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Jüdische Volksstimme · 1912-11-21 · Heft 33 (21.11.1912) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 33 (21.11.1912)
Date
1912-11-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. ״Jüdische Bolksstimme." Nr. 3Z tctc Segen auf Jakobs Haupt nur Unheil brachte und anstatt des ruhigen Genusses des verheißenen Glückes ihn vorderhand aus dem väterlichen Hause in die düstere Einsamkeit hinaustricb. ייקח מאבני המק* ם Was jedoch Jakob dauernd geblieben ist und ihn auch in seiner Verlassenheit immer treu beschützte» das war der von seinem Vater gutwillig chm übertragene Segen Abrahams. Dieser bewährte sich gar wunderbar schon in den ersten Stunden von Jsaks Entfernung aus dem elterlichen Heim. Denn während ein anderer Mensch unter den gleichen äußerst traurigen Verhältnissen unrettbar der Verzweiflung verfallen wäre, diente alles Unglück im Leben unseres Stammvaters nur zu dcsicn innerer Läuterung» zur Erhöhung seines sittlichen Wertes. Und wie erhaben, ergreifend schildert dies die klastische Art der deskriptiven Kunst in der Bibel. Und er nahm von den Steinen jenes Ortes, wo das nächtliche Dunkel sich beunruhigend über ihn niedcrgclassen hatte und er schlief einen tiefen und Wohltuenden Schlaf aus diesen Steinen und träumte. Und welch einen Traum! Die prophetisch verklärte Uebcrzcugung seiner Seele» wie kommt sie hier in einem herrlichen Bilde zu lebendigem Ausdruck, die stumme Regung seiner Gefühle und seiner Gedanken» wie werden sic da so verständlich beredt! והנד, שלם מצב ארצה וראשו מדע השמימה והנה מלאבי אלק" עלים וירדים בו .,Und siche eine Leiter stand auf Erden, ihre Spitze aber reichte bis an den Himmel und Engel des Ewigen stiegen auf ihr auf und hinunter." Sollrc nicht diese Wundercrscheinung eines Traumgesichtes das Vorbild sein können auch für ähnliche Möglichkeiten des realen Lebens? Liegt cs doch so greifbar nahe, die gottentstammtc Seele des erkennenden und denkenden Brenschen als eine Leiter aufzufassen, die uns aus den tiefsten Erniedrigungen vcrtrauend empor zu ihrem Ursprünge, zu ihrem Schöpscr und Bildner trägt. והנד, ך״;ע־ ',י־ •ן Ist cs doch der Ewige, der aus der Spitze dieser Leiter steht und zu dem über alles irdische Weh hinweg eine lichte Bahn führt. Was erst bedeuten die Worte der Offenbarung selbst, die aus dieser Erscheinung heraus zu Jakob dringen. Wie geben sic die notwendige Antwort auf die wichtigste Frage, welche dazumal Jakobs Seele vor allem bcschäsiigcn und in ihren tiefsten Tiefen erschütlern mußte? Was wird nun aus der Verheißung der Väter» wird deren Erfüllung nach möglich sein, da er» der Adept der Vätcrtradition durch des Bruders Haß den Boden jenes Landes verlosten muß, daß einst ihm und seinen Nachkommen gehören sollte, und besten Grenzen sein Vater gewiß nur im Geiste dieser Verheißungen gar niemals überschreiten durfte? Die Not und das Elend des Augenblicks schienen nur die grinsenden Ungeheuer zu sein, die ihre Blicke mit Schadenfreude aus das zerstörte Mcnschcnglück richten. Doch an der Macht von Jakobs Gottvcrtraucn mußte die niedcrbcugcnde Gewalt solcher finsterer Gedanken zcrschellcit. Er bot allen Versuchungen kühn die Stirn und wankte nicht. Allen feindlichen und vcrdcrblichen Einslüstcn der damaligen traurigen Lebensläge gegenüber gewann er die herrische Kraft der Sclbsiübcrlvindung. Und unsere Weisen kleiden diese wahrhaft ergreifende Szene des großen Scclenkampfcs, den Jakob dazuinal siegreich zu Ende geführt, in die Worte eines Selbstgespräches dieses Patriarchen» welchcs lautet: הזר ואמר מה אנא מובד מברי מן בריי דם ושלום לית אנא מובד מבי־* מן ברי* אלא עזרי מעם ר/ ״Dann aber sprach er: Wie sollte ich etwa mein Vcrtrauen auf seinen Schöpfer: cinbühcn Da sei Gott vor! Ich lvill mein Vertrauen auf meinen Schöpfer nicht verlieren, denn: meine Hilfe ist beim Ewigen." Und was er nach diesem glücklichen Versuche einer Steigcrung der gottvcrtraucndcn Energie als göttliche Vcrkündigunz vernimmt, ist nur eine gcrchtfcrtigtc Beslätigung dafür, daß seine Hoffnungen für die Zukunst auf einem starken Ackcrgrundc ruhctcn. הארץ אשר אתה שבב עליה לך אתננה ולזרעך ״Das Land, auf dem du ruhst, werde ich dir und deinen Nachkommen geben." Heute ziehst du als verlasse!,! >־, verfolgter Bettler aus dem Lande fort, das du und deine Nachkommen einst als Fürsten beherrschen werdct. ״Wcgzogcn sie weinend, tragend den Wurf der Aussaat, hcimkchrtcn sic in Jubel, tragend die voll'.n Garben". Die Warheit dieser schönen Psalmworte, aus einer späteren Epoche unserem Volksgcschichte heraus gesprochen, hat sich durch die Schickungen im Leben unscrcs dritten Stammvaters gar wunderbar und nach dem bekannten Grundsätze im voraus verwirkljcht: ״Daß der Väter Beispiel im Dasein ihrer Nachkommen seine Wiederholung findet." Einsam zog Jakob weg in die Fremde, um sich dort, aller menschlichen Hilfe beraubt und nur durch die Tugend seines Herzcns aus Not und Elend zu erheben und durch seine zwcls Söhne, mit denen ihn Gott gesegnet hat, 5־tu üarkcn und sicheren Grund zu dem künftigen nat׳'׳:- nalen Leben unseres Volkes, das seinen Namen trägt, zu legen. Die Worte der göttlichen Zusage zumal: ״ich >.׳ erde dich in dieses Land wieder zurückbringen" bargen gewiß alles das in ausreichendem Matze in sich, was geeignet war, der von Unruhe erfüllten Seele des wegziehenden Jakob Zuversicht und Befriedigung zu ge- »vähren, die reale Grundlage für die Erfüllung der an die Zukunft unseres Volkes geknüpften Verheitzuugen zu verbürgen. Unter dem Eindrücke dieser Verheißungen geschah c« nun, daß: וייקץ יעקב Jakob erwachte. Er erwachte nicht bloß aus seinem natürlichen Schlafe, svr.dcrn zu einer ganz neuen Erkenntnis über die dem 27e: 'wen innewohnende Kraft und Fähigkeit. Neue Gedanken nnd neue Wahrheiten tauchten da aus in seinem Geiste von so weittragender Bedeutung, daß er ihren Wirkungen ganz hingcgebcn, den Ort dieser Erscheinungen. die Geburtsstättc dieser Offenbarung cm Gotteshaus und di: Pforte des Himmels nennt. Was nun Jakob in unmittelbarer Folge dieser merkwürdigen Gcschchniffe tat, war ein Gelübde vor dem He:in Er sprach: Wenn Gott mit mir sein wird und mich behütet auf diesem Wege, den ich gehe und mir g:bt Brod zu essen und ein Kleid anzuziehcn, so ich zurückkehre in Frieden in das Haus meines Vaters, so soll der Ewige mein Gott sein und dieser Stein, den ich als Denkstein aufgerichtct, soll ein Gotteshaus sein und alles, was du mir gibst, will ich dir verzehntcn." Sehen wir uns den Inhalt der in diesen Versen der Schrift von Jakob ausgesprochenen Wünsche und Bitten genauer an, so werden wir uns nur davon überzeugen, daß er gegenüber den im prophetischen Traumzesichte von Gott den Patriarchen gegebenen Znsicherungcn nichts neues bietet. Weshalb also die Wiederholung von etwas in Gcbctsorm, was von Gott schon ohnedies und unbeeinflußt von des Menschen Gebet in sichere Aussicht geslcUt wird? Ucbcrdies widerspricht ja ein Gelübde solcher Art, dessen Erfüllung Gott gegenüber erst an eine Bedingung geknüpft loird. einer jeden religiös ethischen Empfindung und cs steht im grellsten Gegensätze zu der erhabenen Lehre des Antigonos aus Socho: ״Seid nicht wie die Knechte, die dem Herrn des Lohnes wegen dienen." Dieses berechtigte Bedenken gegen das hier von Jakob geleistete Gelübdewie auch der gleichlautende Inhalt seiner Worte mit den göttlichen Verheißungen von früher machen cs notwendig, diese ganze Bibelstelle anders und ethisch mehr gerechtfertigt aufzufastcn. Gerade diese Wiederholung der Worte der Offenbarung Gottes durch Jakob zum Zlvccke der Abfassung seines Gelübdes gibt uns auch die sicherste Handhabe zur rich- Ligen Beurteilung des Gelübdes überhaupt. Jakob zweifelt gewiß keinen Augenblick daran, daß alle die Zusicherungen Gottes an seine Zukunft und an die seiner Nachkommen ungeschmälert in Erfüllung gehen werden und wollte deshalb Gott durchaus nicht durch feine Versprechungen zu einer Tat bewegen, ihn sich zu etwas verpflichten, was ohne sein Hinzutun bereits früher verheißen wurde. Wir brauchen deshalb auch nur das einleitende Wörtchen £א von Jakobs Gelübde nicht als ein Bcdingungsadverb ״wenn", son- Lern als ein Umstandswort der Zeit, als ״wann" aufzufastcn und sofort wird alles Störende beseitig! sein. Gottes Verheißung gilt Jakob als eine sichere und vcllendete Tat, auf welche er von Anfnag an fest baut; und es gilt sein Gelübde nur dem Zweck der Entsaltung und Anfcuerung seiner Tatkraft zur höchsten Vollcndung im Dienste Gottes für jene Zeit, in welcher der Zukunft Glück zur glücklichen Gegenwart seines Lebens sein wird, damit die Zeit der Erfüllung keine׳: verderblichen Einfluß auf sein Gemüt ausübe und er c n seiner göttlichen Bestimmung nicht irre werde. Oüclrerbe^prec^llngen. Walther Rathenau: Zur Kritik der Zeit. Berlin, S. Fischer 1912, 260 ©. ״Die Zeit", welche der bekannte Berliner jüdische Industrielle in diesem Buche zu kritisicrcn unternimmt, ist unsere Zeit, die mit der Mitte des 19. Jahrhunderts anhcbt und als dem Problem es die erschreckende Gleichförmigkeit!-instcllt. Nie waren im Mittelalter zwei Naacharstädte einander so ähnlich, wie heute Newyork und Berlin. Diese Verwand-- lung zur Ungleichung ist eine Folge des Ueberganges von der Individualwirtschaft zum Kapitalismus. Diese Wirtschaftsvcrschicbung ist ihrerseits bedingt durch die unerhörte Volksvermchrung dieser Zeit (die ihrerseits selbst zurückgchet auf die Vermischung der Schichten, die Befreiung der unteren Klaffen). Aus der Berdichtung folgt die Mechanisierung, die darauf hinziclt, der überbevölkerten Erde die Möglichkeit der Ernährung solcher Menschenmasscn abzutrotzen. Massenerzeugung und Güterausgleich, Arbeitsteilung, Verkchrsentwicklung, Organisation der Arbeitskräfte, Unternehmertum — all das sind nur Formen der Mechanisierung. Alle diese Formen durchweht der eine Geist der Gleichförmigkeit: der Mensch selbst ist nur Glied des Mechanismus, der Maschinenführer ist selbst zur Maschine geworden. Aber so kann cs nicht bleiben: der Mensch kann, solange er Mensch bleiben will, nicht aufgehen im Getriebe der Zwecke. So kann denn unsere Zeit nichts anderes sein als ein Uebergang zu einem "Leben auf höherer Stufe, in welchem die drei Emanationen der Seele: die Liebe zur Kreatur, zur Natur, und zur Gottheit wieder ihre Stelle finden. Es ist für die seelische Umwandlung, die heute das Judentum mitmacht, überaus bezeichnend, daß die Kritik, der Mechanisierung von einem Juden geschriebcn wird. Kein Zweifel: die Mechanisierung ist zum großen Teile unser Werk und so sehr auch Sombart, mit dem sich übrigens N. auseinandersetzt, übertrieben haben mag, sicherlich traf er im Kerne manches richtig. Aber anderseits hat kein Volk dem Mechanismus größeren Tribut gezahlt als wir: fast hätte er uns ganz verschlungen. Dennoch fanden wir die Kraft, uns ihm entgcgcnzustellen, das Galuth, das unsere Form des Mechanismus war, zu überwinden. Dieser Prozeß hat freilich erst begonnen und noch kennt man den׳ neuen Juden kaum. Rathcnaus Buch wird tazu beitragen, daß die Welt ihn beachtet. Der Koran. Aus dem Arabischen neu übersetzt von Theodor Fr. Grigull. Bibliothek der Gesamtliteratur des In- und Auslandes. Verlag Otto Hendel, Halle a. S. Geh. 1 M. 75 Pf. 512 S. Es ist ein gewaltiges Ereignis, dessen Zeitgenossen wir in den letzten Wochen geworden sind: die führende Macht der islamitischen Religion bricht zusammen, Europa ist um ein Stück größer geloorden, das bisher nur nominell zu ihm gehörte. Und während die Politiker um Landcsgrcnzen und Zölle, um Häfen und Eisenbahnen streiten, fragen diejenigen, denen geistige Tatsachen näher stehen: was wird die Erschütterung der Türkei für die Religion bedeuten, deren Vormacht sie war? Aber hier steckt schon die Frage. Was ist eigentlich diese Religion? Wer von uns weiß von ihr mehr als Aeußeres, wer kennt das innere Leben des Islam? Es wird sich mancher heute finden, der dieses innere Leben näher kennen wollen wird, um zu ermessen, was die Verdrängung des Mohammcdanismus durch das Christentum geistig bedeutet. Ein solches Studium muß bei der Quelle beginnen; man wird den Koran studieren müssen, um das auf ihn gebaute Bekenntnis zu verstehen. Koran bedeutet soviel wie Buch, Lesebuch» vom Stamme ף א p — lesen. Es ist denn auch das Buch der Mohammedaner geworden. Die vorliegende Ucbersetzung hält sich an die bekannte Koranausgabe Gustav Flügels; sie ist nicht sklavisch wortgetreu, niqt von philologischen Gesichtspunkten bestimmt, sondern dient, wie die ״Bibliothek", für welche sie geschrieben wurde, populären Zwecken. So hat sich denn der Hebersctzer auch nicht zurückhalten lassen, zum Zwecke des besseren Verständnisses, Worte zu ergänzen; auch findet der Leser erklärende Anmerkungen, sowie einen gut verwendbaren Index. Alfred Schirokaner: Lassalle. Ein Leben für Freiheit und Liebe. Geschichtlicher Roman. (Romane berühmter Männer und Frauen: 6.) Verlag Bong, Berlin W. 57. 4 Mark. Kein Leben mag so dazu drängen, cs zu einem Romane zu gestalten, als das des großen Begründers der modernen Arbeiterbewegung. Ist es doch schon an sich ein Roman gewesen, in seinem Hin- und Herschwanken zwischen kleiner Eitelkeit und großer Hingäbe, Zwecken des Tages und Zielen der Ewigkeit. Alfted Schirokauer hat sich dieses Problem einer Romangestaltung gesetzt und die Lösung, die er ihm im vorliegenden Werke gibt, hat die besondere Forderung des Berlages Bong gefunden: denn das Buch ist — bis auf das etwas aufdringliche Titelblatt — sehr gut ausgestattet und mit einer Fülle von Illustrationen versehen worden. Die Porträts der vielen bedeutenden Menschen, welche in Lassalles Leben cingegriffen haben, finden wir wieder, meist nach Originalzeichnungen. Dazu kommen viele interessante Dokumente, die reproduziert werden. Der gewissenhafte Autor hat seinem Buche eine Lassallebibliographie beigegeben. Sternhof I bestes aller Bitterwässer.

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