Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1912-11-14 · Heft 32 (14.11.1912) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 32 (14.11.1912)
Date
1912-11-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2621806-2621807-2621839--1814-2622883
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 32. XIII/1. Jahrg. iener,Jüd. 14. November 1912 Seite 9. Bin ich geboiren (Bun'm Zyklus ״Die Menschen".) Von Salomon Dembitzer. Bin ich geboiren zu früh in die Welt, Kumm ich zu spät! Un wer Hot die Schuld? Bet ich dun Leben a Stückale Glück, Beisert sich's Leben: ״Zu hast kein Geduld?" Summer verschließt mich die Noit in mein Stüb, Winter verschneet mir die heiligste Täg. Hob 1u) Chawerim, dann paffen sei mit,- Meine Bekannte, sei meiden mein Weg! Seh ich die. Maidlech, die scheenste vun Stodt, Will ich nste and're verbrengen die Zeit... ' Kucken sei on mich mit Stolz un mit Spott, 'ch schäm mich, un loif dann aweg ergiz weit. Seh ich gefallene Maidlech in Gaff', — Will ich vergessen die Leiden, die Welt! Geh ich... un gloib asa Pönimel blaß. Nehmt men mir zu dos letzt' bissel Geld... Fohr ich in andere Dörfer un Städt, Suchen die Menschen auch dort meine Sünd! Schreib ich mein Mammen in Brief a Gebet, Enfert sie,mir, as 'chbin nit ihr Kind.... Bin ich geboiren zu früh in die Welt, Kum ich zu spät! Un wer Hot die Schuld? — Bet ich vun Leben a Stückale Glück, Beisert sich's Leben: ״Zu hast kein Geduld?!" Exegetisches zum Wochenabschnitt חיי שרה- Von Rabbiner Dr. A. Deutsch. Es erscheint als eine nicht leicht zu lösende Aufgäbe, sich von der wahren Größe und Bedeutung des zweiten Stammvaters, des Jsak, ein richtiges, absolut zutreffendes Urteil zu bilden. Der äußere Umstand, daß seine Person in der Bibel im Gegensatz zu Abra- Ham und Jakob eine verhältnismäßig nur sehr knappe Behandlung findet, könnte allerdings leicht zu der Folgerung von dessen geringerem Wert für die Fortent- Wicklung der von Abraham inaugurierten religiösen Kulturepoche verleihen. Allein eine zuverläffige Gewähr für die Berechtigung eines solchen Urteiles kann eine bloße Aeußerung doch nicht bieten. Die Ursache dieser'Erscheinung eines so spärlichen Berichtes über das Leben und Wirken Jsaks mag eher in subjektiven Momenten zu suchen sein. Im Vergleich zu den. beiden anderen Stammvätern ist er nämlich eine ausgesprochen paffive Natur, welche die äußeren Verhältniffe mehr auf sich einwirken läßt, als wie sie sich bemühte, in dieselben tätig einzugreifen und ihnen nach dem eigenen freien Willen Ziel und Richtung zu geben. — Abraham begründet allen ungünstigen Strümungen seiner Zeit zum Trotz, eine neue Weltanschauung und wird von Gott, dessen Führung er sich vertraucnsvoll hingibt, gleich zu Beginn dieser neuen Laufbahn zu Opfern der schwersten Art verpflichtet. Er muß Elternhaus, Volk und Heimat verlassen, um in einem fernen fremden Lande für seine geistige Saat den geeigneten und Ertrag verheißenden Boden zu suchen. Und auch sein späteres Leben ist nur eine fortlaufende Betätigung der edlen Gesinnung, die mit dem ersten Aufleuchten der Gotteserkenntnis in ihm sein ganzes Wesen zu beherrschen anfing. Er zeigt sich fortan vom stärksten Tatendrang zum Guten erfüllt und ebenso vielseitig wie vollendet in all den zahlreichen Werken, durch welche er sich die höchste Anerkennung seiner Zeitgenossen erwarb und auch als leuchtendes Vorbild einer edlen Menschlichkeit in der geschichtlichen Erinnerung fortlebt. — Noch mehr aber sah sich Jakob, von den mannigfachsten Mißgeschicken bedroht, vor die Notwendigkeit gestellt, selbst die einfachsten Rechte in hartem Strauß erst zu erringen und dank der von ihm gelteferten' Siege über menschliche und göttliche Wesen feineu Namen und seinem׳ Streben Ehre und Achtung zu verschaffen. Solche Kämpfe und Prüfungen blieben jedoch Jsak von vorn herein ganz erspart:! 1 ' ב ח ך ״ את א בר ה& בכלUnd Gott segnete Abraham mit allem" und Jsak wird' nur dazu ausersehen, ohne jede persönliche Auseinandersetzung mit seinem Bruder Jsmael der alleinige Erbe der väterlichen Güter und der väterlichen Ideale zu sein. Ja, selbst seine Erzählungen, die die Bibel uns aus seinem Leben bietet, lassen ihn immer nur als eine nebensächliche Figur erscheinen. So ergeht, trotzdem er nach der Ueberlieserung zur Zeit der von Abra- Ham beabfichtigten Opferung seiner Person bereits 37 Jahre alt und gewiß Herr seiner Entschließungen war, die diesbezügliche Aufforderung nur an seinen Vater und nur diesem wird in der Schrift dieser Ausdruck unbedingten Gottesvertrauens als Verdienst angercchnet. Nach der Geburt seiner zwei Söhne Jakob und Esau; steht er ebenfalls nur im Hintergründe der aus der gegensätzlichen Natur derselben hervorgehenden feindseligen Geschehnisse. Er muß zu allem, was in seiner nächsten Umgebung zu geschehen hat, erst gedrängt werden und wird deshalb leicht zum Spielballe der einander überbietenden Verschlagenheit seiner eigenen, um seine Gunst und seinen väterlichen Segen miteinander streitenden Kinder. Ließen wir nun diese Berichte allein über die Beschaffenheit seines Charakters sprechen, so böte allerdings Jsaks ganzes Dasein nur das Bild eines Menschen nicht nach der Forderung des Dichters: Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Das aber wäre jener Vorstellung durchaus unangemessen, die wir mit Recht mit einem menschlichen Wesen verbinden, dem eine so hohe Aufgabe für das ganze künftige Geschick eines Volkes übertragen wird, welche die Worte der Schrift enthalten: 3>״ בי ביצחק יקרא לך 7רDenn durch Jsak sollen deine Nachkommen benannt werden." Und wirklich ließen auch unsere Alten eine Meinung niemals aufkommen, als wäre Jsak an Bedeutung den anderen zwei Stammvätern nachzusctzen. Die Berechtigung hierzu scheint aber am ehesten in der Erzählung des Kap. 2» unseres Wochenabschnittes gegeben zu sein, welche von Jsaks Begegnung mit dem Philisterkönig Abimelech und von seinem Aufenthalte in Gerar berichtet. Denn hier sehen wir ihn selbständig aktiv und im Urteile seiner weiteren Umgebung als einen Mann, der durch seine eigene Wirksamkeit, die Betätigung seiner persönlichen Tugenden die Achtung und die Wertschätzung seiner Mitmenschen erringt. Wie hoch übrigens Jsak in seiner Bedeutung bei unseren Alten bewertet wird, geht schon aus folgender Auffassung unserer Bibelsielle hervor. Jsak muß nämlich infolge einer in Kanaan herrschenden Hungersnot gleich seinem Vater Abraham dieses Land verlassen. Wie Abraham wäre er, um der allgemeinen Not zu entgehen, gewiß auch nur nach Aegypten gezogen. Doch, da geschieht das Sonderbare, daß Gott an ihn den Befehl ergehen läßt: אל תרד מצרימה ziehe nicht nach Mizrajim. Weshalb diese auffallende Einschränkung in Jsaks Bewegungsfreiheit? Rabbi Hanschea (M. B. R. 04) glaubt den Grund hiesür darin zu erblicken, daß Jsak durch die letzte Prüfung Abrahams von Gott zu einem Ganzopfer bestimmt worden ist. Ein solches aber durfte nach der Halacha der ihm anhaftenden Heiligkeit wegen nicht außerhalb der Verhänge kommen. Ebenso nun verbot auch der Ganzopfcrcharakter Jsaks, daß er die Grenzen des heiligen Landes überschreite. (Das philistäische Land, in welchem wir ihn sehen, gehört zeitweilig auch zum verheißenem Lande. Vide Josua K. 13, 3.) Wenn wir nun das Mystische, das dieser eigenartigen Erklärung zweifellos anhaftet, außer acht lassen und nur den einfachen Wortlaut der Schrift berücksichtigen, so erblicken wir in dem Verbote: ״Ziehe nicht nach Mizrajim" nichts anderes als die göttliche Bestätigung und' die Gutheißung einer in dem Erziehungsplane Abrahams deutlich zum Vorschein kommenden Tendenz. Sahen wir doch schon früher, wie krampfhaft sich Abraham schon gegen die bloße Zumutung seines Hausverwalters Elieser wehrt, daß sein Sohn das heilige Land auch nur vorübergehend verlasse: ״ השמר לך 6ן תשיב את בני שמהHüte dich,־״י nen Sohn dahin (nach Padan Aram) zurückzusührcn", lautet des besorgten Vaters ernste Warnung. Der Sinn einer solchen starren Beharrlichkeit bei diesem Wunsche kann aber kaum in etwas anderem beruhen, als in der festen Absicht, das Leben dieses ersten Sprößlings im heiligen Lande nach Abrahams vollendeter Entwicklung zum wahren Gottesboten, nach seiner Bundesschließung mit. Gott mit dem Boden dieses Landes dadurch auch schon äußerlich zu verbinden, daß er zeitlebens dessen Grenzen nicht mehr überschreite. - Hierbei mäg vielleicht nicht weniger auch die wichtige Erwägung eine wesentliche Rolle spielen, daß Abraham einst in einem finsteren Traumgesichte die Knechtung seiner Nachkommen in באר<צ לא לחם einem nicht ihnen gehörigen Lande voraus verkündet wurde. Unter diesem nicht näherbezeichneten Lande mußte man anfangs selbstredend jedes andere außer Palästina, dem Lande der jüdischen Zukunft, mutmaßen. Kein Wunder daher, wenn schon der bloße Gedanke, dieses Land verlassen zu müssen, in Abrahams Familie bange Ahnungen erweckt, Aiigst und Unruhe hervorgerufen hat. Kein Wunder, daß er, von solchen Bedenken erfüllt, zu einem Schritte Jsaks seine Zustimmung nicht geben wollte, der ihm als eine Beschleunigung des gefürchteten Verhängnisses erschien. Wenn aber die Tradition ungeachtet des Uinnandes» daß Jsak den Boden des verheißene» Landes nicht verließ, die von Gott verkündete vicrhundertjährige Knechtschaft schon mit dessen Geburt beginnen läßt, so ist nach dem klaren Wortlaute der Bibel: ״in einem nicht ihnen gehörigen Lande" die Begründung dieser Ansicht schwer zu erbringe». Die Frage, tveshalb Jsak zufolge der in Kanaan ausgebrochenen Hungersnot gerade zu Abimelech nach Gerar flüchtete, mag ihre Antwort in dem Umstande haben, daß fein Vater Abraham mit einem philistäischen Könige gleichen Namens über Aufforderung-dieses ein Bündnis der Treue bis in das vierte Geschlecht geschlossen hatte. Tem Sohne Abrahams erschien es daher als durchaus natürlich, in der Stunde der Heimsnchung seines Landes durch Hungersnot, seine Zuflucht in einem Orte zu suchen, lvo ein zur Bnndestreue verpflichteter König herrschte. Und es geschieht gewiß nur mit Rücksicht auf diesen unfreiwilligen Tausch von Jsaks Wohnort und auf die aus einem solchen Wechsel unwillkürlich hervorgehende Beunruhigung, desselben wegen der Verheißungen der Zukunft, daß Gott ihm unmittelbar nach seiner Entfernung aus seiner Heimat den Besitz des heiligen Landes, an de» Schwur mit Abraham anknüpfend, abermals zugejichert und die Erfüllung aller voraus verkündeten Segnungen für seine zahlreichen Nachkommen von neuem bestätigt. Ter Aufenthalt Jsaks in Gerar scheint, ivie dies aus den Worten: ויחי די ארבו לי שם הימים ״Es geschah, nachdem er dort schon längere Zeit weilte" unzweideutig hervorgcht, sich auf viele Jahre erstreckt zu haben und war von einem ganz besonderen Glück für ihn begünstigt. Die Bibel bezeichnet diesen reichen Segen des Stammvaters mit den fast übeeschivengllchc» Werten 7 רגדל האיש וילך הלוך ונדל עד בי נעדל באח ״Und der Mann ward groß, er ward immerfort größer, bis er mächtig groß war." Und überdies werden seine Besitzungen noch in dem folgenden Verse genauer detailliert und auch die Veränderung in der Gesinnung der Philijtäec gegen ihn aus den ob dieses seltenen Glückes unter ihnen eutstandenen Neides zurückgcsührt. Zunächst äußerte sich dieser Neid sozusagen in kleinen Vorpostenplänkcleien gegen Jsak, indem Leute aus dem Volke die noch von Abraham herrührenden Brunnen desselben mit Staub verschütteten. Hernach aber wird jede Scheu ob dieses schmählichen Beginnens sallengelassen und Abimelech selbst, der König, der. oder desseit Vater, die Freundschaft Abrahams für Generationen zu sichern bestrebt war, tritt aus der bisher beobachteten Zurückhaltung heraus und bricht die beschworene Bundesbeute schon gegen den Sohn des Verbündeten. Mit den Worten: ״Gehe weg von uns, denn du bist uns zu stark" offenbart er ganz ungeschminkt die unfreundliche Gesinnung gegen unseren Stamm- Vater. ׳ Jsak aber setzt all diesen Angriffen keinerlei Widerstand entgegen und zieht sich mit vornehmer Jgnorierung der ungerechtfertigten Feindschaft gegen sich von den Philijtäern ganz zurück. Seine schweigende Mißachtung des häßlichen Treibens seiner Gegner erzielte auch bald den großartigen Erfolg, daß sein Beleidiger Ävimelech in Begleitung von noch anderen Fürsten seines Landes ihn in der neuen Heimat wieder aufsuchte und mit Worten der Selbstdemütigung ihn um die Erneuerung der früheren Bundestrene bat. Tie Worte der Anerkennung aber, die wir hier aus dem Munde von Jsaks Zeitgenossen über ihn hären: ״ אתה עתה ברוך רDu bist ein wahrer Gottgcsegnete!", sie find das untrüglichste Zeugnis für dashohe Ansehen, dessen er sich unter ihnen erfreut hat. Und diese Hochachtung ist gewiß nur der sichtbare Reflex jener reichen Tugenden, die er wohl als Erbschaft von Abraham übernommen hatte, die jedoch mit unverininderter Kraft auch aus seinen eigenen Taten, aus seiner eigenen herzenvollen Wirksamkeit in die weite Oesfeutlichkeit hinausstrahlte. - Achtung auf Ven Mitte» Anzeiger!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.