Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 31 (7.11.1912)
- Date
- 1912-11-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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■ 's Nr. 31. XIII/1. Jahrg. Beilage zur Wiener ,Jüd. ' 7. November 1912 Seite 9. Exegetisches zum Wochenabschnitt היי שרה• Von Rabb. Dr. A. Deutsch. Die Erzählung dieses Wochenabschnittes zeigt unseren Stammvater Abraham, nach zwei Richtungen hin eifrig täti.g Wir sehen ihn zunächst mit den Söhnen Chets wegen der Erwerbung eines Erbbegräbniffes für seine teuere Lebensgefährtin Sarah unterhandeln. Jedes. Angebot, ihm aus Hochachtung gegen seine Person den geeignetsten Platz für eine Grabstätte und umsonst zu überlassen, lehnt er mit aller Entschiedenheit ab. Denn er legt großes Gewicht darauf, daß, wenn auch dem lebenden Geschlechte nach dem göttlichen Ratschluß dazumal noch nicht gestattet war, in dem erst für die Nachkommen zugeschworenen - Lande auch nur eine fußbreite Scholle als ein unveräußerlich Eigentum zu betrachten, wenigstens die verklärte, edle Stammmutter zur ewigen Ruhe in die Erde dieses verheißenen Landes gebetet werde. Und so erscheint sie, die große Mutter unseres Volkes auch als die erste in unserer Geschichte« mit deren Namen der erste unvergängliche Besitz Israels in Kanaan verbunden ist. Die Bedeutung des Grabmales Machpelah, das Abraham von den Söhnen Chets -für bares Geld als ewiges Besitztum käuflich erwarb« und in welches allmählich auch die drei Stammväter und drei Stammütter eingesammelt wurden« liegt aber ganz besonders in dem Umstande, daß das hier ruhende teuerste Unterpfand unseres Volkes jenes unzerreißbare historische Band der Erinnerung schuf, an das anlehnend Jahrhunderte später Moses das in Aegypten herzlos geknechtete Volk zum Bewußtsein seiner göttlichen Sendung wieder erwecken und in das seinen Vätern zugeschworene Land wieder zurückführen konnte. So edel und vorbildlich groß auch Abraham in dieser Art der Uebung von Pietät gegen seine teuere Gattin hier erscheint, so ist dennoch sein Geist und seine Fürsorge nicht ausschließlich auf die Erfüllung von Pflichten gegen die Vergangenheit gerichtet. Die bedeutungvollen Worte der Schrift aus einer früheren Epoche seines. Lebens: בי ידעתיו למען אשר יצוד, את בניו ואת ביתו אחריו ושמרו דרך ד-לעשות צדקה ומשפט ״Den ich habe ihn erkannt, daß er gebieten .wird seinen Söhnen und seinem Hause, nach ihm« daß sie beobachten den Weg des Ewigen, zu üben Gerechtigkeit und Recht" weisen ihm vielmehr als das wahre Ziel seiner Lebenstätigkeit die Sicherung der Zukunft für den weiteren Ausbau und die Ausgestaltung der von ihm eingeleiteten neuen religiösen Lebensrichtnng an. Darum sehen wir ihn auch unmittelbar nachdem er sich aus der tiefen Trauer um die Sarah aufgerichtet, die nötigen Vorbereitungen zur Wahl einer würdigen LebenSgefährtin für seinen Lieblingssohn Jsak treffen« indem er seinen treubewährten Hausverwalter Elieser mit der Ausführung dieses wichtigsten Herzenswunsches in der Weise betraut, hierbei von den Töchtern Kanaans ganz abzuschen und nur in sein Land, in. seinen Geburtsort zu 'gehen und von dort eine geeignete Frau zu holen. Der Grund zu dieser entschiedenen Abneigung Abrahams gegen die Töchter des Landes, in welchem er schon so lange wohnte und woselbst er als ein edler Fürst von vielen Bundesgenoffen hochverehrt wurde« war gewiß nicht persönlicher Natur in weltlichem Sinne dieses Wortes. Maßgebend hiefür war vielmehr die Befürchtung, daß die sittliche Qualität der Kinder dieses Landes durch eine Verbindung mit ihnen alle jene Ideale gefährden, wenn nicht ganz vernichten könnte, deren Erbschaft Jsak von Abraham mit der Verpflichtung zu übernehmen,hatte, sie in unverletzlicher Heiligkeit nicht nur zu bewahren« sondern auch auf seine Nachkommen weiter zu übertragen. Schon der Stammvater des kanaanitischen Volkes Cham vereint im Gegensätze zu seinen edleren Brüdern Sem und Jafet eine Sittenverderbtheit, die ihm den Fluch seines Vaters Noah zugezogen hatte und ihn und seine Nachkommen zur ewigen Knechtschaft verurteilen ließ. Und" daß zu Abrahams Zeiten im Leben dieses Volkes dieselben Laster noch immer fortwirkten und es unaufhaltsam ' dem Rande des Verderbens immer näher brachten, .erhellt mit einer kaum verkenn- . baren Deutlichkeit aus der schon früher einmal unserem Stammvater gewordenen Offenbarung, daß die Eroberung des heiligen ׳ Landes seinen Nachkommen nur als die Folge des Vollwerdens des Sündenmaßes des Emori im vierten Geschlechte zufassen würde. Eine Vermischung mit dem Dolle Kanuqns mutzte dennoch sowohl mit Rücksicht auf dessen Abstammung wie auch mit Rücksicht auf das von Gott chn gestellten Prognostikon grundsätzlich vermieden werden. Und nur der an׳ sittlicher Lebensauffassung vornehmere Stamm des Sem, dem ja Abraham selber entstammt war, bot ihm trotz der zwischen chm und seiner weiteren Familie später entstandenen religiösen Gegensätzlichkeit dennoch die Gewähr und die Bürgschaft, unter deffen Töchtern eine würdigere Lebensgefährtin für Jsak und eine zuverlässige Hüterin der häuslichen Tradition der frommen Sarah zu finden. Diese Stelle der Bibel, die uns mit einer auffallenden Breitspurigkeit von der Brautwerbung Eliesers Bericht gibt« erscheint uns als der geeignete Ort, um in Zusammenhang mit ihr hie Stellung des Weibes im Weltall im allgemeinen und als Gattin im besonderen im Geiste unserer Religion zu erörtern. Wenn wir nun hiebei die aus dem Schöpfungsberichte stark hervortretende Tatsache ins Auge faffen« daß die einzelnen Wesen in ständig aufsteigender Linie nach dem Grade ihrer Vorzüglichkeit später ins Dasein traten und mit der Erschaffung des Menschen das ganze Schöpfungswerk seinen Abschluß, seine Krönung erhielt, so berechtigt schon dieses Prinzip allein zu der Schlußfolgerung, daß die noch später erfolgte Bildung des Weibes für deffen höhere Bevorzugung spricht. Aber einen noch deutlicheren Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme liefert der die Erschaffung der Frau über- Haupt erst begründende Bibclvers: לא טוב היות ה •לדם לבדו אעשה לו עזר בננדו ״Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, ich will ihm machen eine Gehilfin, ihm gegenüber." Während die Bibel sonst bei dem Schöpfungswerke eines jeden Tages zufolge des in ihr deutlich zutage tretenden Optimismus sagt: וירא א ל ק ״ כי ט י״ ב ..und Gott sah, daß es gut war" und nach Vollendung des Alls noch einmal zusammensaffend uns erzählt: ״Und Gott sah, daß alles, was er erschaffen sehr gut war," erscheint in ihr zum ersten Male der befremdende ׳Ausdruck לא טוב »es ist nicht gut" mit Bezug auf den alleinstehenden Menschen. Des Menschen Wesen wird sonach als unvollendet im Weltall angesehen allsolange ihm das Weib zur Ergänzung nicht gegenübersteht und diesem erst wird dje hohe Aufgabe von Gott zugewiesen, aus dem Dasein des Menschen das לא טוב das Nichtgute zu bannen, ihn zu vollenden und als vollendetes Wesen im Gefüge des vollendeten Wcltganzcn zur ewigen Herrschaft über alle sonstigen Gebilde in ihm zu erheben. Und auf dieser Voraussetzung der hohen Bedeutung des Weibes beruht gewiß auch das Vernichtungsurteil des Talmuds über alles Junggesellentum: Wer ohne Frau lebt, lebt ohne Glück, ohne Freude und ohne Segen (Jebaru. t>2־ a). Im ehelichen Leben steht die Frau dem Manne gegenüber in dem Verhültniffc vollständiger Parität. Sie erscheint in allen wichtigen Lebensfragen in der in der Bibel bezeichneten wichtigsten Stellung als ע ז ר feine Hilfe und ist wie das Beispiel der Sarah beweist, mit dem Recht ausgestattet, daß ihre Stimme und ihr Urteil als maßgebend. Gehör finde: כל אשר תאמר אליך שרה שמע בקלה ״Alles, was die Sarah dir sagt, höre auf ihre Stimme." Ebenso bezeichnend für die hohe Stellung der Frau in der Ehe ist die Tatsache, daß der überwiegend größte Teil der Ehegesetze nur dem Zweck des Schutzes ihrer Rechte dient. Der allgemein geltende Ausdruck קידרידן für den Trauungsakt, der ״Heiligung" bedeutet, läßt ferner erkennen, welch hohe sittliche Aufsaffung innerhalb des Judentums über die Eheinstitution seit jeher bestand und macht es zur Gewißheit, daß in der jüdischen Ehe jede Voraussetzung zu einer geringeren Bewertung der einen Ehehälfte fehlt. Die Art, wie sich Elieser nach der Erzählung unseres Wochenabschnittes seines Auftrages, für Jsak eine würdige Frau zu wählen, entledigte, ist in den wichtigsten Punkten charakteristisch nicht nur für die damaligen Lebensverhältnis, sondern auch für eine ganze Reihe von später aus dieser Erzählung abgeleiteten Ehegesetzen. Das Zeichen selbst, das er sich zur Beurteilung der Würdigkeit der Jungfrau am Brunnen von Gott erbeten hatte, bot ihm hinlängliche Gewißheit über deren Herzensgüte, eine Voraussetzung, ohne welche er angesichts der genauen Kenntnis des in Abrahams Hause herrschenden Geistes edler Menschenliebe keinen Schritt hätte tun können. Seine hernach im gastfreundlichen Hause der Eltern der Rebekka gepflogenen Ausspräche über den Zweck seines Kommens führte auch rasch das ersehnte Resultat 'herben An die endgültige aus den kleinen 5 Zusage jedoch, daß die Rebekka gleich mit ihm in die Heimat Jsaks ziehen könne, wurde noch die gewiß sehr berechtigte Bedingung des vollen Einverständnisses der Jungfrau selbst geknüpft. Und die Worte, die Rebekkas Angehörigen aus diesem Grunde dazumal zu Elieser sprachen: נקרא לנערה ונשאלה את פיה .,Wir wollen das Mädchen rufen und sie befragen", schufen für die späteren religiöse Praxis die wichtige ehegesetzliche Bestiinmung, daß der Vater nicht das Recht hat, seine Tochter gegen deren Zustimmung zu verheiraten. Auch die Ueberreichung von Geschenken seitens des Bräutigams an die Braut, was hier in Jsaks Vertretung allerdings nur durch eine Mittels- Person geschieht, erhielt nachmals einen religionSgesetzlichen Charakter, wie auch die Worte des Segens, mit welchem die Rebekka aus ihrem elterlichen Hause weg und dem Manne ihrer Herzenswahl entgegeiizog, in unveränderter Form auch heute »och über die keusche Jungfrau gesprochen werden, bevor sie unteOdem Trau- Himmel an der Seite ihres Bräutigams zur Beschließung ihrer ehelichen Lebensgemeinschaft erscheint, llnd selbst der Brauch des Brautschleiers ivird uuö durch diese erste, in allen ihren Einzelheiten vertraute jüdische Eheschließung vorgezeichnet, indem die Rebekka להקה הצעיף ותת כס bei dem ersten Anblick Jsaks int Gefühle der hohen Bedeutung der Verkettung ihres Lebenssckicksals mit ihm wie vor einer güttlichen Offenbarung in jungfräulicher Anmut und Schüchternheit sich umvillkürlich verhüllte. Dieses barmonische Zusammentreffen so vieler edler Tugenden im Herze» der Rebekka machten sie eben zu einer vorbildlichen Mutter in Israel und fähig, daö durch de» Tod der Sarah verödete Zelt Abrahams wieder zu erheitern und in Jsaks Haus und Jsaks Herz Trost und Glück zu bringen. Lemel. Dr. F. R. Hein sch et. (Schluß.) Lemels zweiter Sohn hatte die einzige Tochter seines Lehrmeisters geheiratet und brachte es zu Ehre und Ansehen. Lemels Tochter wurde bis nach Paris verschlagen, gründete dort ein Putzgeschäft, welches zu hoher Prosperitä brachte. Nun begann für Lemel eine schwere;V’it. Seine Kinder unterstützten ihn reichlicher, knüpften aber die Bedingung daran, das! er keine Almosen annehmen dürfe. Mehr als zwei Jahrzehnte hatte Leine! auf der Landstraße zugebracht und nun sollte er mit einem Male das liebgewordene Metier aufgeben. Auf die Unterstützung seiner Kinder Härte er unter Umständen auch Verzicht geleistet! er und seine Gattin hatten ja nur geringe Bedürfnisse, aber er wollte seine Kinder nicht kränken. Leniel und Telce nahmen in N. ihren dauernden Wohnsitz. Die Schwester seiner Gattin hatte inzwischen daS Zeitliche gesegnet und Telce widmete sich nun voll mib ganz ihre» Hausfrauenpflichten. Ab und zu kam ein oder das andere Kind zu Besuch, das waren die schönsten und glücklichsten Tage deS alternden Ehepaares. Eines aber mußten die Kinder dem Vater gestatten, daß er an jedem Neumondstage nach W. ging. Nach dem aufblühenden W. hatte sich inzwischen ein großer Teil der R.er Gemeinde gezogen: auch Reb Mendel, sein einstiger Herr, hat sich dorthin von seinen Geschäften zurückgezogen. Bei Jachew, der Tochter Mendels, hatte Lemel sein Quartier aufgeschlagen, dort hatte er bereits auf feiner ersten Tour gewohnt. Telce blieb zu Hause und Lemel führte nur seine Drehorgel mit, spielte in den Häusern auf und fang fein Lied dazu. Gab ihm jemand ein Geschenk für das Aufspielen, und das taten fast alle, so nahm er es an, verwendete es aber nicht für sich, sondern schenkte es den vom Glücke enterbten, an welchen R. keinen Mangel hatte. Wurde er in R. oder in W. zu einer Hochzeit eingeladen, so nahm er die Einladung an, spielte den Schalksnarren, um das Brautpaar zu erfreuen, aß und trank, nahm aber für seine Mühewaltung keine Entlohnung an. Auch mit grauen Haaren liebte er seine Telce noch mit jugendlicher Glut. Die jungen Leute im Orte kannten Lemels schwache Seite und trieben mit Telce ihren Scherz.