Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 29 (24.10.1912)
- Date
- 1912-10-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. XIII./l Jahrg. Vellage zur ,Wiener Jüd. 24. Oktober 1912 S- 9. Dos Peckele. Seit unser Land is verloren Brennt noch mehr Eistows») Zoren Wir wandern un er treibt uns von Land zu Land Er lacht, woS") wir trogn das verschimmelte Peckl") A Krenk') kenn er wiffen, wos drin ligt im Seckl. Mit osres machen") is er dos nit imstand. Chotsch») er treibt, un er sogt. Mein Jidel geit weiter un sogt: Trog dein Peckele, Jidele, hob nit moire7) Oif dein Pleitzele, trogs un wer nit müd, Oi, trog dos Peckele, Jidele, Hit ob" Gotts Loire") Solang du trogst den Nomen Jid! Sein Peckel dertappt hat Eistow glach Ln sein Loire zerrissen os Pracht) Sein neie Loire hat er gwollt dem Jid onhengen. Der Jid hat die Stücklach zusammengekliben") Stillerheit'-) as kein Oss>») nicht is übergeblieben. Weil ganz er will sein Loire aheim abbrengen") Chotsch er treibt un er sogt Mein Jidel geit weiter un sogt: Trog dein Peckele, Jidele, hob nit moire Cif dein Pleitzele, trogs un wer nit müd, Oi, trog dos Peckele, Jidele, bit ob Gotts Loire Solang du trogst den Nonien Jid! Die Leiden eines Seelsorgers. Am 2. September 1810 erschien in der ״Ungar!- schen Wochenschrift" unter der Aufschrift ״Wiederholte Reflexionen" ein gehässiger, meine Person und Berufsehre schädigender Artikel, welcher von einem gewissen D. Schwarz gezeichnet, aber schon nach meiner Ursprunglichen Ueberzeugung von mir bekannten dritten Personcn diktiert und cingcsandt war. Ich habe, um die unwahren und verleumderischen Angriffe abzuwehren, zunächst beim Vorstände meiner Gemeinde um die Einlcitung der Disziplinaruntersuchung angesucht, nach deren Durchführung eine von allen Vorstandsmitgliedern unterfertigte Vertrauenskundgebung mir übermittelt wurde, in welcher die gegen mich erhobenen Verleumdüngen als unwahr mit Entrüstung zurückgcwiesen wurden. Auf Drängen meiner Familie, welche, wie auch sämtliche Mitglieder meiner Gemeinde u. v. a., von der Zusendung der betreffenden Nummer der ״Ungarischen Wochenschrift" rächt verschont blieben, und endlich der ganz unbegründeten und nur der Rachsucht entspringendcn, gegen mich eingelciteten Hetze ein Ende zu machen, sah ich mich genötigt, die Strafanzeige gegen unbekannte Täter zu erstatten, und als die Untersuchung in dieser Richtung fruchtlos verlief, gegen den vcrantwortlichen Redakteur des genannten Blattes, Herrn Julius Gabel, durch meinen Anwalt Herrn Dr. Simon Medycs in Budapest die Anklage zu erheben. Herr Julius Gabel wurde nach dem von ihm geführten vollständig mißlungenen Wahrheitsbeweis und umfangreicher Voruntersuchung vom zuständigen Anklagesenat des Budapestcr Gerichtes in den Älnklagczustand versetzt und die Schwurgcrichtsverhandlung für den 23. September 1912 angcordnet. In der Zwischenzeit trat Herr Julius Gabel direkt und indirekt durch Mittelsleute an mich heran, mit dem Ersuche», die Angelegenheit gütlich beizulegen und stellte mir sogar die Erklärung aus, welche nachstehenden Wortlaut hat: ״Wiederholte Reflexionen." Zur Beherzigung der Franzensbadcr Gemeinde empfohlen. Unter dieser Kopfmarke erschien in der ״Ung. Wochenschrift" vom 2. September 1910, Nr. 25, mit D. Schwarz gezeichnet, datiert aus Franzensbad vom 24. August 1910, ein Aufsatz, worin die Zustände der jüdischen Gemeinde, besonders aber das Leben und Wirken des dortigen Rabbiners, Seiner Ehrw. Herr Tr. Phil. David Spitzer einer Kritik unterzogen und in fünf besonders angeführten Fällen demselben Rabbiner Unmoral, Irreligiosität, Pflichtvergcffcnheit usw. zum Vorwürfe gemacht und für seine Entlastung plaidicrt wird. Gefertigter Chefredakteur der ״Ung. Wochenschrift" erkläre nun hiermit, der Wahrheit die Ehre gebend, daß ich diesen Artikel im Glauben an die Wahrheitsliebe <) Eistow — Esau, die anderen Völker. ־) wos — warum. ף Peckl — gemeint ist das Judentum, 's A Krcnk — durchaus nicht. •'■1 CfreS machen — Kränkungen zufügcn. ») Chotsch — wenn auch. 7) Moire — Furcht. s) Hit ob — behüte. °s Gotts Toirc — Gottes Thora lLehrcs. 1״) Prach — Fetzen. ״) zusammcngekliben — aufgesammelt, aufgeklaubt. >°) Stillcrheit — in der Stille. >ף Oss — Buchstabe. ") aheim obbrengen — nachhause zurückbringen. des Einsenders in mein Blatt aufnahm, ohne mich vorher um die Verhältniffe genannten Herrn Rabbiners zu erkundigen und zu überzeugen, ob die geschilderten Verhältniffe auch der Wahrheit entsprechen. Erst als genannter Herr Rabbiner durch diesen Artikel in seiner persönlichen und Standesehre gekränkt gegen mich die Preßklage erhob, ging ich der Sache genauer nach und fand, daß meine bona fides mißbraucht und ich von dem glaubwürdig scheinenden Einsender des Artikels in unverantwortlicher Weise düpiert wurde. Nun da ich sowohl persönlich als auch durch andere Ehrenwerten die Ueberzeugung gewonnen, daß der Inhalt des inkriminierten Artikels' den Tatsachen nicht entspricht und es nur böswillige Anwürfe und Erdichtungen sind, ergreife ich mit Vergnügen die Gelegenheit, Seiner Ehrw. Herrn Dr. David Spitzer, Rabbiner in Franzensbad, damit vollste Satisfaktion zu geben, daß ich das Geschehene tief bedauere und ich meine Hochachtung Seiner Ebrwürden — sowohl dem ehrenwerten Manne als auch dem pflichttreuen Nabbiner vis-a-vis — zum Ausdruck bringe. Möge Seine Ehrwürden diese meine Erklärung für die ihm widerfahrene Unbill annehmen und von dieser nach eigenem Gutdünken Gebrauch machen. Budapest, den 20. August 1912. Julius Gabel, Ehefred. d. 11״. W.", Budapest. Als treuer Diener einer auf dem heiligen Grundsatzc des Friedens aufgebaute!! Religion siimmte ich der gütlichen Beilegung dieser Angelegenheit zu. Hierauf wurde bei meinem Anwälte in Budapest ein Vergleich abgeschlossen und erschien in Nr. 31 der ״Ung. Wochenschrift" vom 20. September 1912 eine unwesentlich gekürzte Erklärung, mit welcher ich mich gleichfalls aus dem oben angeführten Motiv zufrieden gab. Nur um der Oesfentlichkeit und insbesondere jenen Kreisen, welche die Reinheit des Judentums in ihrem vollen Umfange zu erfassen vermögen, Gelegenheit zu bieten, die Gefahren, welchen ein jüdischer Seelsorger in Oesterreich, wo er jeden staatlichen Schutzes entbehrt, in seinem Berufe gehässigen Verleumdern gegenüber ausgesetzt ist, kennen zu lernen, fühle ich mich zur Veröffcntlichung der ganzen Angelegenheit berechtigt und verpflichtet. Ich erkläre hiermit, daß mir die in Franzensbad ansästigcn Versaster des Artikels genau bekannt sind und ich lediglich infolge cingeiretener Verjährung nicht in der Lage bin, gegen diese gerichtlich cinzuschreiten. Ich erkläre ferner, daß diese Einsender, falls sie ihr verleumderisches Werk fortzusetzen und meine Ehre herabzumindern wagen sollten, von mir schonungslos zur Rechenschaft gezogen werden und daß ich mit Vergnügen die Gelegenheit wahrnehmcn werde, selbst in der Rolle des Angeklagten diese meine Behauptung zu vertreten und zu verteidigen und vor dem Forum der Oesfentlichkeit das Treiben dieser Leute zu kennzeichnen, die aus den unedelsten Motiven nicht zurückgeschreckt sind, einen Seelsorger auch vor Andersgläubigen herabzuwürdigen versuchten, weil er nicht dazu zu haben ist, eine ungerechtfertigte und nicht genug zu verurteilende Opposition unserer Gemeinde zu unterstützen, sonder» pflichtgemäß und offen ihr entgcgcnlrat und eifrig bestrebt war und ist, die geradezu bewundernswerte und mustergültige Führung der Kultusgemeinde mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu unterstützen und zu fördern. Tie Knltnsgemeiiidc Franzcnbad wäre gewitz heute schon zu einer großartigen Entfaltung gelangt, loenn sie nicht auf Schritt und Tritt durch jener Leute Verhetzung und Herabwürdigung gehemmt würde, worüber die ergreifenden Jercmiadcn angestimmt tverden könnten. In der Zwischenzeit aber überlasse ich es dem menschlichen Gewisten der Einsender des betreffenden Artikels, sich mit den Tatsachen abzufinden, daß sic in unvcranwortlichcr Weise den Versuch, den allerdings mißglückten Versuch gemacht haben, einem Familien- Vater und Seelsorger die Existenz zu untergraben und die persönliche und Berufsehre abzuschneiden. Franzensbad, den 8. Oktober 1912. Rabbiner Dr. D- Spitzer. Lemel. Dr. F. R. Hein sch e l. (X. Fortsetzung). Um die Mittagszeit gab der größte Teil der Gemeinde dem Rabbi das Geleite in die zwei Wegstunden entfernte Filialgemeinde W.׳, dort hielt der Rabbi am Rachmittag die Abschiedsrede. Lemel und Christoph Holzwurm legten den Weg nach Wzu Fuß zurück. Auch in W. gestaltete sich die Abschiedsfeier recht rührend und feierlich. Rach der Abschiedsfeier in der Synagoge vereinigten sich die W.er und R.er Honoratioren zu einem Abschiedsbankette, welches erst gegen Mitternacht seinen Abschluß hatte. Cs lvurden dabei unzählige Reden gehalten, wobei mehr Tränen als Wein geflossen. Uni ein llhr in der Rächt sollre der Cilzug den Rabbi und seine Gattin nach T. entführen; die Kinder waren unter Begleitung des ältesten Lohnes und der alten Dienstmagd Hannah bereit» voransgereist. Rührend und herzergreifend war der Abschied vor Einfahrt des Zuges. Jung u!id Alt küßte dem Rabbi die Hände. Für jeden einzelnen hatte er ein Legenswort. ein zärtliches Wort des Abschiedes. Den engeren Freunden fiel er um den Hals und seine Augen wurden des Weinens nicht müde. Lemel kündete dem Rabbi beim Abschiede seinen Besuch in T. zu Purim an, das war die Zeit, zu welcher er in der Regel in T. weilre. Christoph Holzwurm war umröstlich. Cr hatte seit der frühen Morgenstunde nichts zu sich genommen; er konnte vor Trennungsweh keinen Bissen herunterwürgen und war einer Ohnmacht nahe. Cr küßte dem Rabbi elwerbietigst die Hand und als dieser ihm um den Hals fiel, sank Holzwurm zusammen und wurde bewußtlos in den Warteraum getragen; eine wohltätige Ohnmacht hatte ihn umfangen. Als Holzwurm die Augen wieder aufschlug, war der Zug bereits aus der Halle gefahren. Holzwurm erwachte wie aus einem schweren Tranm; im ersten Augenblicke besann er iich, wo er war lind was mit ihm vorgegangen. Als er aber wieder klar denken konnte, begann er fürchterlich zu weinen; durch die reichlich vergossenen Tränen fand sein Herz einige Beruhigung. 20״ ist er nun fort, der allerbeste Mann und mit ihm ist aber auch das beste Ltück meines Ich dahingegangen. Ich bin ein armer Teufel, der die weite Reise nach T. zu unternehmeu nicht in der Lage, ist und werde den braven Mann im Leben nicht Wiedersehen. Ich weine um ihn, wie lim einen geliebten Toten, der niemals wiederkehrt. Biel hat die Gemeinde verloren, er war ihr Lehrer und Führer, mir, dem Christen, war er mehr; mir war er Freund und Retter in der Rot." Holzwuriil konnte die Rückreise nach R. nicht zu Fuß zurücklegen, so matt und elend fühlte er sich. Wochenlang ging er still und in sichgekehrt herum und verrichtete sein Tagewerk nur mechanisch. ׳Rur, wenn ihm einer der Freunde und Verehrer des Rabbiners einen Gruß bestellte, dann leuchtete sein Antlitz vor Freude. Jedem, den er an solchen Tagen begegnete, erzählte er, daß der T.er Rabbi sein doch nicht vergessen. Unbeschreiblich aber war Holzwurms Freude, als er selbst nach einige» Monaten ein Lchreiben vom Rabbi erhielt. Wenige Wochen später erkrankte Holzwurm und siechte langsam dahin; sein letzter Wunsch war, daß mau ihm den Brief des Rabbi in den Larg lege. Am Purim desselben Jahres begegnen wir Lemel in T. Unbeschreibliche Freude ergriff Lemel als er des Rabbi ansichtig wurde, aber auch der Rabbi schien sichtlich ersreut, als er Lemel erblickte. Lemel und Telce waren ja den T.ern seit Jahren schon bekannt und hatten dort ihre Häuser, in welchen >ie zu Tisch geladen waren, aber des Rabbi Cinladung wurde trotzdem dankbar angenommen; Lemel wagte es auch, an einem Tage in mehreren Häusern zu speisen. Einige Tage vor dem Pessachfeste kehrteil Lemel und Telce nach :K. zurück, nm die schöne Festeszeit im Kreise ihrer Familie zu begehen. Lemel wurde diesmal nicht müde, von T. zu erzählen. ״Ja, in T-, da hatte der Rabbi einen guten Rabbinersitz gesunden. Cr hätte dort mehr Wein im Keller als unser Roschhakohl. Die reichen Gutsbesitzer — und im großen T.er Rabbinotsbezirke gäbe es deren nicht wenig über häufen ihn gerade mit Ratnralgeichenken und Aufiuerksaiükeiten aller Art. Der Rabbi hat auch eine Jeschibah von Bachurnn'M. die von der Gemeinde mit Kost und Onarkier versorgt werden. Der Rabbi verfügt über eine geränmige Wohnung, welche die Gemeinde herrschaftlich Achtung auf den kleinen Anzeiger!