammlung des Z e n t r a I v c r e i n c s zur P siege j ii & i ן ei; c r A u g c I c g e u h e i t e n iu Prag und die Ebaultkaseicr der zionistischen Korporationen. Beide beweisen, das; das jüdische Beivusstsein ii! Geist und .ssterz verankert Blüten treibt und dem Verfasser des Prologs der Matkabäerscier, Herrn I. II. E. Seidemann, :Hecht gibt, der da sagte: Ein neu Geschlecht wird blüh!, ans alter Erde, die Makkabäer werden aufer-;stehen! Ter Bericht des ZentralvereineS, vorgetragen vom Geschäsisteiter Herrn Tr. Theodor Welt s ch kansiatierl das Auiblüben des Vereines in allen seinen Sektionen, vornehmlich in der Handwerker- und Krantenpsiegeseliion. Ter Verein bat sich auch armer Studicrendcr angenominen, er hat aber auch überall dort energisch und erfolgreich eingegriffe», wo das den Iuden in den Slaalsgrundgescsten geivährlcistetc :liecht durch Vorlage von Taufschein u. dgl. beeinträchtigt respetlive verlebt werden sollte. Herr Rabbiner Äbcles sprach dem Vercinsausschnh tvohlvcrdiciiteu Tank für seine ersprießliche Tätigkeit aus und regte das Einschrcilen desselben in der Frage des jüdischen :llcligions- Unterrichtes auf dem Lande an. Wir kommen hierauf nächstens noch zurück. Ter vom Herr Tr. Oppenheimer verlesene Kasiaberickn des Herrn Kais. Rates D. Troller wurde genehmigt, ebenso der Rcvisorciibcricht des- Herrn M. Wien. Viel Beifall fand der Bericht der Krankenpflegeriniiensettion der Frau Wahle. Tic Ergänzungsivablen sielen einstimmig aus. Wicdcrgewählt wurden: Kais. Ral G. Fischmann, Alfred Fröhlich, Dr. L Geschmau, W. Jserstei» tMünchengräst), W. Kars, S. Lieben!Obmann), Tr. H. :liosenbaum, H. Schwarz, Kais. Rai Trollcr, R. Werfel; neugewählt: S. Berger, Direktoren Berka, Fried und Jutkoivitz, H. Lowosist, Dr. G. Pick. Als Ersatzmänner die Herren Jul. Fischmann iTeplitz), F. Nette!!Arna») und schließlich die Revisoren Herren Flaminerschein, G. Fürlh, Jg. Karpcles, S. Springer und M. Wien in ihrem Amt bestätigt. — Die Matkabäerscier, an der die Honoratioren der Gemeinde tcilnahmcn, verzeichnet einen glänzenden Erfolg der zionistischen Korporationen Prags. Die Menorah entzündete Herr L i s s a u vom jüdischen Volksvercin, dessen Ausschuß besonderer Dank für das schöne Fest gebührt. Herr Lberkantor Kornitzcr erntete mit feinem akadeiiiischen Chor stürmischen Beifall durch tadellosen Vortrag hebräischer und jiddischer Melodien. Rühmlich hielt sich Frl. Else Ncumann am Piano. Der prächtige Prolog des Herr I. U. C. Seidemann schlug ebenso ein wie die saszinicreilde, scharf pointierte Festrede des Herrn Dr. Herbert Birnbaum über ivahres Judentum und Asjimilantcn. Ter verständnisvolle Vortrag von Dichtungcn jungjüdischcr Autoren durch Herrn Med. Gcrstl beschloß den schönen Abend, bei dem die Musikkapelle des 78 Infanterieregiments prächtig aufspicltc. Die Verbindungen Barissia, Jordania und der jüdische Volksverein mit Herrn Obmann Dr. A. Engel haben ihre mühevollen Arbeiten durch eilten vollen Erfolg gekrönt gesehen, der sie zu weiterer Arbeit im Interesse des Indeiitums anspornen möge. W. K. Aückertisck. Moritz Gvldstcin: Begriff und Programm einer jüdische» Nationallitcratur. Berlin, Jüdischer Verlag. 21 L. ölt Pf. Unter dem Titel ״Die jüdische Gemeinschaft" gibt der Jüdische Verlag eine Reitze von Broschüren über zeitgenössische Fragen des jüdischen Volkes heraus. Als erstes Bändchen dieser — von Dr. Aron Eliasbcrg redigicrtcn — Sammlung erscheint das vorliegende Heft, dessen Autor durch seinen Artikel das vorliegende Hest, die Polemik, die sich an ihn anschloß, ivcitercii Kreisen bekannt geworden ist. Mit Hellem Blick und ruhiger llebcrlcgung, frei von der Sentimentalität und Phrase, mit der sonst dergleichen Fragen bei uns behandelt lverdcn, macht sich Goldsiciii in dieser Broschüre au eines der heileisten unter den vielen heiklen Problemen des Judentums: au den Begriff einer jüdischen Nationalliteratur. Er ist Iveit von dem frivolen Leichtsinn entfernt, mit welchem seit Jahren unsere Tutzeiidzionisteu die hebräische und jüdische Literatur preisen, ohne hebräisch oder jüdisch zu verstehen. Er gesteht seine Unkeuiitnis des Hebräischen ein lim übrigen überschätzt er doch etwas den theologischen Zug der hebräischen Literatur!). Und versucht mi 11 doch, als deutscher Jude für deutsche Iuden den Begriff einer in deutscher 'Sprache geschrirbcnen jüdischen Nationallitcratur zu umschreiben. Das praktische Resultat seiner theoretischen Erwäguugen ist der Nus nach Zusammenschluß aller deutschen produktiven Juden und nackt Begründung einer Zeitschrift als Fahne und Sammclstelle unseres neuen Willens zu jüdischer Produktivität. Nebenbei aber findet Goldstcin Gelegenheit, ein paar bitterer und sehr tresfeuder Wahrheiten über Inden und Judentum von heule zu sagen. Mag sic jeder selbst in dem Büchlein Nachlesen! Wir wünschen ihm mcilc Verbreitung und ernste Erwägung. Unsere siidiich-litcrarischcii und zionistischen Vereine werden das Buch gewiß zur Grundlage einer Diskussion machen. Alexander Schüler: Ter Nasscnadcl der Juden. Berlin,Indischer Verlag. Ps. Dieses Heft erschein! als zweites Bändchen der Broschürensammlittig ״Tie jüdische Gemeinschaft". Es enthält eine zusammengediängie Wiedergabe der Gedanken;soll sch ans in dessen bekanntem Buche über das jüdische Rasscnproblem. Alle Juden, denen es an Zeit und Gelegenheit fehlt, Zollschans Werk zu studicrcii, sollten sich aus dieser Broschüre informieren lassen. In der Sammlung ״Tic jüdische Gemeinschaft" sollen in nächster Zeit Untersuchungen über das jüdische Volkslied, die Arbeiterbeivegung, das Emigration»- Problem usw. erscheinen. Ter Verlag gibt hier der au.־ nislischcii Bewegung ein sehr brauchbares Auftlärung?״ und Agitation»,natcrial. Lolksschriften über jüdische Religion. Herausgcgeben von Dr. I. Ziegler. Frankfurt a. M., I. Kaufs- :naiiil. Ter durch scsnc literarischen Arbeiten weiten Krcisen bekannte Rabbiner von Karlsbad, Dr. I. Ziegler, bat die überaus glückliche Idee gehabt, die Kenntnis des Judentums, die mehr und mehr abnimmt, auf eine: , Wege neu zu verbreiten, den christliche Verleger und Autoren längst cingeschlageu haben: leicht und populär geschriebene Büchlein sollen in die jüdischen Familien getragen werden und hier die Liebe zur jüdischeu Kultur neu entfachen. Die Liebe zum Judentum ist ja durch den Zionismus unserer Jugend wieder geschenkt worden. Aber leider fehlte dieser Begeisterung meistens die Vertiefung :inan begeisterte sich für etwas, das man nicht kanntc; und nur wenige bemühten sich, das Judentum in ernster Arbeit auch kennen zu lernen. Ziegler geht den umgekehrten Weg: durch Kenntnis der jüdischen Schöpfungen soll die Liebe zu ihnen erwachsen! Die äußere Einrichtung der Zieglerschen Sammlung ist überaus glücklich zu nennen. Für den geringen Betrag von 5 K jährlich erhält man 7 Schriften im Jahre, jedes Heft im Umfange von 3—4 Bogen. Bisher sind zwei Hefte erschienen: ״Die Religion der Prophcten" von Dr. Max Wiener und ״Pharisäer und Sadduzäer" von N. L e s z y n s k y. Wir empfehlen unseren Lesern die Sammlung aufs lvärmste. Ein Abonncmcnt auf die Zieglerschen Schriften ist ein billiges und gutes Geschenk. — Auf einzelne Hefte wird noch zurückzukommen sein h. b. Eine jiddische Zeitung in Wien. In Wien hat ein Komitee, mit dem Schriftsteller A. Loubctzki an der Spitze, gebildet, das sich die Aufgabe gestellt hat, ein Wochenblatt in jiddischer Sprache herauszugeben. Dasselbe soll keine ausgesprochene Parteifärbung haben und sich neben den wichtigsten, die Juden tangierenden Tagcsfragen ausschließlich mit Kunst und Literatur beschäftigen. Das Komitee wird auch das ״Jüdische Theater" in Wien in künstlerischer und literarischer Beziehung auszugcstaltcn versuchen und will dazu eine größere Aktion cinlcitcn. Kunälckau. Heldentat einer Acrztin. In Mannheim hat die im städtischen Kranken- Hanse wirkende Aerztin Fräulein Dr. mcd. Sidonie Wcinmann für eine an tödlicher Blutarmut (Anämie) leidende Kranke im Spital ihr eigenes Blut in crsordcrlicher Menge für die dem Tode nahe Patientin hergcgeben und damit ihre Rettung bewirkt. (?) Jüdische Leistungen. Der 2-tjährige, aus Rußland cingeioandcrtc Jude Nathan Behrim in Newhork, schrieb bei einem Stenographen-Wcttschrciben 278 Worte iu der Minute, eine bisher noch von liicinaiid erreichte Leistung. Jsabella Abramovicz legte an der Kiewcr Universität ein solch glänzendes Mathematik-Examen ab, daß das Prosessorenkollcgium an den Unterrichtsministcr das Ersuchen richtete, Frl: Abramoviez den Bcsuch der Kiewcr Universität zu gestatten, damit sie nicht gezwungen sei, im Auslände ihre Studien sortznsctzcn. Doch wird wahrscheinlich die Dame, da sie für die russische Regierung das Unglück hat, eine Jüdin zu sein, im Auslände weiter studieren müssen, wie der Student Liber Achowski, der jetzt in Paris ein Werk über die Entstehung der Kometen verfaßt hat. Der berühmte Astronom Flammarion tritt mit seiner ganzen Person für die neuen, umstürzlerischen Theorien dieses Werkes ein. Abbruch der amerikanisch-russischen Handelsbezie- Hungen. Die ״Berliner Morgenpost" meldet aus Washington, daß die amerikanische Negierung nicht beabsichtigt, zum Ersah des am l. Jänner ablaufenden Vertrages mit Rußland ein neues Abkommen zu trefsen. Die handelspolitische Spannung zwischcn-den Vereinigten Staaten und Rußland wurde dadurch herborgerufcn, daß die russische Negierung sich weigerte, amerikanischen Juden, auch wenn sie mit ordnungsmäßigcn Pässen versehen waren, z u z u l a s s e n. Dieses Verhalten des Zarenreiches wird in Amerikcr als eine offensichtliche Verletzung des im Jahre!832 zwischen der Union und Rußland abgeschlossenen Verträges angesehen, nach dem ausdrücklich ״der ungehinderte Verkehr der beiderseitigen Staatsangehörigen in den beiden Staaten" gewährleistet wird. Schon im April vorigen Jahres lourdc deshalb von dem Vorsitzenden des Kongrcßausschusses eine Resolution vorgelegt, den Handelsvertrag mit Rußland auszuhcbcn, bezichungsweise zu kündigen. Der Konflikt spitzte sich dann immer mehr zu, bis im Dezember vorigen Jahres auch in der russischen Duma von den Oktobrisien die Kündigung des Vertrages und ein Gesetzentwurf verlangt wurde, der der Union den Zollkrieg erklärt. Weinender Humor. Wir geben hier wieder einige Proben des weinenden Humors, wie er sich in den jüdischeu Blättern Rußlands nach dem Ausfall der Duma- Wahlen widcrspicgelt: Aegyptische Finsternis. In der vierten Duma wird so tiefe Finsternis herrschen, daß die Rechten und Linken nicht iverden sehen können. Mcsummcn. Die Juden werden in der vierten Diima wohl ein Mesumon (drei Mitglieder) haben, die Frage ist nur, ob man sie auch wird ״benschen" lassen. Kein Wunder. Es ist kein Wunder, daß Odessa Schwarze in die Duma gcivählt hat. Tort ist sogar das Meer schwarz. ü Sternhofi bestes aller Bitterwässer.