Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 29 (24.10.1912)
- Date
- 1912-10-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. , möblierte. Eine Lampe habe ich beim Rabbi gesehen, wie sie nicht einmal unser Noschhakohl l!at, wenn die brennt, so sieht nran bis unter die Betten; man hat mir gesagt, cs soll eine Moderaleurtampe sein. Hier in R. hat er müssen Ellelewlicht"") brennen, die man jede Weile hat schneuzen müssen, zu der Lainpe aber braucht man nicht einmal eine Lichtputzschcre. Auf Putim bat er Schlochmonaus"״) gehabt, man bckommt nichts mehr; Herz, was verlangst du? Geld, Wein, Zigarren, Tabak, Apfelsinen, Fisch, geräucherte Zungen, Indians; von allem was gut und teuer ist hat mail gebracht und nicht wenig. Bon acht Uhr früh bis zwölf Uhr mittags haben der Row und die Rcbbezin nichts anderes zu tun gehabt, als Geschenke entgegenzunehmcn. Mir hat der;liebste einen blanken Fünfer-Bankozettel als Lehtgeld gegeben. Rach deut Feste der ungesäuerten Brodc ging das Tchwarzsche Ehepaar wieder auf die Reise. In diesem Somnier war Lemels Tournee vom Glücke begünstigt. Er machte in R. und in P. zwei Hochzeiten mit, bei welchen er ein schönes Ttück Geld als Bermittlerlohn verdiente. Leine!-und seine Gattin wurden als Gäste behandelt und mit Ehren überhäuft, tllun hatte er Gelegenheit, doch auch einmal einer Hochzeit anzuwohucu, ohne dasi er den Schalksnarren abzngebe» brauchte. Man lächelte und fpöttelte zivar über das komische Ehepaar, aber Leine! und Telce merkten das nicht, sie waren mit dem Vertilgen unzähliger gefüllter Schüsseln so in Anspruch genommen, das; sie für nichts anderes?lug' und Shr hatten. Lemel fand aber auch für das reiche Schadchones allerbeste Berweuduug. Lemels?leltester feierte nach dem Hüttenfeste die Barmizwoh und wurde — wie dies zu jener Zeit üblich war - - gleich nach derselben in die Lehre gegeben. Eheskel sollte das Kürschner- Handwerk in Wien erlernen. Lemel zahlte das vereinbarte Lehrgeld für alle drei Jahre in vorhinein. Zwei Jahre später ging Lemels zweiter Sohn nach Pest, um das Handwerk eines Schneiders zu erlernen; die Tochter widmete sich der Pubmachcrei. Während der Lehrzeit feiner zwei jüngeren minder wurden Lemels Lebcnsverhältnisse noch düsterer. Tie Wohnung in R. musste bezahlt werden. die alternde Schwester feiner Gattin, welche seine Kinder durch viele Jahre betreute, musste nnterslüvt werden, denn sie konnte sich mit ihrer Hände?lrbeit nicht so viel verdienen, als sie zu ihrem Unterhalte!tätig hatte, dazu kam aber auch noch das Lehrgeld für die zwei minder, welches Lemel unter allen Umständen aufbringen musste. Wenn es dem Wähle der minder galt, so legten sich Lemel und Telce bereitwillig jedes Lpfer, jede Entbehrung auf. Er kam nach wie vor zu den Herbstseierlagen und zu Pessach nach R. Tie Wohnung tvurde ja durch seiner Gattin Schwester in Ordnung gehalten und war zum Einpfange des Schwarzichen Eehepaares stets parat. (Fortsehuug folgt.) Kücirerl-e^precimngen. Giovanni Pico dclla Mirandola: Ausgewählte Schriften. llvbersctzi ״nd cingclcitct von Artur Liefert. Jena, Engen DiederickiS. 8 Marl. 208 Seiten. '4>110י della Mirandola gehört zu jenen hutnanistischeu ForsiNern der begiiinendeit Neuzeit, die sich durch ihr Eintreten für die bebräisckte!Literatur um das Geiitesleven der Inden unvergängliche Verdienste crworden vaben. Am 2t. Fevrnar 1402, in Mirandola gederen, ward er setir datd der gesitlich-ivissenschastlichen Lanivab» de'lintnu. Er iindierte in Bologna, lebte dann in ,Zerrara am Bote der Este, durchüreitte alte gelehrten Städte und Stätten Italiens, überall mit dem Eifer einer Biene Ge!ebrfa!n!eit samntelnd, Weisheit schlürsend, Es war gerade die steil, wo nach dem Falle Koniiaminovels ein Strom griechischer Gelehrter das Ttudinnt des tlassischen Altertums nach dem Westen Europas trugen tind 1r׳o auch die Weisheit des Morgenlandes eisrige F-rennde und Förderer sand. Schott 1311 verlangte Papii .Siemens der Fünfte auf dem Konzile zu Vienna die Errichtung von Lehrstühlen für die '׳׳> Jünger. ־■״'! Talgterzen. Geschenke. ״Jüdische Volksstimme." orientalischen Sprachen und mit der Absicht, durch genaue Kenntnis der jüdischen Schriften das Christentum aus ihnen beweisen und die Juden zur Taufe bewegen zu können, ivard die hebräische Literatur eifrig studiert, vor allem auch die in manchen Ansichten dem Christentume nahestehende jüdische Geheimlehre. (Die Kabbalah ist dem Christentume besonders darin verwandt, daß sie in Gott mehrere Potenzen, entsprechend den Gottesnamen, annimmt und sich so der Trinitätslehre verwandt zeigt.) Pico wandte sich mit Feuereifer dem Studium des Hebräischen zu, ein aus Konstantinopel eingewanderter Jude, Jochanan Aleman, ward sein Lehrer und führte den wissensdursttgen Schüler in das Studium der Kabbalah ein; Pico hat insbesondere drei philosophische Schriften der Kabbalisten gekannt und alle drei ins Lateinische übersetzt: den Pentateuchkommentar des Menahem Rekenati, die Schrift ״Chokmath Hanefcsch" von Clieser aus Worms, und das Sefer Hamaaloth des Schein Tob Falaqueras. Sein ganzes Denken war nun daraus gerichtet, die kabbalistischen und neuplatonischen Ansichten, die er diesen Studien entnahm, mit der Philosophie des Plato und Aristoteles zu vereinigen. Der Herausgeber der vorliegenden Sammlung, Dr. A. Liebert, hat aus den sämtlichen Schriften des Pico Auszöge gemacht, so daß die vielen Bände, welche Picos Werke umfassen, zu einem handlichen Volumen zusammengesasst erscheinen. Freilich — es fehlt dem Menschen der Gegenwart der Weg, sich durch dieses Dickicht phantaiiischer Ideen hindurchzuwinden. Ist diese Art des Denkens, wie sie in unserer Kabbalah und in den Schriften ihres großen christlichen Freundes erblühte, endgültig abgetan und blotze Phantasterei, oder sind nur lvir die Blinden, welche das Licht nicht sehen? Wer kann es sagen? .... Jedenfalls mutz man dem Verlage und dem Herausgeber dafür dankbar sein, das; sie wenigstens die äutzeren Hindernisse weggeräumt haben, die den Weg zu dem Werke des großen Mystikers Pico bisher verrantmelt haben. .Henri Bergs»״: Schöpferische Entwicklung. Berechtigte Ilebersetznng von Dr. Gertrud Kantorowicz. Jena, Eugen Diederichs, 1012. :171 Seiten. 0 Mark. Das Erscheinen der deutschen Übersetzung von BergsonS jüngstem und philosophischem Werke wird zweifellos als ein Ereignis aus dem deutschen Büchermärkte empfunden und gewürdigt werden. Denn alle Weltanfchauung, welche sich dem flachen Rationalismus von gestern entgegenstellen und tiefer schürfen wollen, werden sich aus den im besten Sinne originellen Schriften des sranzösisch-jüdischen Philosophen vortreffliche Waffen holen. Ter Grundgedanke des vorliegenden Wertes ist der Kampf gegen den Mechanismus. Tie Anvetung der Materie, die Anhimmelung des Atoms, wie sie die monistische Beivegung gezeitigt hat, mutz ein Ende haben, wenn BergsonS Werke viele und verständnisvolle Leser finden werden. Denn es zeigt B. unwiderleglich: DaS Leben ist nie und nimmer aus der Materie zu begreifen und avzuleiten, denn es ist ihr ganz und gar entgegengesetzt. Das Atom ist unveränderlich, starr, geschichtslos. Alles Lebendige aber hat eine Geschichte. Was lvir erleben, prägt sich uns in unverwischbaren stügen ein. Darum kennt nur das Lebendige den Einslus; jener Zeit als Wirklichkeit, die B. mit duree bezeichnet; an der Materie geht die Zeit spurlos vorüber. Run aber ist das Eigentümliche der Fall, das; lvir die materiellen Vorgänge viel bester verstehen. Während die Physik blüht, ist die Biologie, die Lehre vom Leben, in tastenden, unsicheren Anfängen. Warum das? Bergso» antivortet:!veil der Verstand ein Werkzeug der Praris ist; für die Praris aber ist die einfachste Beirachtnngsart die beste. Darum finden wir uns im Alltagsleben damit ab, die Veränderungen, welche die Zeit an unserer Umgebung vollbringt, zu übersehen und so ztt tun, als tväre alles um uns Materie, als gäbe es um uns herum kein fließendes Leben. Aber der Verstand, der so brauchbar ist, für den Alltag und für die — Alltagswtssenscktaft. vermag das Wertvollste am Dasein, seine schöpferische Kraft, die sich stetig erneuert und niemals die dem Verstände so bequemen Schablonen schafft, nicht zn begreifen. Darum wird der mechanisierende Verstand auch das Rätsel des Lebens nie erfassen, die dartvininifche und verivandte Theorien gehen immer von den Teilen zum Ganzen uttd wundern sich nachher, wie diese Teile so wundervoll zusammenpasten. Aber in Wahrheit ist das Leben ein Strom, die Einheit des Ganzen geht hier den Teilen voran. Die Schöpfung des Auges z. B. ist nicht ein Zusamtnettsetzen mosaikartiger Teilchen, sondern ein einfacher Akt. (Man vergleiche das prachtvolle Bild von der Hand und dem Eisenfeilicht S. 100.) So fern also B. einer Ueberschätzung der Intelligenz in, so fern ist er davon, sie zu unterschätzen. Er wertet am Verstände vor allem seine Anpastungs- : täbialeit anverschiedenste Lebensumstände, während dem I Jnitintt die Treffsicherteit im engen Bezirke eignet. Der! Instinkt findet sicher, aber — er sucht nicht, der Ver¬ Nr. 29. stand mag suchen, aber — die Sicherheit des Findens ist ihm versagt. Der Mensch, in welchem der Lebensschwung sich zum Verstand ausgebildet hat, ist darum, vom Tier, dem Träger des Instinktes, nicht graduell, sondern prinzipiell unterschieden; es behalten hier die alten philosophischen und religiösen Vorstellungen dem Darwinismus gegenüber Recht. Mehr noch: der Mensch kann die Freiheit, die er seinem toandlungsfähigen Verstände dankt, dazu benützen, um nun auch die Treffsicherheit des Instinktes in seinen Dienst zu stellen und so in der Intuition die Schranken des Verstandes zu durchbrechen. Bergson ist nicht nur ein tiefer und origineller Stilist. Umso höher ist das Verdienst der Uebersetzerin zu veranschlagen, die etwas von dem Schwünge der französischen Art in unser schwerfälliges Deutsch herübergerettet hat. Johann Gottlieb Fichte: Werke. Auswahl in sechs Bänden. Mit mehreren Bildnisten Fichtes; herausgegeben und eingeleitet von Fritz Medicus. Erster Band. Verlag von Felix Meiner in Leipzig. Band 127 der ״Philosophischen Bibliothek". Der vorliegende erste Band der neuen Fichte-Ausgäbe enthält zunächst eine mit warmer Begeisterung geschriebene biographische Einleitung von Fritz Medicus, dem tvir, nebenbei ertvähnt, eine 1005 erschienene vortrefflich einführende Schrift über Fichte verdanken. Fichtes Biographie zu schreiben, ist ja eine sehr dankbare Aufgabe; gab es doch manchen, der die Fichtesche Philosophie sehr gering schätzt und sich doch in Verehrung vor dem Manne beugte, der durch tausend Drangsale, durch harte Not und bitteres Elend, stolz htndurchgegangen war, der niemals anders lebte als er lehrte, der es geivagt hat, mitten in dem von Franzosen besetzten Berlitt seine :Reden an die deutsche Nation zu halten, die das erschlaffte Volk aufznrütteln und zum Selbstbewußtsein gegenüber dem fremden Eroberer aufriefen. Medicns weiß dieses große Menschenleben sehr plastisch herauszuarbeiten. Die :Reihenfolge der in diesem Bande abgedruckten Werke eröffnet der ״Versuch einer Kritik aller Offenbarung". Man weiß, lvie diese Schrift entstanden ist. Am 4. Juli 1701 hatte Fichte Gelegenheit, den damals 08jährigen Kant in Königsberg zu besuchen. Kant mag es damals geivohnt gewesen sein, daß man ihn mit Besuchen belästigte: er nahm den jungen, ihm loeiter nicht bekannten jungen Mann ״nicht sonderlich" attf. Da entschloß sich Fichte, dem von ilH über alles verehrten Philosophen nachträchlich eine Visitenkarte zu überreichen, aus welcher er ersehen sollte, daß dieser junge Mann denn doch kein Besucher von der Art der anderen sei. So setzte er sich hin und schrieb binnen vier Wochen diese Erstlingsschrift. Er überreichte sie Kanten mit einem Schreiben, in welchem es hieß: ״Ich mag nur Empfehlungsschreiben» die ich mir selbst mache. Hier ist daS meinige . . . ." Kant veranlaßte die Drucklegung dieser Schrift; sie erschien anonym und wurde allgemein für ein Werk von — Kant selbst gehalten. Als!:׳an den Namen des wirklichen Autors erfuhr, beeilte man sich, ihm eine wistenschaftliche Stellung zu geben: 1704 wurde er, unter anderem aus Betreiben Goethes, nach Jena berufen. Als Einladungsschrift zu seinen akademischen Vorlesungen schrieb er das kurze, aber toichtige Programm: ״lieber den Begriff der Wissenschaftslehre oder der sogenannten Philosophie". Diesein Programin folgte bald die Ausführung: Noch im selben Jahre erschien die ״Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre", die den Namen ihres Verfassers unsterblich gemacht hat, 1705 der ״Grundriß des Eigentümlichen der WistenschaftSlehre in Rücksicht auf das theoretische Vermögen". Beide Werke sind in diesem Bande abgedruckt. ES ist hier nicht der Ort, den Begriff der Wissenschaftslehre zu entwickeln; es sei nur auf die Charakteristik hingewtesen, die Medicus von ihr gegeben hat: ״Er ist die zentrale Attfgabe der Fichteschen Wissenschaftslehre, durch eine Einsicht in das Wesen der Wissenschaft und des Wissens festzustellen, auf welchen Grundlagen eine lleberzeugung ruht — eine lieberzengung, die mehr ist als bloße Ansicht oder Meinung, die ein Wissen ist, daS sich selbst lveiß, ein Wissen, das seiner selbst, das seines :liechtes sich bewußt ist." Gegenüber der :Relativität schwankender Meinungen und wechselnder Ansichten soll wieder das Panier der einen Wahrheit entrollt werden. Dieses Ilnternehmen, das Plato für Griechenland getan hat, es muß für jede Zeit neu geschehen. Darum ist Fichte heute so aktuell wie es die Wahrheit selbst ist, deren Kampf gegen Lässigkeit und Trägheit nie zu Ende gehen wird. ü Sternhofi bestes aller Bitterwässer.