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Jüdische Volksstimme · 1912-11-07 · Heft 31 (7.11.1912) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 31 (7.11.1912)
Date
1912-11-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. ״Jüdische Volksstimme."_' _ v Nr. 31. SS ras*« &5&XZ Scmcl war ein ruhiger, harmloser Mensch, doch wenn es jemand versuchte, Telce zu beruhren, dann' konnte er fuchsteufelswild werden. Telce war in ihrer Jugend kein Ausbund von Schönheit, und im Alter glich sie mehr einer Vogelscheuche als einem Menschen, aber in Semels Augen war und blieb sie einmal das schönste, vollkommenste Wesen. Telce pflegte, seitdem sie sich zur Ruhe gesetzt, mit dem Slowaken A. am Freitag nach P. zu fahren, um dort Einkäufe zu machen. Morgens um vier ging die Fahrgelegenheit nach P. Semel gab ihr bis zum Standplatze des Slowaken das Geleite, hob sie auf den hohen Leiterwagen, hüllte sie in Decken und Tücher und verabschiedete sich von ihr aufs zärtlichste. An einem Freitag morgen war auch Awrohom mit von der Reisegesellschaft und kam neben Telce zu sitzen. Kaum das; er aber Platz genommen, umfaßte er Telces Taille. Im Nu war Semel auf dem Wagen, ergriff Awrohom mit übermenschlicher Gewalt und wollte ihn vom Sitze reißen und hinunterwerfen. Nur das Dazwischentreten einiger besonneuer Mitreisender und des Kutschers dankt es Awrohom, daß er mit heiler Haut davon kam. Semel lebte in seiner Heimatsgemeinde glücklich und zufrieden und zahlte die entfallenden Steuern und Abgaben recht pünktlich. Auch seine auswärts lebenden Söhne brachten der verarmten Gemeinde in N. großes Interesse entgegen und machten größere Spenden für Armenzwecke. Eines nur schmerzte Semel, er wurde nur am Simchastorah oder an Jahrzeittagen zur Thora gerufen. In N. wurde zu jener Zeit das Aufrufen zur Thora noch an den Meistbietenden verkauft. Der Schames Reb Jekew war der Ausrufer. ״Hundert um Mizwaus'^)," so begann der Verkauf. Nickt ihm ein Gemeindemitgüed zu, so hatte das die Bedeutung, er gebe mehr, also zweihundert. Und das ging so lange, als Kauflust vorhanden und Mehranbote gemacht wurden. Bot niemand mehr, dann hieß es im tieferen Tonfall zweihundert um Miz- Waus, das war das Zeichen für den Schluß der Auktion. In den späteren Jahren wurde das Mizwaus-Verkaufen mit Hilfe von Pappendeckeliäfelchen. vorgenommen, auf welchen die Zahlen und das Verkaufsobjekt verzeichnet waren. Semel hatte wohl das Recht zum Kaufen, und andere damit zu beehren, ihn selbst lies; der Tempelvorfteher nicht zur Thora rufen, denn er sprach die üblichen Segenswünsche über die Thora mit solch eigentümlicher Betonung und mit solch lauter Stimme, daß es der anwesenden Jugend zum größten Gaudium diente. Semel tonnte sich den Luxus, eine Alijoh°°) zu erkaufen gestatten, und so war an jedem Sabbat der Gottesdienst gestört, wenn Semel gravitätisch zum Schulchan^) trat und die Segensspräche verrichtete. Der Gemeindevorstand mußte dagegen einschreiten und der Vorleser erhielt den Auftrag. Seine! nur am Simchastorah oder an Jahrzeittagen zur Thora zu rufen, zu anderen Zeilen aber das Aufrufen zu verweigern. Semel war ein fleißiger Tempelbesucher, aber auch das führte zu kleinen Mißhelligkeiten. Er konnte das von der Gemeinde zu respondierende boruch hu uboruch Schemau nicht korrekt und rief so vernehmlich ״behubejeschemau", daß alles laut lachte. Er mußte dadurch oft zur Ordnung gerufen werden, so daß er von tiefem Groll erfüllt, häufig das Gotteshaus tnied. Seme! hatte das achtzigste Lebensjahr bereits längst überschritten und ging noch stramm und aufrecht einher, machte in W. noch seine Neumondstagsbesuche. Gleichwie es aber vom Erzvater Abraham im Gottesbuche erst nach dem Tode seiner Frau Sara heißt: ״Abraham war alt und lebenssatt," trotzdem er ja auch vor deren Tod schon alt war, als hätte er die Last der Jahre bei der Gattin Leben nicht gefühlt, so begann auch Semel erst mit dem Tode seiner Gattin des Alters beschwerlichen Abstieg zu spüren. Telce war sanft und schmerzlos hinübergeschlummert und Semel mußte den ferneren Sebensweg einsam zurücklegen. Freilich war die Zeit der Vereinsamung nur von kurzer Dauer. Seine Kinder wollten ihn zu sich nehmen, um ihn zu betreuen, sie dachten, daß es ihnen viel- ""ו Slufitcigcn, Aufrufen zur Thora. •") Tisch. ®וי Gebot. leicht doch gelingen wird, die düsteren Schatten der Vergangenheit aus des Vaters fernerem Dasein zu scheuchen, allein Semel war zu einem Weggehen von R. nicht.zu bewegen, ja nicht einnral die Wohnung, in welcher er mit Telce gehaust, wollte er verlassen, und so mußte denn sein im Orte wohnender Neffe und dessen Gattin zu ihm übersiedeln. Semel konnte sich von dem schweren Schlag, den ihm der Gattin Tod bereitete, nicht mehr erholen.׳Er mied jede Lustbarkeit, jede Hochzeit und Beschneidungsfeier, nur den Gang nach W. an jedem Neumondstage hatte er beibehalten. Aber seine Leier war verstummt, sein Sied versiegt. Einige Monate später senkten sie auch Semel ins kühle Grab. Es war eine vollgereifte Menschengarbe, die vom Baume des Lebens gefallen. Sein Kinder betrauerten ihn vom Herzen. In den Herzen aller, die ihn kannten, lebt sein Andenken für und für. En d e. iJüdicrbclprcdumgcn. ״Der Kaiser." Patriotische Festreden, anläßlich des 80. und 82. Geburtstages des Kaisers Franz Josef gehalten. Dr. M. Lcwin, Rabbiner in Nikolsburg. Wien 1012. Der 18. August gilt für das Judentum der öfterrcichisch-ungarischcn Monarchie als ein besonderer Fest- und Frcudentag. In jeder Gemeinde wird an diesem Tage ein feierlicher Gottesdienst abgchaltcn, dessen Mittelpunkt natürlich die Festrede bildet. Kaisers Geburtstag ohne Predigt, kann sich der österreichische Jude kaum denken. Diese schöne Sitte hat aber auch ihre Schattenseite: die Ilcberproduktion an Reden, die den Rednern nicht immer zur Ehre gereichen. Viele Feitrcdner begnügen sich nicht mit dem gesprochenen Worte, sie!vollen ihre Reden einem größeren Kreise, der Ocffcntlichkcit zugänglich machen, und dies ist häufig von Ucbcl. Gewöhnlich bekommt man da abgestandene Phrasen zu hören oder ein Ueberschäumcn von patriotischen Gefühlen, die eher abstoßend als anziehend wirken. Eine rühmliche Ausnahme davon bilden die Festreden Lcwins. Der Verfasser, auf dem talmudischcn Gebiete eine anerkannte Autorität, verfügt über eine schöne poetische Sprache/ die frei von jedem falschen Pathos und gekünstelter Phrase ist. Seine Gedanken sind klar und verständlich, der Aufbau seiner Reden geradezu!ncisterhast. Dies gilt insbesondere von seiner zweiten Rede ״Die Nachbarn", die in jeder Beziehung als oratorischcs Meisterwerk bezeichnet werden kann. Diese Reden sind von den Verehrern des Verfassers veröffentlicht und das Rcincrträgnis einem wohltätigen Zweck bestimmt. Mögen diese Zeilen dem gelehrten Verfasser als Ansporn dienen, auf dem Gebiete der Homiletik mehr zu veröffentlichen. Des Erfolges kann er im voraus sicher sein. K. Z. Ralph Waldo Emerson: Essays. Uebcrsetzt von Dr. Karl Federn und Thora Weigand. Mit einer einleitenden Studie über den Autor von Dr. Karl Federn. Drei Teile in einem Bande. Halle a. S., Otto Hendel. In Leinen gebunden 2 Mark 20 Pf., Geschenkband 3 Mark 50 Pf. Wenn wir von dieser deutschen Ausgabe des großcn amerikanischen Dichters und Philosophen Emerson (1803—1882) sagen, daß sic einem wirklichen Bedürfnis cntgegcnkommt, so ist das keine Phrase. Eine gut deutsch geschriebene und dabei billige Ausgabe der Werke dieses Denkers ist heute uinso willkommener, als er einer der besten Führer auf dem Wege ist, den unsere Zeit cinzuschlagcn bcginnt-und dessen Ziel eine tiefere Weltanschauung ist, als sic der landläufige Monismus und Materialismus zu bieten vermag. Emcrsons Philosophic ist der Hegels darin verwandt, daß für ihn die ganze Welt eine Verkörperung des Geistes ist. ״Eines seiner Licblingsbilder," so charakterisiert ihn Federn, ״ist: Wir gleichen Gefäßen, die auf der einen Seite mit dem Meere in Verbindung stehen, so daß der Geist in uns cinströmt, und wo zwei Menschen sprechen, rückt Jupiter hinter dem einen sich selbst im anderen zu." Und da kommt cs ihm possierlich vor, wenn zwei Menschcn einander anlügen oder zu täuschen suchen, da im Innersten, Tiesitcn jeder nur zu sich spricht. Uebcr- Haupt wird ihm die Natur gleichsam transparent, die Hüllen fallen von Häusern und Gegenständen, wir sehen etwas anderes als sonst, es ist als führte er uns in ein Zaubcrland, oder als ob unsere Augen auf einmal durch die Dinge durchschauen könnten. Wir können jenen unserer Leser,. welche eine ernste und erhebende Lektüre nicht scheuen, die Essays Emcrsons vom Herzen empfehlen. Möchten vor allem auch unsere Frauen solche Bücher den Moderomanen vorzichcn! Herbert Eulenberg: Sonderbare Geschichten. Ernst Rowohlt, Verlag, Leipzig. Wie ein Schrei nach Befreiung von plötzlich bewußten, wilden, unheimlichen Seelenerregungen Hingen diese prägnant stilisierten Erzählungen. Gleich in der ersten, wuchtigsten, dem ״Marienbild", wird eine kraftstrotzende Bauernnatur, durch die aus verborgener Tiefe emporsteigcne, leidenschaftliche Liebe zur Frau des kranken Bruders an-den eigenen Instinkten irre. Der junge Bauer befreit sich von der Qual des ungewohnten Schuldbewußtseins, indem er den eigenen Körper in wollüstiger Selbstpeinigung zerfleischt. Oder der Dichter schildert einen Frauenzweikampf: eine Frau fordert die Geliebte ihres Mannes zum Zweikampfe heraus, tötet sie und geht selbst an diesem Morde zugründe, ein Opfer einer Liebe, an der sie ״wie an ein Kreuz genagelt und aus allen Malen blutend" hängt. Welche Gestaltungskraft einem überaus seltsamen Empfinden gegenüber entfaltet da der Dichter. Das Unerwartete tritt in diesen Novellen immer wie ein Selbstverständliches auf, weil cs in der Lebendigkeit eines organischen Aufbaues der Dichtung notwendig aus der Individualität des Menschen erflietzt. Es fehlt in diesen wahrlich ״sonderbaren Geschichten" auch nicht an Humor-; aber wie jeder echte, quillt er aus schweigeprüften Herzen. 'Der Verlag hat das Buch schön ausgcstattet. > Tripolis. Schon beginnen die verschiedenen in Tripolis und der Cyrenaica zerstreuten jüdischen Gemeinden unter dem Schuhe der italienischen Negierung sich zu organisieren. Wohlsahrtseinrichtungen werden unter der Leitung des Verbandes der jüdischen Gemeinden Italiens geschaffen und bald wird man dazu schreiten, die Wahl eines Grand Rabbin von Tripolis vorznnehmen, der berufen sein wird, die Organisation der jüdischen Gemeinden in Tripolis auf eine feste Basis zu stellen. Besonders bemerkenswert ist die Gründung jüdischer Frauenvereine, die schon eine ansehnliche soziale Arbeit leisten. So haben sie eine Patronage eingerichtet, um den armen, verlassenen Kindern eine gedeihliche Erziehung zuteil werden zu lasten und die Heranwachsende Jugend der Erlernung nützlicher Gewerbe zuzuführen. Die Juden Italiens beteiligen sich eifrig und mit maseriellen Mitteln an diesem Werke sozialer Fürsorge für ihre jüdislchen Glaubensgenosten in Tripolis, die nun ihre Kompatriaten geworden sind. Diplomatie und Judentum. Im gegenwärtigen Balkankrieg spielt die Diplomatie eine etwas sehr dunkle Nolle, und es dürfte kaum eine Zeit gegeben haben, in der sich die europäischen Großmächte als so ohnmächtig gezeigt hätten wie heute. Aber auch für die Juden hat diese Sache Interesse. Die Balkanländer berufen sich darauf, daß die Türkei ihre Versprechungen vom Berliner Kongreß nicht eingelöst hat und daß sie daher zum Kriege gezwungen werden. Nun ist es gewiß ein bitteres Unrecht, das; die Türkei es versäumt hat, für die Christen in Mazedonien Reformen durchzuführen. Aber auf demselben Berliner Kongreß ging auch ein anderer Balkanstaat Verpflichtungen ein. Rumänien übernahm die Pflicht, den Juden seines Sandes die volle Gleichberechtigung zu gewähren. Dieses Versprechen ist bis heute noch nicht eingelöst worden, und das kleine Rumänien verhöhnt die Abmachung des Kongrestes und behandelt seine Juden als rechtlose Fremde. Wo bleibt da das europäische Gewisten? Warum regt sich niemand über dieses schreiende Unrecht auf? Hier, wo es sich um Juden Hanbeit, gibt es keine öffentliche Meinung und keine Rechtsverletzung, und man setzt sich mit der bequemen'Phrase über alles hinweg, daß dies eine interne Angelegenheit Rumäniens sei. Es zeigt sich hier die ganze Inkonsequenz und die ganze Schwäche unserer modernen Diplomatie. Alle Abmachungen und Versprechungen sind tote Buchstaben, wenn sie nicht durch eine reale Macht gestützt werden. Es wäre Zeit, daß man endlich aufhört, die Diplomatie mit »der Ethik in Einklang zu bringen. Die Diplomatie ist die Kunst des Machterstrebens. Nichts weiter. Das mag für den Ethiker der alten Schule eine traurige Erfahrung sein. Aber jede Einsicht ist mehr wert, als alle verlogenen Phrasen.

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