Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 25 (19.9.1912)
- Date
- 1912-09-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2621806-2621807-2621832--1724-2622786- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10. Nr. 25. ״Jüdische Volksstimme." Die Blutlegende in Rußland. (Schluß.) Tie Farben der Reden, die in der Versammlung gehalten werden, sind dick aufgetragen. Ein anderer getaufter Jude aber, der katholische Priester Nadscrski, vermochte in den angeführten Schriftstellen keinen Beweis finden. Da bchauptctc Grudinski, er habe einst selber mit seiner Familie einen Ritualmord verübt; die Untersuchung, die hierüber eingeleitct wurde, führte nicht die vom Gouverneur abhängige Behörde, fondern die Gendarmerie durch, die auch bei dem jetzt fchwebenden Kiewer Prozeß unabhüngig nach der Wahrheit geforscht hat. Grudinski wurde als Lügner entlarvt und vom Kaiser untcr die Soldaten gesteckt, was in Rußland damals eine schwere Strafe bedeutete. Das geschab im Fahre 1860, während die in Welifh verhafteten Inden immer noch im Gefängnis saßen. Roch vier Fahre lang wurde der Prozeß von Senatoren, Reichsräten und vom Justizin inisler verschleppt, bis endlich der Neichsrat die angeklagten Fuden freisprach und ihre Denunzianten verurteilte. Ter Vorsitzende des Departemcnts für bürgerliche und geistliche Angelegenbeiten, Admiral Mordwinow, hatte bei der Vor- Verhandlung erklärt, die Untersuchung müsse ״unter einem starken Truck" vorgenommen worden sein. Rikolaus der Erste bestätigte das Urteil, fügte aber eigenhändig hinzu, er fei nicht davon überzeugt, daß die Fuden kein Christenblui vergießen. Es sei um so wahrscheinlicher, daß gewisse jüdische Sekten den Ritualmord kenneu. als selbst unter den Christen verbrecherische Selten vorkämen, wie die Selbstverbrenner und diejenigen, die aus religiösen Gründen Selbstmord begeben. ״Mit einem Wort," so schließt der Zar, ״ich glaube nicht, daß dieser Gebrauch bei allen Fuden vorkommt, aber ich bestreite nicht, daß es auch unter ihnen ebenso schreckliche >tever geben kann wie unter uns Christen." Damit war der Ton angeschlagen, der heute noch weitcrklingt. Tein Volk redet man vor, alle Juden dürsten nach Christenblut; von der Wissenschaft in die Enge getrieben, verschanzt mau sich Himer die angebliche Eriftenz jüdischer verbrecherischer Gehcimsekten. Fm Fahre 185:1 begann in Saratow der einzige;liitualmordprozeß, der mit einer Vcrurteilung der angeklagten Fuden endigte. Der außerhalb des jüdischen Ansiedlnngsbczirkcs wolmeude Fuschkewitscher und sein Sohn, der sich batte taufen lassen und dabei den Rainen Fedor Furlow annahm, ein verkommener Gauner, der sich zuerst als Taschcnspciler herumgetrieben und dann als Rekrut hatte anwcrbcn lassen, wurden der Ermordung eines Kindes bcschuldigt. Später wurde die Anklage auf einen jüdischen Soldaten ausgedehnt. Ein anderer Soldat nainens Bogdanow spielte die Nolle des Denunzianten. Als er wegen im Rausch verübten Unfugs verhaftet werden sollte, erbot er sich, alles auszusagen, was er von den Fuden wüßte, und erzählte dem Untersuchungsrichte, Furlow bade ihn ins Haus seines Vaters eingeladen, wo er zugeseben habe, wie die Juden cincnt Kinde Blut entzogen. Weitere Zeugen fand man in deiii entlassenen Sträfling Lokotkow und in dem Beamten Krüger, der ausfagtc, er habe in der Synagoge einem Ritualmorde bcigewohnt und, als man diese allzu unwahrscheinliche Aussage bezweifelte, erklärte, er sei früher zum Judcntunt übergctretcn. Krüger wurde trotz feiner Selbstbeschuldigung in Freiheit gelassen und suchte gemeinsam mit dem Untersuchungsrichter Durnow die sich widersprechenden Zeugcnaussagen zu einem einheitlichen Bilde zu vcreinigen. Natürlich fehlte auch hier der getaufte Fudc nicht: der Schwager Fuschkewitschcrs, der zum Cbriftcntum übergetreten war, um einer drohenden Verurteilung wegen Betrugs zu entgehen, sagte ebenfalls gegen seinen Verwandten aus. Turnow prüfte auch jüdische Bücher und fand zu seiner Genugtuung in einer Ai.sgäbe der Haggada eine bildliche Darstellung des Rirualmordes — bei näherer Prüfung stellte sich dann heraus, daß das Bild Pharao vorstcllt, der sich im Blute jüdischer Kinder badet. Die erste Gerichtsinstanz entließ im Jahre 1856 die Verhafteten ״unter Verdacht", zwei Jahre später aber sprach die Moskauer Abteilung des Senats alle Angeklagten außer Juschkewiisch frei, der unter ״dringendem Verdacht" belassen wurde; von den falschen Angebern wurde Bogdanow zu einer Zuchthausstrafe, Krüger zur Berfetzung unter die Soldaten verurteilt. Der Justiznnnister wollte das Urteil bestätigen, der Kriegsminister leitete cs aber an den Reichsrat weiter, der endlich 1860 drei der angeklagten Juden, darunter auch Jurlow, des Mordes schuldig erkannte, die christlichen falschen Zeugen zu geringfügigen Strafen verurteilte und beim Kaiser für diese Begnadigung befürwortete. Alexander der Zweite bestätigte das Urteil. In der Urteilsbegründung aber war ausdrücklich anerkannt, daß die Frage des Ritualmordes oder des Mordes zu medizinischen Zwecken (denn auch dies traute man den Juden zu) nicht gelöst sei, und die Beweggründe des Mordes, den der Reichsrat für bewiesen erachtete, nicht aufgeklärt worden fei. Der erste Ritual,nordprozeß vor einem Schwurgerichte kam 1878 zur Verhandlung, als einige Juden des Dorfes Satschcher wegen Mordversuchs angcklagt waren. Die Anklagefchrist wies daraufhin, daß das Verbrechen kurz vor der jüdischen Ostcrfcicr verübt worden sei. Ties gab dem Verteidiger Anlaß zu eingehender Untersuchung der Blutlegende. Das Äreisgericht sprach die Angeklagten frei; der Staatsanwalt appellierte, zog aber die Appellation noch vor deren Erledigung zurück. Einen glücklichen Ausgang hatte auch der in Wilna 1000 eingeleitete Prozeß gegen den Barbier Blondes, der zu ritucllen Zwecken eine christliche Tienstmagd zu ermorden versucht haben sollte. Tie Anklageschrift hielt aber den Nitualverdacht nicht ausdrücklich aufrecht. In der ersten Verhandlung vor dem Preisgericht, die bei Ausschluß der Seffentlichkeit stattfand, wurde Blondes verurteilt, bei einer zweiten Verhandlung aber sprachcn ihn die Geschworenen desselben Gerichtes frei (1!>02). i&üdWftcJpi’cdumgen. Interessante Kriminalprozesse von kulturhistorisä,er Bedeutung. Von Hugo Fricdländcr, cingelcitct von Justizrat Dr. Erich Tello. 7. Band. 403 Seiten. Oktav. Berlin, Verlag Hermann Barsdors, 1912. Preis 3 Mark. Von diesem großaugelegten Sammelwerke — es isl ein moderner Pitaval, der vor dem alten den Borzug hat, uns in bekannte Verhältnisse, ein vertrautes Milieu, einzuführen — ist soeben der 7. Band crschicneu. Er hat alle die guten Eigenschaften seiner Vorganger und hält den Leser, dank der lebendigen Darsicllung, von Anfang bis zu Ende in Spannung. Zur Darstellung gelangen in diesem Bande der Landesvcrratsprozcß Krasscwski 1884, der Hochvcrratsprozcß gegen Liebknecht und Bebel 1872, der Prozeß gegen die Dynamitatientäter vom Nicdcrwalddcnkmal 1884, der vielgenannte Spiclerprozcß gegen den Klub der Harmlosen, und endlich, was jüdischen Lesern besonders lcsenswert ist, der Tanzigcr Ritualmordprozcß Czhbulka aus dem Jahre 1884. Dem vorliegenden Bande ist geiviß, wie seinen Vorgängern, große Verbreitung bcschieden. H. Artur .öorrhammcr, Nrssukarcni und andere Geschichten. Geheftet 3 Mark, in Leinen 4. Mark 50 Pf. München 1012, Albert Langen. Geschichten von einem anderen Planeten und dem Schirbcnvolkc, das ihn bewohnt, bilden den Inhalt dieser aus den ersten Blick recht utopistisch scheinenden Erzählungcn. Man unterhält sich über all die zahlreichen Lächerlichkeiten, die dem Tchiroenvolkc anhastcn, und — wenn man dann näher zuschaut, findet man eine ganz bedenkliche Achnlichkcit zwischen dem Gehaben der Schirbcn und dem — der Erdbewohner. So hat man schließlich über sich selbst gelacht und ist auf eigene Gebrechen aufmerksam geworden, und da ״Selbstcrkcnntnis" der erste Schritt zur Besserung sein soll, mag unser Autor zum Schiusse noch erziehlich aus die Ent- Ivicklung des Menschengeschlechtes cinwirken. Jedenfalls hat er uns Erdenk! ndcr einmal gründlich die Wahrheit gesagt, ohne zu kränken und zu verbittern. Und das ist sein Verdienst. Hr. Otto Sopka, Tic Söhne der Macht. Ein Zukunfts- Detektivroman. Geheftet 3 M., in Leinen 4 M. 50 Pf., in Halbfranz 0 M. München, Albert Langen. Wer etwa einen Detektivroman nach Art der zahllosen Kolportage- und Hintcrtrcppculitcratur zu finden glaubt, wird das Buch enttäuscht aus der Hand legen. Denn Sohka hat wohl der ״Handlung" hohes Interesse gewidmet und sic spannend wcitcrgcführt; den eigentlichen Wert des Buches aber bildet der hochinteressante Versuch, die psychologische Entwicklung der künftigen Generation vorauszuahnen und zu umreißen. Wenn schon der Autor die so wenig empfehlende . Bezeichnung ״Detektivroman" wählte, dann wollen wir wenigstens betonen, daß dieser Namen in seiner besten Bedeutung zu verstehen ist. Hr. Die Rosenkreuzer. Ihre Gebräuche und Mystcricn. Von H. Jennings. Deutsche Ausgabe von A. v. d. Linden. Berlin, 1912, Verlag Hermann Barsdorf. Zwei Bände. Großes Format. Preis 14 K 40 h. Die Rosenkrcuzer, die man die Fürsten unter den Mystikern nennt, standen stets im Rufe, die Kunst zu verstehen, Gold zu machen. Sie waren eine an Zahl ziemlich geringe Sekte, die sich in einen Schleier undurchdringlichcr Mystik zu hüllen wußten. Je weniger man von ihnen wußte, desto mehr erzählte man von ihnen, und in England sind sie noch heute nicht aus der Volkssage geschwunden. Das vorliegende Werk gibt zum erstenmal auf Grund zeitgenössischer Berichte, späterer Funde und unterirdischer Entdeckungen authentische Nachricht darüber, wer die Rosenkrcuzer waren, was sic wollten usw. Wenn man das Buch liest, wird man mit einer ganzen Reihe religiöser Mysterien vertraut und nur den vielen Tafeln und Illustrationen verdankt der unvorgcbildctc Leser, daß er in diese Geheimnisse cinzudringen versucht, ohne Schaden an seinem Verstände zu leiden. Das Buch ist für den Kulturhistorikcr, den Folkloristen von unschätzbarem Werte. H. Wilhelm Ostwald: Der energetische Imperativ. Erste Reihe- Leipzig, Akademische Vcrlagsgesellschaft m. b. H. 544 S. 9 Ni. 00 Pf. In der Halle 0 der jetzt in München befindlichen Ausstellung ״Bat)rischc Gewerbeschau" kann man die Tätigkeit einer neuen Organisation studieren, welche sich ״Tie Brücke" nennt, und ganz eigenartige Ziele verfolgt; sic will den geistig Arbeitenden ihre Arbeit geistig erleichtern, indem sie sie organisiert. Sie bcginnt mit der kleinen Arbeit, ein Wcltformat für Drucksachen zu propagieren, damit der geistige Arbeiter sein Material mit einem Minimum von Raum beisammen halten könne; und sie will mit dem großen Werke enden, eine Auskunstsstclle für jede Art geistiger Betätiguug zu errichten. Diese Organisation stellt eine praktische Verwirklichung einer theoretischen Forderung dar, welche Wilhelm Ostwald in diesem Buche vertritt und als ״energetischen Imperativ" so formulicrt: ״Vergeude keine Energie, verwerte sie!" Die Befolgung dieses Gebotes wird ״im täglichen Leben jedem einzelnen Förderung, Erleichterung, Erfrischung und ganz allgemein Steigerung der Lcbcnstätigkeit bringen". Ostwald verfolgt in diesem Werke die Tragweite seines Prinzips durch viele Gebiete hindurch. Zunächst durch die Philosophie — hierunter versteht er mehr als der Name besagt, nämlich ״das zusammcnsassende Tenken, zu welchem die sämtlichen einzelnen Wiffcnschaften das Denkmatcrial geben mit dem Zweck der Orienticrung des ganzen menschlichen Lebens durch die Zusammenfaffung" — er wendet sich dann weiterhin den Fragen der Organisation und des Internationalismus zu, stellt hier die originelle Forderung einer neuen Wissenschaft von der Organisation auf, welche die thcoretischcn, vor allem wohl psychologischen und soziologischen Gesetze zu begreifen hätte, welche der Organisation menschlicher Arbeit zugrunde liegen und so die praktische Organisation aller Zweige menschlicher Bctätigung vorbereitcn könnte. In diesem Rahmen gelangen dann die bisherigen Versuche von Organisation zur Sprache: die Weltsprache, die von Earnegie im Haag geplante Universität für Internationalismus, das Weltgeld — als Einheit der Wcltwährung wird ein Gramm reinen Goldes vorgeschlagen. Eine besondcrc Abteilung ist den Bestrebungen zur Erhaltung des Friedens gewidmet. In einem ursprünglich für französischc Leser bestimmten Aufsatze ״Der große Schritt" macht Orjtwald hier den Franzosen den Vorschlag, als erstes Volk freiwillig abzurüstcn. Ein Franzose, Gaston Moch, unterstützt in einem Artikel ״Frankreich als Fricdcnsbringer" diesen Vorschlag sehr lebhaft. Ein weiterer Abschnitt ist Ostloalds Lieblingsgcbict, dem Untcrrichtswcscn, gewidmet. Jntercffant sind besonders seine Ausführungen zum Univcrsitätsproblem, wo er Trennung des Forschungsvom Lehrzwecke, der Forschungsvon der Fachschule verlangt. Den Schluß des Bandes bilden vier Biographien berühmter Chemiker. Der Gerechtigkeit wegen soll nicht verschwiegen werden, daß die spezifisch philosophischen Arbeiten des Bandes schlecht sind. Ostwald hat nun einmal kein Verständnis für solche Probleme. Dies zeigt deutlich seine Besprechung von Ratorps ״Logischen Grundlagen der exakten Wisicnschaftcn". Die große Bedeutung dieses Buches, vielleicht des besten der jüngsten philosophischen Literatur Deutschland, hat O. überhaupt nicht erfaßt. Diesem Fehler stehen aber viele Vorzüge entgegen, unter denen die Vorurteilsfreiheit des Autors nicht der kleinste ist. II