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Jüdische Volksstimme · 1912-09-26 · Heft 26 (26.9.1912) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 26 (26.9.1912)
Date
1912-09-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. ״Jüdische Volksstimme." 'Jir. 26. sorgt. Herr und Frau Weis; waren R.er und wurden vom Leinet mit dem trauten ״Du" angeredet, wie alle, deren Wiege in 3t. stand. Lemel hatte oie (Gewohnheit, 3t.er, die er von Kindheit auf rannte, ob sie Äerzte oder Advokaten, Bankiers oder Olrosziuduslrielle wurden, mit ihrem jüdischen :Kamen anzusprechen. Der jüdische Arzt, ein Lohn 3teb Mendels, blieb ihm der einfache Lchlome. Ten Fruchthändler Mast nannte er Modi, Frau Bäcker behielt den A'amen Torl. ״Tcholaum alecheuB"), 3teb Lemel," war der Willtommgrus; des Arztes; ״Tcholaum^-, Tchiomoh," lautete Lteincls Gegengrus;. Lemels erster Aachmittagsbesuch in W. galt der Frau Dort, weil er für deren :Mutter vor Jahren 3iobotdiensle geleistet. Frau Torl hatte eine zahlreiche Familie und inehrere Bedienstete., Als itemel seinen Besuch machte, war Frau Tori im Begriffe, das;Nachtessen vorzubereiten. — Tie öffnete den Tpciseschrank, um einen Topf herauszunehinen, da sah sie eine von» vergangenen Tage übriggebliebene große Kasserolle mit Fischsance flehen. ״Was hast du dort stehen," fragte Leinet. ״Fischsauce, die ich dem Hunde geben will," antwortete Frau Tori. ״Tb du sie dem Hunde gibst, gib sie mir." Leinet tunkte die Fischsance mit einem halben Brotlaib ans, erwies aber auch dem A'gchtessen, zu ivelchem er eingeladen war, alle Ehre. In seinem Bettelsacke führte Lemel ein großes Aorizbnch init, in welches er >nit einem;',innnermannsbleistist Auszeichnungen machte. Freilich tonnte Lemels Tchrist niemand als er selbst lesen., es waren große, ungelenke Zeichen, luilb Buchstaben ׳ und halb Bilderschrift. In 3i. bieß es auch von jedem, der eine schlechte Handschrift batte, ״er bat eine Tchrist wie Lemel". Lemel führte genaue Buchung über die Tlädte, die er besuchte und über die Gaben, die er in Gmpsang genommen. Wer ihm eine Gabe 1 von IN ns zig Kreuzern gegeben, von dem nahm er niemals weniger. Gs sei denn, er konnte den Betveis erbringen, daß schlechter Geschäftsgang oder große Ausgaben ihn zur 3icdnziernng des üblichen Tbulns zwingen. Für das A»sprechen um die A'edolvol; tTpende» batte Lemel einen zweifachen Modus. Entweder sang er ein Liedchen, wobei ihm Delce alloinpagnierte und die blecherne Trctp orgel die :Miisikbegleitung beistellte, oder er sagte ein Tborawort; letzteres geschah aber nur in den Hausern der;liabbiner oder der Dalmndgelehrten. (Fortsetzung folgt.» Alte und neue Marannen. 1;*mi rt'nlnu«• 2d1a eh. -•'.'iiH'iib. Tic Tvuagoge ist voll schlichter, f 101111־m•! Juden, denen die :Hcliiiion noch Herzeussackic iii. viuf allen Gesiebter!! 11(111־ ei» tiefer Trust, alles erdedl iuuerlicki vor der Weibe der Stunde, lind : n» soll die wunderbaie alte Meladie erklingen, in der die jüdiiebe Seele seliluckizt und nach Gott schreit. Und mertwürdig. diese Iierrlietie Melodie verschmilzt mit eine!» im Grunde sedr nüchternen Text zur Einbeit. 15ctomnit eden gar »ielu ans die Worte an, das Tmpfiit־ dnnak-leden spricht seine eigene Sprache. Tie Hauptsache ssi die Stimmung, die Weide des Herzens. Nun treten »anior und Sbuagogeuvoritand vor und ge den niii erbovener Stimme die seierliche Erklärung ad: ״Im Sinne des diniinlischen und irdischen Gerichtes, im Namen Gaues und der indischen (Gemeinschaft gestatten wir. gemeinschaftlich mit den ttdergelretenen zu beten." Ilnd plötzlich nein die ganze Tragik der jüdischen Geschichte vor meinen Augen. Ich fühle mich tu alte Zeiten versetzt, Ich bin in Spanien zur Zeit der Inquisition. tz.u einer unterirdischen Smiagoge ist eine Gemeinde versanimeli. Tarunier sind liotic Staatsbeamte, ja, auch bebe Geüikiche der taidolischen Kirche. Tie baden sich blnlenden Herzens von den geliebten Glaubeusbrüdern getrennt, baden die Aeligion, dasböchste und teuerste, äußerlich verleugnet, um ibr nacktes Leben zu retten. Nun naben sie bebenden Herzens ibrem Gotte, den sic siets in der Brust getragen, und sic lechzen nach Einigkeil, nach Versöbunug, denn ein schwerer Truck lastet ans ibnen. Gebrochen sieben sie da, wie arme Sünder, die auf Gnade ivarten. Ta tritt der Älteste der Genieinde, ein ivürdiger Greis, vor, der Nabbincr und der Vorbeier gesellen sich zu ibm. Und mit zitternder Stimme geben sic die feierliche Erklärung ab: ״Im Sinne des himmlischen und irdischen Gerichtes, im Namen Gottes und der Gemeinschaft gestatten wir, zu beten mit den übcrgctrctcncn." Und die Gemeinde atmet aus, Tränen erleichtern die gequälten Herzen, sic dürfen mit ihren Brüdern beten und ihre Seele befreien. Und heute! Unsere Renegaten haben sich wegen eines Ordens, eines Ämics oder eines Titels von uns getrennt, und ihre höchste Sehnsucht ist, möglichst weit von uns abzurücken, damit ihnen das nicht in der hohen Gesellschaft schadet. Sie geben mit Vorliebe an unserem heiligsten Abend Bälle oder gehen ins Theater, um ihre Vergangenheit vcrgcffen zu machen. Unsere heutigen Marannen bilden keine tragische, sondern eine komische Erscheinung. Tie erfüllen uns nicht mit Mitleid, sonder» mit Ekel. Sic leiden nicht an ihrem Judentum, — wir leiden durch sic, wir kranken an ihnen lvic au einer bösen Wunde. Für wen geben Ivir heute die feierliche Erklärung ab? Klingt sic nicht wie bitterer Hohn? | Sternhof 1 bestes aller Bitterwässer. 7TS cftüd1crbc)predu1nfl Maiuionidcs in der spanischen Literatur. In Madrid ist dieser Tage ein sehr »eressantes Buch des betübinicn spanischen Schriftstellers Gomez Carilla erschienen. Es ist die farbenreiche Beschreibung einer Reise, die der Tichter durch den Orient gemacht hat. Vielleicht die schönste Licllc dieses Buches ist die Schilderuug der Gefühle, die den Tichter an dem Grabe seines berühmten Landsmannes Rabbi Moses bei! Maimou in Jerusalem erfüllt baden. Bitter beklagt sich Earilla darüber, das; die spanische Literaturgeschichte all die großen Geister, welche die spanischen Juden vor ibrer Vertreibung bervorgebrackit haben, vollständig vcrgegen hat. Aber von all den zahllosen spauisch-jüdischeu Gelehrten und Tickitern hat wohl keiner es verdient, gerade als Spanier deklariert zu iverden und sich seiner niein alle Ewigkeit zu rühmen, als gerade Maiuionidcs, der mit :»,'echt nächst Moses dem Sohne Amranis von den Inden am meisten gefeiert und geehrt wird. Rach einer Schilderung der Glauzepoche der spanischen Inden und nach Anführung einer ganzen Reihe bcrühmicr Namen aus jener Epockie schließt Earilla seine Betrachiuug wie folgt: Man kann es noch begreifen, weshalb alle diese glänzenden :׳kamen während der Jahrluiuderie finsteren Glaubenshaffes von uns vcrgcffen wurden. Aber, welchen Vorwand haben wir heute und ivas bindert uns heute, sie unter unsere übrigen nationalcn Größen einzurcibcn. Obenan in unserem Parnaß an der Spitze unserer Philosophen und Tichter gebülirt ein Platz Maiuionidcs. Ilnd im Namen ganz Spaniens beuge ich jetzt das Knie vor seinem Grabe und spreche: Tn, unser größter, forschender Geist, vergib uns, daß wir deiner tausend Jahre lang vergaßen. ׳Aber schon ist die Zeit gekommen, da dein Andenken in uns emporiieigt und iveitbin glänzt. Cordoba, das deiner heute gedenkt, wird deinen Namen als des größten ibrer Söhne — und sie kan» sich nicht weniger großer Söhne berühmcn — von 111111 ab beilig halten und ihn zum Bewußtsein der Spanier bringen. C. W. Lcadbcater: Tic Astralcbcnc, ihre Szenerie, ihre Bcmoliner und ihre Phiinomenc. Autorisierte dcutsche Übersetzung von Günther Wagner. 2. Auflage. Leipzig, Tb. Grieben. 13ö T. Ter Mensch ist eine Dreiheit, bestehend aus Körper, Seele und Geist. Er lebt demcntsprcchciid in drei Welten: der phpsischcn, der seelischen und der geistigen zugleich. Es in nun eine Tatsache, die uns sehr nachdeutlich machen muß, daß nur eine dieser drei Wcllen, die körperlich-physische, uns unmittelbar zugäng-!ich ist. Von der seelisch-geistigen wissen lvir u 11111 i t־ teil! n r nichts. Was unsere Ncbeiimenschcn fühlen oder denken, i» uns verborgen, solange sie nicht zu uns sprechen, das beißt, sich nur durch körperliche Or- 1v.nu■ offenbaren. Ties ist eine Tatsache für uns, aber keine unbedingte Notwendigkeit. ES wäre ja deutbar, daß wir auch solche Organe hätten, die uns gestaltete», ebenso unmittelbar eines Nebciimcnschen Gefühle oder Gedanken wahrznnchmen, tvic wir seinen Körper seüen. Ob ein Mensch sich von der Wirklichkeil eines Tinges überzeugen kann, hängt ja nur davon ab, ob er dafür ein Wahrnchmungsorgau bat. Nun sind die seelischen Erlebniffe fremder Menschen zweifcltos Tatsachen. Sollte cs nicht eine Möglichkeit geben, daß wir uns Organe erwerben, um solche Seelentatfachen ebenso wahrzunehmen? In der Tat ist seit jeher von gewiffen Schulen und Richtungen behauptet tvorden, daß eine solche Möglichkeit für jeden Menschen besteht, und die jüdische Kabbalah, um sie hier zu nennen, verficht ebenfalls diese Ansicht, die in unserer Zeit Rudolf Steiner in seinem Buche: ״Wie erlangt man Erkenntniffc höherer Welten?" ausführlich begründet hat. Ungefähr so wie dem operierten Blindgeborenen soll cs dem ergehen, der in sich seine höheren Sinne crivcckt. So wie für jenen die vorher finstere Welt in Licht und Farben erstrahlt, so offenbaren dem seelisch und geistig Erweckten die Tinge, die ihm vorher nur körperlich erschienen ivarcn, ihre seelischen und geistigen Eigenschaften. Allerdings erfüllt sich diese Welt auch noch mit Vorgängen und Wesenheiten, die für den nicht Erivccktcn völlig unbekannt bleiben. Es soll diese unsichtbare seelische Welt cs sein, in lvclche der Men,ch im Schlafe und nach dem Tode cintritt. Der Vcrfaffer des vorliegenden Buches, C. W. Lcadbcater, unternimmt es hier, in höchst ansprechender Weise zu schildern, ivas er mit seinen entwickelten Scclcuaugen in der seelischen oder astralen Welt geschaut hat. Man folgt seinen fesselnden Schilderungen gerne — auch wenn man nicht alles blindlings glaubt. Tenn blinolings glauben wäre solchen Büchern gegenüber ebenso verfehlt als blindlings verwerfen und ablchncn. F. W. I. v. Lchclling: Positive Philosophie in Auswahl. Hcrausgegeben von Otto Weiß. Ter Philos. Bibliothek Band 13ö c. Verlag Felix Meiner Leipzig, ü Mark. Wir haben schon einigemal die Aufmerksamkeit der Leser unserer literarischen Beilage aus die im Vcrläge Meiner erscheinenden Neudrucke aus Schellings Werken hingcwicscn. Tic vorliegende Auslvahl aus Schellings Altersvorlesungen, die in seinen gcsammclten Werken vier Bände umsassen, ist umso dankenswerter, als es gerade diese ״positive Philosophie" Schellings ist, die so gut wie noch gar nicht gewirkt hat, obwohl sie eine vertiefte Gottesaussassung kühn vertritt und daher von nieiiiandcin unbeachtet bleiben kan», der den Mut hat, den letzten Fragen des Seins nachzugehen. Hoffen wir, daß das neue religiöse Suchen 1111־ serer Zeit auch diesem Werke Schellings gerecht werden und sich mit ihm auseinandersctzen wird! Nun zum Inhalt dieser Vorlesungen: Sch. unterscheidet eine zweifache Philosophie: ״die negative", die sich mit der Äufsiellung und Verfolgung der Tenk- Notwendigkeiten begnügt, ohne aus dem Bereiche des Tcnkcns in das der Wirklichkeit überzutretcn. Tiefe Philosophie führt auf rein rationellem Wege, durch die beweisende Vernunft, zu Gott. Tarum aber kann sic auch nur den Begriff Gottes finden; die Erisienz, die nie durch das Tcnkcn erfaßt wird, bleibt so ganz aus dem Spiele. Tarum muß die negative Philosopbie ergänzt werden durch eine positive, die nicht vom Sein-K ö 1! 11 e 11, vom Tcnkbarcn, sondern von tatsächlich Seienden ihren Ausgang nimmt. Dieses wahrhaft Seiende ist der existierende, wirkliche, persönliche Gott, der handelt, bei dem eine Vorsehung ist, der als ein selbst Tatsächlicher der Tatsache des iiicnschlichcn Abfalls von Gott entgegentreten kann. Aber dieser Weg von der Idee Gottes in der ncgativcn Philosophie zum persönlichen Gott in der positiven ist nicht mehr theoretisch, sondern praktisch; nicht spekulativ, sondern religiös. Die Vernunft kann die Religion nimmermehr machen, cs gibt keine Vcrnunstreligion. Tie Philosophie kann nur die wirkliche Religion, die mythologische lvie die gcoffenbarte, erkennen, indem sie uns lehrt, lvie die Gottheit in das Bewußtsein der Menschheit cingeht. Also ist die Philosophie positiv, denn der' Entivicklungsgang des religiosen Bewußtsein ist nicht aus der Vernunft zu erklügeln. Tic religiöse Entwicklung hat zlvci Haupt- und Wendepunkte: den Abfall von Gott und die Versöhnung mit ihm in der Offenbarung. Beide Ercigniffc sind freie Taten: der Süudcnsall eine freie Tat der Menschheit, die Offenbarung eine freie Liebestat Gottes. Diese Fakta schließen alle Ablcitbarkcit aus, sie können erst verstanden werden, lvenn und weis sic geschehen Offenbarung, der über das Fassuiigsvermögen der bloßcn Vernunft lnnausgcüt und erst begriffen werden kann, wenn und weil sic Ereignis geworden ist. Und es ist eben die positive Philosophie, welche dieses Begreifen vollbringt. — Noch eine kleine tertkritische Bemerkung: S. 700, Z. 13, sollte cs wohl statt ״Unabhängigkeit" (wie auch die Originalausgabe hat) ״Abhängigkeit" beißen.

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