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Jüdische Volksstimme · 1912-10-17 · Heft 28 (17.10.1912) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 28 (17.10.1912)
Date
1912-10-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. ,Jüdische Volksstimme." Nr. 28. hinschritt, da weinte er oft bitter und klagte sein herbes Mißgeschick an, daß er bettelnd von Ort zu Ort wandern mußte. ״Glaube nur, mein süßes Weib," sagte er fast täglich, ״ich bin tief unglücklich, denn ich bin ein Ausgestoßener, ein Bettler. Ich möchte ja den lieben Gott bitten, er möge der Schmach ein Ende machen und nrich von der Welt nehmen, aber ich, ich muß ja leben, muß ich ja für dich und unsere süßen Kinder sorgen." Wenn Leine! bei einer Hochzeit den Schalksnarren abgab, oder den Ausruser der Hochzcitsgescheute machte, oder wenn er mit Telce Csardas ober Walter tanzte, daß alle Gäste sich vor Lachen die Seiten hielten, dann konnte man eine Weile später beobachten, wie Lcmcl abseits in einem stillen Winkel bitterlich weinte. Bei jeder Hochzeit sang er seinen beliebten Karinen: Wenn der Hohepriester am Jomkipur versöhnte, Tann betete er ״Eins und Eins." Eins ist das Hochzeitshans, wo man geht ein und ans, Wo man ißt, wo inan trinkt, wo man tanzt, Wo man springt und dann eilum beilum singt. Zwei und Chosen׳^) und MaIIclv,r*j, Freud' und Jubel über uns alle. Eins ist das Hochzeitshans, nsw. usw. Drei sind die Freuden am Tisch, Fleisch. Wein und Züsch. Zwei nsw. usw. Bier sind die Elmpohstangeir'Z, Was tun Chosen und töalld) empfangen. Drei nsw. usw. Fünf sind die Mchntoninr'׳), Was geben her MomeistZ Domiur1•'־). Bier nsw. nsw. Sechs sind die Musikanten, Drei Onkel und drei Tanten Jyiinr nsw. nsw. Sieben sind die Mahlzeilslage, Für die Köchin große Plage. Jeden Tag sieben Brochans'׳"-, Alle Zeit nur Hazlochaus'׳H. Sechs nsw. nsw. Wie oft sing Leincl laut zu schluchzen an, während er das Lied vom Hohepriester sang. Die Hochzeitsgäste dachten, die Erinnerung an den Bersöhnnngstag wirke so tief auf ihn ein, rühre ihn zu Tränen. Wer aber Lemel näher kannte, der tvußte, daß der Schmerz über das Bettelgewerbe ihm die Tränen anspreßtc. War Lemel zu einer Hochzeit oder zu einem Beschneidungsmahle ohne seine Telce geladen, dann steckte er die besten Bissen in den Bettelsack, um diese alsdann seiner Telce zu bringen. War aber die Einladnng keine persönliche, durfte auch sein Weib am Festmahle teilnehmen, dann sorgte Telce schon selbst für ihren Magen und Lemel konnte sich ungestört den Tafelfrenden ergeben. Beim Essen konnte Lemel seinen Mann stellen, man mochte ihm noch so viel reichen, er hatte niemals zu viel׳, znm Schlüsse aß er noch immer Neste von den Tellern weg. Freilich war Lemel auch dabei nicht glücklich Glücklich war Lemel nur während der beiden Festmonate, welche er alljährlich int Mreife seiner Familie verbrachte. Vergessen war Leid und Herzweh ׳, vergessen all das Beschämende, welches ihm ans seinen Bettelreisen begencte; vergessen all die Stcinwürfc der bösen Gassenbuben, die ihn Lemel Torakel nannten und ihn mit ihrem ätzenden Spott übergossen; vergessen die grün-gelben Flecken, welche der Stein irgendeines Gassenjungen hintcrlassen. Lemel war ja der Ansicht, daß sich die menschliche Haut selbst flicke. Lemel war bei seinen mindern, fühlte sich als Herr und Gebieter in seinem Hause und war im Herzen froh. War Lemel zu Hause, dann widmete er sich ganz der Erziehung seiner Kinder. Es ist eine sonderbare Erscheinung, die wir bei der Kindererzichnng wahnchmen, Eltern, wenn auch noch so beschränkt und verständnislos, wenn sie nur von wahrer Liebe für ihre Kinder erfüllt, so gibt ihnen der Instinkt ein, was ihren Bräutigam. “) Braut. Traulümmel. '׳'> Schwiegereltern. -'"•1 Geld. ׳ז"; Blut. ״״', Segenssprüche. "וי Glück. Kindern heilsam und was ihnen schädlich. Während zur Erziehung fremder Kinder ein großes Maß von Intelligenz und Bildung, pädagogische, methodische Schulung gehört, so sieht das Vateräuge, die Muttertreue jede sittliche Gefahr, welche ihrem Kinde droht; verkommene Verbrechernaturen nur führen das eigene Kind dem Laster entgegen. Ter Bettler Lemel erzog seine Kinder zu tüchtigen Menschen, zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft. Morgens und abends führte er seine beiden Jungen in das Gotteshaus, er brachte sie ins Eheder und holte sie wieder ab, waren die Kinder frei vom Unterricht, dann war der Vater an ihrer Seite. Während seiner Anwesenheit in R. wich er nicht von seinen Kindern und wollte diese auch keinen Augenblick mißen. In Gegenwart der Kinder hörte man von Lemel nie eine Torheit, nie ein unvernünftiges, unüberlegtes Wort. Er legte sogar seinem Magen die größte Mäßigkeit auf, um den Kindern kein schlechtes Beispiel zu geben. Lemel sprach vor seinen Kindern niemals von seinen Reisen. Vergaß sich Telce und begann von dieser oder jener Stadt zu erzählen, dann warf ihr Lemel einen solchen zornigen Blick zu. daß sie das begonnene Thema sofort fallen ließ. Ob Lemels Kinder das Gewerbe der Eltern ahnten? Sie waren jedenfalls zartfühlend genng, es den Eltern nicht merken zu lassen. War Lemel nach N. zurückgekehrt und hatte er seine Kinder ans Herz gedrückt, dann war sein erster Weg zum Rabbiner; der zweite Besuch galt seinem Freunde. Holzwurm. Wenn die Kinder in der Schule waren oder schliefen, so verbrachte Lemel diese seine freie Zeit beim Rabbi oder, wenn es diesem an Zeit mangelte, weil er. über seine Folianten gebeugt, dem Stndium sich widmete, bei seinem Freunde Holzwurm. Dort konnte er nach Herzens- Inst plaudern, seine Erlebnisse erzählen, sein Herz ansschütten. — Dort fand er aber auch Trost und Ermutigung. Wenn er fein herbes Mißgeschick beklagte, daß er dem Brudermörder Kasin gleich unstät und flüchtig umherziehen müfse, dann verwies ihn der fromme Rabbi auf Gott, ans den Quell alles Segens. ״״Bedenkt doch, mein lieber Lemel, die Kinder werden größer und älter, in ein paar Jahren werden sie so weit sein, daß sie Euch unterstützen, dann seid Ihr aller Not und Sorge überhobcn." Lemel verehrte seinen Rabbi fast abgöttisch und trug nicht wenig dazu bei, den Ruhm des Rabbi allerorts zu verbreiten. Als nach einigen Jahren an den Rabbi ein ehrenvoller Ruf nach T. erging, so mag auch Lemel dazu beigetragen haben. Es war am Beginn des Elulmonates, als der Rabbi sich schweren Herzens dazu entschloß, seinen Wirkungskreis in R. aufzugeben und dem Rufe nach T. Folge zu geben. Lemel hatte in diesem Jahre seine Soinmcrreise um einige Wochen gekürzt, denn auch er wollte bei der Abschiedsfeier des Rabbi von seiner bisherigen Berufsgemeinde nicht fehlen. Kein Auge blieb tränenleer, als der Rabbi die Kanzel bestiegen hatte, um von der Stätte, die ihm so lieb geworden, zu scheiden. Der Rabbi konnte vor Rührung kaum sprechen, das Abschiedswort wollte ihm nicht aus der Kehle. Die ganze Gemeide, Jung und Alt, Männer und Weiber weinten um ihren Rabbi. Lemel konnte seine Rührung gar nicht meistern und schluchzte, daß es einen Stein hätte erbarmen können. Nur Holzwurm, der ja bei der Abschiedsfeicr nicht fehlen durfte, zuckte mit keiner Wimper; er stand da wie gebrochen, das Herz voll zum Zerspringen. Ter Rabbi richtete an die Gemeinde den Appell, den vakanten Rabbinatssitz nicht lange verwaist zu lassen. Er hoffe, daß es der Gemeinde gelingen werde, eine bessere und würdigere Persönlichkeit zu finden, die im Dienste der Thora voll und ganz anfgehen wird. Er selbst hätte zwar stets das Beste angestrebt, aber mit seinen unzulänglichen Kräften nicht das Ziel erreichen können, welches er stets vor Augen gehabt. Vielleicht wird sein Nachfolger dort anknüpfen, wo er aufgehört und zur Verherrlichung der Thora Großes leisten." (Fortsetzung folgt.) heut', da ich so bös geträumt, ist eu'r Besuch mir doppelt angehnem. Hört, was es war! Mir träumte, es sei Mitternacht, im Zimmer ganz dunkel und ich sitze beim Kamine, der teils heimlich ist und teils unheimlich wirkt, wenn er verschiedene Reflexe auf Wände und Fußboden wirft. Ich sitze und denke an vieles; ich denke an früher, an jetzt, an später. Dann sehe ich etwas, das mir so wert war, in die Flamme fallen. Hellodernd hat das Feuer cs gefaßt, scheint kurz darauf zu verglimmen, flackert dann nochmals auf, um ganz es, ganz es zu fassen. Hin — hin ist's! dacht' ich und schloß die Augen, um wieder alles langsam an mir vorübergehen zu lassen, was ich gefühlt und gedacht. Und da berührte mich etwas leise und sanft; ich öffnete die Augen ein bißchen und sah ein weißgekleidetes, durchsichtig-zartes Kind vor mir. Ich blickte erstaunt und faßte seine leichtzitternde Hand. Seine Angst war geflohen, es blickte vertraucnsvoll zu mir auf. ״Wirst du mich noch verstehen?" sagte des Kindes Blick. ״Wer bist du?" fragte ich. ״Ich bin eines deiner Gedichte, die du gegeschaffen und in die ferne Welt geschickt hast, ohne ihnen etwas von ihr zu erzählen. Ich kam an vielen Orten vorbei, sah manches Schlimme, aber immer wieder dachte ich, daß der Ort, an den du mich geschickt, doch endlich gut und von den anderen verschieden sein wird. O, könnte ich doch wieder zu dir, wieder dort sein, wo's mir so gut ging, weil ich verstanden wurde und gehegt ward. Aber, ich muß zurück-- was du hier siehst, ist nur mein Geist, der für eine halbe Stunde herkam." Ich blickte traurig, Ja, ich bin schuld d'ran, daß das kleine, unschuldige aufrichtige Geschöpfchen so leidet. Und ich wendete mich ab, um meine Stimmung zu verbergen. Aber, da sah ich noch viele weißgekleidete- und ähnliche Kinder in verschiedener Größe und alle schienen mich anzuklagcn mit ihren traurigen, flehenden Blicken. Die Not all dieser habe ich verschuldet. Warum ließ ich sie nicht bei mir? Tie halbe Stunde ist vorüber, die Reise ist weit; alle verbeugten sich und baten nochmals mit den Blicken. Ich nickte Ihnen zu und schloß dann die Angen. O, nur nicht seh'n, wie sie wieder zurückkehren, woher sie so gerne kämen. Meine kleinen, mir lieben Gedichte! Wie blaß sie schienen! Aber offen blickten sic noch und aufrichtig und sind nicht berührt vom Strudel der Welt. Gott sei Dank, daß ich wenigstens dessen gewiß bin. Das Äaminfcucr verglimmte-es war dunkel um mich her und ich sah noch lange vor meinen Augen die kleinen niedlichen Geschöpfe mit bittendem, fragendem Blick! Und nun bin ich erwacht! Ihr Vöglein sag't, seid Grüße ihr von ihnen, haben gleich am Morgen sie an mich gedacht? Sind sie nun Wohl und wieder guter Dinge und hoffen auf 'ne bessere Zeit? Fliegt hin, ihr Lieben, gegen Osten und grüß't die Kleinen, die auch von euch ein Wärtihen gern gesungen. Piep piep, lieb lieb! Piep piep, lieb lieb! Tönt's mir als Antwort wieder; Habt Dank, ihr Freunde, so lieb, so lieb Und kommt bald wieder! Ein seltener Besuch. Ihr Schelme! Seid ihr schon wieder da? Soll gleich beim Erwachen froher Gesang mich erfreuen? Dank, herzlichen Dank! Besonders OückeröelpeeiHungen. Robert Scheu, ״Ter lebte Abend," 1 Akt. Geh. 00 Pf. Verlag von Albert Langen, München. — Es ist ein nach jeder Richtung gelungenes Werk, das dem Namen des Autors alle Ehre macht. Hat schon dicc Lektüre großes Interesse, so wurden wohl die prächtigen Gestalten von Lehrer und Schüler, die einander verliercn, weil jeder von ihnen seine eigenen Wege gehen mutz, erst auf der Bühne ihre volle Wirkung tun. So ist dem Einakter eine baldige Uraufführung von Herzen zu wünschen. Hr. I. P. Hebel, ״Poetische Werke," Leipzig 1912, Tcm-lvcrlag. Wie alle Ausgaben des Tcmpeelvcrlages, zeichnet sich auch die vorliegende Neuausgabe der Poetischen Werke Hebels durch ihre geradezu vornehme Ausstattung und inhaltliche Korrektheit aus. Daß sie damit zu den meisten sogenannten wohlfeilen Klassikcrausgabcu in angenehmen Gegensatz tritt, kann man dem Verlage nicht noch genug anrcchnen. Hr.

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