Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 27 (10.10.1912)
- Date
- 1912-10-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10. ״Jüdische Volksstimme." Nr. 27. joschwe wessccho, Heil denen, die im Hause sitzen." Das ist doch ein Widerspruch. Wie kommt aber doch die Kuh über das Dach? Nun wissen wir aber, en odom maloch (wörtlich: der Mensch ist kein Engel), der Mensch ist kein Ackerwägelchen. hat er ja doch keine Rüder, die sich von selbst drehen, sondern Füße, die er in Bewegung setzen inus;, wenn sic gehen sollen. ״Ganz auf dem Wege," das heißt mit anderen Worten, immer in Bewegung sein, fortwährend gehen. Das hält aber kein Mensch aus; das kann kein Mensch leisten. Ein Mensch muß essen, muß schlafen, muß sich ansruhen, muß in der .Mcl)il= 10 bleibett, bis er alle Häuser abgcgangcn, demmfolge kann er auch nicht beständig auf dem Wege sein. Ter König David hat auch wirklich etwas ganz anderes im Sinne. Ein Narr war König David nicht, daß er solche Ungereimtbeiten sagen könnte. König David meint: ״aus dem Wege muß man ganz sein, im Gegensätze von zu Hanse." Äus dem Wege dürfe man keine zerrissenen Stiefel haben, sonst kommt es einem znznrinnen, nicht das Geld, sondern das Wasser dirrch die gelöcherten Stiefel. Man dürfe keine zerrissene Hose haben, sonst bläst einem der Wind mit Vergeben in den Hintern. In Hause beim warmen Lien, im trockenen Zimmer kann man auch barfuß gehen und verkühlt sich nicht. Nim wird aber der Balbos ineinen, aschre joschwe Wessecho, so leicht wie der Vorbeter diese drei Worte ansspricht, so leicht wird er sich setzen, wird die stiiße unter den warmen Ofen stecken, wird gut essen, gut trinken, gut schlafen und wird sich zum Schlüsse noch denken, Aurach sckmeid dir eine Krioli"'), was gehst du mich an, bab ich um dich geschickt, geh, woher du getommen, ich gebe dir nichts. Darauf sagt der König David. Jreunderl. so geht das doch nicht. Du sitzest zu Hanse, dir geht es gut, so brich den Nrmen dein Brod, sonst breche ich dir die Jüße. Gib ihm von deinem Gclde, sonst schneidest du dir die Kriech. Deshalb, mein lieber Herr, geben. Sie mir meine Nedowoh." j Während i'i'iud seine gut memorierte Din־' spräche hielt, stand Telcc in sich versunken an der. Türe und hielt den Daumen im Munde. Iren-> demränen entströmten ihren Äugen, edler Stolz! malte sich ans ihrem Äntlitz ab. Und wenn Lemel! seinen Speech beendigt hatte, dann ries Tclce; voll Bewunderung aus: ״Lemel leben, hundert Jahre sollst du alt werden, hast reden gekeimt. Was sagen Sie, lieber Herr, zu meinem Lemel? Ja, er könnte in der größten Geineinde das Amt des Predigers versehen, die Fähigkeiten dazu besitzt er ja doch. Und sein Organ, sein Anstand heim Sprechen. Aber mein Neb Lcntel hat sich nie >11111 Prediger hergeben wollen. Das ganze Predigen ist eine neumodische Sache, hat man das früher sein Lebtag gehört; wir sind altmodisch geblieben, werden es bleiben, und mein Lemel will vom Predigen nichts wissen." j Lemel verließ W. nach einigen Tagen nniH durchquerte den nördlichen Teil seines Vater- ( landes vom Monat Jjar bis zum Monate; Tischri. Zwei Tage nach dem Snkkothfeste verließ er wieder die Gemeinde N. und beglückte Süd- Ungarn mit seiner und seiner Gattin Anwesenheit. Lemel nahm es mit der Pflicht des Schnorrens so genau, daß er mit einer geradezu minntiösen Pünktlichkeit in den Gemeinden eintras, ans welche er das Gebiet seiner Tätigkeit vcrlegte. Er wurde von Jrennden und Bekannten in die N'achbargeineinden empfohlen, und erwarb sich so im Laufe der Jahre einen immer grüßereu Bekanntenkreis, der seiner Ankunft mit Ungeduld entgegensah. Lemel erfreute sich einer großen Beliebtheit, denn er gehörte nicht zum Schlage der gewöhnlichen Schnorrer. Lemel hatte ein Prinzip, den erbettelten Kreuzer niemals für sich oder seine Telce zu verwenden, das Schnorrgcld vcrwendete er für seine Binder und zur Begleichung der WolmungSmiete. Lemel konnte ja geradezu unmenschlich viel essen, seine Telce erfreute sich auch eines gcsunden Magens, aber eher wären beide Hungers gestorben, als daß sie auf der Reise einen Kreuzer des Bcttclgeldcs verzehrt hätten. Sic nächtigten für eine Kleinigkeit in den Schlafstätten, welche in früherer Zeit von jeder Gemeinde erhalten wurden, oder bei Bekannten in irgendeinem Winkel, ans dem Heuboden oder im Stalle unentgeltlich, aber außerdem verausgabten sic keineu .strcnzcr. Lemel rauchte gerne sein Pfeifchen, aber er erbettelte den Tabak dazu; er trank gerne ein Gläschen Branntwein oder Wein, aber wenn er solches nicht zum Geschenk erhielt, kam kein Getränk über seine Lippen. Kam er in eine Gemeinde, dann sorgte er zunächst für Telces leibliches Wohl, indem er ihr Einladungen zu den Mahlzeiten in den bessersituierten Häusern verschaffte; er selbst nahm, wenn es nicht anders anging, mit den ärmeren Häusern vorlieb; freilich aß er zuweilen auch an mehreren Tischen zu Mittag oder zu Abend. Im Laufe der Jahre hatten sich die Almosenspender so sehr an das Schwarzsche Ehepaar gewöhnt, daß sie ihre An- Wesenheit nur anzumelden hatten, die Einladung zu Tisch war bereits selbstverständlich. An jedem Ncunwndstage erhielten seine Kinder das Kostgeld; Die WohnnngSmietc bezahlte er halbjährig bei seiner jeweiligen Anwesenheit in R. (F. f.) ÜiidicrbclprecJumgen. Jyr0«3 Hartman»,: Unter den Adepten und Rosentrruzern. Zweite, bedeutend vermehrte Auflage. Mit einigen Abbildungen. Leipzig, Verlag Hugo Vollrath. 188 Seiten. Das vorliegende Buch hat den kürzlich vcrstordenen, durch seine religionsgcschichtlichcn Arbeiten auf dein Gebiete der Mystik bekannten Franz Hartmann zuin Verfasser. Es erzählt von einigen in Tibet lebenden ״Meistern" und in einem zweiten Teile von einer roscnkrcuzcrischen Sekte, welche der Verfasser in Neapel kennen gelernt hat, und über deren Religion er ausführlich berichtet. Sic besteht nicht im äußerlichen Beobachtcn von Riten oder im bloßen Fürwahrhaltcn von Dogmen, ״sondern gehl aus den eigenen innerlichen Erfahrungen im geistigen Leben hervor, welche für jeden, der das Glück hat, durch die Eröffnung seines Innern sic zu machen, zu den denkwürdigsten und freudigsten Erinnerungen seines Lebens gehören werden". (2. 80.) Diese Erfahrungen bestehen in cincin allmählichen Wachstum der innerlichen geistigen Selbsterkenntnis, deren Stufen — zwölf an der Zahl — angegeben werden. Ein besonderer Abschnitt ist einem Vergleiche christlichcr und indischer Mystik gewidmet. Dem Texte ist das Bild Franz Hartmanns und mehrere andere Abbildungcn bcigegcben. Johann Gottlieb Fichte: Erste und zweite Einleitung in die Wisienschaftslrhre und Versuch einer neuen Darstellung der WisscnschaftSlehre. Neu herausgegeben von Fritz M e d i c u s. Leipzig, Fritz Eckardt- Verlag. 11S Seiten, 1 M. 50 Pf. (Jetzt im Verlage der philosophischen Bibliothek Felix Meiner.) Das deutsche philosophische Leben der Gegenwart stand bis vor kurzem im Zeichen Kants. Seit in den sechziger Fahren Qtto Lieb mann den Ruf: ״Zurück zu Kant!" erhoben hatte, ist eine unermeßliche Arbeit an das Studium, Verständnis und an die Erklärung und Amvcndung der Lehren des KLnigsbcrger Philosophen gewendet worden. Man kann nicht durchaus sagen, daß diese Gcistesrichtung segensreich war. Zwar jene subjcktivistischc, anthropologische Auffassung Kants, wie sie Schopenhauer populär gemacht hat (daß nämlich die Dinge nicht so sind wie sie erscheinen und daß die Welt an sich uns unbekannt und nur eine Jllusion, nur in der Welt als Vorstellung vorgcspiegelt wird), — diese Auffassung wird nicht mehr geteilt. Man bat vielmehr cingcschcn, daß cs Kant nur darum zu tun war, die Voraussetzungen des Erkcnncns selbst aufzuweisen und so alle Empirie, die Erfahrungswisscnschaft selbst, in dem festen Boden des Wissens zu verankern. Aber immerhin blieb bei Kant ein unüberbrücktcr Dualismus: auf der einen Seite stand das Erkennen, dessen Struktur die ״Kritik der reinen Vcr- »uuift" analysiert hatte, auf der anderen der zu crkenncnde Stoff, der in die Kategorie des Wissens aufzunehmen war durch den Erkenntnisprozeß. Warum diescr Stoff sich den ihm fremden Bestimmungen des Denkcns so geduldig fügte, warum — mit anderen Worten — die Welt denn wirklich erkennbar war, das blieb für den Kantianer ein unlösbares Rätsel, ein ״glücklichcr Zufall", ivic sich Kant selbst geäußert hatte. An diesem Punkte setzte die Arbeit der Philosophen Fichte, Schclling und Hegel ein: sic zeigen, daß der Erkenntnisstoff nichts dem Geiste fremdes, mit ihm nur zufällig Zusammenstimmcndcs ist, daß vielmehr die Welt selbst dem Geiste entsprungen ist, daß, wie Fichte dies ansdrückt, das Nicht- Fch vom Ich gesetzt ist. Dieser tieferen Ansicht vermag sich auch das philosophische Bewußtscin der Gegenwart nicht zu entziehen und so sehen wir überall einen Rückgang auf die Philosophen von Fichte bis Hegel. Diesem philosohischen Umschwung kommt der Verlag Felix Meiner entgegen, indem er eine neue Ausgabe Fichtcs veranstaltet, von deren erstein Band hier demnächst gesprochen ivcrdcn soll. Für beute sei auf das vorliegende Büchlein hingcwiescn, das die beiden Einleitungen zur Wisscnschaftslehre enthält. Diese ״Einleitungen" sind später geschrieben als Fichtcs großes Hauptwerk, die Wissenschaftslehre. Dennoch wird cs rötlich sein, das Studium Fichtes mit ihnen zu beginnen, denn die ״Wissenschaftslehre" selbst ist ein hartcr Bissen auch für solche, welche an schwere Lektüre gewöhnt sind. Die Einleitungen hingegen sind, wie Kuno Fischer sagt, ״Meisterstücke didaktischer Kunst" und ״namentlich darf die erste als ein bewunderungswürdiges Zeugnis gelten, bis zu welchem Grade einer wahrhaft leuchtenden und siegreichen Klarheit Fichte die Grundlegung seines Standpunktes in der Gewalt hatte." Max Brod: Arnold Beer. Axel Juncker, Berlin. Wie der frühere Roman ״Jüdinnen", bildet der vorliegende ein Glied eines Zyklus von Judenromanen, darin Brod bedeutsame und moderne Judentypen schasfcn will. Ein Vielseitiger, Vielgeschäftiger ist Ariwld Beer, ein Anreger und Allerweltsversorger. Dabei ein Schwadronncur und leicht cntzüdlichcr Schwär- »ner, der an jeden anderen eher als an sich selbst denkt. Alleriveltsfrcund und becgisterter An- Hänger jedes Talents, ein Entdecker, und Vermittler im Reiche des Geistes, vergeudet er Zeit und Kraft an mancherlei, was nur ihm von Wert scheint. Er verlangt, daß rings um ihn geleistet werde; als hätte er selbst das Gefühl, daß er mit seiner Zersplitterung nichts nennenswertes hintcrlassen werde, sucht er seine Spannkraft wenigstens durch das Medium anderer Gehirne hindurch wirken zu lassen. Für sich selbst hat er keine Zeit, fortwährend zappelt er in cincin Netz von Verpflichtungen, das er selbst gewoben hat. Gar bald aber erscheint er sich darum als ariner Verfolgter, Begehrter und Bedrängter und grollt seinen Freunden, die ihn ausnützen und verhindern, zu eigener Arbeit zu kommen. Erst unter der Einwirkung seiner Großmutter, einer in sich beharrenden echten Jüdin, überwindet er die Flatterhaftigkeit und Katzenjainmerftimmung, ringt sich zur Klarheit durch und erlebt einen beginnenden Aufschwung. Er erkennt die Grenzen seiner Begabung und findet ein Ziel sür sein Streben. Ernsthaft nimmt er sich vor, seine Vielseitigkeit und Gewandtheit in den einzig hicfür möglchcn Beruf zu leiten, in den JournaliSmus. Wohl ist er sich bewußt, daß dies nicht das Tiefste sei, aber er fühlt in sich eine Liebe zu dieser Qefscntlichkcit, wie ein Erbteil feiner Ahnen. Es bcrührt nur eigen, daß der Verfasser die journalistische Gabe aus dem alten Judentum abzuleiten sucht; sie ist doch nur ein Ausfluß der ucuzcitlichen Golusverhältnisse. Wird Arnold Beer als Journalist in Berlin auch so jüdisch fühlen, wie am Anfang seines neuen Weges, wo auf ihn noch die gute altjüdischc Großmutter, Wie eine fast heroische Figur aus der Bibel wirkt, so daß ihm ist, als erschlösse sich ihin eine ganze Reihe von Ahnen, als spürte er in sich alle ihre Klagen, ihr gescheites Aufpasscn und ihre kühnen Würfe? Oder wird er über den Journalismus hinweg einen zweiten Aufschwung zu einein idealen Judentum nehmen? Möge uns der talentvolle Autor diesen Weg, und sei er auch mit Nuancen und Kleinigkeiten gepflastert, in seinem folgenden Judcnroman zeichnen! Dr. M. Scherlag. Denkmäler jüdischen Geistes. Hcrausgegeben von Dr. B. May und I. B. Lcvy. Erster Band: Moses Mendelssohn. Eine Auswahl aus seinen Schriften und Briefen. Verlag I. Kaussmann, Frankfurt a. M. 124 Seiten. Wir freuen uns, in diesem Buche die Verwirklichung einer sehr glücklichen Idee begrüßen zu könneu. Statt langer Auseinandersetzungen über große jüdische Männer sollen die Denkmäler Auszüge aus den Werken großer Juden selbst den Lesern zugänglich »nachcn. Das ist um so mehr willkommen zu heißen, ״als die Werke unserer großen Geister schwer zugänglich, vor allem aber zu umfangreich sind, um in unserer hastenden Zeit von Laien und Schülern richtig, gesondert und studiert werden zu können." Diese Mühe wollen die Herausgeber dem Leser ersparen und ihn dennoch aus der Quelle jüdischen Wissens selbst trinken lassen. Dieser Weg zum Ursprung ist sicherlich von großcr erzieherischer Bedeutung. Als ersten Großen haben die Herausgeber Moses Mendelssohn gewählt und wir erhalten auf wenig Seiten gut orientierende Probei, aus fast allen seinen bedeutenderen Werken: Phaedon, Jerusalem, aus der Bibelübersetzung, den Morgenstunden, den Philosophischen Gesprächen und — was besonders zu begrüßen ist — auch aus seinem Brief- Wechsel. — Es wäre sehr zu wünschen, daß diese schön ausgcstattctcn ״Denkmäler" ihren Platz in allen Schülcrbibliothcken fänden. Von den Herausgebern hoffen wir, daß sic vor allem die hebräischen Autoren auf solche Weise dem deutsch lesenden Publikum näher bringen werden. Denn die deutschen sind immerhin noch leicht zugänglich, dagegen sind die Denker der spanischen Epoche, dann solche Männer, wie Bachja ibn Pakuda, S. D. Luzzatto, Krochmal, bei Laien so gut wie unbekannt. Welch große Möglichkeiten eröffnen sich da unseren Herausgebcrn!