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Jüdische Volksstimme · 1912-12-12 · Heft 36 (12.12.1912) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 36 (12.12.1912)
Date
1912-12-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 36. XHI. Jahrg. Beilage zur,; jener Jü-. Nolksstimme^ 12. Dezember 1912 Seite 9. Exegetisches zumWochenabschnitt Von Rabbiner Dr. A. Deutsch. Bei all der Liebe und der fast zärtlichen Sorzfalt, die in den:.verschiedenen Bibeltommentaren der Behandlung von Josefs Persönlichkeit gewöhnlich zugewendet wird, ist cs dennoch niemals gelungen, manche Züge aus seinem Leben auf eine solche Weise zu erklären, daß jeder Schatten von seinem Charakter ferngehalten würde. So erscheint sein Verhalten seinem Vater gegenüber, besten Liebling er stets gewesen, unerklärlich, wie er cs aus welchem Grunde immer über sich zu bringen vermochte, die vielen Jahre seiner Ab- Wesenheit hindurch keinerlei Lebenszeichen von sich zu geben und sein Herz aufs tiefste zu betrüben, fein ״graues Haupt mit Kummer in die Gruft zu bringen." Wir stehen hier um so mehr vor einem großen Fragezeichcn, als Josef nach der ganzen Schilderung in der heiligen Schrift in allen Punkten, sowohl in seiner Crniedrigung als auch auf des Glückes Höhe als ein Mann von vorbildlicher Frömmigkeit und Gottesfurcht erscheint. Die generelle Antwort, daß er durch ein allzu frühes Hervortrcten aus seinem Inkognito die Verwirklichung der göttlichen Pläne für st ine Zukunft gestört hätte und darum bei allem Schmerz über den dem Vater berciictcn Kummer sich das große Opfer des bcharrl chen Schweigens aufcrlcgcn mußte, wäre nur hinsichtlich der bedrohten dramatischen Wirkung der hier entwickelten wunderbaren Familienszcnc berechtigt, aber durch ais ungeeignet, uns über den hier kraß zutage tretenden Mangel an schuldiger Ehrfurcht und Liebe gegen den greisen Vater hinivegzutäuschen. Aber auch noch ein zweites Moment im Leben Josefs bietet der Erklärung große Schwierigkeiten, und zwar sein hartherziges Benehmen gegen seine Brüder, als diese sich ivegen der in Kanaan herrschenden Hungcrsuot über ihres Vaters Geheiß um Getreide zu kaufen nach Aegypten begaben und dort plötzlich mit dem von ihnen verkauften, jetzt aber von ihnen nicht mehr erkannten Bruder züsammentrafen. Die Annahme, daß Josef sich an dem Entsetzen, das er seinen Brüdern durch die gegen sie' erhobene Beschuldigung, ״ihr seid Kundschafter", bereitet hat, ivegen des an ihm einst begangenen Frevels in zynischer Weise rächen wollte, iil schon deshalb von der Hand zu weisen, weil die Bibel gciviß mit gewollter Absichtlichkeit in diese Erzählnng von dem tyrannischen Auftreten Josefs gegen seine Brüder einigemal auch die Bemerkung von der großen Rührung einsicht, von welcher seine Seele ergriffen war, während sein Mund unbarmherzig harte Worte gegen sic sprach. Warum also diese zur Schau getragene Hartherzigkeit, so sic nicht der wahren Stimmung der Seele entspringt? Wo liegt der Ziveck, dein damit gedient werden soll? , Bei genauer Betrachtung aller Einzelheiten aus den Verhältnissen im väterlichen Hause des Josef steht so viel fest — die hinlänglich begründeten Beweise hierfür haben wir in unserer Betrachtung zum legte!׳, Wochenabschnille auch erbracht — daß dort unter den Brüdern schon lange vor Josefs verhängnisvollen Träuinen mancherlei tiefgehende Mißhelligkciten vorhanden lvarcn. Daß nun Joses in späterer Zeit nach seiner gewaltsamen Entfernung aus dem Hause seines Vaters durch seine grausamen Brüder für diese nicht gerade von liebevoller Erinnerung erfüllt geivesen. ist mensch-!ich nur allzu begreiflich und gewiß auch als besrimnit vorauszusctzcn. Ebenso aber hinderte ihn tvohl auch nichts daran, seinen jüngeren Bruder Benjamin, dem Sohne seiner Mutter Rahel, der an dem Verbrechen seiner übrigen Brüder nicht teilgenommcn, mit der aufrichtigsten brüderlichen Liebe zugetan zu bleiben. Es ist daher nur ganz natürlich, daß, so oft die traueigen Erlebnisse im väterlichen Hause Josefs Geist später noch beschäftigt haben und er ait die aus Rivalität gegen ihn, den Sohn der Lieblingsfrau Jakobs von seinen älteren Brüdern geübten Mißhandlungen dachte, er im Geiste auch fürchten mußte, daß in seiner Ab- Wesenheit auch der zweite Sohn der Rahel, sein Bruder Benjamin, das Opfer der Gehästigkcit seiner übrigen Brüder geworden ist. Lassen wir nun diese mehr als bloße hypothetischen Prämissen gelten und versuchen wir an deren Hand in den Geist der Erzählung von Josefs Zusammentreffen mit seinen Brüdern einzudringen und das gesuchte Resultat wird eine ganze 'Reihe wichtiger psychologischer Erkenntnisse sein. Jakob schickt bloß seine zehn älteren Söhne nach Aegypten, Benjamin hingegen will er aus Angst, es könnte ihm ein Unglück zustoßen, ihnen nicht mitgebe»., göttliche Strafe erscheine» mußte. Denn die religiöse Nur diese zehn erscheinen vor Josef und sie werden von I Denkungsart lehrt, vielleicht auf Grund der schon früh ihm auch sofort erkannt. Die Wahrnehmung jedoch, welche Josef schon bei dem ersten Anblick seiner Brüder machen mußte, daß aus ihrer Mitte gerade Benjamin, der seinem Herzen näher als sie alle stand, fehlte, war für ihn sehr beunruhigend und schien die bösen Ahnungen seiner Seele nur zu bestätigen, daß auch dieser gleich ihm selbst unter der Gehässigkeit der übrigen Söhne Jakobs zu leiden hatte und gleich ihm als Sklave au Fremde verkauft worden sei. Und dieser erste Eindruck ivird gewiß für Josefs feineres Verhalten gegen seine Brüder maßgebend gewesen sein, daß er gleich von Anbeginn, bevor sie ihr Anliegen überhaupt auch nur vorzubringen in der Lage Ware וידבר אתם קשות mit ihnen hart sprach. Als Folgewirkung dieser ersten beunruhigenden Wahrnehmung tauchten gleich auch all die traurigen Erlebnisse seiner Jugendzeit im Kreise seiner Brüder vor seinem Geiste auf. ויזבר יוסף את ההלמות אשר הלם להם ״Und Joses gedachte der Träume, die er einst von ihnen geträumt." Schon der äußere Umstand, daß in der Erzählung von Josefs Begegnung mit seinen Brüdern und von dessen hartherzigem Auftreten gegen sie dieser Vers nicht, wie man erwarten möchte, als eine alles Weitere erklärende Einleitung dient, sondern erst nach der vorherigen Feststellung, daß er sich ihnen fremd und hart gezeigt hatte, gleichsam nachgcholt ivird, spricht dafür, daß die Erinnerung an die folgenschweren Ingendträume nicht als die primäre Ursache seines Ver- Haltens zu gelten habe, daß diese vielmehr schon in den erkannte» Jdeenassoziation, daß jede Strafe מדד. בגגד מרה »ach dem Maße, »acki der Oualität der begangenen Sünde erfolgt, das heißt eine innere Aehnlichkeit inir dem Vergehen hat. Auch sie haben einst gegen einen Bruder gesrevelt und nun diente das Fehlen eines anderen Bruders dazu, sic eines todeswürdigen Vergebens zu bezichtigen. Ein anderer Vorgang aus unserer Erzählung verdient noch eine besondere Aufmerksainkeii. Nachdem nämlich Joses seinen ursprünglichen Vorsatz, bis zum Eintreffen Benjamins mit Ausnahme eines einzigen Bruders die übrigen alle in Hast zuriickzulassen, dahin abgeändert Halle, daß er nur eil׳rn einzigen zurückbehielt, so halte er hierzu gerade Siinvn. den ziveitältesten, auSersehe». Sein Unmut wegen des bei seinem Verkauf einst erlittenen Ungemachs hätte sich doch füglich in erster Reihe gegen den Erstgeborenen unter den Brüdern, gegen Reuben richten sollen, da ja er als der Aelteste für alle Geschehnisse unter den Geschwister» die größte Veranivortung trug. Um eben dieser unabiveisbar berechtigten Frage im voraus zu begegnen, läßt tlns die Bibel wissen, daß Joses dank eines Toi-; metschs von dem seinen Verkauf betreffenden selbsian- , klagenden Gespräche seiner Brüder genau unterrichtet und daher von RcubenS Unschuld in dieser Sache auch , überzeugt war. Deshalb mußte nun an dessen Stelle : der Zweitälteste Bruder Simon die Strafe »»treten. Worten וירא רם־ את אהיו und Josef erblickte seine Brüder, oder in der hierbei sofort gemachten Wahrnehmung lag, daß sich Benjamin nicht unter ihnen befand. Die schwere Anklage, die nun Josef gegen seine Brüder erhebt und dies scheinbar ohne jede sachliche Begründung, lautet: מרגלים אתם לראות את ערות האי״ן באתם ״Ihr seid Kundschafter: um die Blöße des Landes zu erspähen, seid ihr gekommen." Das ist ei» Vergehen, das der Beschuldigte im allgemeinen mit dem Tode büßen mutzte. Weshalb aber Joses seine Brüder gleich ' eines schweren Verbrechens zieh? Kann ihn nicht hiebei ן gerade die Absicht geleitet haben, durch die todesängstliche Bestürzung die Brüder derart zu verwirren, daß sie, ohne seine Pläne zu erkennen, suggestiv Ausklärungen über ihre Identität geben lvürden, geeignet, ihm auch Benjamins Schicksal zu enthülle»? Das erste, was die entsetzten Brüder dieser schweren Beschuldigung ntgegenhielten, war ihre schlichte Beteuerung: בלנו בני איש אהד גחנו ב:ים אנהני לא היו עבדיך מרגלים ״Wir alle sind Söhne eines Mannes, ehrlich sind ivir, nie waren deine Knechte Kundschafter." Für Josefs verborgenen Plan, über Benjamins Verbleib aus den Worten der Brüder etivas zu erfahren, bot jedoch diese Erklärung gar keinen Anhaltspunkt, ivcshalb wir ihn, gewiß in der ' gleichen Absicht, mit unverminderter Strenge die frühere Anklage wieder erheben hören. Und erst hernach werden die Brüder bestimmter und klarer in den Angaben ihrer Familienverhältnisse, indem sic sagen: 11 ן »Ä w n <«1 ■U 1 in ן C ww •יי*•* ל^יי•*** ^ד**■ *\ד**ך יו y i’n >j i 1 1 *< 1• ן ״Zwölf Brüder sind wir, deine Knechte. Söhne eines Mannes im Lande Kanaan und siehe, der jüngste ist bei unserem Vater heute und der eine ist nicht mehr." Hier nun erhält Josef die erste sichere Kunde über den vermißten Bruder. Und wenn er auch die frühere Beschuldigung, um gleichsam zu einer neuen Wendung den unauffälligen Uebergang zu finden, noch einmal geschwächt nachklingen läßt, so gibt er jetzt immerhin die Möglichkeit einer vollständigen Rechtfertigung dadurch zu, daß seine Brüder auch den noch fehlenden Benjamin herbeischassen. Nun folgt die rührende Szene von der gcgenseitigen Beschuldigung der Brüder — mit Ausnahme des Reuben — ivegen des einst an Josef begangenen Verbrcchens, daß sie auf seine flehentliche Stimme nicht achteten. Ter ursächliche Zusammenhang dieser Episode mit dem Ganzen der Erzählung liegt aber Zweifellos darin, daß die große Verlegenheit, in die sie sich durch das Verlangen des fremden Herrschers versetzt sahen, voraussichtlich gegen den Willen ihres greisen Vaters dessen jüngsten, ängstlich gehüteten Sohn Benjamin nach Mizrajim zu bringen, ihnen als eine schwere Zum Niedergange der Judengemeinden Mährens. Tic Frage der Organisation der Juden in Mähren ivird vielfach ventiliert, man hört verschiedene Meinuugen, aber bemerkt noch leider von keiner Seite, daß etwas Praktisches ins Leben gerufen: wiewohl von der Mehrzahl die Organisation als dringendst notwendiges Mittel zur Aufrechterhaltung des Judentums in Mähren betrachtet ivird. Wird dock! von so mancher Seite irgendeine Einwendung erhoben. So fragen die einen, wozu sollen wir Juden uns organisieren? Wir haben eine Thora, nur um diese sich scharen, und wir sind schon organisiert. Ja wohl! Tic Thora enthält alles, was die Juden zum Juden zu machen imstande ist, sie bleibt iininerhin ein kräftiges Bindemittel, aber nur für die, die auch Verständnis hierfür habe», sie vermag zu führen und zu leiten, zu begeistern und zusamme»- zuhalten, aber wo finden wir heute auch noch Juden, die sich damit begnügen? Lehrt doch die Geichickue zu allen Zeilen, so oft Israel ohne sichtbaren Fahrer ivar, so oft verfiel es in alle mögliche» Missetaten, darum muß auch die Thora selbst in die Organisation miteinbezogen werde», es muß das Verjländnis für Je wachgerusen werden, es muß die Jugend, die »ächite Ge »erakion hierfür begeistert iverden. es muß erst durch die Organisation ein Lehrplan entworfen iverden, ge müßt welchem die Jugend in das Studium der Thora aus einer leichtfaßlichen, begeisternden Weise allmählich cingesührt wird, sodann himveg mit dein geiillosen Eindrillen, cs gibt Methode», Erklärungen und Erläuterungen in Hülle und Fülle, um das Studium der Thora der Jugend zugänglich zu mache». In der Ingend eingedrungen, wird auch für die Zukunft die Tkora das höchste Organisationsniittel bilden können. Andere machen die Einivendung, wir Inden sind eine staatlich anerkannte, gleichberechtigte Religionsgenossenschaft, wir benötigen nach außen hin keine weitere Organisation, das Gesetz muß hinreichend Schutz bieten. Habe ich schon in meinem früheren Artikel daraus hingewiesen, wie tveit unsere Gleichberechtigung respektiert wird, so ivill ich heute noch aus ein Naturgesetz aufmerksam machen, nämlich daß der Stärkere immer den Schivächeren niederzuringen trachtet, die Juden sind in der Minorität, mit einer solchen iil man recht bald fertig, man sucht heutzutage diesem Naturgesetz entgegenzuarbeiten, indem dem Schivächeren aus alle inögliche Weise Nachhilfe geleistet wird. Im vorliegende» Falle gibt es meiner Ansicht nach kein besseres Mittel als die Organisation. Wieder andere sind der Meinung, die Organisation werde zu nichts anderem als zlir ganz getvöhnlichen Vereinsmeierei führen, so denken wohl nur solche Me» scheu, die beati possidentes ihr ganzes Sinnen und Trachten fürs Spiel und für Gaukelei haben, und tvohl nur Bequemlichkeits halber der ganzen Affäre atis dein Wege gehen möchte». Es ivird auch viel von einer Reichsorganisation, von einer Organisation des gesaniten Judentums gesprochen, aber solange nicht die Lau-

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