Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 26 (26.9.1912)
- Date
- 1912-09-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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■!??^rv^r^ך״׳ <ז ^׳ ־ י :<^^ . 7־'' * -*•־?. * ' .•;•'• “ * ■ Nr. 26. XIII /1 Jahrg. Beilage zur ,Wiener Jüd. Volksstimme' 26 September 1912 S. 9. In der Laubhütte. Zu M. Oppenheims gleichnamigem Bilde. ״Du sollst dich freuen vor dem Ewigen, deinem Gotte!" . . . (5. B. M., 16, 11.) Die höchste Wonne birgt das Fest Für das wir bauen Hütten; Die Vögelchen' in ihrem Nest, Sie weilen froh inmitten; Rechts sitzt das gute Müttcrlein Beim Vater sind die Kinder, Das gute Mahl schmeckt ihnen fein. Dem Gaste auch nicht minder. Lieb Büblein denkt: ״Was ist heut los? Sonst speisen wir im Zimmer, Da sitz ich auf des Vaters Schoß, Bekomm was Gutes immer?" Den Säugling sieht man, herzig klein. Empor die Händchen strecken. Ihm leuchten bunt und hell und fein Di? Früchte aus den Ecken. Die Festtagssuppc dampfend bringt Die holde, junge Muhme, Doch vor dem Esten laut erklingt. Ein Lied zu Gottes Ruhme. Zwei fremde Knaben gch'n vorbei Und seh'n die schmucke Hütte, Sie wären gerne auch dabei In dieser Runde Mitte. ״Jedweden Gast heut fromm bedenkt!" Der Vater spricht: ״Laßt teilen!" Und beide Kleinen, reich beschenkt. Voll Lust nach Hause eilen. — So blüht noch immer wahres Glück In unsrer Hütte drinnen. Wir lenken, alle, weit zurück Des Herzens frommes Sinnen, Da Israel viel Jahre lang In schwachen Zelten wohnte, Ihm war vor Feinden niemals bang. Da Gott inmitten thronte. Voll Luft drum jetzt noch weilen wir In HMen laubgeschmücket. Und danken unsrem Gott dafür. Daß er uns stets beglücket. Wir frcu'n uns heut' und rufen laut: ״Allvater in den Höhen, Laß jeden, der dir fromm vertraut. Nur Heil und Glück stets sehen!" ״Bewahre, Herr, uns allezeit — Gewähre unsre Bitte — Vor Feindcshand, vor Herzeleid, Zur Burg sei uns die Hütte!" Moritz A n t s ch e r I. Was jedes Mädchen lernen sollte Nicht Algebra und Rhetorik, nicht Latein und Griechisch, noch weniger wie man sich putzt, schminkt, kokett frisiert usw. Aber jedes Mädchen, das dereinst in den heiligen Stand der Ehe treten will, soll lernen, wie sie ihren Kinder reell nützen.kann: sie soll einen Kindergartenkurs durchmachen, sich die Lehren des großen Pädagogen Fröbel zunutze machen. Wir haben in Wien eine vorzüglich geleitete Anstalt, in der junge Mädchen für den Beruf der Kindergärtnerin vorbereitet werden; leider geht der Besuch derselben von Jahr zu Jahr zurück. Die jungen Mädchen, die einen Beruf ergreifen, um Geld zu verdienen, wenden sich lieber den kaufmännischen Fächern zu, diejenigens die es nicht nötig haben, ihre Zeit praktisch zu verwerten, gehen in die Lyzeen, lerneu da allerhand, glauben nach mehrjährigem Besuch der Anstalt recht viel zu wissen, sind aber, wenn sie verheiratet und ihre Ehe mit einem Kinde gesegnet worden, zumeist ganz ratlos, wie sie dieses Kindes geistige und körperliche Ent- Wicklung rationell fördern können. Man engagiert zumeist eine Kinderfrau, die das Kind pflegen, anregen, seinen Geis״ wecken soll, glaubt damit seine Pflicht getan zu haben. O, Ihr bedauernswerten, jungen Mutter, die ihr freiwillig auf das süße Glück verzichtet, eures Kindes Intellekt zu Wecken, euch an seineni Werdegang zu erfreuen! Statt aller stundenlangen Konferenzen, die ihr mit euren Schneiderinnen und Putzmacherinnen haltet, geht täglich, sofern ihr nicht schon als Mädchen einen Kindergartenkurs durchgemacht, eine Stunde in den Kindergarten! Lernt da, wie inan bildend, veredelnd, anregend auf das Kind einwirkt! Nie ist es zu spät! Was ihr als Mädchen nicht gelernt, lernt es als Frauen! Aber, ihr jungen Mädchen, die ihr es als euren idealsten Lebensberuf erachtet, mit dem geliebten Manne durchs Leben zu gehen, einen Hausstand zu gründen, euch dereinst am Glücke gut erzögener Kinder zu erfreuen, ihr dürft es nicht versäumen, sobald ihr die Schule Verlagen, einenן Kindergartenkurs durchzumachen! Das Wissen! und Können, das ihr euch da erwerbet, trägt I dereinst goldene Früchte. Eine hochbetagte, für das Allgemeinwohl unentwegt tätige Frau. Frau Dr. Henriette Goldschmidt in Leipzig, wirkt seit nunmehr 40 Jahren in Wort und Schrift dafür, daß jedes junge Mädchen, gleichviel ob arm oder reich, nach der Schule eine Ausbildung als Kindergärtnerin erhält. Jetzt hat die in den achtziger Jahren stehende, aber noch sehr tätige Dame die! Freude, in Leipzig eine Hochschule für Frauen | erstehen zu sehen. In dieser Schule wird nur gelehrt, was im praktischen Leben Verwertung j finden kann. Frau Dr. Goldfchmidt ist endlich mit ihrer Ansicht durchgedrungen, daß jede Frau ich, mn ihren Kindern vollinhaltlich nützen zu unnen, Fröbelsche Kindergartenkunst zu eigen gemacht haben müsse. Die in Wien feit Jahrzehnten bestehende Kindergärtnerinnen- Bildungsansralt, die von dem bekannten Pädagogen Direktor Mar Fischer geleitet wird, könnte vielen Mädchen und jungen Frauen zum Segen werden, wenn rnan sich klar machen wollte, daß der Frauen ureigenster Beruf, Mutter und Erzieherin zu sein, eine gediegene Vorbildung erfordert. Wenn ich junge Frauen ihre kostbare Zeit in den Modesalons oder in anderen der Mode geweihten Hallen vertrödeln sehe, frage ich mich oft: ״Wer sorgt, während ihr da Chiffons muskert, für eure Kinder?" Die bedauernswerten Frauen haben ja oft keine Idee, wie sich ihre, unwissenden Pflegepersonen anvertrauten Kleineu inzwischen langweilen, wie der Kinder Sehnsuchtsschrei die Muttqr herbei sehnt. Arme Frauen! Man hat euch, da man euch nicht lehrte, an der Bildung eurer Kinder tätigen Anteil zu nehmen, um das schönste Mutterglück betrogen. Möge es der Heranwachsenden Generation junger Mädchen vergönnt sein, statt allen toten Formel- und Gedächtniskrames, der sich iin Leden nie praktisch verwerten läßt, sich zu praktischeu Kindergärtnerinnen auszubilden, auch wenn sie es. Gott sei Dank, nicht nötig haben, ihr Können als Erwerb zu verwerten. Jda Barber. LemeL. Dr. F. R. Hein sch e l. (VII. Fortsetzung). Fünf Jahre währte Lemels Glück, in der Zwischenzeit wurde ihm auch ein Sohn Leser und eine Tochter Fradl geboren. Lemels Leibschaden verschlimmerte sich so, daß er keine Lasten tragen konnte, sein Weib aber dünkte ihm viel zu gut, zum Lasten tragen. Dazu kam aber noch, daß die R.er Gegend eine Eisenbahn bekam; das Schienennetz machte Lemels Botendienste zum Teil illusorisch. Lemel faßte den festen Entschluß, mit seinem Weibe Telce auf die Schnorr zu gehen. Eines Tages kam er zum Rabbiner, bat ihn um ein Zeugnis. ״Rebbe leben, ich gehe auf die Medineh'H. Ich kann nicht genug verdienen, um nieine Familie zu ernähren, deshalb bleibt mir nichts anderes übrig, als zu wandern. Meine Kinder, sie sollen gesund sein und hundert Jahr leben, sind gut untergebracht, die Schwester meiner Frau wird sie gut betreuen; ich und meine süße Telce, sie soll gesund sein, werden so viel zusammenbringen, was die Schäfchen brauchen werden. Der Rebbe braucht sich über uns keine Sorgen zu machen; der liebe Gott wird uns schon helfen." Der Rabbi wollte ihn abreden; doch Lemel war von einer einmal gefaßten Idee nicht abzubringen. Der Rabbi gab Lemel das gewünschte Zeugnis und entließ Lemel mit Tränen in den Augen. Lemel ward der Abschied auch nicht leicht, und als er dem Rabbi die Hand zum Abschied reichte und ״Birschuschem, Rebbe" < mit Euer Erlaubnis, Rabbi) sagte, weinre er, wie ein kleines Kind. Am anderen Tage begegnen wir Lemel llnd Telce schon auf der Reise. Lemel trug ein kleines Bündel auf dem Rücken, enthaltend Gebetmantel und Tefillin, die Sabbathkleider, und etwas Wäsche und stützt sich auf zwei Stöcken. Rechts hing ihm ein Bettelsack herunter, während er auf der linken Seite einen kleinen blechernen Leierkasten trug. Seine Kleidung war ärmlich, Rock und Hose über und über mit Flicklappen besät; doch sie war nicht zerrissen. Lemel war sein eigener Flickschneider und hatte die Gepflogenheit, die Werktagskleider an den Stellen mit Flicklappen zu versehen, an welchen sie nach längerem Tragen zu reißen pflegen. ״Was brauche ich zu warten, bis die Kleider zerreißen, sticke ich sie gleich, wenn sich dann der anfgenähre Fleck abnützt, so habe ich einen neuen Rock," pflegte Lemel zu sagen. Die Hose war an den Knien, der Rock an den Knopflöchern geflickt, auch saß unter jedem Knopfe ein kleiner Lappen, desgleichen an den iinterärmeln, sowie an der Stelle, an welcher die Ellbogen sich krümmten. Die Hose steckte in kurzen Röhreustieseln, die langen Lederstrupfen hingen zu beiden weiten der Stiesel, gleich Eselsohren, herunter. Lemel trug weiße Leinen- Hemden mit breiten Vatermördern, die über den Rockkragen herunterhingen. In der Mode von Hemdknöpfen hatte Lemel sich nie verstiegen, er hatte diese mit Weißen Bannnvollbändern zngebnnden. Das Haupt war im Sommer und iin Winter mit einer mit Ohrlappen versehenen schwarzen Pelzmütze bedeckt. Was vor Kälte schützt — so behauptete nämlich Lemel läßt auch die Hitze nicht durch. Im Sommer waren die Ohrlappen auf der Mütze festgebunden. Telce, von »velcher Reb Mendel behauptete, daß sie schon seit 45 Jahren in einer »ließen") Haut stecke, weil sie ,;11 jener Zeit so viele Jahre zählte — während Lemel diesen Ausspruch auf seiner Gattin leidenden Zustand in Auwendüng brachte —-, ihre Toilette war schon etwas komplizierter. Sie trug eine mit blauen Maschen besetzte, weiße Morgenhaube, welche ihr Haupthaar züchtig verbarg, lieber dieser Morgenhaube trug sie ein nach schwäbischer Art rückwärts geknotetes Kopftuch. Eine weite schottische, blaugrün karrierte Jacke und ein roter Perkalrock, beide vor Schmutz starrend, trugen nicht wenig dazu bei, Telces ohnehin unschönes Aeußere noch mehr zu verunstalten. Einige Reihen Glasperlen um den Hals sowie ein paar billige Ringe an den Fingern und in den Ohren verliehen ihrem Aussehen etwas Zigeunerhaftes. Auch Telce trug Vatermörder, und waren die ihrigen, zum Unterschiede von denen des Lemel, mit billiger Spitze besetzt. Ebenso waren ihre Füße gleich Lemels mit Röhrenstiefeln bekleidet. Ihren besseren Staat trug sie auf dem Rücken in einem bunten Tischtuche eingebunden. Das Tischtuch war einmal von blauer Farbe gewesen, jetzt aber konnte man die Farbe nicht mehr genau bestimmen, durch die Kaffeeflecken und Speisereste, die daran klebten war die ehemalige Farbe nicht mehr zu bestimmen. An Stelle des Stockes trug Telce ein großes, geblümtes Parasol in der Hand, wie es die Höckerweiber aus den Standplätzen benützen: der graue Bettelsack vervollständigte auch ihre Toilette. Die erste Station wurde in W. gemacht. W., ein großer Handelsplatz, der Mittelpunkt der sogenannten ungarischen Kornkammer, bildete zu jener Zeit noch keine selbständige Gemeinde. sondern war eine Filialgemeinde von R. Jahrzehnte früher war W. ein trefeh Mokaum"), in welchem kein Jude übernachten durfte, und erst nach dem Jahre 1848 begannen Juden sich dort anzusiedeln. Die meisten W.er stammten aus R., so daß Lemel dort gute Be- Ziehungen hatte. Die W.er waren begütert, hatten aber keine Gelegenheit, Wohltaten zu üben: W. lag weitab von der breiten Heeresstraße der Schnorrer, und im Orte selbst gab es keinen jüdischen Armen. Das schnorrende Ehepaar schlug bei Jachev Weiß, welche Reb Mendels Tochter war, seine Lagerstätte auf. Der Heuboden war groß genug, und für einige warnie Decken war auch vorge- Achtung auf den kleinen Anzeiger!