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Jüdische Volksstimme · 1912-10-31 · Heft 30 (31.10.1912) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 30 (31.10.1912)
Date
1912-10-31
Page
– (sequence 10)
Language
German
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' 1?'. -־ל•'׳**’.‘■׳״',''״',’' .■*".■'־'.‘''/'י*»?jÄpS« firS Seite 10. ״Jüdische Volksstimme." Nr. 30. vererbten und welche diese wiederum befähigten, wie Jsak und Abraham ״לכו שניחש יחדו in harmanischer Ucbcrcinftimmung mit ihren Vorfahren für die Erhaltung der idealen Güter ihrer Religion zu tämpfcn und zu leiden. Und gleichwie das Leben Jsaks dazumal noch unter dem gegen dasselbe gezückte Messer durch eine göttliche Stimme gerettet wurde und er von dem Altäre des Herrn weg seiner Bestimmung zucilen tonnte, den Segen Abrahams lvciterzutragcn, so bot auch späterhin zu allen Zeiten unsere opfcrvolle Hingcbung an Gott und seinen Glauben nicht bloß die Ursache eines unaufhörlichen Kampfes gegen uns, sondcrn auch die Kraft, die unüberwindliche Stärke, jeder Gefahr zu cntkonunen und die Bahn unseres gcschichtlichen Werdeganges ungestört zu jenem Endziele hin fortzusetzcn, das Gott einst Abraham mit den Worten verkündet hat: ״Und cs werden durch dich gesegnet werde» alle Familien der Erde." Lazar Gestettner. Am 4. Oktober feierte der verdienstvolle Vorsteher der orthodoxen Gemeinde zu Preßdurg, Herr Lazar Gcstelt » c r, das 40jährige Jubiläum als Vorstands- Mitglied dieser Gemeinde. Herr Lazar Gestettner wurde noch zu Lebzeiten» des Ksaw Sofcr s. A. in den Vorstand berufen und wirkt seit dieser Zeit ununterbrochen mit unermüdlichem Eifer zum Wohle unserer altehrwürdigen Gemeinde. Sein Bestreben war stets, das traditionellc Judentum äusrcchtzuerhalten, in welcher Bezichung er den heutigen Kultusvorjtehcrn als Muster dienen möge, da er diesen Standpunkt auch in seinem Privatleben vertritt. Abgesehen davon, daß derselbe einen streng religiösen Lebenswandel führt, hat er auch seine Kinder aus Basis der Thoroh Jcrch und Gemilus Ebassodim erzogen und trägt dabei den Anforderungen der Neuzeit Rechnung, indem er bestrebt ist der heranwachsenden Jugend Gelegenheit zu bieten, sich in den ncucrbautcn Gcmcindcschulcn moderne Bildung in Vcrbindung mit echt jüdischer Religiosität anzucigncn. Ihm ist es auch zu verdanken, daß die Gemeinde im Besitze des Versorgungshauscs gelangt ist, da er als Stadtrcpräsentant beim damaligen Bürgermeister intcrvcliierte, daß die Stadtgcmcindc dieses Gebäude, welches vorher ein Waisenhaus war, der jüdischen Gemeinde zum Ankäufe überlasten werde. Und wie sehr ihm diese Institution, welcher er seit deren Gründung als Vorstandsmitglicd angchört, nahesteht, beweise, daß derselbe vor zwei Jahren gelobte, dem Versorgungshausc einen neuen Tempel zu spenden, toelchcr im vcrflostcnc» Jahre schon erbaut und seiner Bestimmung übergeben wurde. Aber auch als Vorsteher der Chewrah Kadischah hat sich Herr Lazar Gestettner unvergängliche Verdienste erworben, da während seiner Amtstätigkeit das jüdische Spital renoviert, mit den modernsten hygienischen Hilfsmitteln ausgcslattct und dortselbst das Diakonistcnbeim errichtet Ivurdc. Seit dem Jahre 1880 Vorsteher des Vereines ״Jerucham Josom", verstand er cs, durch ziclbelvuhte Leitung das Interesse seiner Gcmcindcmitglicdcr für diesen edlen Zweck in einem derartigen Maße zu wecken, daß das Vcrcinsvcrmögcn, welches im Jahre 1880 bloß 1200 Gulden betrug, heute eine Höhe von 104.000 K erreicht hat. Auch bei der Gründung des Mädchcn-WaisenhauscS trug er sehr viel bei. Herr Lazar Gestettner, welcher das Gymnasium zu!Raab absolvierte, besitzt auch als Talmid Chochom großcs talmudischcs Wissen und bringt unserer altehrwürdigen Jcschiwah sein wärmstes Interesse entgegen. Erst Heuer hat er als Kulmsvorstchcr der ncugcgründcten Mensa, der Jcschiwah das Gebäude der ehemaligen Knabenbürgerschulc zur Verfügung gestellt und durch seine Muuifizeuz auch materiell gefördert. Und wie Herr Lazar Gestettner das Wohlwollen der Gcmcindcmitglieder in vollstem Maße besitzt, beweist, daß er in der Zeit vom Jabrc 1872 bis heute in 14 Mahlgängen immer iviedergewählt ivurdc. Herr Lazar Gestettner ist unterstützendes Mitglied sämtlicher Wohltäligkcitsvcreine und müßte er als Philantrop und Menschenfreund nicht nur :Rösch bakobol, Haupt der Gemeinde unter dessen Aegyde die Preßburgcr orthodoxe Gemeinde den ersten :Rang unter den ungarischen Gemeinden einnimmt, sondern auch ow hakohol, Vater der Gemeindegenannt werden, da er für jedes einzelne Gcmcindemitglied väterliche Gefühle hegt, Leid und Freud mit ihm teilt und sein Haus stets der Wohltätigkeit und Rächstculiebe geöffnet ist. Sein Wirken in dieser vcrantlvortungsvollen Ebrenstellc ist stets lcschcm schomajim, dabei zicrr ihn, bei seinen großen, unvergänglichen, gemcinnützigen und wohltätigen Leistungen, eine besonderc Besckieidenheit und ist sein Wahlspruch: Hazonch leches im haschein elokechoh. Ter Gcmcindcvorstand bat aus Anlaß des 40jährigcn Jubiläums eine kunstvoll ausgcstattetc Adrcste unfertigen lasten, deren Text Herr Freuder, ein Meister auf dem Gebiete der jüdischen Sprache, verfaßt hat.. Die äußere Ausstattung dieser Adresse, ein Kunststück der Plastik, hat Herr Rabbinatskandidat Joses Grünsfeld jun., Sohn des Ncligionspcofessors und Sekretärs der Rabbincrschulc, Herrn Adolf Grünsfeld, sehr gelungen ausgeführt. Diese Adresse wurde von allen Ausschuß- Mitgliedern unterfertigt und dem Jubilar feierlichst überreicht. Herr Sekretär Wilhelm Grünsfeld überreichte eine eigenhändig angcfertigtc hebräische Adresse und verlas das Protokoll, welches anläßlich der ersten Wahl des Jubilars im Jahre 1872 geschrieben wurde. Die Gemeinde hat auch eine Lazar Gestettner-Jubiläumsstistung errichtet, welche die Söhne des Jubilars mit einer Spende von 8000 IC ergänzten. Möge es diesem ehrenwerten Manne noch recht lange gegönnt sein, sein segensreiches Wirken in vollster Rüstigkeit zum Wohle unserer Gemeinde fortzusctzen. LemeL. Dr. F. R. Heinschel. (XI. Fortsetzung). Freilich sahen Lemel und Telce den Feiertagen nicht mehr so freudig entgegen als in den früheren Jahren, denn die Kinder waren in der Fremde, das Reisen aber war zu jenen Zeiten eine sehr mühselige Sache und mit großen Kosten verbunden und sie konnten gar nicht daran denken, die Kinder nach R. kommen zu lassen. Lemel und seine Gattin verzehrten sich vor Sehnsucht. Wohl hätten sie ein Wiedersehen mit ihren Kindern leicht bewerkstelligen können, aber sie mieden beharrlich jene Städte, in welchen ihre Kinder weilten, diese sollten ja über das Gewerbe der Eltern in unklarem bleiben; diesen Schmerz wollten sie ihnen ersparen. Wohl hatten die bösen Buben in R. Lemels Kindern oft genug nachgcschrieen, deren Eltern seien Schnorrer. Gute Menschen straften die Gasienbuben Lügen und sagten ihnen, ihre Eltcrn seien brave, rechtschaffene Hausierer, die von ihrer Hände Fleiß sich redlich nähren. Lemels Kinder schenkten den barmherzigen Menscheu mehr Glauben als. den bösen Gassenjungen. Zu den Feiertagen erhielt er von seinen Kindern ausführliche Berichte. Von Zeit zu Zeit ließ er seinen Kindern auch Nachricht zugehen, denn Telce war des Schreibens ganz unkundig und Lemels Schrift konnte nur er selbst lesen. Je entfernter aber die Kinder von ihren Eltern waren, desto näher standen sie ihren Herzen, desto opferfreudiger trugen sie für diese Sorge. Lemel hatte jetzt größere Ausgaben und war gezwungen, sich bessere und reichlichere Einnahmsquellen zu verschaffen. Das konnte er nur durch Besuch von Hochzeiten und Beschneidungsfeierlichkciten erreichen. Das geschah Wohl auch früher, aber nur wenn es der Zufall fügte. Darin mußte nun eine Acnderung.eintreten. Hörte er, daß in H. oder P. eine Hochzeit abgchalten werden sollte, dann machte er stundenlange Fußtouren und weite, vom eigentlichen Reiseziele abweichende Umwege, um rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein. Dadurch geschah es auch einmal, daß Lemel zu Pessach nicht nach N. heimkehren konnte. Er nahm es mit seinem Berufe ernst, und hätte geglaubt, eine Unterlassungssünde zu begehen, wenn er aus einer Gemeinde, welche er regelmäßig zu besuchen Pflegt, einmal weggeblieben wäre. Lemel hatte sich im ganzen vier Wochen verspätet und beging das schöne Fest in T. In R. harrte seiner niemand, die Schwägcrin, so dachte er, wird schon zu irgend einem Nachbarn zur Sedcrfeier gebeten und cs fiel ihm nicht schwer, den Pessach mit seiner Gattin in 3t. zu begehen. In 3t., das wußte er, seien sie gut geborgen und er richtete seine 3teise nach diesem Plane ein. Am 3tüsttage des Pcssachfcftcs langten sic in T. an. Der Rabbi war sehr erfreut, als er das Schwarzsche Ehepaar erblickte. ״Ich war um euer Wohl bereits besorgt," begann der 3iabbi nach der üblichen Begrüßung, ״denn wir haben cucht schon zu Purim erwartet." Lemel erzählte die Ursachen seines verspäteten Eintreffens, welche der Rabbi verständnisvoll zur Kenntnis nahm. Für den ersten Sederabend wurde das Ehepaar ins 3iabbinerhaus zu Tisch geladen. Für die zweite Sedcrfeier hatte Lemel eine Einladüng beim Kaufmanne Deutsch erhalten, während seine Gattin zum Fischhändler Löbl eingeladen wurde. Nach dem Abendgottesdienste des zweiten Pestachtages begleitete Lemel seine Gattin zu Löbls. An der Haustüre nahm er zärtlichen Abschied von ihr und lenkte alsdann seine Schritte in das gastliche Haus Deutsch, wo man seiner bereits harrte. Löbl war eine aufgeregte, jähzornige Natur. Nichts aber konnte ihn leichter in Harnisch bringen, als verdorbenes, angebranntes Esten. Seine Gattin, eine brave, gutherzige Person, ließ sich das Kochen immer sehr angelegen sein, an den Feiertagen aber legte sie auf das Zubereitender Gerüchte besonderen Wert, damit ja nur alles tadellos und sorgfältig zu bereitet auf den Jomtowtisch komme. Frau Löbl mußte ein frisches Nachtessen vorbereiten und nachdem sie sich dazu erst mit Eintritt der Nacht stellen konnte, so nahmen die Vorbereitungen dazu längere Zeit in Anspruch, so daß man sich bereits in vorgerückter Abendstunde um den Sedertisch scharte. Die Erzählung von dem Auszuge aus Ägypten wurde bei Löbl rasch heruntergeleiert, desto länger dauerte die Mahlzeit. Die Sedereier waren schön bräunlich, die Knödelsuppe war vorzüglich, auch die Fisch und der Kalbsbraten mit gedörrten Pflaumen fanden Löbls vollsten Beifall und er sprach bei Tisch auch dem Becher fleißig zu. Nach dem Tischgebete wurde nach altem, sinnigen Brauche die Stubentüre geöffnet, ein Zeichen der Freiheit und Furchtlosigkeit, eben wollte der Hausherr schfauch chamoscho^) — welches bei geöffneter Türe gesprochen wird — beginnen, als er einer in Weiße Sterbegwänder gehüllten Gestalt ansichtig wurde, welche an der Türschwelle stand. Die vom reichlichen Weingenuste etwas überreizte Phantasie Löbls, glaubte in dem Fremden den Propheten Elijahu zu erkennen und schrie entsetzt aus. ״Elijahu hanowi ist da." Die Kinder begannen zu schreien und zu jammern, der Hausherr saß in seinem Lehnstuhle blaß und bleich, wie gelähmt vor Schrecken. Telce erhob sich so rasch, als es ihr umfangreicher Corpus gestattete, von ihrem Sitze und schritt auf den au der Türe stehenden Kemel zu, herzte uno küßte ihn und rief einüber das anderemal: ״Lemel, mein süßer Lemel ist das, aber nicht Elijahu hanowi." Die Hausfrau, die bei ihrem Entsetzensrufe ihres Gatten hin herbei, sie hatte die Situation im ersten Augenblicke schon überschaut — daß Lemel, der in den Sterbegwändern gehüllt am Sedertische des Herrn Deutsch teilgenommen, ohne diese abzulcgen, zu Löbels ging — und begann so herzlich zu lachen, daß ihr das Helle Master aus den Augen strömte. Erst als Lemel die Sterbegewänder abgelegt, begann der Hausherr sich von seinem Schrecken zu erholen und auch die Kinder beruhigtcn sich wieder. Am Morgen wurde das Ereignis in T. bekannt und kolportiert; es trug zur Erhöhung der Fcstesstinnnung nicht wenig bei. Dem Fischhändlcr Löbl war freilich dabei nicht wohl zu Mute, denn er wurde gehänselt und mußte den Spott ruhig über sich ergehen lasten. Von T. aus begann Lemel seine Sommerreise und kehrte nach fast einjähriger Abwesenheit zu den Herbstfeiertagen nach R. zurück. Jahre waren vergangen und Lemels Kinder standen auf eigenen Füßen. Sein Aeltester war nach der Lehrzeit auf die Wanderschaft gegangen, hatte-sich ein bescheidenes Sümmchen erworben und ließ sich in Wien als Kürschner nieder Eheste! hatte etwas Tüchtiges gelernt und brachte es nach einigen Jahren so weit, daß er ein Haus gründen konnte. Lemel und Telce waren Zeugen seines Glückes, denn sie standen mit ihm als Unterführer unter dem Trauhimmel. Cheskel hatte neue Kleider und reichliches Reisegeld geschickt, so daß sie mit Extrapost nach Wien reisen konnten. (Schluß folgt.) Gebet bei der Sedcrfeier. ü Sternhof I bestes aller Bitterwässer.

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