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Jüdische Volksstimme · 1912-10-10 · Heft 27 (10.10.1912) · page 9

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 27 (10.10.1912)
Date
1912-10-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 27. X11I./1 Jahrg. Beilage zur ,WienerJnd. Volksstimme' 10. Oktober 1912 S. 9. Die Thora. Zum Wiederbeginn ihrer Verlesung. ,.Eine gute Lehre habe ich euch gegeben. Meine Thora verlasset nicht!" (Sprüche Salomos 4, 2.) ״Das Lernen der Thora geht über alles." (Mischna, Peah 1., 1.) Die Thora hoch! Kommt, Kinder, her. Hier seht die heil ge Volle! Sie war und ist uns Schutz und Wehr, Die lebensweishcitsvollc. Ein kostbar Gut die Thora ist. Die heilige, die hehre, Tenn wahres Heil aus ihr nur sprießt. Aus unsrer Gottcslehrc. — Ein schönes Land besaßen wir Im fernen, sonn'gen Osten, Von diesem Land könnt heute ihr Manch gute Frucht noch kosten. Doch ging das gute, schöne Land Nach schivcrem Kamps verloren. Uns blieb dafür ein teures Pfand Von Gott, der uns erkoren. Wollt kennen ihr der Liebe Pfand, Das Juda ist geblieben? Hier ist das Buch, das Mose- Hand Für alle Zeit geschrieben. Wir nahincn's mit von Ort zu Ort, Es war uns stets zum Segen, Wir ließen nie vom Gotteslvort Auf allen unsren Wegen. Mit Drohen rief man oft uns zu: ״Laßt ab von euren Bräuchen, Ihr müßt, wollt leben ihr in Ruh', Vom Vätcrglauben weichen!" Den Holzstoß hat man uns gebaut, Ten mußten wir besteigen. Umlodert hat die Fcucrsbraut Des Glaubens treue Zeugen. Jus Wasser stürzt dir Frommen auch Der Feinde rohe Rotte, Weil sie gelebt nach Väterbrauch, Treu blieben ihrem Gotte. Trotz Wasserflut, trotz Feuersglut, Skch'n fest wir noch im Glauben, Ten weder Haß noch Jei'ndeswut Uns je ivird können rauben. Und lener bleib' das Gotteswort, Wie Vätern, so den Kindern, Wir haltenhoch und pflanzen's fort. Nichts darf daran uns hindern. Drum hebt die Thora hoch empor. Zeigt stolz des Ew'gcn Lehre! Wer sie zum Leitstern sich erkor. Dem bringt sie Glück und Ehre. So lang ihr lebt, bleibt stetihr treu,. Laßt euch sie nie entreißen, Sic wird nicht alt, bleibt immer neu. Bringt Lohn, den Gott verheißen. Moritz Antscherl, Wien. Auszug aus meinem ersten heurigen Bibelvortrag. Rabb. Pros. Dr. A. Deut s ch. Aehnlich dem im Gottesdienste des Simchas- Thora-Tages überall herrschenden Brauch, gleich nach Verlesung des letzten Abschnittes des fünften Buche- Moses, den ersten Abschnitt des ersten Thorabuches zum öffentlichen Vortrage zu bringen, das Ende der Osfcnbarungslehre mit dem Anfänge derselben zu verbinden, wurden von nnscrcn Ahnen auch in der Midraschlitcratur mannigfache Versuche gemacht, das Fernstehendste gedanklich zueinander in Beziehung zu bringen. Und das geschieht nicht etwa nur mit ganzen Sätzen und Wörtern, sondern auch einzelne Buchstaben erscheinen ihnen als hinreichend, um durch deren Verbindung und Zusammenstellung irgendeine bestimmte Idee anzudeutcn. So lenken sie unsere Aufmerksamkeit beispielsweise darauf, daß der letzte Buchstabe der Thora vor dem Worte יעזדאל» der Buchstabe H in Verbindung mit dem ersten Buchstaben des Worrcs^»^'X^2 um gleichsam die wichtige Lehre zum Ausdrucke zu dem Buchstaben 2 das Wort לב — Herz ergibt, bringe», daß die Thora, das ganze aus ihr hervorgehende Ncligionswescn den zuverlässigsten Schutz- und Stützpunkt im Herzen des Menschen findet. Nach dieser Methode unserer Lehrer wird cs gewiß auch nicht als unzulässig erscheinen, wenn wir aus der gleichen Tendenz der Andeutung einer wichtigen Idee auch den vorletzten Laut א aus der Thora mit dem zweiten des ersten Buches, dem Laute ך zu dem Worte אור, Licht, vervinsen. Das aber ründe die frü- Here Ansicht, ergänzend den Grundsatz, daß eine geläutcrte religiöse Weltanschauung, die der Menschheit nur Heil und Segen bringen soll, nur dann zu erzielen ist, wenn die Empfindungen und die Gefühle de- Herzens keine absolute blinde Geivalt im Lebe» ausübe», sondern die Wahl der Mittel für das erprobte Ziel der Hingebung an Gott auch dem Urteile der Vernunft 1111־ tcrworfen wird, wenn der Mensch sich in seinem Tun und seinen Entschließungen auch von dem Lichte des klar berechnenden und erwägenden Verstandes lenken und leiten läßt. Gefühl und Verstand zu einer harmonischen Einheit verbunden, sind die treuesten und sichersten Hüter des Paradieses, da- Gott zur vollendeten Ausbildung unseres himmlischen Anteiles durch seine Thora unserem Volke erschlossen. Nach diesen allgemeinen grundsätzlichen Vorbemerkungen toollen tvir nun die SchöpfungsgcschickNe einer genauen Betrachtung unterziehen. Fm Vergleich zu der Kosmogonie, welche wir bei den ältesten Philosophen Griechenlands finden und die sich vornehmlich nur mit der Frage beschäftigt, lv i e und io a r u m die Welt entstanden, legt der biblische Schöpfungsbericht in erster Reihe nicht auf das G eschöpf, sondern auf den Schöpfer das Hauptgewicht und stellt demgemäß d i e Tatsache an die Spitze der ganzen Erzählung: ״Am Anfänge Kat Gott den Hi in mel und die Erde geschaffen"; hiedurch wird von Anfang an im Gegensatz zu den Naturphilosophen unser Augenmerk von der Natur ab und zu Gott, der llrkraft des Schöpfungswcrke-, bingclenkt. Eine Frage, über die inan nicht leicht bimveggehen kann, ist, warum der ganze Tchöpiungsberich: über die Entstehung des Wassers keine bestimmten Angaben enthält, obschon eS nach genauer Prüfung der Schöpfung des Himmels und der Erde als jenes Element erscheint, aus welchem diese beiden durch eine Art Emanation hervorgcgangcn sind. Durch die Zerrcißung der Wassermassen entstand die Ausdehnung, die den Namen Himmel erhielt, durch die Zusammenzichung des Wassers an einem Ort entstand außerhalb dieses der trockene Boden, genannt ״Erde". Vielleicht kommt diesem ursprünglichen Wasser nur insofern eine Bedeutung zu, daß cin seinem chaotischen Zustande von einer physikalischen Beschaffenheit war, die potentiell die Erde und die Himmelskörper vermischt in sich barg, nach Ausscheidung dieser aber habe cs seine von Gott getvollte Beslimmuiig erfüllt und demzufolge den Wert einer selbständigen SchöpsungStat auch eingebüßt? Himmel und Erde haben wir uns nach dem Geiste des göttlichen Buches jedenfalls als andemselben Element geschaffen und nach ihren Bestandteilen bis zu einem gewissen Grade auch als Wesensverwandt zu denken, lind diesem gemcinsamen llrsrung ivird auch im weiteren Verlause des Schöpf»ng-berschtes offenbar Rechnung getragen. Denn die den höheren sphärischen Gebilden vorgezcichnctc Dienstleistung, zu leuchten und zu wirken als Zeichen, zur Bestimmung der Zeiten, der Tage und der Fahre, erfolgt nur im Fnteressc der von ihnen abgesonderten Erde und der auf ihr lebenden Geschöpfe. Oertlich voneinander gesondert, erhält unsere Erde die Kraft und Fähigkeit zu ihrer Forterhaltung und Entwicklung dennoch ständig nur durch die leuchtende Wärme, welche von den Himmelskörpern auf sie nicderstrahlt. Ties aber beruht auf einer entschiedenen Gegenseitigkeit. Denn verfolgen wir mit der erforderlichen Aufmerksamkeit die iveitere Reihe der Geschöpfe. die auf Gottes.Geheiß am dritten, fünften und sechsten Tage aus der Erde hervorgegangen waren, so sehen tvir, enttvicklnugstheoretisch gesprochen, ein augenfälliges Fortschreiten vom Niedrigsten bis ztim Höchsten. Dieselbe Erde, welche zuerst der ganzen Pflanzenwelt lind den niedrigsten Tieren das Leben geschenkt, ist auch die Mutter des vollendetsten Lebewesens, des Menschen. In ihm aber, sosern wir seine Gottesebenbildlichkeit richtig beurteilen, steigt das bloß Irdische wieder zur himmlischen Höhe empor, sein Geist und seine gottentstammte Seele werden zu einer Leiter, die vermöge der irdischen Verbindung des Menschen wohl auf der Erde steht, infolge fortgesetzter Läuterung seines Wesens aber dennoch bis zum Himmel reicht und ihn zu seincm göttlichen Ursprung wieder zurückführen kann. So wird der Mensch zum ständigen Bindeglied zwischen Himmel und Erde und er gibt durch seinen öicift dem Himmel das nur lvieder, was dieser durch seine Sonneu dem physischen Leben der Erde schenkt. | Sternhof i bestes aller Bitterwässer. Lemel. Dr. F. R. Hein sche I. (VIII. Fortsetzung). Wer Lemel einmal im Letzen sinken gehört, der vergaß es nie. Lemel näselte beim sprechen, verfügte über eine ungelenke, brüllende Stimme, dazu Telces Ratzengekrächz, das Wequitsch der Trehorgel, sowie die tzeideil originellen Westallen, das alles zusammen wirkte geradezu zwerchfellerschütternd. Lemels Repertoire war nicht sehr abwechslungsreich. Rom Laubbnttensest bis zum Lichtweihfeite stimmte er ein Elianukabliedchen an: vom Lichtfeste bis Purim sang er ein Purimlied. Während der Sommermonate tzrillierte >stammt von Brüllen> er mit einem .Hochzeitscarmen. Eines aber hatten alle Lemelschen Lieder gemeinsam, nämlich den Refrain: ״eiluin tzeilnni, eiluin tzeilum." Rach Absingnng des Liedes sprach Lemel: ״Run tzatz' ich euch, meine Werten, mit schönem Lied erfreit (erfreut >. so gebet, so gebet, ob Jung oder Maid. Webet vom Herzen, lindert meine Schmerzen, gebet nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig, denn Weben ist süßer wie Henig!.Honig». Tann wird Wem euch bescheren, euch vermehren. wird euch beglücken, euch erquicken. 'Amen!" Köstlicher aber noch als seiner Phantasie ureigenste Liederdichtung, wa ren seine selbstgezimmerten Tboraabbandlmigen. Es mögen an dieser Stelle nur einige seiner Thoraworte für die Rachwelt vereinigt werden. War er Sabbatb irgendwo zu lägst geladen, so hielt er z. B. folgende Tischrede: ״Weele hämischpolim ascher tossim lisnecheni, das sind die Bar ches'">, welche du ihnen den Orchim (Weifte») vorlegen sollst. Eboze scheli lvechoze scheloch die Hälfte dem Hausherrn, die Hälfte dem Waste. Toch wirst du vielleicht der Ansicht sein, du soll test den» Werne nur Barches geben, deshalb beis',1 es: ubossor benatschau, das Fleisch gibt das Leben, ferner heißt es: wesajin jeszamech. der Wein erfreut. Tn wirst aber glauben, das genüge schon und wirst die gesetzten Eier, die Bobnensnppe. die Kugel, den Fisch allein essen ivol len, desbalb hat schon der weise König Salomoh gesagt: bakol, mikol. kol, von allem muß der Weift den größten Teil haben. Pon der R'edowoti (Wabe» aber werden wir morgen reden." An den Werktagen hielt er, in der Rahe der mir stehend, folgende Ansprachen: ״Mein lieber Rebbe! In der bei litte 11 Tbora ßeht: wajikach kanrach. Korach hat genomnien. Ist Korach eingesunken, weil er genommen hat'( Hst das eine solch große Sünde'( Ein Tieb war doch Korach nicht, lind ivenn auch, ivegen des Tiebstabls wäre er nietn mit Pernnke» bestraft ivorden, denn wenn alle Tiebe ei tut 11 feit müßten, so wäre in R. und in P. (zwei Wemeiudeil. in welchen es viele Langsinger gab» schon lange keine Wemeinde melir. Warum denn also ist Korach eingesunken'( Run könnte man aber viel leicht glauben, Korach sei eingesunken, weil er Roiv werden wollte'( Tas ist aber nicht ivalir. Wenn unser Lehrer Moscheh auch Raw bleiben wollte, so hätte er doch den Korach zum Tajen (Rabbinatsassessor» machen können. Und dann wissen wir doch aus der Thora, marbeh bossor marbeh riniol, nvörtlich: viel Fleisrh, viel Fraß für die Würmer», viel Fleisch, viel Leibriemen, so auch viel Welehrte. viel Thorakcnntnis. Tas war also noch immer kein Wnuiö für Korachs Einsinken. Warum also doch hat er einen solch mießen sof (böses Ende» eingenommen'( Weil es heißt: Wajikach Korach, Korach wollte nehmen. Er wollte Rabbiner werden, um zu nehmen. Ters gibt es nicht, so dachte Moses. Wenn du ein Armer wärest nnd trägst das Perlangen danach, dich linterftützen .11<׳ lassen, daun nimm meinetwegen, warum auch nicht'( Aber du bist ein reicher Mann, bist der vielfache Millionäre Korach, nnd willst nehmen! Warum fragst du mich, wo mau Mesusot befestigt, Schaufaden anbindet, warlim fragst Du nicht, wieviel du wegschenken sollst'( Wajikach Korach, nehmen willst du, Korach, deshalb willst du Rabbiner werden! Tu bist Korach. bleibst Korach, so sinke denn ein wie .Korach. Wer nicht geben kann, wer nicht in der Lage ist, der möge nehmen. Wer aber nicht geben will, der muß einsinken. Teshalb geben Sie mir meine Redowoh. Eine seiner berühmtesten Anreden lautete: ״Ter König Tavid sagt iin Buche Ezechiel: ״Aschre tetnime derech, Heil denen, die ganz aus dem Wege." Int Webetbuch aber heißt es: ״Aschre Achtung auf den kleinen Anzeiger!

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