Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 30 (31.10.1912)
- Date
- 1912-10-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2621806-2621807-2621837--1788-2622855- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
31. Oktober 1912 Seite 9. Nr. 30. XII1/1. Jahrg. Zwei Gedichte. von Salomon Dembitzer. 1. Wos ich hob erworben,. Löss' ich z'rück. - Loisen will ich, loifen Vun ei'r Blick. — Tag und Stächt gelitten Un gewart't, 'S sennen eire Herzer Kalt un hart .... 'ch hob mein Gott verloiren Nor durch eich! — Un geseh'n dem schwarzen Lebensteich .... Oi, vun eire Blicken Will ich fort, Loisen, suchen ergcz Wo a Ort — Wo es wet mein Seele Ungesteert, Sich ausruhcn, vun eier Harte Schwert!- 2. 'ch bin kein Reicher aus die Welt Geboiren un gekummen! Mein Kindisch Oig Hot nor gesehn Bloiß welkendige Blumen .... Nit mit Lust un Glück un Freid Hot men mich empfangen. Geblieben in mein Kindisch Herz Js a heiß Verlangen! — Un ich such, ich such bis haint A Weg zu jene Zelten, - Mein Seele weint un sehnt un bängt Zu einsam stille Welten. Ich fühl in mir a heißen Drang Ich will zu wos dcrgreichen — Ich meid die Gaffen un die Stobt, Die Menschen tu ich weichen .... Well ich, sogt, gcfinnen wenn A Weg zu meine Zielen, Wet sich, sogt, mein Traum amol Erfüllen? .... alles, was aus den Himmelskörpern wirkend ausgeht, wie Licht und Wärme, die Unterscheidungsmöglichkeit zwischen Tag und Nacht, die Bestimmung der Tage, der Zeiten und der Jahre, ebenfalls nur für den Menschen geschieht. Und mit einer plastischen Anschaulichkeit gibt diesem Gedanken von der hohen Stellung des Menschen inmitten des Weltalls der Psalmist durch die Worte Ausdruck: תמשילהו במעשה ־דיך בל שתה תחת רגליו ״Du hast ihn zu herrschen eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du ihm' zu Füßen gelegt." In natürlicher Konsequenz dieser Erhebung des Menschen über alle sonstigen Lebewesen, durfte dieser auch von Anfang an — wie wir dies schon zum Wochenabschnitte Noah hervorgehoben haben — nach freiem Ermessen das Leben alles Seienden seinen eigenen Zwecken dienstbar, machen. Als Nahrungsmittel stand ihm jedoch ursprünglich nur die Pflanzenwelt, nicht aber das Fleisch der Tiere zur Verfügung. Nichtsdestoweniger konnte man schon selbst in dieser Zeit die Tiere zu Opferzwecken töten, wie dies das Beispiel des Abel zur Genüge bezeugt. Später aber in der nachsintflutlichen Periode wurde das Herrenrecht des Menschen ohne jedwede Einschränkung über alles im Universum und in jedwede Form ausgedehnt und das ursprünglich indirekte Verbot des Aiiimalischen zur Stillung des menschlichen Hungers ausgehoben. Hierbei wird cs jedoch mit Rücksicht auf die zufolge des Blutvergießens auch zu allgemeinen profanen Zwecken leicht entstehende verderbliche Wirkung auf das menschliche Gemüt als wichtig erachtet, gleich im Anschlusse an dieses Zugeständnis an den Menschen, Bestimmungen zur Verhütung von Grausamkeit selost gegen das Tier zu. treffen, das Verbot 00»א2י־ התי ein Glied oder das Fleisch von einem noch lebenden Tiere zu genießen, ausznsprechen. Und gleich anschließend daran folgt auch das wichtigste, für die Er- Haltung der von Gott eingesetzten Weltordnung grundlegendstc aller Gesetze, das Leben des Menschen als absolut unverletzlich, als heilig zu halten, das Blut eines Menschen nicht zu vergießen, mit der Begründung: ״ בי בצלם אל״ק עשה את האדםdenn in göttlichem Ebenbilde hat er den Menschen erschaffen". Und fast will uns infolge dieses Hinweises auf das Göttliche im Menschen die gegen einen Mörder dem irdischen Exegetisches zum Wochenabschnitt וירא Von Rabbiner Dr. A. Deuts ch. Eine der.schwierigsten, wenn nicht gar die schwierigste Stelle in der Bibel ist unzweifelhaft die Erzählung von der beabsichtigte» Opferung Jsaks durch Abraham. Die ganze Handlung, obschon sie nicht zu Ende geführt werden durste, erschien seit jeher vom religiösen Standpunkte dennoch so bedeutungsvoll, daß sie mehr als jede andere im Gebetritual einen breiten Raum einnimmt und als das wirksamste Mittel für die gnadenvolle Erhörung unseres Flehens zu Gott gedacht wird. Legt man sich aber angesichts dieses prädominie-- rendcn Einflusses der Akedah auf unsere religiöse Vorstellung und Gesinnung die Frage nach der wahren Ursache dieser Erscheinung vor, so wird die vernünftige Bibelauslcgung auf schwer zu beseitigende Schwierigleiten stoßen. Schon der Sinn der einleitenden Worte: --- _,״ .׳und Gott versuchte den Abraham" ist mit dem allgemein geltenden Begriffe der göttlichen Allwissenheit kaum in Einklang zu bringen. Wie gar erst die Annahme rechtfertigen, daß Gott das Leben eines Menschen überhaupt, das Leben des Jsak aber insbesondere als Opfer für sich beanspruchen konnte, nachdem er doch die ganze Zukunft unseres Volkes gemäß der feierlichen Erklärung: בי ביצחק יקרה לך« ורע" »denn durch Jsak soll dein Same genannt werden" eben auf dieses eine Menschenleben aufbaucn wollte. Um nun in das Dunkel-, und Rätselhafte dieser Erzählung auch nur einigermaßen Licht und Aufhellung zu bringen, wird cs notwendig, auf die wichtigstcn Ergebniffe der grundlegenden Lehren des ganzen biblischen Schöpfungsberichtes noch einmal zurückzugreisen. Nicht zu verkennen ist hier vor allem die Absicht, den Menschen als das Bedeutsamste, ja, als das cigcutliche Ziel des ganzen Schöpfungswerkcs zu proktamieren. Darum wird ihm gleich nach seiner Entstehung auch das Recht cingeräumt, über alle Wesen, welche die Erde hervorgebracht, zu herrschen, wie denn vermöge seines himmlischen Teiles, vermöge seiner Seele auch Richter übertragene Gewalt: באדם דיןי auch dessen Blut vergießen zu lassen, als ungeheuerlich und unbegreiflich erscheinen.. Für die Vertilgung eines Menschenlebens sollte man nur Gott allein für die einzig berechtigte und zulässige Instanz halten. Es ist auch nicht außeracht zu lassen, daß nach dem biblische» Berichte selbst über einen Mörder von Anfang an nicht dasselbe Urteil galt, oder wenigstens nicht zur Anwendung gekommen ist. Tenn der Bruder- Mörder Kain erhält von seiten des Menschen überhaupt gar keine Strafe und Gott wiederum gewährt ihm, nachdem er Reue bekundet hatte, durch ein eigenes Zcichen sogar die Sicherheit für die Zukunft, daß er für sein Vergehen den Tod nicht werde erleiden müssen. Auch der zweite in der Bibel erwähnte Fall eines Menschenmordes, der auf eine etwas rätselhafte Weise, vielleicht unter dem Drucke von Gewissenspein von Lenicch bekannt wird, läßt eine Todesstrafe für dieses Verbrechen noch kaum ahnen. Die Frage der Behändlung eines Mörders blieb also trotz der vorgefallenc» diesbezüglichen Ereignisse bis Noahs Zeit ungeklärt, alle wo sie von dem Blutvergießen, der Tötung eines ticrischen Lebewesen ausgehend in logischer Stcigerungs- ' form durch das für immerwährende Zeiten bestimmte Gesetz ihre entsprechende Würdigung findet: שבר דם האדם באדם דמו ישב »Wer das Blut ד1 eines Menschen vergießt, dessen Blut werde wiederum durch Menschen vergossen." Unerwähnt bleibt jedoch bisher in der heiligeil Schrift der die religiöse Vorstellung gelviß schon von der allerersten Zeit mächtig bewegende Gedanke, ivie das Leben des Menschen selbst hinsichtlich der in der f!!eligion begründeten Pflicht der Hingebung an Gcntzu behandeln sei. Als eine ganz natürliche Aufgabe erschien es dem eine Beziehung des Geschöpfes zu seinem Schöpfer ahnenden Geiste schon von Anbeginn, daß der Mensch im Gefühle seiner Abhängigkeit von einem höchsten Wesen, diesem von seinem Besitzstände ein Opfer darbringe, seine Dankbarkeit und feine Ehrfurcht durch die Hingabe eines Opfers bekunde. Daß aber folgerichtig die Bedeutung und das Ansehen eines solchen Opfers wiederum von der Höhe des Wertes bestimmt wird, welchen cs in de» Augen des Opfernde» besitzt, daß das Opfer nur desto geeigneter ist, seinen Zweck zu erreichen, zum Wohlgefallen Gottes zu dienen. je schwerer sich der Mensch von dem Lpferobjekt. treunen kann, je mehr dieses an seine Seele gebunden ist, das bedarf Wohl keiner besonderen Betonuiig. Liegt doch in dieser Anschauung die wahre psychologische Ursache für die bei allen heidnischen Völkern des 'Altertums häufig vorkommende Erscheinung, daß sie auch das teuerste Gut, das sie besaßen, das Leben ihrer eigenen Kinder, ihrer Götzen hinopferten. Und daß eine solche Ansicht über die Art der Betätigung der Liebe und Ehrfurcht ' selbst gegenüber einem irdischen Wesen manchmal zu den . schrecklichsten Verirrungen führen kann, dessen ist selbst ' in unseren Tage» Beweis das tragisch wirkende Beispiel des hochbegabten japanischen Helden Nogi, der seine I Verehrung gegen seinen verstorbenen königlichen Herrn 1 nicht anders bekunden zu müssen glaubte, als indem er diesem freiwillig in den Tod folgte. Zu diesem, auch vom Standpunkte der von Abra- Ham begründete» monotheistischen Religion sich >vie von selbst aufdrängenden Problem der Wiebehandlung des Meniaienlebens als Opferovjekt mußte daher unabweislich auch in der Bibel in irgendeiner Form Stellung genommen werden. Und dies eben geschieht in der Erzählung von der beabsichtigten Opferung Jsaks. Die konsequente Befolgung der Anschauung, daß Gott in der wirksamsten Weise dadurch gedient wird, so der Mensch seinen teuersten Besitz, sein höchstes Gut, das Leben seiner Kinder oder auch das eigene in silier Refignation wenn nicht gar in verzückter Begeisterung hingiebt, müßte allmählich, ivennn sie einmal zur allgemeinen Geltung gelangen lvürde, zu der völligen Vertilgung des Menschengeschlechtes und zur vollständigen Verödung des Weltalls führen. Gibt es doch tatsächlich eine nicht unbedeutende religiöse Wcltauffassung. den Budhismus, der gerade in diesem Streben nach der restlosen Verneinung alles Seins, das Eingehen in da» Nirvana die höchste Tugend, die vollkommenste Glückseligkeit erblicken. Die Religion Israels hingegen, ivelche allem Pessimismus entgegen ist, deren Duellcnbuch, die Thora bei jedem einzelnen der SchöpfungSiverke von dem Schöpfer des Alls sagt: 2X ל ־א אל יק und Gott sah, daß es g u t war. und »ach der Vollendung der Gesamtschöpfung noch einmal zusammenfassend allen Gewordene» das Siegel der Göttlichkeit und der rivigen Fortdauer mit den Worten aufprägen läßt: l AU I »u» > . I w Js . E .?א ז . . Und Gott sah, alles was er geschaffen und siebe, es ivar sehr gut. Diese Religion konnte selbstredend auch betreffs der Bestimmung des menschlichen Lebens im Dienste des Allmächtigen zu solchen selbstauflüseiideu :Ilcsultaten niemals gelangen. In ihrem Geiste wird vielmehr die Aufgabe des Weltganzen mit dem Satze klar gekennzeichnet:,לא תהו ב-אה לשבת 'צ,־*־ -ticht umsonst hat er die Welt erschaffen, sondern sie gebildet, auf daS sie bewohnt iverde. lim nun dieses Ziel der Weltbevölkerung zu fördern, konnte auch die Prüfung Abrahams, durch welche Gott von ihm das Leben seines Licblingssohnes sich zum Opfer verlangte, nicht anders schließen, denn mit dem Widerrufe des göttlichen Engels: ״Strecke nicht aus deine Hand gegen den Knaben und tue ihm nichts an." Was jedoch den Ziveck der Versuchung Abrahams selbst betrifft, so gilt sie gelviß nicht der Vervollsrändigung des göttlichen Wissens über etlvas, ivas ihm ehedem unbekannt gewesen. Kennt er doch im voraus aucb die geheimsten Regungen der menschliche» Seele lind nichts ist verborgen vor seinen Augen. Allein Abraham als Gründer einer neuen Religion, in deren Interesse er mutig entschlossen mit seiner ganzen Vergangenheit brach, seine Heimat und sein Vaterhaus verließ, sollte nun auch durch die schiverite aller Prüfungen, die ein Paterherz nur treffen kann, durch die Hinopierang de-S Lebens seines Lieblingsiohnes seinen bedingungslosen Gehorsam gegen Gott besiegeln, den er sich zun, Herrn auserkoren. Und obschon ihm in der Stunde der an ihn ergangenen ׳Aufforderung: ״Nimm doch deinen Sob», deinen Einzigen, welchen du liebst, den Jsak und gebe in daS Land Moriah und bringe ihn dort als Ganzopfer '»bar" dieses Verlangen Gottes durchaus nicht als -ine bloße Prüfung, sondern als ein feierlicher Ernst erscheinen mußte, zögert er denitoch keinen Augenblick, den Wille» seines Gottes zu erfüllen und alle notwendigen Vorbereitungen dazu zu treffen. Gott aber ließ diele Willenskundgebung anstatt der Tat gelten. Somit hat nun Abraham auch diese letzte und härteste Prüfung bestanden und er ivirkt hindurch Vorbild lich auch für alle jene >.:l1cr>chätter!׳che Treue ׳n der nachmaligen Geschichte um'eres Volk -,!velcbe >.:d: ehe Eltern, unbeirrt durch die schweren Leid׳:, und Versalgungen. denen sie selber von seiten ie,.dseliger Völker stets ausgesetzt gewesen, auch auf ihre teuer» Kinder Achtung auf den kleinen Anzeiger!