Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 35 (5.12.1912)
- Date
- 1912-12-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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So allein erklärt cs sich, weshalb Josef, obschon er mit allen seinen Brüdern dem gleichen Hirtenberufe oblag, sich genötigt sah, sich von den Söhnen der Leal, fcrnzuhaltcn und sich mit brüderlichem Vertrauen mehr den Söhnen der Bilha und der Silpah anzuschließen, bei ihnen, die in diesem Kampfe um die Vor- Herrschaft naturgemäß ganz passiv geblieben waren, Hilfe zu suchen. Und dem hier dargestclltcn Gedankengang von einem zwischen den Jakobssöhnen bestandenen Nanguntcrschicd geben auch unsere Weisen durch ihre Interpretierung der Bibclwortc: ״und Josef brachte böse Gerüchte über sic zu ihrem Vater" Ausdruck, daß Josef in erster Reihe darob bei seinem Vater Klage führte gegen seine Brüder, die Söhne Leahs, weil diese die Söhne der Bilha und der Silpah verächtlich und demütigend ״Knechte" genannt hatten. Weibliche Chanukagäste und ihre Lehren. Von Rabbiner Dr. N i c m i r o v c r-Jassy. Wieder ertönte in Israel: Es werde Licht, und es ward Licht in den Herzen der Juden. Wenn auch die Zaubersprachc des Lichtcrfcstes und der festlichen Lichter nicht mehr so verstanden wird als ehedem, so weckt doch das Chanukahsymbol das jüdische Gemüt. Der Fcsilcuchtcr erinnert an die Mcnorah im Tempel, die Zahl der Lichter an Personen und Ereignisse, an legendäre Wunder und geschichtliche Taten, vielleicht auch an die fromme Chana die Zweite und ihre sieben Söhne, die sich für den Glauben des Judentums geopfert. Aus den! Lichtmccr der Chanukafcicr strömen für unser Geistcsaugc Flammcngestaltcn, die uns fesseln. Wenn nach der poetisch-mystischen Sage die männlichen Ahn- Herren und Helden unseres Stammes unsere Ehrengästc der Sukka sind und uns am Thorafrcudcnfcfte aus dem symbolischen Rundgangc in der Synagoge begleiten, so darf unsere religiöse Phantasie weibliche Hcrzcnssiguren schildern, die uns im Fcstlichtc erhabene Wahrheiten offenbaren. Den Zlvcck der Makkabäerkämpfe, die Ideale unserer Vättr, die Tugenden unserer Mütter künden uns die Fcstgästc. Die Krone der Makkabäcr, der feste, inige Glaube soll auch unser Haupt schmücken. Aus dem starken Glauben strömt des Sabbat Weibe, des Festes Geist, des Lebens Segen, der Seele Kraft, der Familie Glück, des Kampfes Macht und des Sieges Glanz! Zu diesem reinen, lauteren und mächtigcn Glauben kann man aber nur durch eine Erzichung gelangen, die sich auf Staminestrcuc aufbauct. Diejenigen Mütter unserer Gemeinde aber, die ihre Töchter den Pricsieriiincn eines fremden Glaubens überliefern und so in der Gefühlswelt ihrer Kinder fremde Götter herrschen lassen, löschen das Chanukahlicht des Judentums aus und vernichten die Weihe des jüdischen Weibes. Alle strahlenden Vertreterinnen unscres Stammes, die in unserem Herzen beim Anblick der Ehanulalichter leben, protestieren gegen eine Erzichung im Geiste des Antiochus Epiphanes. Sara, die durch den Zauber ihres Wesens zur Herrscherin, zur Fürstin ihrer Umgebung geworden, zeigt uns, wie streng und rücksichtslos sic gegen Jsmacl geworden, als sic die Gefahr erkannte, die dessen Freundfchaft ihrem Sohne bringen konnte. Rebekka schildert uns, wie schwer cs ihr gefallen, den jüngere», daß sic aber doch nur in dem Sohne, der ihre Ideale vertreten, den Nachfolger erblicken konnte. Lea berichtet uns, daß sie oft in ihrer Jugend geweint, weil sic gefürchtet, die Gattin Esaus werden zu müssen, während die Schülerinnen der Schulen Esaus oft Jakob verachten und Esau lieben. Rachel entschuldigt cs, daß sie aus dem elterlichen Hause die angebctencn Bilder mit sich genommen, da selbst der Aberglaube des Vaterhauses für treue Kinder etwas Heiliges an sich hat. Sic protestiert jedoch dagegen, daß manche jüdische Tochter unserer Tage fremdem Aberglaube» huldigt und nichtjüdischc Götterbilder anberet. Mirjam erscheint mit ihrer Pauke, die Israel freudig stimmt, und verkündet die Lehre von der ' Ausgabe desjüdischen Weibes, lautere Freude und reine Heiterkeit zu bringen — dem im Kampfe ums Dasein er graulen Vater, dem mit Sorgen belasteten Gatten, dem ringenden und strebenden Sohne. Dieses Mirjam- Jnslrunient edler Weiblichkeit, israelitischer Glaubensfcügkcit ist ein Erbe jüdischer Erziehung. Tcborah läßt ihr herrliches-, ermutigendes Lied ertönen und fordert Männer und Frauen zum Kampfe für die Ehre des jüdischen Stammes aus. Die fromme und andachtsvolle Hanna der Bibel bringt ihr Knäbleiu zu Eli, macht so für die jüdische Schule Propaganda und verkündet, daß in jeder Generation sich ein Samuel heranbilden kann. Channa die Zweite, die ihre sieben Söhne für die Einheit und Ncilchcit des Gottcsglaubens opfern ließ, ruft gleich den anderen Ehrengästen unseres Festcs: Zündet an das Licht der Religion und der Moral im Scelcntempcl Eurer Kinder und entfacht die heilige Flamnrc des Geistes in der israelitischen Jugend! 48 ücfi erbefpreefiungen. F. E. S. Schiller: Humanismus. Beiträge zu einer pragmatischen Philosophie. Deutsch von Dr. N. Eisler. 25. Band der philos.-sozial. Bücherei. Leipzig, Klinckhardt. Was hier Humanismus heißt, ist nichts andercs als der von James sogenannte Pragmatism u s: die Lehre, daß das Wesen der Wahrheit in ihrer Fruchtbarkeit besteht. Schiller nennt sie Humanismus, weil cs der Sinn der neuen Lehre sei, daß die Philosophie statt von der Abstraktion des reinen Denkens von der einheitlichen Natur des Menschen ausgehcn und nach dessen völliger Befriedigung streben müsse. Stun: man kann den Pragmatismus in doppelter Weise auffasscn. Man kann in ihm — und das tut Schiller — das letzte Kriterium aller Wahrheit sehen, kann mit Protagoras den Wahrhcitsa n s p r u ch des einzelnen zum Entscheid der Wahrhcitsgcltung aufrufcn: dann verfällt man unrettbar der schon von Plato meisterhaft durchgcsührtcn Kritik. Das Ziel unseres Warheitsstrcbcns muß eben die eine überindividuelle Wahrheit sein, die nicht wieder durch ihre Praktizität erklärt werden kann. Aber man kann vorsichtiger sein als Protagoras und sein moderner Schüler: man kann die rationalistische Wahrheit als letztes Ziel gelten lasscn, die Fruchtbarkeit!־״" iktischc Bewährung eines Urtcilsaktcs jedoch für ein Kennzeichen dafür ansehcn, daß er sich jener einen Wahrheit nähert. Und von einem so formulierten Pragmatismus mag man manches lernen. Schiller tritt mit einem gctvisscn Optimismus an die Wirklichkeit heran. Er hofft, daß die Natur diese gute Meinung von ihn rechtfertigen wird, indem sic sich unserem Begreifen wie unseren ethischen Werten zugänglich erweist. Er versucht nicht, wie Kant dies tat, diese Hoffnung durch einen erkcnntnistheoretischen Staatsstreich zur Gewißheit zu erheben. Kant meinte, die Natur sei durch eine Menge vorbewußtcr Funktionen des Geistes schon so gestaltet worden, daß wir sic nachträglich begreiflich finden könne» und wissenschaftlich beherrschen. So bliebe dann kein Raum weder für ein Staunen über jenen ״glücklichen Zufall" der Begreiflichkeit der Natur, noch wäre Hoffnung oder Sorge vonnötcn. Schiller betont demgegenüber, daß wir nie wissen können, ob nicht ״einmal dem Geiste ein so spröder Stoff entgegcntrctcn wird, daß die Kategorien dergcbcns gegen ihn ins Feld zögen." Kants Sicherheit ist so nur eine erschlichene; Schiller ersetzt sie durch eine Hoffnung und ein kameradschaftliches Zutrauen zur Erfahrung. Und er hofft denn auch, daß die Welt auch unseren sittlichen Idealen nicht gleichgültig gegcnübcrsteht. Wir können freilich auch da nie ganz sicher sein, daß wir enttäuscht werden, daß die sittliche Ordnung ins Ehaos stürzt. Aber auch hier heißt cs: hoffen wir, denn ohne diese Hoffnung können wir nicht leben. Daß die Welt erkennbar ist, daran zweifelt im praktischen Leben niemand; daß sie dem Sittengesetze entsprechend angeordnet ist, daran zweifeln fast alle. Und doch hat das eine keine größere Sicherheit als das andere. Würden die Menschen die sittliche Vcrfchlung ebenso fliehen wie den Irrtum, wie anders müßte sich unser Leben gestalten! .... Verlag und Ucbersetzcr haben sich durch die Herausgabc dieses Buches zweifellos ein großes Verdienst um unsere philosophische Bewegung erworben. Dr. Adolf Frmikl-Grün: Die Psalmen, sachlich und sprachlich erklärt. Einleitung. Erstes Buch. Wien 1812. Selbstverlag, 19. Bcz. Hauptstraße 15. Ein neues, gediegenes Werk des bekannten Psalmcn-Forschcrs, gleich freudig begrüßt von Lehrer und Schüler. Gewinnt erslercr in Ergänzung seines Wissens manch geistreichen Gedanken und manche historischtiefsinnige Betrachtung aus diesem Werke, so ermöglicht dessen schöne einfache und gerade deshalb fesselnde Sprache dem Schüler, den Sinn der Psalmen zu erfassen und die vielen ethischen Lehren sich zu eigen zu machen. Wenn man das Werk lieft, so hat man das Gefühl, daß etwas derartiges bis nun dringend gefehlt hat und nun glücklich geschaffc »worden ist. — Vor jedem Psalm bietet der Verfasser eine kurze Ucbcrsicht über die bistorischc Unterlage, den Grundgedanken und den Gcdankengang, gibt grammatikalische Fingerzeige über Wurzel und Konstruktion jedes Wortes usw. Meisterstücke der Erklärung finden sich namentlich zu Psalm 1, 2—8, 15—19, 23, auf die ganz besonders hingewiesen sein möge. Hoffentlich werden die folgenden Lieferungen recht bald erscheinen. M. Annie Besant: Uralte Weisheit. Die Lehren der Theosophie kurz dargestellt. Dritte, neu durchgesehene Auflage der autorisierten deutschen Uebersetzung von Ludwig Deinhard. Mit dem Porträt der Verfasserin und einer Tafel. Leipzig, Th. Griebens Verlag. 4 M. 303 Seiten. ״Die deutsche Ausgabe von Annie Besants berühmtem, 1897 in London veröffentlichtem und seither in die meisten Kultursprachen übersetztem Werk: ״The ancient Wisdom" erscheint hier in dritter Auflage. Die Annahme, daß der Inhalt dieses Werkes einem unverkennbar aufgetretenen Zug unserer heutigen Zeit entspricht, dürfte nicht ganz unberechtigt sein. Denn dem um die Wende des Jahrhnuderts wiedererwachten Bedürfnis nach tiefer Geisteskost, nach einer über die Alltagskämpfe erhebenden idealistischen Weltanschauung dürfte gerade dieses, von einer der geistvollsten Frauen der Gegenwart verfaßte Buch, wie kaum ein zweites, entgegenkommen. Enthält es doch eine gleichzeitig Berstand und Herz befriedigende Lösung so mancher Rätsclfrage, die an den tiefer Denkenden immer und immer wieder hcrantritt, wenn er den Blick auf die geheimnisvolle Welt seines eigenen Innern wendet. Nicht die jüngsten Ergebnisse psychologischer und philosophischer Forschung sind es, die in diesem Buch dem nach tieferer Erkenntnis Dürstenden geboten werden, sondern — wie sein Titel besagt — Schätze einer ״uralten Weisheit", einer Weisheit, von der sich Bruchstücke in allen großen Religionen, in allen tiefer dringenden philosophischen Systemen vorfindcn." Diese, dem Vorlvorte des Uebersetzers entnommenen Worte charakterisieren daS Buch vortrefflich, so daß sich eine weitere Auseinandersetzung hier erübrigt, zumal unsere Leser an dieser Stelle schon über einige Schriften von Annie Besant informiert worden sind. Vom Kriegsschauplätze. In Philippopel. Aus den politischen Zeitungen ist zu ersehen, daß allerhand ansteckende Krankheiten, wie Ruhr, Typhus und Eholcra, und die Schwierigkeit der Vcrproviantierung die bulgarischen Truppen zum Stillstände gezwangen haben. Wie sehr der Feldzug auf Bulgarien, besonders Rumclicn, drückt, geht aus einem Aufruf hervor, den die jüdische Gemeinde Philippopel in die Welt versendet. Darin heißt es: Brüder u. Schwestern! Bedenkt, daß der Winter bereits ins Land gezogen ist, und unsere Armen hungern und frieren müssen. Auch der Typhus und andere furchtbare Seuchen bedrohen unscrc Stadt. Täglich fallen viele unserer Brüder auf dem Schlachtfeldc, so laßt denn ihre bejammernswerten Familien nicht noch durch Hunger, Krankheit und Frost umkommcn! Schleunigste Hilfe tut not." — Aus Philippopel allein sind etwa 700 Juden im Alter von 20 bis 46 Jahren unter die Waffen gerufen worden, deren Familien der öffentlichen Wohltätigkeit anheimfallen. Die Teuerung aller Lebensmittel nimmt riesige Dimensioncn an. Im ganzen Lande herrscht eine Wirtschaftliche Krise, cs gibt keinen Kredit und kein gegenseitiges Vertrauen mehr. In Adrianopel. Adrianopel zählt 17.000 jüdische Seelen, gegenüber einer Gesamtbevölkcrung von 81.000. Die Gemcinde ist sehr alt, sie stammt aus dem vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung; sic bildete wiederholt eine Zufluchtsstätte für Juden anderer Länder. Die Gemeinde setzt sich aus vielen kleineren und größeren Gruppen zusammen, deren jede ihre eigene Synagoge hat. Jede Sznagogc trägt den Namen des Ursprungslandcs der ersten Mitglieder; diese Namen sind: Gregor!Griechen), Italien, Apulien, Sizilien, Aragon, Catalonien, Portugal, Toledo u. a. Auch eine aschkenasische Gemeinde gibt cs dort, die sich aus Einwanderern aus Bayern, Böhmen, Schlesien usw. zusammensetzt. Sofia, 20. November. Trotz dem ungeheueren Elende, das der Krieg über unsere Gemeinde und alle jüdischen Gemeinden des Balkans gehäuft hat, ist die Anteilnahme der hiesigen Judenheit an den Ereignissen eine ganz hervorragende. Das Rote Kreuz hat eine jüdische Abteilung, die unter Leitung des Oberrabbiner Dr. Ehrenpreis steht. In den Gemcindelokalitäten sind Werkstätten eingerichtet, in welchen Frauen aus der besten jüdischen Gesellschaft Wäsche für die Krieger anfertigcn. Täglich wird an mittellose Soldatcnfamilien Brot verteilt. Fast alle jüdische Schulen wurden in Spitälcr für verwundete Soldaten umgcwandelt. Bei der letzten Sitzung des Roten Kreuzes, die unter Anwesenheit Per bulgarischen Königin und des Ministcrpräsideuten stattfand, erstattete Oberrabbincr Dr. Ehrenpreis einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit der jüdischen Abteilung der Humanitären Organisation. Die Königin bat den Oberrabbiner, ihren Dank auch im Namen des Königs entgegen zu nehmen und ihn der jüdischen Gemeinde zu übermitteln.