Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIII (1912)
- Issue
- Heft 25 (19.9.1912)
- Date
- 1912-09-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jeden Donnerstag. XIHjl. Jahrg. Nnmmer 25 y- ־03 Bezugspreise: Für Österreich-Ungarn, halbjährig . . Kronen k20׳ ganzjährig..Kronen 10•— Deutschland, ganzjährig. Mark 10 — Rußland, ganzjährig. Rubel 60&׳ Balkan, Frankreich. Einzelne Nummer 20 h. Franks 12•- 8 Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die 6 spaltige Petitzeile 30 K. j Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig, i Geschäftsstelle, Wien: l , Rotenturmstraße Nr. 3l.! Telephon 300Ü/VIII. Sprechstunden von 10—12 Uhr j Postsparkassakonto Nr. 312.842 j! Unvn langte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert.! Manuskripten ist Rückporto beizusagen. j Brünn—Budapest. Wien,'§; 1($” 5«3912׳ Prag—Lemberg. Aus dem Inhalte: Dr- F. R. Heinschel. Der Gnadentag. — Der Brand der Judengasse tn Frankfurt a. M. — Zum Verfalle der mährischen Judengemeinden. — Zur ReichSratSwahl in Nemitschein. — Die Tempeleinweihung in Tachau. — Prerauer Brief. — Bon der palästinensischen Kolonie Chederah. — Dr. Friedmann. Zu den heiligen Festtagen Sehnsucht nach Jerusalem. — Dr. F. R. Heinschel. Lemel. — Die Blutlegende in Rußland. — Bücherbesprechungen. — Zur Kiewer Knabenmordaffäre. — Hochheilige Stif. tungen. — Funde altisraelitischer Maße und Gewichte. — Die Juden in Marrakesch. — Rohheitsokt eines'tunesischen Soldaten. — Rundschau. — Korrespondenzen. Die Empfänger werden Höflichst ersucht, das Abonnement einzusenden. Der Gnadentag. Von Dr. F. Nich. Heinschel. Vor altersgrauer Zeit lebte ein mächtiger Fürst, in dessen Reiche die Sonne nicht unterging. Milliarden Lebewesen waren ihm untertna, der Erde kostbarsten Schabe waren sein. Unzählig wie die Sterne, die am Himmel funkein und wie der Sand am Meere waren die, die dankbaren Herzens zu ihm emporblickten, weil er alle mit Wohltaten überhäufte. Doch einer war seinem Herzen besonders nahe, sein Aeltester, sein Erstgeborener. Seines Glückes Schmied wollte er in ganz besonderem Maße werden, er sollte in allen Lagen des Lebens glücklich und zufrieden sein und er ließ Gesetze und Verordnungen erfließen, die seines Erstgeborenen ganzes Dasein regeln und ordnen sollten. Durch Zeiten und Geschicke sollte der Sohn <feniffeton. Der Brand der Judengasse in Frankfurt a. M. (14. Jänner 1711.) Gegen 8 Uhr abends des 14. Jänner im Jahre 1711 — es war an einem Mittwoch — stiegen mächtige Rauchwolken aus dem Weichbilde Frankfurts auf. Es brannte in der Judengasse, der heutigen Börnestraße. Die überaus enge Gasse mit ihren Holzhäusern, die zahlreich mit Ucberhängen versehen, bot dem zerstörenden Element eine geeignete Stätte. Dazu entfachte der Wind fortwährend die Gluten. Die plötzlich hereingebrochene Gefahr hatte den aufgescheuchten Bewohnern der Gasse fast jegliche Besinnung geraubt. In der Befürchtung, die Christen könnten sich an dem Hab und Gut der Juden vergreifen, versperrten sie den zur Rettung herbeieilenden Bürgern die Gasse. Die Aerte der Zinimerleute mußten das Tor am Judenbrückchen einschlagen; doch die Hilfe kam zu spät. Alle Häuser — nach neueren Schätzungen waren es etwas über 200 an der Zahl — brannten nieder, nur ein unvollendetes Hinterhaus in der des Vaters beglückende Gesetze tragen, der Menschheit sollte er künden, wie sie in dieser Zeitlichkeit schon glücklich und selig wird. Damit den! Sohne des Vaters Willen immer gegenwärtig sei, grub er auf steinerner Tafel in unverwüftlicher Schrift sein beglückend Gesetz ein. Doch dieser Sohn mißachtete des Vaters Verordnungen, trat sie mit Füßen, zerbrach die Tafeln mit keckem Sinn. Der Vater in seiner Liebe und Güte, in seiner unendlichen Gnade und Barmherzigkeit, setzte für diesen ungehorsamen Sohn einen Tag im Jahre ein, an welchem er reumütig zu ihm zurückkehren könne. In Büßergewand gehüllt, erschien er vor dem Vater, sank in die Knie, weinte und flehte, seufzte und klagte, ״o, Vater, vergib doch Schuld und Missetat, verzeih' Sünde und Vergehen, aus Leichtsinn nur habe ich dein Gesetz übertreten, o, erhöre doch mein Flehen, sieh doch die Tränen meines Auges und antworte: ich habe verziehen, vergessen und vergeben." Mit welcher Innigkeit konnte der Sohn flehen, mit welcher Beredtsamkeit Aenderung seines sündhaften Lebenswandels versprechen, wie tief war seine Reue. Und der liebende Vater, beglückt in des Sohnes Reue, antwortete, ehe die Sonne sich neigte, ״ich habe verziehen, vergessen und vergeben." Die Tafeln des Gesetzes, die der Sohn in seinem Leichtsinn zertrümmert, legte er aufs neue ihm ans Herz. Mit den besten Vorsätzen, mit den heiligsten Versprechungen für ein gesetzestreues Leben schied der Sohn vom Vater. Glücklich und beglückt waren beide, der Vater, weil der Sohn, ein neues Leben zu beginnen, so fest und heilig zugesichert, und der Sohn, weil der Vater liebevoll ihm verziehen. Immer wieder verfiel der Sohn in die alten Fehler, immer wieder wiederholte sich die rührende Szene des bereuenden Sohnes und des verzeihenden Vaters. Der gnädige Vater verstand es, in das Herz des Sohnes zu blicken, er sah, daß Nähe des Wallgrabens blieb stehen. Als das Feuer das Ende der Judengasse erreicht hatte, schlug der Wind um. So blieb die Stadt verschont. In der Fahrgasse wurden von den Häufern der Christen nur zwei beschädigt und eine Scheune brannte ab. Ein große Gefahr für die Stadt bildete der zum Dominikanerkloster gehörige Mönchturm, der sich in die Judengasse einschob. Mit Pulver und allerlei Munition gefüllt, .hätte seine Erplosion das Unglück noch schrecklicher werden lassen. Seine Mauern hielten dem Feuer stand. Die ihrer Habe beraubten Inden flüchteten größtenteils auf den Friedhof mit dem Wenigen, was sie gerettet hatten. Ter Rat ordnete an, daß die armen Juden im Pestilenz- Haus untergebracht werden sollten. Tort sollten sie mit Holz und dem Nötigen versehen werden. Die reicheren Juden quartierten sich bei den Bürgern ein. Wer von den Juden keine ״Stetigkeit" besaß, mußte auswandern. So zogen viele nach Hanau, Offenbach und Rödelheim. Ganz ungewöhnliche Uebertreibungen fanden bei Angabe der Zahl der obdachlosen Juden statt. Ein Visitation der Gasse durch den Rat im Jahre 1709 ergab etwas über 3000 Personen. Danach ist selbst die geringste von den angegebenen Zahlen — 8000 Personen — (Lersner) die Reue wahr und echt und die Hoffnung, daß der Sohn doch einmal den Ernst des Lebens erkennen und nicht wieder in die alten Verirrungen verfallen werde, skimmle ihn so milde, daß er so gerne ihm znflüsterte: ״Ich habe verziehen nach deinen Worten." — Jahre waren vergangen, wieder einmal war des Fürsten Gnadentag angebrochen, wieder lag der sündenbeladene Sohn in Tränen aufgelöst zu des Vaters Füßen. Schon war der Fürst bereit, zu verzeihen, da sah er hinter seinem Sohne an die fünfzig seiner höchsten Würdenträger, die über des Sohnes Büßfertigkeit höhnisch lächelten. Und alle diese Würdenträger waren verwundert, trngen die deutlichsten Spuren von des Sohnes Rohheit und Gewalttätigkeit an sich. Entsetzt wich der Fürst bei diesem Anblicke zurück'. - Ten Fürsten, ihr kennet ihn, es ist der Äönig aller ,stönige, dem alle Lebewesen ihr Dasein danken, dessen Herrlichkeit die Welt erfüllt. Sein Erstgeborener ist das Volk Israel, anserkoren, Träger des göttlichen Willens zu sein. Tie Tafeln des Gesetzes, die Gott seinem Erstgeborenen ans Herz gelegt, sie werden zerschmettert, mit Füßen getreten׳, doch alljährlich am Gnadentage, am Janm Hakipnrim, wenn der Sohn bußfertig zu seinem Gotte zurückkehrt, er tönt aus Himmelshöhen sein ״solachti", ich habe verziehen, vergessen, vergeben und legt auss neue in seiner unendlichen Liebe und Barmherzigkeit die Tafeln des Gesetzes ihm ans Herz. Mehr denn je sind wir am Tage der Versöhnung ans Gottes Alliebe und Gnade angewiesen. Wenn aber der Sabbath der Labbathe. der in heiliger Feier im Hanse Gottes uns sammelt, mit dem Sabbath zusammensällt, dann wird eben dieser Sabbath unser lautester Ankläger. Denn die 52 Sabbathe, die geschmäht, geschändet werden und die unverkennbaren Spuren der Entheili gung» der Entweihung an sich tragen, sie müssen das hohe Werk der Sühne erschweren. Ter Sab viel zu hoch gegriffen. Der Brand brach in einer Eckkammer im Hause des Oberrabbiners Naphtali Cohn aus. Das sollte für den vielgeprüsten Mann recht verhängnisvoll werden. Er wurde in Haft genommen. Am 28. Jänner erklärte er in dem Verhör: 11m 8 Ilhr abends sei ein Jude zu-ihm gelausen und habe Feuer gernsen, wo rauf er gefunden, daß das Feuer oben in seinem Hause aus der Ecke geschlagen. Als solches passiert, wäre eine Person im Hemd und Hosen (so er glaubte, ein Mensch gewesen zu sein-, dem Ansehen nach ein Jude, mit einer Art gesprnu gen, habe die Tür an einer .Kammer, so Jahr und 4.ag nicht eröffnet worden, ausgehauen, worauf die Flammen aus besagter .Kammer mit großer Gewalt geschlagen und ihm das Haar am Haupt versengt, wodurch er in solche .stonsier Nation geraten, daß er nicht mehr gewußt, was er getan; denn er sei so perpler gewesen, daß, wenn er Abend habe sagen wollen, er Morgen gesprochen hätte. Weiler sei ihm nichts bewußt." Die Chroniken berichten eine ganze Reihe von Märlein und Gerüchten, die sich mit Naphtali als Brandstifter beschäftigen. Erst im Mai 1711 wurde der unglückliche Mann aus der Haft entlasten. Ter Schrecken des Brandes mar mit gleicher Stärke auf Juden und Christen gefallen. Große Auswahl!! Synagogenoruate auch Lusterkntteu und schöne seltene Gelegeuheitskänfe im Spezialhaus für Synagogenornate Rudolf Goldstein, ieN, II1 Taborstraße 54 Lieferant zahlreicher in und ausländischer Kultnsgemeinden und k. k. Feldrabbiner