Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 25 (19.9.1912)
- Date
- 1912-09-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 25. XIII/1. Jahrg. Beilage zur ,Wiener Jüd. Volksstimme' 19 September 1912 S. 9. Zu den heiligen Festtagen.! Von Rabbiner Dr. Friedmann-Lublinitz., Aus den zahlreichen wichtigen Gebetstücken, welche unser ״Machsor" für die Hauptfeste enthält, ragt eines hervor, welches als die Festgeschichte oder Festbetrachtung bezeichnet werden darf. Ich meine das Stück, welches mit den Warten!■]ונתנה תק anfängt. Wer. wüßte nicht, mit welcher Inbrunst und tiefster Erschütterung gerade dieses Gebet in früherer Zeit überall verrichtet wurde und Wohl auch noch hier und dort in der Gegenwart verrichtet wird?! Wer wüßte nicht, wie sehr dasselbe die religiösen Menschen zu erheben und zu ״Packen" geeignet ist?! — Diese Betrachtung ist ja vornehmlich eine Büßpredigt. Sie fordert im allgemeinen zur Buße auf, zum Gebet und zur Wohltätigkeit als Schutzmittel gegen ein bößes Verhängnis, gegen Tod und Unglück, gegen alle Leiden, die im Gottesgericht am Neujahrstage von Gott, dem Ewigen, dem Richter der Welt bestimmt werden wegen der Sünden der Menschen. Jeder Mensch und auch jedes Volk hat die Gottesstrafe für seine Sünden zu gewärtigen, und wie verschiedenartig die Sünden, so verschiedenartig sind auch die Strafen: Armut, vorzeitiger Tod, ungewöhnlicher und unnatürlicher Todu. a. m. — Die Bedeutung aber dieser Festgeschichte wird noch erhöht durch eine ״Sage", welche mit ihr verknüpft ist und sogar als Ursache für ihre Abfassung bezeichnet wird. Diese Sage hat folgenden Inhalt: Ein Rabbi Amnon in Mainz, welcher am kurfürstlichen Hofe sehr angesehen war, wurde vom -Fürsten wiederholt dringend aufgefordert, das Christentum anzunehmen, so daß er sich in seiner Ratlosigkeit zuletzt eine Bedenkzeit von drei Tagen ausgebeten hat. Dann aber mochte er nicht freiwillig die Antwort bringen. Er wurde daher gewaltsam zum Fürsten gebracht und wünschte nunmehr in seiner Reue über die erst erbetene Bedenkzeit selbst eine Verstümmelung seines Leibes. Diese erfolgte auch wirklich als Strafe seines Ungehorsams. Dann ließ er sich am heiligen Neujahrstage in die Synagoge tragen, wo er zur Heiligung des göttlichen Namens die ״Festgeschichte" vortrug. Unmittelbar darauf gab er seinen Geist auf. Am dritten Tage erschien er in: Traume dem R. Kainonymus bei: Meschullam, nin ihm die Festgeschichte mitzuteilen und sie so zu verewigen. Diese ״Sage" reflektiert die Tatsache, daß in: Mittelalter die Bekehrungsversuche an der Tagesordnung waren, und sie lehrt zugleich, daß man einen: solchen Versuche gegenüber nicht zögernd und nicht schwankend sich verhalten, sondern — ohne jede Rücksicht gegen den gewissenlosen Verführer, wer er auch sein :nag — auf der Stelle die gebührende Zurückweisung einer solchen Zumutung in ganz bestimmter Form erklären solle. Denn nur unerschütterliche Charaktersestigkeit kann da, wie überhaupt im Leben mit allen seinen religiösen Beziehungen, Helsen, und Hilst sie nicht, so hat man doch keine Sünde gegen sich selbst, gegen die Gesamtheit und gegen die Religion sich zu schulden kommen lassen und seine Seele nicht so schwer belastet. Beide — Festgeschichte und Sage — haben demnach das Gemeinsame, daß sie zur Heiligung des göttlichen Namens, zur Verhütung von Sünden und zur Buße für begangene Sünden allerlei Art ernmhncn. Sehnsucht nach Jerusalem. (Jüdische Volksweise.) Draußen blost'n Wind an kalter, A schreckliche Kislew-Nacht Bein: Lämpel still sitzt ein Alter In: Kümmere! vermacht; Sein Bart schneeweiß. Die Augen glühen. Bein: Schaare-Zion*) Aus Herzens Tiefen Er weint recht heiß Hört man ihn riesen Einzig und allein das Wort: :,: Jeruschulajim, Jeruschulajin:. Du mein teurer Ort! :,: Amol Pflegt mich mein Tate lieben, Ich war sein einzig Kind Jetzt hat er mich vertrieben Wegen meine große Sünd Schon so viele Jahre trag ich sein Zorn, Meine Haare sind schon grau geworn. Ich muß wandern Von einem Ort zum andern. :,: Jeruschulajim, Jeruschulajin:. Du mein teurer Ort! :,: Lemel. Dr. F. R. Hein sch e l. (VI. Fortsetzung). . Jakob hatte eine Branntweinschenke, kaufte aber auch alte Kleider, handelte zu Purim mit Hamanklopfer, zu Pesach mit Mazzot, zu Schebuot") mit Matreduschkos"), zu Sick-' kot") mit Esrogim und Sukkotschmuck. Böse Zungen behaupteten, daß er im Winter nach Rußland Eis zu liefern pflege. Herr Gunrprich girierte sich gerne als jüdischen Gelehrten. Ter Rabbiner behauptete auch, daß Gumprich einen ausgezeichneten Kopf und ein wunderbares Gedächtnis hätte, denn er sage seit vielen Jahren dieselben Fehler, wenn er irgendeinen hebräischen Satz zitiere, es sei nur jaminerschade, daß er nie etwas gelernt. Gumprich war ein falscher, heimtückischer Mensch, der an keinem Menschen ein gutes Haar ließ. Ein kleines, unansehnliches Mannchen mit verkümmertem Bartwuchs, nannte er ein großes, rotnasiges Weib namens Röschen sein eigen, das ihm all das, was er an seinen Mitmenschen würdigte, reichlich heimzahlte. Röschen war vor Jahren einmal ernstlich erkrankt und sagte zu Jakob: ״Weißt du, Jakob, mein Kind, ich fühle mich sehr schwach, fürchte, daß mein Ende nahe, Gott möge mir das Leben noch schenken, doch wenn, ich sterben sollte, so versprich mir, meine Schwester Fradl zu heiraten, damit die Kinder keine böse Stiefmutter bekommen. Nun war Fradl noch weniger hübsch als Röschen. Jakob war um eine Antwort nicht lange verlegen und erwiderte: ״Stirb du nur ruhig, mein Kind, ich weiß schon, was ich zu tun haben werde." Röschen wurde gesund, ihren: Gatten aber hat sie dieses Wort nie vergessen, und das wollte bei Röschens aufgeregtem Wesen schon etwas bedeuten. ״Viel Meloches (Geschäfte), nur wenig Braches (Segen), sagt ein ein altes Sprichwort, aber Gumprich bildet eine Ausnahme von der Siegel," begann Reb Awrohom. Er ist ein Hund mit Graupen, zählt seiner Frau die Erbsen in den Tops. Er ist ein Genußrnensch, ist selbstsüchtig, :nißgünstig, gönnt seinen Kindern nicht das Essen. Er kauft seinen Kindern das Nachtmahl ab, ißt deren Portionen selbst auf, dafür aber inüssen sie das ersparte Geld wieder znrückgeben. wenn er ihnen neue Kleider kauft. Er hat auch Geld in der Sparkassa zu P. und der Mann kann das Doppelte zahlen. Diesmal drang Reb Awrobom mit seiner Meinung durch, denn Jakob hatte nicht einen guten Freund in der Gemeinde. Auf Jokew Gumprich folgte sein bester Freund Jokew Löb Reis. Tie beiden standen zwar schon einmal als Gegner vor Gericht, waren aber zu jener Zeit wieder gute Freunde Jokew Löb war der Ansicht, man müßte n:it demjenigen, welchem man gefährlich werden will, gut sein. Jokew Löb war wohl nicht mit Glücksgütern gesegnet, er wollte aber doch Kultnssteuerträger sein, damit er die Geineindebeamten ärgern könne, wozu er als beitragendes Gemeindemitglied sich berechtigt fühlte. Seine Erwerbsquellen waren nicht iminer die reinlichsten. Er war federgewandter Winkeladvokat, schrieb den Leuten Klagen, Mahnbriefe, Kaufverträge, aber auch für Pasquills und anonyme Briefe war er zu haben. In seiner Jugend saß er zu Füßen großer Meister und goß Wasser auf deren Hände (technischer 'Ausdruck für Thorastudien aus Hochschulen), aber der lebendige Quell der Thora hat ihn nie erfrischt. Tie Opfer, die Jokew Lobs Vater gebracht, waren doch nicht ganz fruchtlos, denn er lernte für Geld und gute Worte für die Seelen der Heimgegangenen, deren Nachkoinmen zahlungsfähig waren, einen Mischnaabschnitt; seine Angehörigen :nußten solche Liebesdienste noch besser als Fremde honorieren. Ter alte Row Reb Sekel hatte ihm die Morenu verliehen, Reb Wolf entzog ihm diese, weil er sich in sittlicher Beziehung nicht des besten Leumundes erfreute. Jokew mit der abgetrennten Morenu spielten sich gerne auf den Frommen hinaus, nwralisierte gerne, vergaß aber immer an den Balken in: eigenen ׳Auge. Jokew Guinprich hatte eine starke Agitation eingeleitet, daß man seinen Freund Jokew Löb von der Liste der Kontributenten streiche, und Reb Meier stellte den bezüglichen 'Antrag. ״Meine Herren," begann Reb Meier, ״dieser Jokew Löb lebt von Unterstüvungen und ist gar nicht würdig, Balbos zu sein." Der Vorsitzende »:ahnte zun: Frieden. ״Herr Reif ist doch ein alter Mann, der seine Launen, aber auch gute Seiten hat, jetzt in der Grabesnähe sollte inan ihn doch nicht aus der Liste der Gemeindemitglieder streichen. Tie Tage dieses Mannes sind gezählt, wo das wäre doch nicht im Sinne und Geiste der Ansprache unseres Herrn Rabbiners gehandelt." Reb Awrohom erwiderte daraus: ״Man brauche den toten Löwen nicht inehr zu fürchten. Die Zeiten von Reifs Machtfülle seien vorüber, der alte Gottsfopper ist längst entlarvt. Einmal hat er die Leute blutig geschlagen, ehrliche Leute denunziert, doch jetzt nimmt ihn keiner mehr ernst. Sehen Sie doch den alten Reb Schmajeh an, der ist ein ariner Mann, ein Stndiengenosse Reifs. Ter brave, grundehrliche, fromine Mann erfreut sich bei Inden und Nichtjuden der großten Achtung und des höchsten Ansehens. Vergleichen Sie nur Reb Schinajes und des Herrn Reis Kinder. Doch ich will keine üble 'Nachrede verbreiten und lieber schweigen." Bei der Abstiininung war die dirimirende Stimme des Vorsitzenden unnötig, denn Reis wurde aus der Litte der Geineindemitglieder gestrichen. ״Das Gesich: Reifs inöchte ich sehen, wenn er diese Nachricht einpfängt, rief sein Freund Jokew Gumprich aus. der wird doch Gift und Galle speien." Jsak Blaser, der Wichssabrikanr. ries auch eine kleine Meinungsverschiedenheit hervor. Der Vorsitzende war der Ansicht, daß man den Mann streiche, denn er wäre seit vier Jahren mit der Steuer rückständig und mir toten, nneinbringlichen Resten könne die Gemeinde nicht wirlschaiten. Herr Blaser hat kein Geschäft, bat alle Arbeiter entlassen, verdient nicht, was er vrauchr, und es wäre doch Sünde, solchem Manne Stenern aufzulegen. Der Manu bat immer eine schwere Hand zun: Zahlen gehabt, jetzt kann er aber bei»: besten Willen nichts leisten. Herr Gumprich. ein Verwandler Blasers, wollte Um von brr Blamage des Streichens retten und meinte, es gehe doch nicht an. einen alten Steuerträger so zu beschämen. So arg ist es init Blaser doch nicht. Seine Frau bat erst vor einigen Wochen neue Zäbne bekommen und sich einen falschen Zopf gekaust, wer solchen Lurus treibt, kann auch zablen. Man muß nur strenge malmen, mit Erekution droben, dann wird der stolze Blaser schon zahlen. Blaser wurde mit vier Gulden Schein besteuert. 'Als seine Frau ihn andern Tags :ragte, warum inan ibn die Steuer io herabgesetzt, meinte der stolze Herr, ״die Bedürfnisse der Geineinde seien geringe geworden, sonst hätte man mich gewiß nicht geschont." Nach Blaser kam Leser Blick an die Reibe. Leser Blick trieb einen kleinen Produktenhandel und hatte die Absicht, in den Ebestaud zu treten, deshalb meldete er sich freiwillig als Ge meindemitglied. Sein Vater Sainnel Blick batte jahrelang von Genieinoeuntersliitzlingen gelebt, der Sohn wollte das Ldinm des Psründners nicht aus sich lasten lassen: es hätte ihn: auch bei der Heirat schaden können. Der Vorsitzende meinte, der junge Blick sei ein ganz rüb riger, fleißiger Mensch und könnte schon fünf Scheingulden zablen. ״Was," schrie:lieb Awrobom, ״fünf Gulden Schein? Der alte Blick bat für den Sohn un: :!00 Gulden ein Haus gekauft, der Junge hat eine Brieftasche voll Geld, die Leute machen ein Bombengeschäft." ״Njein, Njein," begann Boruch, ״mein eigen soll ich es neunen, was Blick auf den: Hause noch schuldig." Leser wurde mit fünf Gulden Schein und Lemel init zwei Gulden Schein besteuert. Leinel war min auch Gemeindemilglied und nichts fehlte ihm an seinem Glücke. Doch init des Geschickes Mächten, ist kein ewiger Bund zu stechen, und das Unglück brach jäh und unverhasst herein. (Fortsetzung folgt., Achtung auf -en kleinen Anzeiger!