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Jüdische Volksstimme · 1912-12-05 · Heft 35 (5.12.1912) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 35 (5.12.1912)
Date
1912-12-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 35. XIII. Jahrg. Beilage zur ienerJüd. Volksstimme' 5. Dezember 1912 Seite 9. ״Moaus zur״ (Im Versmaß der alten Melodie.) Chanükagesang. Von Dr. Arnold W e i s s e.*) Dir, Gott, geziemt vor allen Lob, Dir, Fels und meines Heiles Hort. Du, der einst Zion hoch erhob. Erbau es bald am alten Ort! Sind wir dereinst zum Volk vereint. Durch dich befreit von uns'rem Feind, Dann erst als Schluß klingt ^Sangesgrutz Zum Chanuka dir fort und fort. Ach, meine Kraft ward fast verzehrt In der Geschichte ganzem Lauf. Dort, wo den Apis man verehrt'. Dort stieg zuerst mein Unheil auf. Doch deine Hand, sie hat mit Macht Zum Schluß die Freiheit uns gebracht. Des Phar'o Heer, cs sank ins Meer, Vom Wirbclsturm verzehrt zu Häuf'. Dann kam ins Heiligtum ich doch. Dort aber ward mir nicht die Ruh', Den fremden Götzen dient' ich' noch. Mit Recht sührtst' du den Feind mir zu. Denn deiner Lehre sprach ich Hohn, Goß Götzenbildern Libation, Serubabel war rasch zur Stell', Nach siebzig Jahren halsest du. Auch Haman einst schürt' wilden Haß, Doch er, der mir Verderben schwor. Bald in dem eigenen Netze saß. Daß Leben er und Macht verlor. Zum Schluß ward ihm die Hölle heiß. Und Mordcchai fand Ruhm und Preis, Am Galgenholz brach Hamans Stolz, Dort mit den Seinen hing der Tor. Dann kam der Griechen wilder Sturm Zu uns'rer Hasmonäer Zeit, Sie sprengten meines Tempels Turm, Das heil'ge Oel ward schnöd' entweiht. O Wunder! Reinen Oels ein Krug War für acht Tage doch genug. Nach alter Weis' klingt Lob und Preis Drum, Herr, acht Tage weit und breit. Streck' aus, o Gott, zum Schluß den Arm. Beleb' durch Siege uns'ren Mut, Spend' Wonne uns nach langem Harm, O denk' an der Märtyrer Blut! Schon lang der Rettung harren wir. Das Elend will nicht enden schier. Erweck' aufs neu, dem Feind zur Scheu Uns.Bund'sgenostcn, treu und gut. *) Dr. Arnold Weis s e, Sohn des berühmten Oberrabbiners Josef Weiffe und besten Gattin Charlotte, geb. Donat, wurde am 28. August 1842 zu Prerau in Mähren geboren und starb am 24. August 1910 zu Wien. Er war als Schriftsteller und Dichter sehr geschätzt und wirkte als Redakteur des ״Hamburger Frcmdcnblattcs" viele Jahre in der großen Hansastadt. Wo er durch seine Feder menschenfreundliche Bestrebungen fördern konnte, war er stets dazu gerne bereit. In seinen letzten Lebensjahren, die er in Wien verbrachte, rcschienen von ihm einige treffliche jüdische Novellen und Dichtungen für die jüdische Familie, wie ״Chamischosier", Megillas Esther", das obige Chanukalied u. a. m. Seine sterblichen Ueberreste ruhen auf dem alten ״Guten-Lrt" zu Waag-Ncustadtl — Vaguyhcly — in Ungarn, zu Füßen seiner unvergeßlichen großen Eltern. M. A. Exegetisches zum Wochenabschnitt וישב Von Rabbiner Dr. A. Deutsch. Zweck und Ziel der Erzählung dieses Wochenabschnittes wie auch der noch folgenden im ersten Buche Moses vom religiösen Standpunkte näher zu bestimmen, ist mit manchen nicht verkennbaren Schwierigleiten verbunden. In formaler Hinsicht erscheint schon der Umstand als hinlänglich auffällig, daß entgegen den einlcitcnddn Worten: י אלה ת לדור; יעקב «Diese sind die Nachkommen Jakobs" im weiteren Verlauf eigentlich nur von Josef und seinem Schicksale die Rede ist. Die übrigen Söhne des Jakob und auch er selbst nehmen in diesen Erzählungen Verhältnismäßig nur einen sehr bescheidene nRaum ein, sie grup- Pieren sich schon in der historischen Darstellung wie ganz kleine unbedeutende Figuren um die wichtigste Mittelperson, um Josef, sie bilden sozusagen den Hintergrund zu dem herrlichen Lebensbild dieses Lieblings seines Vaters. Halten wir alle jene Berichte, die die Bibel über das Leben und Wirken unserer drei Stammväter enthält, dem gegenüber, was wir aus der heiligen Schrift über die zwölf Jakobssöhne namentlich über den hervorragendsten unter ihnen, über Josef erfahren, so werden wir folgende interestante und vom Gesichtspunkte der Religion sehr bedeutsame Wahrnehmung machen. Im Leben der Stammväter geschieht nichts Geringes und nichts Großes ohne das direkte und ausdrücklich betonte Eingreifen Gottes. Ihre Wanderung wie die Wahl Ihres Aufenthaltsortes toird ihnen im voraus von Gott bestimmt und zu wiederholten Malen ihnen eine große Zukunft, eine zahlreiche Nachkommenschast und der Besitz des gelobten Landes durch besondere himmlische Offenbarungen zugesichert. Sic fühlen sich, mit einem Worte, mit ihrem ganzen Wesen und ihrem ganzen Streben in ununterbrochener Beziehung zu Gott. Nach der Geburt der zwölf Söhne Jakobs, beziehungswcise nach dem Auftreten derselben auf der Schaubühne unserer Geschichte erhält diese einen ganz anderen Charakter, eine mehr menschliche Färbung in ihrer ganzen Darstellung. Wohl erscheinen alle zioöls Brüder, mit der heiligen Aufgabe ausgcstattet, die großen Traditionen ihrer Vorfahren weiter zu erhalten und ihnen die Wege der spätesten Zukunft zu bahnen. Allein keinen von ihnen erscheint mehr Gott unmittelbar, um ihr Tun und Gehaben zu bestimmen und zu bceinflusten. Die Lehren der höheren Moral und Sittlichtcit, die aus der starken Basis der von ihren Vätern bereits durch drei Generationen mit ganzer Hingebung gepflegten Gotteserkenntnis emporgeblüA war, lvird von ihnen schon als etwas Fertiges ererbt und hiermit ist chnen eigentlich der Weg genau vorgezeichnet, den sie zu gehen und die Tat, die sie zu üben haben. Tie Einzeloffenbarung Gottes von Fall zu Fall, wie dies bei den Vätern mannigfach geschah und zur Begründüng der wichtigen Kulturepoche durch sic auch notwendig war, brauchte, sobald das Fundament zur Werterentwicklung der sittlichen Idee der Gottesherrschaft aus Erden genügend gefestigt erschien, nicht mehr zu erfolgen. Für alle Handlungen, für die guten wie für die schlechten hatte künftighin der Mensch allein die volle Bürgschaft und Verantwortung zu tragen, und darum sollte der Selbständigkeit seiner» Entschließungen durch das sichtbare Dazwischentreten der göttlichen Macht nicht mehr beeinflußt werde». Ties aber bedeutet vom Standpunkte der religiösei: Entwicklung einen großen Fortschritt gegen die frii- Here Zeit, wenn auch in dieser die drei Stammväter als Einzelpersonen durch ihre hervorragenden Tugenden, durch ihr Lebensbeispiel die einzelnen der JakobSsöhve bei weitem übertrcffen. Und daß auch unsere Alten von dem höheren Maß» der Entbehrlichkeit des ständigen sichtbaren Eingreifens Gottes in das Lebensschicksal des Menschen durch Wunder und Offenbarungen ebenso dachten, geht aus folgender eigenartiger Bemerkung derselben klar hervor. Warum sagt die Bibel von Noah: את האלק התהלך נה Noah wandelte mit dem Ewigen, wo wir doch später Abraham sprechen hören: א יצל התהלכתי לפ5יו Gott, vor welchem ich wandelte? Noah, meinen sie, bedurfte wegen seiner geringeren Sicherheit in der Hebung des Gottgefälligen noch einer ständigen Stütze, Abraham hingegen war durch seine Tugenden zur Genüge gefestigt und darum auch sittlich mehr befähigt, gewissermaßen allein zu gehen, vor Gott zu wandeln. Nach diesen allgemeinen Bemerkungen wollen wir unsere Aufmerksamkeit dem Inhalte unseres Wochenabschnittes zuwenden. Und schon der erste Vers bietet mannigfache Anregungen. Dieser erzählt: ״Und Jakob ließ sich nieder im Lande des Aufenthaltes seines Vaters, im Lande Kanaan." Die Veranlaflung zu der hier geschilderten Entschließung Jakobs liegt in dem unmittelbar vorangehenden Bericht über die Wahl des Wohnortes des Esau und seiner Nachkommen im Gebirge Seir im Lande Edom. Hiemit aber erschien Jakob das größte Hindernis, das Land Kanaan als sein alleiniges Eigentum betrachten zu können, beseitigt. Kein Wunder daher, wenn angesichts dieser neuen Sachlage und nach der glücklichen Ucberwindung der vielen Schwierigkeiten und Kämpfe seines Lebens nunmehr im Greisenalter der schmeichelnde Gedanke sein Herz beschlich, daß endlich für ihn und seine Kinder die Zeit der Erfüllung der göttlichen Verheißungen angebrochen sei, um in Enuck und in Frieden in dem zugeschworenen Lande die Früchte seiner mühseligen Lebensarbeit genießen dürfen. Darum לייצב יעקב ließ sich Jakob hesfnungSfroh und in aller Behaglichkeit in dem Lande nieder, das צגורי אביו seinem Vater noch als ein vorübergehender Aufenthaltsort galt, als ein Ort, wo er sich ך; , als ein Fremdling fühlte. In dem gleichen Sinne sprach ja auch Abraham zu den Söhnen Chetü: ״Ein Fremdling oder ein Beisasse bin ich unter euch." Nur Jakob gab sich »ach einem Dasein voll Plage und Prüfungen der süßen Täuschung hin, daß die Besitzergrcifnng Kanaans für Israel schon von der Zeit seiner Rückkehr dahin datiere und als!nützte in der Geschichte das dem Abraham verkündete schivcre Verhängnis nicht erst zur Tat werden. ״Wissen sollst du, daß deine Nachkommen Fremdlinge seiii^werden in einem nicht ihnen gehörigen Lande und man wird sie knechten und quälen 400 Jahre und hernach werden sie mit großem Vermögen wegziehen." Die traurigen Ereignisse, deren Schauplatz bald hernach Jakobs Haus gebildet, wurden daher für ihn zu einem Menetekel und rissen ihn unsanft aus seinen süßen Träumen, damit er den Fehler in seinen Berechnungen einsehe nnd erkenne, daß die Fremdheit in diesem Lande noch nicht ihren Abschluß gesunden, daß aus dem Boden von ".2!נ ל ל י אבי des Aufenthaltsortes seines Vaters für ihn noch Prüjungen schwerster Art entstehen können, daß dieser Boden führ ihn gemäß der spcachverwandtschafllicheii Bedeutung der Ausdrücke, noch ג ל יי צ! 2 צ י ב C die Keime von erschütternden Schrecknissen in sich vergen kann. Das Hervortreten Josefs in unserer Volksgeschichte wird nun in der biblischen Erzählung mit den Worten eingeleitet: אלה תלדלת יעקב ילסף בן יצבע עיצרה יצנההיהרעה את אה בצאן להלא נער את בני בלהה לאת בניזלפה ניצי אביו ל בא •לסף את לבתם רעה אל אביהם ״Diese sind die Nachkommen Jakobs, Josef!vor 1r Jahre und weidete mit seinen Brüdern das Kleinvieh und er hielt sich als Knabe zu den Söhnen der Bilha und zu den Sühnen der Silpah der Weiber seines Vaters nnd Josef brachte die bösen Gerüchte über sie zu ihrem Vater." Dieser Vers, genauer betrachtet, gibt uns schon im vorhinein eine genaue Aufklärung und eine :'>׳re Begründung für alles das, ivas in der weiteren "v-1 ge unter den Söhnen Jakobs vorgefallen ist. tute auch e!ae hinreichende Handhabe zur Beurteilung der un!e׳ V״ zwölf Brüdern herrschenden Verhältnisse. Vorausschicken müssen wir die feststehende La!- sache. daß wir es hier mit den Kindern von vier!!ה־ schiedenen Frauen und überdies von Frauen ziveier streng zu sondernder Kategorien zu tun haben, Viahel nnd Leah waren die ivirklichen Frauen des Jakob. Bilha und Silpah standen hingegen zu diesen Frauen in dem Verhältnis von Mägden. Nun wissen tutr aus der Geschichte der erste» zwei Stammväter, daß in ihrem Hattse zum Zivecke des Betrautwerdens mit der religiösen ,K!tlturaufgabe für die Zukunft unseres Volkes eine nicht zu verkennende Aussonderung des würdigsten ihrer Kinder vorgenommen wurde. Vor Jsmael und den so» sligen Söhnen Abrahams ist es nur Jsak und von dessen Söhnen wiederum nur Jakob, der als Erbe des Segens Abrahams sich zu bewähren die Pflicht erhält. Wie leicht können nun auch unter den Kindern Jakobs, Ivenit auch hierfür keine göttliche ,Kundgebung vorlag. rein aus menschlichen Erivägungen, aus Neigung zur Eitel ין keil heraus Tendenzen in dieser Richtung der Vorherrj schuft des einen über die anderen entwickelt haben. Eine; gewisse Spur eines zwischen den Söhne» der Freien und der Mägde vorhandenen Unterschieds darf man 1 vielleicht auch schon in deni äußeren Umstande der biblischcn Erzählung selbst über die Jakobssöhne erblicken, daß diese uns nur aus dem Leben der ersteren gcivisse Züge, wenn auch nicht gerade der edelsten Art auf bewahrt hat, ivohingegen die letzteren selbständig auch nicht einziges Mal hcrvorgetreten. Wenn tutt: sonach an eine Rivalität denken, so kommen hierbei nur die Söhne der Leah und die der Rahel in Betracht. Hallen nun Leahs Söhne das historische Recht zu einer gewissen Uederordnung aus dem Grunde auf ihrer Seile, weil Jakob sie früher geehelicht und sie ihm die Kinder früher geschenkt habe, so mag wiederum Josef nicht unbekannt gewesen fein, daß seine Mutter der Herzensneigung nach die erste im Hause seines Vaters

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