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Jüdische Volksstimme · 1912-11-14 · Heft 32 (14.11.1912) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 32 (14.11.1912)
Date
1912-11-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. ״Jüdische Bolksstimme." Nr. 32. Jüdische Bühne. Das jüdische Thcatcrrcpcrtoire setzt sich aus zwei Gattungen von Stücken zusammen, die in der Vcrschicdcnhcit ihrer Qualitäten verschiedenartige Schicksale haben. Diese Gattungen sind: 1. Aeußcrst schlechte Stücke, die gut ״gemacht" sind (für die Kassa natürlich!) 2. Ziemlich gute Stücke, die meistens schlecht gcschricben sind, die aber einem ernsten Streben entstammen, und, wenn auch tünsrlcrisch unreif, doch einen großen Fortschritt in unserer Theatcrliteratur bedeuten und gleichsam die Ucbcrgangspcriode zum modernen jüdischcn Drama bilden. Es ist nun naturgemäß, daß diese Sorte von Kassasiücken (aus der Fabrikation des Herrn Lateiner und Konsorten), deren die Theater nun einmal nicht cntraten können, unsere jüdischen Bühnen ausnahmslos erobert haben. Die einen leben ganz von dieser Kost, die anderen verwenden sie zum Erwerbe der erforderlichen Mittel, um angemessenen Aufwand sür die Befriedigung besseren Geschmacks betreiben zu können. In beiden Fällen jedoch ist dieser Lateincrschc Dramcn-Artilel unentbehrlich. Denn das liebe Publikum, das allnächtlich die Thcatersälc füllt, mästet sich an Herrn Lateiner und schwimmt ganz in Behaglichkeit, wenn cs so ein ״trauriges Stück in 5 Akten mit schönein Gesang und komischem Tanz" sicht. Da weih Herr Lateiner, ivas aus der Bühne wirkt und was er seinen Zuschauern bieten darf. Er weiß, daß sich das Publikum das Unglaublichste gefallen läßt, er weiß aber auch, wie man es machen muß. Denn ״gemacht" muß cs eben sein, sonst ist das Publikum beleidigt. Unser Publikum ist beleidigt, wenn ein Autor cs merken läßt, daß er sich für gescheiter als das Publikum hält. Herr Latei- »er beansprucht nie, gescheiter zu sein als sein Publikum, i st es auch nicht. Und so macht er sein Geschäft. Er sagt nie etwas, was das Publikum nicht versteht. Er läßt das Publikum gleich erraten, wie das Stück ausgeht; das freut die Leute zweimal; einmal, wenn sic erraten: da sind sic die Gescheiten; und einmal, wenn sic schcn, daß sie richtig geraten haben: da ist Herr Lateiner der Gescheite, der das Stück genau so ausgchen läßt, lvic sich's nach der Ansicht des Publikums gehört. Und dabei haben seine Stücke meist eine so köstliche Altualttat! Immer liegt eine ״große Sache" im Hintergründe. Einmal isls die Geschichte, wie ein ..schrecklicher Gras" im ersten Akte eine schöne Jüdin ״raubt" und ihre Eltern durch einen steifen Soldaten tüchtig durchprügeln läßt, iin 2. Akt einen großen Ball veranstaltet, im dritten alle Juden vom Lande jagt und im vierten eine -,.lange Rede" hält, die Juden wieder licbgcwinnt, sich selbst als Juden zu erkennen gibt, wobei ihn Tratil Schamcs (der ״Komiker") aufs Knie legt und ihm einige übern Hintern haut — das gibt dann einen Applaus — und dann wird Hochzeit gemacht zwischen dem ״schrecklichen Grasen", der jetzt schon ״Mojschcle" heißt, und der schönen Jüdin. brcchcr sür das zukünftige Drama. Und nur in diesem Sinne haben seine Werke literarischen Wert. Die Fabeln seiner Stücke sind — mutatis mutandis — immer die gleichen. Dasselbe gilt von den Handclndcn Personen. Uebcrall, mit wenigen Ausnahmen, finden wir das Personal: Vater, Stiefmutter, einen Sohn, Gymnasiast, zloei Töchter, von denen die eine brav und züchtig ist, die andere ״ausgelassen". Letztere verliebt sich geivöhnlich in den Sohn des ״Komikers" (dieser zumeist betrunken, Sohn ״Virtuos" oder Buch- Halter bei seinem zukünftigen Schwiegervater); und dann cntspinnt sich die Handlung: Der gestrenge Vater ist iin Lause von vier oder fünf Akten mürrisch und unzufrieden. Die Stiefmutter ist zu den Kindern schlecht. (Bekannte Geschichte!) Die ״ausgclaffcne" Tochter vcrliebt sich — wie gesagt — in den ״Virtuosen" oder Buchhalter, den ׳die ältere, brave und züchtige im Stillen liebt und darunter ״leidet". Der ״Komiker" sagt Philosophie. — (Eine Hauptschwäche Gordins .) Von den Jungen bleiben nicht alle beim Leben. Der Alte aber verarmt — in der Regel — oder stirbt ebenfalls. Solche Handlungen haben alle seine Familientraucrspielc und in dieser verbarg Gordin irgendeine Idee, Tendenz, Spitze oder wie man die Sache nennen mag. Von dieser Grundformel ist auch ״Der Unbekannte" abgeleitet, eines seiner besten Werke, das am 29. und 30. Oktober aus Sieglers ״Jüdischer Bühne" ausgcführt wurde und in welchem die jüdische Schauspielerin Frl. G o r s k j a debütierte. Da ist der reiche Kaufmann Aschkenasy, der gleich im ersten Akte Madame Sophie Grünstcin mit ihrem Frl. Tochter Nina ins Haus bringt, und seinen erstaunten Kindern eine ״zweite Mama" vorstellt, während sein Buchhalter Bernard, der in der Mitte desselben Aktes dem braven, züchtigen, aber etwas buckligen Frl. Berta Aschkenasy seine Liebe erklärt hat, von ihrer ״ausgelassenen", jüngeren Schwcft er Jda mit Licbesgcschluchzc überstürmt wird. Da ist ferner der ״junge Herr", Gymnasiast und Revolutionär Tuly, den der Dichter, wahrscheinlich, wie seine Sticfschlvestcr Nina nur zu diesem Zwecke auf die Bühne brachte, damit sic sich ineinander verlieben .... Und endlich Schlome Huz samt Lebensgefährtin Surh Hindy, der die Ausgabe hat, von seinem Sohne Bernard Wocheugcldcr zu empfangen und vier Akte lang zu — (Schluß folgt.) OücireröelpreiAungen. Sophokles: Antigone. Eine Tragödöie. Uebertragen von August Böckh. Im Jnsclvcrlag zu Leipzig. (Jnselbücherei Nr. 27.) 02 S. Wir haben sie als Oktavaner gelesen, die Sophotlcische Antigone, undwährcnd wir schon vor Ungeduld brannten, der Zuchtrute des Gymnasiums zu entlaufen, akademische Freiheit zu genießen, haben wir He Chöre dieses Stückes inühsam gelesen. Ds war also wohl nicht die richtige Stimmung; und dennoch ahnten wir schon damals, lvic groß das war, um was tvir uns bemühten; und wir freuten uns wohl schon, die Antigone wieder einmal zu lesen — ohne griechisches Lexikon. Und nun freuen wir uns, daß hierzu schönste Gelegenheit geboten ist: Der Jnselverlag hat in seiner Jnselbücherei — schön ausgestattct und billig zugleich — die deutsche Uebcrsctzung hcrausgcgcbcn, welche vor vielen Jahren der berühmte Philologe August Böckh geschrieben hat. Diese Ucbcrtragung war zunächst dazu bestimmt, als Tcxtuntcrlage sür die Chorgcsänge Felix ׳Mendelssohn- Bartholdys zu dienen. Und diesem Umstande ist cs wohl zu danken, daß der Rhythmus des Sophoklcischen Dramas in der Böckhschcn Ucbcrtragung so prachtvoll zum Ausdruck gekommen ist. Es war gewiß kein Leichtcs, in deutscher Sprache jenes Spiel von lcidenschaftlichcm Aufwallen, schmiegsamer Untcrtanenfurcht und schöner Göttcrverchrung zum Ausdruck zm bringen, das die Chorgcsänge der Antigone in immer wechselndem Rhytlhmus durchpulst. Doch, es ist Böckh vortrefflich gelungcn; und dem Verlage gebührt für diesen Neudruck der Dank des Pulikums. Fichte und Forberg: Die philosophischen Schriften zum Atheismusstreit. Neu herausgcgeben und eingeleitet von Fritz Mcdicus. Felix Meiner Verlag, Lcipzig. 2 Mark. 142 S. In einer der tiefsten Stellen des Zohar, des zentraten Buches der jüdischen Geheimlehrc, wird Gott und Welt so unterschieden, daß Gott als der ״Wer", d. h. als der ewig Unbegreifliche, die Welt dagegen als das ״Dieses", das begreifliche und aufwcisba-e Objekt hingcstcllt wird. ״Gott wird Wer genannt, demer ist der Urbcginn, er ist und ist nicht, tief verborge:! ist er....", so heißt cs dort. (Sohar 1 b.) Diese Stelle, steht in innigcr Ucbcrcinstimmung mit den tiefsten Gedanken der großen Rcligronsphilosophcn aller Völker, und so auch mit der G. H. Fichtcs. Auch er war der Ansicht, daß Gott in gewisser Weise über allem Sein stehe, er weigerte sich, von ihm zu sagen, er ״sei" im selben Sinne wie ein Tisch ״ist" oder ein Haus: dies würde heißen, Gott sei sinnlich wahrnehmbar, endlich, begreiflich. Und diese Ansicht Fichtes hat man gewagt, als ״atheistisch" zu verschreien, ihn um ihretwillen anzuklagen und aus dem Verbände der Universität Jena zu entlassen! Anfang 1798 hatte nämlich I. G. Fichte als Nedakteur des ״Philosophischen Journals" einen Aufsatz des Schriftstellers Forberg erhalten, der — mit jener pragmatischen Argumentation, welche heute wieder so beliebt ■ und durch das kürzlich erschienene Buch Baihingers systematisiert worden ist — argumentierr-, mau könne zwar Gottes Existenz nicht beweisen, müsse ׳sich aber aus praktischen Gründen so benehmen: als ob lvir an den endgültigen Sieg des Guten, ׳:•n eine göitliche Wcltregieruüß glaubten. Fichte nahm diesen Aufsatz in sein Journal auf, fühlte sich aber verpflichtet, ihm ein Geleitwort voranzuschicken, um den Lescr..vorzubcrciten.» Er vertrat in diesem kurzen Arritet die Ansicht, daß der religiöse Glaube keine willkürliche Annahme sei. Aber es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn cs dem bösen Nachbar nicht gefällt. Die Gegner Fichtes nahmen seine Ansichten über das Gottesproblcm, wie lvir sie oben skizzierten, zum Anlaß einer Denunziation, infolge deren Fichte seinen Lehrberuf in Jena aufgeben mußte. Dieser sür den Philosophen Fichte sehr unerquickliche Streit hatte sür die Philosophie sehr gute Folgen: er hatte die Abfassung einer Reihe kleiner, aber bcdeutungsvoller Schriften zur Neligionsphilosophie im Gefolge. Sie sind hier von Mcdicus in einem Bändchen vereinigt und ihre Lektüre dringend empfohlen: nicht etwa um der historischen Kenntnisnahme willen, sondcrn weil in ihnen ein tiefer Glaube an die Realität des Geistigen -lebendig ist. Unsere Zeit will stur an das Irdische, sinnlich Wirkliche glauben. Fichte zeigt, wie aus einem solchen Glauben weder Sittlichkeit noch Neligion entspringen kann. (Vgl. besonders das ״Privatschreiben" in diesem Buche.): Denn beide setzen das Dasein einer Welt voraus, die über der unseren steht und in die wir cintrcten, wenn wir sittlich und wahrhaft religiös sind. I Sternhofi bestes aller Bitterwässer. Klligraph Roubitschek garantiert dafür, daß bei nur einigem Fleitze, nach seiner Methode eine tadellose, gefällige und elegante Handschrift auf Lebenszeit erworben, alle anhaftenden Schreibgebrcchen, wie auch Schreibkrampf, Händezittern usw. beseitigt werden, und daß jede Schrift sich fortgesetzt überraschend weiter verbessern muß. Seine Methode hat nichts Gemeinschaftliches mit den Methoden, wie sie in den im Handel vorkommenden, veralteten Lehrbüchern gelehrt werden, denn diese Lehrbücher zeigen gewissermaßen nur, wie die Schrift sein soll, aber niemals kann man danach die schöne geläufige Schrift erlernen, weil dem Schüler nicht der Schlüssel gegeben wird, die Buchstaben korrekt nachzubilden. Der Schüler verfällt bei dieser veralteten Methode infolge der Ungeübtheit und dem Mangel einer rationellen Anleitung in der Regel in seine alten Fehler, verliert die Geduld, wirft dann die Vorlagen einfach weg und behält die schlechte Schrift bis ans Lebensende. Die Methode — eine sensationelle Erfindung des berühmten Kunstkalligraphcn Rudolf Roubitschek — ist so genial durchdacht und so verläßlich erprobt, daß es dem Lernenden schon im vorhinein Unmöglich gemacht wird, in die seiner Handschrift anhaftenden Fehler auch weiterhin zu verfallen, da er die zu erlernende Schrift auf den eigens von ihm erfundenen patentierten Linienblättern, welche die Lage, Größe, Entfernung und Vollcndung der einzelnen Buchstaben korrekt angeben, einfach nachschreibt und auch alle so wichtigen Anfangsbegriffe vor sich hat, die den Schlüssel zur rationellen Erlernung darstellen. Der Schüler hat also gleich bei Beginn des Unterrichtes das Gefühl der Sicherheit und übt somit sofort fehlerfrei. — Es ist daher jedermann Gelegenheit geboten, ohne Zeitversäumnis, ohne Berufsstörung und mühelos durch diese Schreibmethode eine korrekte, elegante und höchst moderne Handschrift sich sofort anzueigncn. Nähere Auskunft und Anmeldungen an Kalligraph Roubitschek in Prag, Wenzelsplatz 47, der.jede gewünschte Auskunft erteilt. Chanukaleuchter zu beziehen Jüdischer Buch- und Kunstverlag Brünn, Adlergasse Nr. 9. Tann wieder ist es die Geschichte, wie ein Vater seinen eigenen Sohn — oder umgekehrt — auf der Foltcrbank martert (historisch!) und als dieser ״Schma Jsroel" zu singen beginnt (das nennt man dann Opcrette), der Vater sein Kind erkennt und unter heftigen Flüchen gegen den Großinquisitor, wie sie auf dem Bcrditschcivcr Markt nicht besser produziert werden, den Schwust leistet: ״als Jude zu leben und als Jude zu sterben . . . ." Und da blinzeln sich die Leute vergnügt an, jeder kommt sich so riesig intelligent vor und fragt Len andern mit den Augen, ob er auch so intelligent sei. Und was tut Gott? Sie sind alle so intelligent! Und da sagt sich der Direktor schon im vorhinein: ״Ich brauche notwendig solche Stücke, da fällt mir das Publikum sicher herein." Nun, und dann gibt cs wieder so ein Stück und das Publikum fällt richtig herein. Ost mehr als der Direktor geglaubt hatte. Vielleicht schämt er sich gar dann. Manchmal kommt cs sogar vor, daß selbst die Schauspieler dieses monatelang wiederkauten Schundes eines Tages überdrüssig werden. Dann geschieht es, daß der Herr Direktor sich auf die sögenannte ״Intelligenz" besinnt und läßt sich von der Ambition leiten. Und da er aber weiß, daß man dieser Intelligenz mit ״Schabsc Goilom" oder ״Nuchim Gcnsaly" nicht kommen darf, so versucht man cs einmal mit der ״Literatur" — und das bewährt sich vortrefflich. Man greift da natürlich zu Gordin, zu jenen ziemlich guten, aber meistens schlecht geschriebenen Stücken und erntet einen materiellen und moralischen Erfolg. Denn, wenn auch die Stücke Gordins unser nwdcrncs ThcatcrbcLürfnis in keiner Weise befriedigen können, wenn wir auch zugcbcn müssen, daß alle seine Dramen schlechte Nachahmungen sind, Shakcspcarcschcr oder anderer Werke, so bleibt doch die Tatsache bestehen, daß in seinem Schaffen ein bewußtes, vielleicht allzu bewußtes Streben lag, den Geschmack unseres Theater- Publikums-zu-verfeinern, zu europäisieren, was , ihm auch tciltvcisc gelang. Gordin ist allerdings nicht der Schöpfer des jüdischen Dramas, aber sicherlich der Bahn-

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