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Jüdische Volksstimme · 1912-11-28 · Heft 34 (28.11.1912) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 34 (28.11.1912)
Date
1912-11-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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.Seite 10. ״Jüdische Bolksstimme." Nr. '34 gelangt dann in ein urscmitischcs Kulturgcbict, dessen Ergiebigkeit die superiorcn Arier erst zirka 2000 Jahre später zu tvürdigcn begannen. So ausfallend cs auch scheinen mag, so wahr ist cs, dass die außcrgewöhnliche Obsorge der inferioren Juden für den Jugendunterricht schon anderthalb Jahrtausende vor Gutlenbcrgs Erfindung eine Umschreibung des Tctragrammaton zur Notwendigkeit gemacht. Die Frage nach dem Anlässe zur Umschreibung des vicrbuchstäbigcn Gottesnamens ist demnach ein kulturhistorisches Problem. Ein Kulturhisiorikcr kann und darf demnach die Tatfache nicht mit Stillschweigen übergehen, daß die auf ihre ״christliche" Zivilisation so stolzen Arier verhältnismätzig spät erst cinsehcn gelernt, dass Schulzwang der größte Kulturhebel ist. Und wenn dieser Kulturzweig gegenwärtig bereits von allen christlichen Völkern in Pflege genommen ist, so ist das, im Vertrauen gesagt, ebenfalls eine Etappe aus dem Vormärsche zur Vcrjudung. So groß auch mein Mitleid mit der verganisicrtcn Rotte unter prinzlich Licchtensteinschcm Banner auch ist, so wenig berechtigt bin ich, die Tatfache zu verschweigen oder auch nur zu bemänteln, daß die £csscmlichkcit des Jugcnduntcrrichtcs nicht die erste und auch nicht die letzte Station aus dem Wege zur Verjudung ist. Fände nicht der Seelcnschmcrz der bcmitleidcnswcrtcn Antisemiten einen zu starken Nachhall in meinem Herzen, so würde ich nicht mit der Enthüllung zurückhaltc», daß die antisemitische Verbrämung aller deutschen wie tschechischen Schulvcreinc dahinziclcn, ihre Nachbildung unserer Talmud-Thora- Ehcbroth unkenntlich zu machen. Ncbstdcm leitet mich bei meiner Schweigsamkeit auch Rücksichtnahme auf die semitischen Antisemiten. Die Erfahrung, daß sic mit ihrem Geldc, welches das non ölet so tatkräftig bclvcist, cigcnrlich nur jüdische Institutionen fördern, könnte sie dahin bringen, für nicht länger noch offene Taschen zu habe» für Vereine, welche die Inferiorität ihrer Vorbilder verewigen. Ich beschränke mich daher aus die Bekanntgabe, daß die inferioren Juden öffentliche Schulen auf Basis des Schulzwanges schon in einer Zeit hatten, wo die Russen, die gegenwärtig als Urheber aller ttultur sich gebärden, noch keine Ahnung vom Vorhandensein einer Schrift hatten. Eine richtige Belvcrtung der so frühzeitigen Gründüng von öffentlichen Schulen ist von der richtigen Vorstellung der Schwierigkeiten bedingt, die der Verwirklichung dieses Problems hindernd in den Weg trateit. Der Jugenduntcrricht ist einmal, das wird heute zutage von niemandem mehr angcztvcisclt, der größte Kulturhebel. Diesem fehlte aber zu jener Zeit der notwendige Stützpunkt Lehrmittel. Gedruckte Schulbücher harrten noch der Entdeckung. Man stelle sich einmal eine Schulklasse vor, deren Frequentanten auf Unterrichtsbücher angewiesen sind, deren jedes von bezahlten Händen in Druckschrift angcfcrtigt werden muß. Welchcn Grad von Wohlhabenheit müßten wohl die Eltern erreichen, um ihre schulpflichtigen Binder mit solchen kostspieligen Lehrmitteln zu versehen? Und welches Buch mochte ivohl damals das gccignctstc für den Kindcruntcrricht gelvescn sein? Des Unterrichtes Endziel ist die sittliche Erziehung der Jugend, demnach muß das Schulbuch die Versittlichung zum Ausgangspunkte habe». Noch im vierten Jahrhundert versuchten die Kirchenvätcr die Verdächtigung der sittlichen Lauterkeit ihrer Religion durch die Beteuerung zu entkräften, daß das ganze mosaische Gesetz, dessen Ethik älter und erhabener als die ihrer Widersacher sei, für sie richtunggebend sei. Einige nannten sogar die jüdische Bibel eine Darlehcnskassa, tvcil sic nachwicscn, Griechenlands Weise — als Thaies, Sokrates — und Dichter (Homer) sich ihre Weisheit dort ausgclichen haben. Und wenn trotz dieser kirchenvätertichen Zeugcnschaft die Gesittung mit der Marke ״christlich" in Versand geschickt wird, darf uns dies cbcnsolvcnig wundernchmcn, wie Herrn von Schönerers scharfe Akzentuierung seines unverfälschten Germanentums trotz seiner Vcrivandtschaft mit ״Reb Schmul Löb!,lohn". Wer weiß, ob nicht diese Erkenntnis ihn zum so beredten Anwalt der Wicdcrinthronisation des dcposscdicrten Wotans machen mag. Sei dem tvic ihm »volle; Tatsache ist, daß die Schöpfer des größten und tvichtigstcn Kulturhcbcls für ihre Jude» kein andercs ethisches Schatzkästlein gesucht als ihr uraUes. Wieviel mochte aber ein geschriebener Pentateuch gekostet haben? konnten minderbemittelte Eltern eine solche Ausgabe sich gestatten? Und Kinder minderbegütertcr Ellern von der Teilnahme vom ösentlichcn Unterrichtc ausschlicßen, ging auch nicht an. Lautete doch die ausgcgebcne Parole: ■Tin הזהרו בבני עניים שמהם תצא ״Wendet eure ganze Sorgfalt den Kindern der Armut zu: denn von ihnen gerade ist die Fortpflanzung der Thora zu erwarten." Da wurde ein Ausweg gesucht und gesunden. Unter den vielen Usancen wurde ganz besonders die in Gebrauch genommen, daß jedem Schü- Icr von seinem Klassenlehrer das wöchentliche Pensum auf ein Blatt geschrieben wurde und am Ausgange der Woche wcgradiert, um dem Unterrichtsstoffe für die beginnende Woche Platz zu machen. Doch so leicht war diese Einrichtung nicht durchzuführen. Wie ich eingangs gleich angedcutet, war diese Kulturfläche von einer Fülle halachischen Gestrüppes eingchcgt. Eine ansehnliche Menge von gesetzlichen Vorschriften und Anordnungen erschwerten das gedachte Hilfsmittel in der Praxis zu verwerten. Daß das מחיקת ה ען ם - die Radierung eines niedcrgeschriebeilen Gottcsnamens sündhaft sei, dürste selbst Laien bekannt sein. Der Herr Fragesteller, der Kabbalist ist und dem daher sicherlich das Gebiet der Halacha keine Tcrrainkognita ist, dürfte nicht minder stutzig sein in der Erinnerung an 2לא כתן לבת an das Verbot, Bibclverse, aus dem Zusammenhänge gerissen, niederzuschrcibcn. Mit einem Worte, nicht bloß die Radierung eines niedergeschricbcncn Gottesnamens, auch das Niederschrciben einzelner Bibclverse unterliegt einer geschlichen Einschränkung. Nachdem diese Materie doch nur für Fachmänner Interesse hat, und zwar auch nur theoretisch, weil sie außerhalb unserer gegenwärtigen Praxis liegt, beschränke ich mich auf die Hindcutung auf die Stellen, lvo über dieses Thema verhandelt wird. Talmudtraktat Thcmura 14 b, Hannesokin 60 b. Sabbat 115 a und b, 116 a und b, Joma und Megila 8. Das sind die Hauptstcllcn. In diesen Arsenalen wird der Fragesteller mit Waffen zur Bekämpfung-des Brauches von mit Bibel- Versen beschriebenen Täfelchen für Schüler ausgerüstet werden. Zur Ermutigung sei es ihm gesagt, daß er in seiner Gegnerschaft nicht isoliert stehen wird. Seine .Kampfgenossen werden sein R. Miggasch, Maimon, Rawcd, die Baale Thosaphoth, Rabbenu Ascher und fast sämtliche Rischonim. Aber nur in der Theorie, in der Praxis hingegen strecken alle ihre scharf geschlissenen Waffen. Und ihre Kapitulationssormcl lautet: ״Was tun בבר הורה הזקן der Greis hat bereits entschieden." Dieser Soken ist nämlich kein anderer als Alsasi, eine Autorität, der gegenüber jeder Opponent immer seinen Scharfsinn ausbietct, um seine entgegengesetzte Ansicht in Uebercinstimmung zu bringen mit ihrer. Und womit stützt Alsasi seine Einwilligung? Mit der ihm eigenen Kürze entschied er. בתבין מנילה לתינוק להתלמד בה ״Man beschreibe ein Blatt für den Unterricht der Kinder." Begründet wurde diese Zulässigkeit mit עת לעימות לד." וב" Der Jugenduntcrricht ist ein Gottcsgcbot. Wer vor die Alternative gestellt ist, entweder diese religiöse Pflicht oder eine andere unerfüllt zu lassen, muß immer cs verziehen, die Pflicht des Jugcndunterrichtes zu erfüllen. Damit aber war dieses Thema noch nicht cndgültig erschöpft. Um so weniger als möglich mit den bestehenden Vorschriften in Konflikt zu kommen, wurde die Wortzahl für eine Reihe eingeschränkt, das für die Buchstaben A und L cingeführt, die einzelnen Wörter virguliert, z. B. ,׳ מש״ד f° der Gebrauch von 71ר״ und statt des Tctragrammaton wurden drei I geschrieben. Ob dies auch durch ' ] י ersetzt wurde, mag ich lveder bejahen noch verneinen. Unter den Gedole haposkim.habe ich darüber nichts gefunden. Woher der Brauch, anstatt der drei nur zwei I zu schreiben, ist mir beim Quellenstudium nichts zur Aufklärung gelangt. Wenn dem Herrn Fragesteller meine persönliche Vermutung nicht a limine zu verwerfen scheinen sollte, möchte ich eine Konjektur ihm bekannt geben nebst der Versicherung, mich in meiner Ehre nicht gekränkt zu fühlen, wenn er sic als nicht akzeptabel finden sollte. Der Anfangsbuchstabe des Tctragrammaton ist bekanntlich, und dessen Definition lautet: ״Ehcjch aschcr Ehejeh". In dieser Definition ist somit dieser Gottesnamc wiederholt. Nehmen wir von der Definition ״Ehejeh" jedesmal den Anfangsbuchstaben des Tctragrammaton als p ר desselben heraus, so haben wir die zwei ״I". Wie gesagt, ist das meine Konjektur. Bevor ich schließe, möchte ich noch einen flüchtigen Blick auf die Zeit werfen, in welcher das geistige Turnier über die Herstellung erschwinglicher Schulbücher für die Jugend stattgcfundcn. Sprühende Geistesfunken gewahrt man in der Arena, lvo ritterlich um das Dafür und Dawider von jüdischen Kämpen gestritten wurde. Und dieser unblutige Kamps bietet jedem unbcfangencn Zuschauer einen richtigen Maßstab für unsere Inferiorität und arische Superiorität. Die oben erwähnten Heroen lebten in der Zeit der Kreuzzüge. Wäbrend nun die Kreuzritter auf ihrem Waffengange Ströme Blutes fließen machten, Greise, Kinder, Männer und Weiber niedermctzeltcn, in deren Adern das Blut dessen pulsierte, dessen Grab sie erkämpfen wollten, 5 standen semitische Geistesritter kampfgerüstet einander gegenüber, ohne auch nur einem, einzigen Individuum das Lebenslicht auszulöschen. Wie weit abseits der christlichen - Zivilisation standen jene inferioren semitischen Ritter! Das war, richtig beurteilt, eine Folge ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der ״christlichen Nächstenliebe". Simon Wolffsohn. Oückeröesprecliungen. Johann Gottlieb Fichte: .Die Bestimmung des Menschen. Neu herausgegeben von Fritz Medicus. Felix Meiner Verlag, Leipzig. ISS S. 1 M. 80 Pf. Diese Schrift des großen deutschen Denkers gehört zu seinen volkstümlichsten und sie verdiente es wahrlich, viel mehr bekannt zu sein. Als das Manuskript der ״Bestimmung" abgeschlossen war, schrieb Fichte an seine Frau: ״Ich habe bei der Ausarbeitung meiner gegenwärtigen Schrift einen tieferen Blick in die Religion getan, als noch je. Bei mir geht die Bewegung des Herzens nur aus vollkommener Klarheit hervor; es konnte nicht fehlen, daß die errungene Klarheit zugleich mein Herz ergriff." Und so ist diese Schrift auch ge!cyrieben: ihre kristallklaren Gedankengänge reißen den Leser hinauf zum begeisterten Bewußtsein seines göttlichen Ursprungs. Das Thema des Buches ist die alte philosophische Frage, welche mit Descartes der Ausgangspunkt der neueren Philosophie geworden ist, die Frage: ״Was bin ich?" Sie wird im ersten Kapitel, das den Standpunkt des Zweifels vertritt, naturalistisch beantwortet: der Mensch ist nur ein Rad am Mechanismus des Seins. Im zweiten Abschnitt vom Wissen wird gezeigt, daß dieser Mechanismus selbst eine Tat des vernünftigen Ich ist, also so wenig die Freiheit aushcben kann, daß er vielmehr erst durch sie besteht. Im dritten Kapitel wird dargelegt, wie uns der Glauben die Realität dessen garantiert, worin und wodurch wir unsere Zwecke verwirklichen sollen. Die sinnliche Welt ist das Material für unsere Pflichterfüllung. Unser Leben ist Leben der Pflicht und darum ewig wie diese selbst. Nicht erst nach dem Tode treten wir in Ewigkeit ein, vielmehr schon jetzt und hier, wenn wir uns entschließen, dem Vcrnunftgesetz zu leben. " Möchte die neue Ausgabe dieser ׳ tiefen Schrift viele Leser finden! Friedrich Nietzsches Werke. Taschenausgabe in Lieferungen. Alfred Kröncr Verlag in Leipzig. (Erscheint vollständig in 44 Lieferungen zu 1 Mark. Alle 14 Tage eine Lieferung.) Nietzsches Werke sind' schon in mehrfachen Ausgaben erschienen. Wenn dennoch der Verlag Kröner in seinem Prospekte mit Recht sagen kann, daß die neue Auflage ״aus einem praktischen Bedürfnis hervorgegangen" ist, so möchten wir das einem zweifachen Umstände zugute schreiben. Zunächst: es ist eine Ausgabe in Taschenformat. Das ist für unsere Zeit sehr wichtig. Man mag darüber klagen, wie man will — auch unser Geistesleben ist in der äußeren Art seiner Betätigung mehr oder minder von der Mechanisierung ergriffen worden. Wieidele Glückliche gibt cs noch, die sich aus zwei oder drei Stunden ruhig hinsetzen können, um zu lesen? Recht wenige. Sehr viele aber, denen ihr Berufsleben nur die Stunden für eine geistige Äcbeit frciläßt, lvo sie in der Elektrischen, in der Stadtbahn oder Eisenbahn zur׳ Berufsstätte fahren. Das mag nicht allzuviel Zeit frei geben, aber wer mit dem hohen Gut der Zeit haushälterisch umzugehen versteht, der wird auch Minuten zu nutzen suchen. Und da ist denn so ein Taschenbändchen von ISO Seiten viel besser zu brauchen ,als der dicke Band. Dies der eine günstige Umstand. Der zweite Vorzug ist ein sachlicher, der mit dieser Art des Erscheinens verbunden ist. Nietzsche zu lesen, ist nicht leicht und besonders dann nicht, wenn man mit den reifsten und bekanntesten Werken des Philosophen den Anfang macht. Da ist es denn recht gut, mit den Jugendschriften zu beginnen, die hier in den ersten Lieferungen erscheinen werden, und sich so nach und nach in geduldig fortschreitender Arbeit in das Lebenswcrk unseres letzten großen Philosophen einzuleben. — Dies über das Formelle der neuen Ausgabe. Auf den Inhalt der Bände werden wir jeweils zurückkommen, wenn ein Band abgeschlossen vorlicgen wird. ü Sternhof I bestes aller Bitterwässer.

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