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Jüdische Volksstimme · 1912-09-11 · Heft 24 (11.9.1912) · page 10

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIII (1912)
Issue
Heft 24 (11.9.1912)
Date
1912-09-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. ״Jüdische Volksstimme." Sk. 24. Tenn die Exzesse der letzten Tage haben sich in besorgniserregender Weise gemehrt; das verlogenste unter den verlogenen Hetzblättern, der 20״. Vek". geht mit seinen judcnmörderischen Artikeln auf die Stratze. Tabci findet cs die Unterstützung der gutbürgerlichen ״Ersten böhmischen allgemeinen Vcrsichcrungsgesellschaft", die dem 20״. Be!" für seine verbrecherische Propaganda die Gerüste ihres Neubaues am Ecke des Grabene- und des Wcnzclsplatzes zur Verfügung stellt. Und so sichen den ganzen Tag über ununterbrochen Hunderie Menschen an dieser frequentesten Ecke Prags und lesen die Hetzartikel der Dunkelmänner vom 20״. Nck". Ja, die Frechheit ging so weit, daß dort sogar eine alte Nummer mit dem Bilde des Tpfer des ״Ritualmordcs" Jnslschinski ausgestellt war. Erst nachdem sie lange beivundert worden war, vcranlasttc die Polizei die Entfernung. Vom 20. Vck", der sich dadurch wohl Abonnenten und Leser zu schaffen sucht, kann man nichts besseres erwarten, aber auch die ״Erste hämische Versicherungsgesellschaft" kann bei ihrer antisemitischen Betätigung sich daraus berufen, datz sic viel weniger judcnseindlich und aggressiv sei, als gewisie Juden und jüdische Verbände selbst. Denn alles, was bisher an wirtschaftlicher Bedrückung, Verhetzung, Boykott gegen die Jud.n unternommen wurde, — und cs ist wahrlich nicht tvcnig, das alles wird übcrtrosscn durch die jüngste Ruhmestat des Verbandes der tschcchischsortschrittlichcn Juden. Dieser Verband verbreitet nämlich ein Flugblatt, in dem er in alphabcthischer Reihenfolge, nach Stadtvierteln geordnet, alle jüdischen Eltern auizübil, die ihre .tlindcr in deutsche Schulen schicken, lind damit der ganzen Sache auch nichts vom Charakter antisemitisch-verlogener Aktionen fehle, wird in der Einleitung darauf hingcwiescn, das; dieses Flugblatt nur den Zweck verfolge, den tschechischjiidischcn Parteigängcrn Gelegenheit zu geben, aus dem Verzeichnisse ihre Bekannten herauszusuchen und bei diesen ihre Ucberredungskünsle dahin geltend zu machen, datz sie ihre .minder in tschechische Schulen schicken. Was bisher kein tschechisches oder deutsches Antiscmilenblalt gelvagt, ivas dem ״Tschcch", dem 20״. Bck" zu wenig vornehm erschien, die ja in der Wahl ihrer Mittel auch nicht gerade wählerisch sind, der Verband der sortsckritilichcn tschechischen Juden Hai cs zustande gebracht, eine ziemlich genaue Proskriptionsliste der Juden, die Deutsch sprechen. Praktische Folgen wird dieser brudcrmürdcrischc Versuch — wenn wir diese Gesellschaft noch Brüder nennen!vollen — für die Proskribiertc» kaum haben; der Terror wird sich wie gewöhnlich gegen diejenigen iveiidcn, die ihn anzuwenden suchen. Denn nach dieser Schandtat wird tvohl kein anständiger tschechischer Jude mehr im Verbände bleiben können, lvenn er sich nicht daran mitschuldig machen will. Im Hinblicke aus derartige Ereignisse vergeht einem die Luit, all die kleinen Stiche und Bosheiten der antisemitischen Presse zu verzeichnen. Was besagen die Soiunierfrischenhetzeil der ״Reichspost", des ״Tschcch", die historischen Fälschungen des ״Tschcch" über die Indenausweisung 17-15, die Hetznotizen und Artikel des 20״. Vek" gegen diese jüdische Verhetzung. Selbst die Eininüligkeit, mit der sich diese sonst sehr uneinige Elique darauf wirst, den jungtschcchischcn ilschechiscy sortschrittlichein Advokaten Tr. Rciinaii» in .ttolin als ״jüdischen Betrüger" hinzustellen, ihn zum Pratotyp des ״jüdischen Advokaten" zu stempeln, ist daran gemessen, belanglos, '.'ln solche Sachen sind wir gelvöhnt und die nüchslen Tage ivcrdcn uns wieder derartiges bescheren, denn unter den Machern der ״grotzen Aktion" der Freidenker gegen den Eucharistcnkoiigrctz bcfinden sich leider recht viele ,ttonsessionslosc jüdischer Absiainmnng. Gestern bereits bat Herr Prof. Robert Wols, Randnitz, der in seiner Gschastellmberci sich überall nnlicb bemerkbar macht, den Märihrcrtod tvohl nicht, aber die Gloriole des Märtyrers sich erivorben. Er bat die zur ״grotzen Aktion" gehörigen Josessblätter eigenhändig verteilt und ist dabei verhaftet worden, lind dieser Märtyrer tvird uns wohl noch manchmal vorgetvorsen ivcrden; wäre er nicht frei von Gcdantcn, so hätte er die Praktizierung des Eolportageverbotes auch durch einen Diensiiuann 11 K pro Stunde! erlangen lönnen. Eder ist das vielleicht mit der Ziveck der .Herren, durch ihren lächerlichen .tianips gegen Ebrisienlnin und christliche Institutionen auch das Jndentuin zu treifen? Soviel Gedanken traue ich ihnen nickt! zu. Die Blutlegende in Rußland. 11. Als ober Alexander der Erste dc>- von erfuhr, verfügte er im Februar 1817 die Einstellung dieses <׳׳eheimversabrcns, und einen Monat später erging ein Erlaß an die Behördeil der Weslgoiiverncincnts, lvonach künftig im Falle eines Mordes an christlichen Kindern Inden nicht ohne begründeten Verdacht beschuldigt werden sollten, jedenfalls nicht auf den Volksglauben hin, sic brauchten für ihre religiosen Zeremonien Christenblut. Die Untersuchung in Grodno wurde daraufhin, ohne daß man die Mörder entdeckt hätte, eingestellt. In diesen beiden Fällen scheint der Verdacht sich fast spontan auf die Juden gelenkt zu haben; vielleicht hatte die Art der Wunden der Ermordeten dazu Anlaß gegeben. Aus den überkommenen Meldüngen vernehmen wir jedenfalls nicht, daß die Bevölkerung irgendeinen Druck auf die Untersuchungsbehördcn ausgeübt hätte. Ganz andere Formen nahm der nächste Nitualmordprozeß ein, der in Welifh eingeleitet wurde und schon wegen seiner zwölfjährigen Dauer eine ungeheuerliche Erscheinung der rusiischen Nechtsgeschichte darstellt. Zum ersten Male treten Christen auf, die sich selber der Teilnahme an dem. angeblich von Juden verübten Verbrechen bezichtigen, so daß die Anklage eine scheinbar sichere Unterlage erhält. In Welifh war 1823 der Knabe einer Soldatcngattin verschwuuden; eine verwahrloste und trunksüchtige Bettlerin namens Teretjew erzählte der Mutter, die Juden hätten das Kind verschleppt und würden -es bald töten. Dies wollte die Angeberin von einer hellseherischen Kranken gehört haben. Bald darauf wurde der Knabe tot aufgesundcn; die Leiche, die unter einem Sandhaufen an der Landstraße lag, trug die Spuren vieler Wunden. Nun erzählte die Bettlerin, sie habe selber gesehen, wie die Juden das Kind entführten. Die Untersuchungsbchördc griff sofort diese Aussagen ans und verbreitete trotz der kaiserlichen Erklärung vom Jahre 1817 das Gerücht, das Kind sei einem Ritualmord zum Opfer gefallen. Etwa 40 Juden, worunter die angesehensten Mitglieder der dortigen Gemeinde, wurden vcrhaftet. Das Gonvernementsgericht fand aber die Bclastungsgründe ungenügend und verfügte eine neue Untersuchung. Nun mischte sich der fanatisch fromme Generalgouverneur Fürst Ehowanski, der fest an den Nitualmord glaubte, in die Sache ein. Er ließ 1825, als Alexander der Erste durch Welifh fuhr, die Bettlerin Tcrcntjew dem Kaiser eine .Klageschrift überreichen, wonach die Juden deren Kind getötet habei! sollten. Obwohl jedermann mußte, datz der ermordete Knabe nicht der Bettlerin Sohn gewesen war, wurde der Klage Folge gegeben. Von nun an verwirrten sich die Dinge immer mehr. Eine wahre Verschwörung gegen die Juden wurde nun angezettelt, worüber schließlich die Nachforschungen nach den wirklichen Mördern ganz vernachlässigt wurden, so daß die Ursachen des Mordes niemals aufgeklärt worden sind. Ein Schuster Asadtcwitsch, ein Schullehrer Petritsch, der Geistliche Taraschkewitsch und ein gewisser Strachow, der die Beziehungen zum Fürsten Ehowanski unterhielt, spielten die Hauptrollen bei Oer Verschwörung. Die durch Alkohol halb blödsinnig gewordene Bettlerin wurde in ihren Händen ein gefügiges Werkzeug. Sie ließen sic erklären, sie liabe selber am Verbrechen teilgcnominen, woraus sie sofort verhaftet, im Gefängnis aber so gut behandelt wurde, daß sie auch weiterhin alles tat und anssagte, was man von ihr verlangte. Weitschweifig setzte sie dem Untersuchungsrichter auseinander, wie eine bei einem Inden dienende christliche Magd namens Marimow zuerst zum Verbrechen verleitet worden sei; später denunzierte sie noch zwei Christinncn. Zuerst widersprach sich die Tercntjew fortwährend, erst nach langen Bemühungen des Untersuchungsrichters konnte man ans ihr eine zusaininenbängende Darstellung hcrauslocken, wobei immer noch ״Mißgriffe" vorkamen, wie z. B. die Aussage der Bettlerin, sie hätte mit der Marimow die Leiche des Knaben mit einem Stein beschwert und ins Wasser geworfen, was mir dein Tatbestand offensichtlich unvereinbar war. Die Marimow» die ebenfalls im Gcfängnis saß, überbot die erste Denunziantin in abenteuer!ichen Aussagen, wobei ihr Beichtvater Taraschkewitsch ihr half. 911111 gedieh die Darsiellnng des Verbrechens schon so weit, daß der Knabe in der Spnagogc ermordet worden sein sollte: eine lange Reihe schauerlicher Einzelheiten vervollständigte die Berichte. Endlich sagten die beiden Weiber ans, sie seien zum Judentum übergetrctcn, wobei man sie in die Dwina getaucht und dann auf heißen Pfannen getrocknet habe. Ein Jalir nach dem Mordfall wollte die Terentjew, die damals schon die ersten falschen Angaben gemacht hatte, von den Juden zur Verteiluug des Christenblutes nach mehreren Nachbarstädten geschickt worden sein. All diesen Unsinn verzeichneten die Untersuchungsrichter und glaubten, wenigstens amtlich, daran. Als die Weiber nichts anderes mehr erfinden konnten, berichteten sie, die Juden hätten noch mehere anderc Kinder und selbst einige Erwachsene erniordet. Kaiser Nikolaus der Erste, der den Prozeß sorgfältig verfolgte, wurde nun doch stutzig; er verlangte, man solle sofort ausfindig machen, wer die ermordeten Kinder gewesen seien. ״Das muß leicht sein, wenn nicht das Ganze eine abfcheuliche Lüge ist." Die Kinder oder deren Eltern wurden natürlich nicht aufgefunden, aber das Verfahren ging weiter. Die Juden wollten sich nicht schuldig bekennen. Wieder griff man zum Mittel der Pseudowißenschast und wieder fand sich ein getaufter Jude, ein gewisser Grudinski, der aus den jüdischen Büchern die Berechtigung des Blutverdachtes Nachweisen wollte. (Schluß folgt.) Lemel. Dr. F. R. Heinschel. (V. Fortsetzung). ״Ich begreife Sie nicht, meine Herren," begann der Vorsitzende, ״wir sind doch nicht im Äafseehause; cs ist hier weder der Ort noch ist es an der Zeit, zu nörgeln und zu witzeln, es handelt sich ja uni die Erhaltung und Entfaltung der Gemeinde, um das aufzubringen, was für den Gemeindehaushalt notwendig; bringen Sie doch der Sache den nötigen Ernst entgegen." Es wird zur Abstimmung geschritten, welche das Resultat ergab, dem Kassowitz zwei Gulden Schein von feiner Kultussteuer zu erlaßen. Als Kassowitz wieder den Sitzungssaal betrat, warf er einen durchforschenden Blick auf Levi, denn er hatte an der Tür gelauscht. ״Mboh, Mboh, ich danke Ihnen, meine Herren, für Ihr freundliches Entgegenkommen." Woher wißen Sie denn, daß wir Ihnen entgegengekommen?" fragte der Vorsitzende. ״Mboh, Mboh, ich habe alles gehört," erwiderte Kassowitz. Nun mußte er aber das Lachen der Kommissionsmitglieder über sich ergehen laßen. ״Sorcch Fleifchbobe," rief der Vorsitzende, ״lieber diesen Herrn, so glaube ich, sind wir einig. Herr Flcischbobe ist ein gutsituierter Herr, zahlt immer mit größtem Vergnügen, und wir legen, ihin an Kultussteuer soviel wie im Vorjahre auf." Der verneinende Geist Reb Awrohoms replizierte darauf: ״Sorech kann das Doppelte zahlen. Welche Sorgen hat der Mann? Ich und du, er und sein Weib: feine Kinder sind versorgt. Die Leute haben nur für ihren Magen zu sorgen. Bei Sorech wird Freitag zu Mittag besser gespeist, als in anderen bürgerlichen Häufern am Simchastorah. Alle Kalbbrüste, alle Kalbslebern, alle Hühner und Gänse, alle Fische und Indians für sein Kauf: ein solcher Mann kann zahlen." ״Herr Flcischbobe würde sich ein Vergnügen daraus machen, mehr zu zahlen, er ist ja bereits der Höchstbesteuerte. Alles kann er ja doch auch nicht zahlen." erwiderte der Vorsitzende. ״Haben Sic denn so rasch vergessen, was der Herr Nabbiner gesagt? Sic sollen doch in Liebe und Treue Ihres heiligen Amtes walten und sich nicht vom Hasse leiten lassen. Tragen Sie doch nicht die böse Saat des Zwiespaltes in die Gemcinde! Was gehen uns die Fleischtöpfe des Herrn Flcischbobe an. Der Mann ist sehr opferfreudig, wie und von was er sich nährt, geht ja doch uns nichts an." Ter Antrag des Vorsitzenden wurde angenommen. Jakob Hirsch Guinprich, kurzweg auch Jokew Zahnbrecher genannt, erregte wieder eine kleine Debatte. Jakob fand in seiner Jugend in kleinen Dorfgemeinden als Vorbcter Ver- Wendung. Er hat niemals durch die Schönheit seiner Stimme, noch weniger aber durch die Tiefe seiner Empfindung die Zuhörer hingerissen, es war vielmehr der billige Preis von zehn Scheinguldcn, für welchen Betrag er an den hohen Feiertagen vorbeiete, und der ihn zum Vorbetcrdicnste die Eignung verliehen. Sei- »er Stimme dankte er den Namen ״Zahnbrecher." (Fortsetzung folgt.)

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